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Ein Rothenburger Pfad zur Entspannung: Wanderung im Burgbernheimer Forst

Seit etlichen Jahren ist die Stadt Rothenburg ob der Tauber nicht nur das weltweit bekannte Kleinod des Mittelalters, die Stadt hat sich auch als „Wander-Metropole“ einen Namen gemacht. Das Taubertal und seine Nebentäler laden zu vielen unterschiedlichen und sehr reizvollen Wanderungen ein. Darüber hinaus gibt es aber auch Wanderstrecken im Umland, auf eine dieser Strecken möchte ich heute den Leser gerne mitnehmen. Es geht in den Burgbernheimer Forst.

Beginn der Wanderung ist der Rothenburger Bahnhof. Mit der einspurigen Regionalbahn geht die Fahrt bis Steinach bei Rothenburg, das nach einer Fahrtzeit von knapp 20 Minuten erreicht wird. Es empfiehlt sich für diese Fahrt gleich das Rückticket mit zu buchen, man braucht die Bahn am Ende des Ausflugs erneut, um wieder nach Rothenburg zu gelangen. Die Bahn verkehrt auf dieser Strecke im Stundentakt. In Steinach angekommen verlässt man den Bahnhof und der Weg führt nach rechts in Richtung der Hauptstraße. Dort geht es wieder nach rechts und unmittelbar nach der letzten Unterführung der Eisenbahnlinie überquert man die Straße und orientiert sich auf dem Feldweg von nun ab immer Richtung Wildbad. Jetzt steht für die nächsten Stunden allein die Natur im Vordergrund, der Verkehrslärm und hoffentlich auch der Alltag bleiben zurück.

Wandern in Rothenburg ob der Tauber

So sieht der Pfad zur Entspannung im Burgbernheimer Forst bei Rothenburg ob der Tauber aus

 

Auf den Spuren gieriger Biber
Für einige hundert Meter führt der Weg zunächst durch die Felder bis zu einem kleinen See, dessen Baumbestand ganz erheblich von den Bibern geschädigt wurde. Die Nagestellen der Tiere sind ganz deutlich zu erkennen. Ich meine, diese Schädigungen fallen an diesem kleinen Weiher ganz besonders auf, denn sie passen überhaupt nicht zu der sonstigen, völlig intakten Umwelt. Es bietet sich ein Bild, wie aus einer anderen Welt. An diesem See führt der Weg nach links in Richtung des Waldes der bereits vor Augen auftaucht. Immer näher rückt der Feldweg an ein kleines Flüsschen heran, den Tiefenbach. Ein weiteres Hinweisschild Wildbad zeigt nach links, man durchwandert verschiedene Waldwiesen, bis dann der Weg ganz im Wald verschwindet. Aus dem Feldweg wird ein schmaler Wanderpfad, der in ein kleines Tal hineinführt. Rechts vom Pfad verläuft in zahlreichen Windungen der Tiefenbach.

Rothenburg ob der Tauber Wandern Wanderung Burgbernheimer Forst

Der Tiefenbach verläuft in zahlreichen Windungen rechts des Weges

Es sind beidseitig keine großen Erhebungen, es sind die relativ sanft ansteigenden Hügel der Frankenhöhe. Zur linken Hand der bewaldete Schloßberg, rechts die ebenfalls bewaldeten Ausläufer der Hohen Leite. Von dort führen schmale Schluchten herab, die man auch als sog. Klausen bezeichnet. In ihnen laufen meist kleine Rinnsale, deren Wasser dann in den Tiefenbach fließt. Bezeichnungen wie Krebsgraben erinnern daran und lassen auch vermuten, dass diese Rinnsale in früheren Zeiten vielleicht einmal wesentlich größer ausgeprägt waren. Es gibt dort aber auch Ortsbezeichnungen, wie Teufelsgraben. Solche Namen regen noch heute bei uns die Phantasie an und sie belegen, Wald war schon immer und vor allem in früheren Zeiten auch Ort der Märchen und der Mystik.

Abhängig von der Jahreszeit gibt es zahlreiche Pflanzen die den Weg säumen. Buschwindröschen, Schlüsselblumen, Bärlauch, Maiglöckchen und vieles mehr sind optische Wegbegleiter, die den Waldboden in die unterschiedlichsten Farben verwandeln. Zwischen den Blüten ganze Scharen von Insekten und Schmetterlingen, die sich an der Blütenpracht erfreuen. Für den Wanderer sind die zahlreichen unterschiedlichen Pflanzendüfte eine abwechslungsreiche aromatische Begleitung. Auf dem weiteren Weg sollte man die Aufmerksamkeit einigen Eichenbäumen schenken, die sich rechts am Weg befinden. Mit Stammdurchmessern von 1,40 m, einer stattlichen Höhe und einer imponierend ausgeprägten Baumkrone sind diese Eichen sicherlich die beeindruckendsten Exemplare des gesamten Waldgebietes. Das Alter der Bäume? Nun, das Alter von Eichen lässt sich ganz leicht nach folgender Faustformel errechnen. Der Umfang des Stammes in 150 cm Höhe gemessen, multipliziert mit dem Faktor 0,8 ergibt das Alter der Eiche. In unserem Fall ein Baumumfang von 440 cm ergibt somit ein Alter von ca. 350 Jahren. Wenig später quert ein befestigter Forstweg den Wanderpfad, es geht aber weiter geradeaus. In Sichtweite, einem weiteren Wegweiser nach rechts folgend geht es zum Wildbad.

 

Das Wildbad Burgbernheim – Rast im Waldgasthof
Nach einer kurzen Strecke lassen sich durch das Blätterwerk bereits die Umrisse des Wildbads Burgbernheim erkennen. Heute ein gastronomischer Betrieb, lädt es zu einer willkommenen Rast ein, bevor dann der letzte Rest der Wegstrecke in Angriff genommen wird (Dienstag ist Ruhetag!!) Dieses Wildbad stellt ein Dokument der Kultur-und Medizingeschichte dar. Die wilden Quellen waren schon zu Zeiten Kaiser Lothar (1125-1135) und Kaiser Karl IV bekannt. Der Bau der ersten Gebäude fand bereits 1487 statt. Unter Markgraf Georg Wilhelm 1714-18 erlebte das Wildbad seine Blütezeit. Im 2. Weltkrieg wurden die Gebäude stark beschädigt, nach erfolgtem Wiederaufbau und Renovierung wurde das Bad von 1950-68 als Kneippbad betrieben. Seit 1980 ist das Wildbad nun Hotel-und Waldgasthof.

Rothenburg ob der Tauber Wandern Wildbad Burgbernheim Wanderung

Im Wildbad Burgbernheim kann man sich stärken – nur dienstags ist geschlossen.

Gestärkt verlässt man den gastronomischen Betrieb auf der einzigen Zufahrt die es gibt und folgt der ansteigenden Teerstraße bis zu einem Schild, das nach rechts zeigt, Richtung Markgrafenbau-Nordenberg. Dieser Markierung folgend geht es zunächst entlang der europäischen Wasserscheide und dann gilt die Wegweisung Hohe Leite – Heimatsee. Der Wanderweg verengt sich langsam zu einem Pfad, immer wieder müssen einige feuchte Stellen im Boden umgangen werden, die zusätzlich sehr stark von nach Nahrung suchenden Wildschweinen ausgegraben sind. Der Weg führt ca. 2,5 km immer geradeaus entlang der Hangkante und biegt dann zum Heimatsee ab. Vorbei geht die Wanderung an abgestorbenen Baumriesen, sog. Totholz. Dieses ist ökologisch sehr wertvoll und bietet vielen Insekten und Käfern Unterschlupf. Hier suchen auch die Spechte nach Nahrung, deren Klopfen schon von weiter Entfernung zu hören ist. Mit etwas Glück gelingt auch ein kurzer Blick auf den größten Vertreter der Spechte, den Schwarzspecht. Der Kennzeichnung Heimatsee folgend geht es dann vom Höhenzug der Frankenhöhe herunter, durch lichten Mischwald, bis zu einem befestigten Forstweg, wo man nach rechts abbiegt. Bevor die Straße dann den Wald verlässt taucht zur linken Hand der Heimatsee auf. Hier greift der Mensch nur wenig ein, der See bietet Unterschlupf für den Biber und sehr seltene Vogel-und Entenarten.

Rothenburg ob der Tauber Wandern Wanderungen Franken Mittelfranken

Macht seinem Namen alle Ehre: Der Heimatsee nahe Rothenburg ob der Tauber und seine Ufer dienen als Unterschlupf für seltene Tierarten

Weiter geht es auf dem Weg Richtung Autobahn A7, durch ein großes Tunnel ist kurz darauf der Ort Urphershofen erreicht. Die kleine Ortschaft ist schnell durchquert, es geht weiter auf der Teerstraße, die quasi eine Einbahnstraße ist und somit sehr sehr wenig befahren. Nach ca. 400 m taucht das bekannte Hinweisschild auf einen Bahnübergang in 240 m Entfernung auf. Hier biegt der Wanderweg nach links ab in einen geschotterten Feldweg, der reizvolle Ausblicke auf die fränkische Landschaft ermöglicht. Circa 1 km später ist die Hauptstraße erreicht und rechts sieht man bereits den Bahnübergang und dahinter den Bahnhof von Hartershofen, dem Ende der Wanderung. Mit der Regionalbahn geht es nun zurück nach Rothenburg. Fazit: Es ist eine schöne Wanderung mit einer Gesamtlänge von ca. 10 km. Da es auf der Strecke eine Rastmöglichkeit gibt, die Strecke selbst keine steilen Auf-oder Abstiege aufweist, ist die Wanderung nahezu für jeden zu empfehlen. Eine gewisse körperliche Ausdauer ist allerdings schon erforderlich.

Probieren Sie es aus!! Ich wünsche Ihnen viel Vergnügen!

Harald Krasser

Ich bin in Rothenburg geboren und lebe auch hier. Ich liebe diese Stadt und das sie umgebende Frankenland. Besonders freut mich der weltweite Bekanntheitsgrad dieses mittelalterlichen Kleinods. Sagen zu können, hier in meiner Heimatstadt ist die Welt zu Gast, macht mich auch ein klein wenig stolz. Ich bin seit 1968 Mitglied im Historischen Festspiel „Der Meistertrunk“ und leite nun diesen Verein seit 1992 als 1. Vorsitzender. Natürlich möchte ich mich in einigen meiner Themen mit diesem Verein, seinen Aktivitäten und seiner reichhaltigen Geschichte beschäftigen.

Weitere Beiträge

Wo der Rothenburger Schoko-Osterhase aufersteht

Schoko-Osterhasen dürfen im Nest nicht fehlen: In Rothenburg ob der Tauber zeigt Alexander „Alex“ Hildebrand Kindern und Erwachsenen in seiner feinen Confiserie „Alex Allegra-Schokolade“ die Herstellung von Schokoladenhasen – frei nach dem Motto der Initiative „Handmade in Rothenburg“.

Beliebter zu sein als der Weihnachtsmann – das können nicht viele von sich behaupten. Der Schoko-Osterhase gehört in Deutschland zu dieser illustren Minderheit: Viele Mythen ranken sich um den Verkaufsschlager, der hierzulande im Markt der „saisonalen Schokoladenhohlfiguren“ vor dem Nikolaus die Nase vorn hat. 130 Millionen Stück werden jährlich deutschlandweit verkauft.

Mit der industriellen Fertigung hat das Zusammensein in Alexander Hildebrands Laden „Alex Allegra-Schokolade“ in Rothenburg ob der Tauber nichts zu tun. In Kleingruppen von bis zu zwölf Erwachsenen und/oder Kindern leitet er die Besucher in der Georgengasse 90 Minuten lang beim Schokohasen-Machen an. Sieben Kinder und drei Erwachsene sind es am heutigen Tag, die erstmal lernen, dass sie mit Kuvertüre arbeiten werden – also reiner Schokolade.

Rothenburg ob der Tauber "Alex Allegra-Schokolade"

Schokohasen-Machen freut die ganze Familie

 

Erste Hindernisse und Farbspielereien

Das erste Hindernis wartet auch schon bald: Aus Papier werden Tütchen gefaltet mit der die Kuvertüre in die Osterhasenformen platziert wird. Was für Alex nur ein kleiner Handgriff ist, führt bei vielen Besuchern schon zu erstem Kopfschütteln. Dabei sind viele nicht zum ersten Mal bei Hildebrand zu Gast. Stammgäste aus Rothenburg aber auch aus Wien haben sich im Laden eingefunden. Für Alex noch nicht Mal das Ende der geografischen Fahnenstange: Auch aus Kanada hat er Gäste, die Jahr für Jahr nach Rothenburg ob der Tauber kommen und sich bei ihm die Zeit mit Schokolade vertreiben. Schöner Nebenaspekt: In seinem Laden trifft der Gast auf echte Rothenburger, beim Philosophieren über die richtige Nasenfarbe für den Hasen kommt man ins Gespräch.

Dunkel, weiß, rot und grün lauten die Farben der Kuvertüren, mit der die Teilnehmer eifrig die Vorder- und Hinterteile ihrer Hasenformen von innen verzieren. Begonnen wird mit dunkler Farbe, die idealerweise in die Pupille des Osterhasen gelangt. Bunte Farben in der Pupille führen zu „Zombiehasen“ im Osternest – und erschrecken will man sich ja nicht. Mit den Farben in den Tuben lassen sich Herzchen und Streifen malen, man kann aber auch schreiben – allerdings spiegelverkehrt. „MAMA“ lautet so das einfachste Wort, legt aber den Besitzanspruch am Osterfest einseitig fest, warnt Hildebrand.

Schoko-Hase Rothenburg ob der Tauber Alex Allegra-Schokolade

Schoko-Hase bei „Alex Allegra-Schokolade“

 

Lerneffekt ganz nebenbei

„Wasser ist der größte Feind der Schokolade“, gibt Alex einen weiteren wichtigen Hinweis für die Laien. Ganz nebenbei lernen die Kinder und Erwachsenen so Wichtiges („Mit Schokolade zu arbeiten ohne zu naschen ist doof“) und noch Wichtigeres („Kakaobohnen für die Schokolade baut man rund um den Äquator an.“). Diese Botschaften kommen auch direkt an: Gab es zu Beginn der Aktion nämlich noch lebhafte Diskussionen, so ist es mittlerweile mucksmäuschenstill bei den Teilnehmern: Jeder konzentriert sich auf die Dekoration seines Hasen – Herzen, Blumen, Punkte, Streifen und die Augen sollen bunt erstrahlen. Dann werden die Vorder- und Hinderteile zusammengesteckt, fixiert und der Rest des Hasen mit temperierter Vollmilchkuvertüre aufgefüllt. Danach geht es auf einen Schokosockel und in den Kühlschrank.

Schoko-Hasen Rothenburg ob der Tauber Schokolade

Schoko-Osterhasen bei „Alex Allegra-Schokolade“

Die Augen leuchten bei Kindern wie Erwachsenen, wenn Alex die Schokohasen nach und nach aus dem Kühlschrank holt, die Spannung ist zum Greifen. Ist der Hase wirklich schön geworden? Kann man die Leckerei auch wirklich verschenken? Wie fast immer lautet Alex Urteil ja. Es gibt Hasen mit roten, übernächtigten Augen, mit dunklen Armen, Herzen am Hinterteil: „Jeder Hase ist anders, jeder Hase ist schön“, stellt Alex die individuelle Note des kreativen Vergnügens heraus.

Rothenburg ob der Tauber Franken "Alex Allegra-Schokolade"

Besitzer Alex Hildebrand erklärt, wie der Schoko-Hase läuft

In seinem Laden verwendet Alex nur beste Schokolade aus dem Örtchen Schwyz und aus Bonn, der Rest ist Betriebsgeheimnis. Das Schweizer Fähnchen im Laden gibt einen kleinen Hinweis: Das Handwerk der Schokoladenveredlung hat er während eines siebenjährigen Aufenthalts im Oberengadin erlernt, auch Schweizer geben bei „Alex Allegra-Schokolade“ gern mal ein Daumen hoch für die Qualität seiner Leckereien. Wem also noch ein Hase im Nest fehlt, sollte sich umgehend in die Georgengasse bewegen. Und auch nach dem Osterfest gibt es bei „Alex Allegra-Schokolade“ interessante Einblicke in die Welt der „Schoggi“. Die nächsten Termin stehen am 30.4. und 3.10 an, an diesen Tagen kann man das eigene Schokotierchen fertigen. An den Adventswochenenden dreht sich bei Alex Hildebrand alles um die Schokonikoläuse.Logo Alex Allegra Rothenburg

Rothenburg ob der Tauber als Stadt der Stille

In den Tagen bis Ostern kitzelt die Frühjahrssonne Rothenburg wach. Ich schiebe mein Rad durch die Rödergasse. Autos gibt es hier kaum. Der Storch hat sein  Nest bezogen. Heute habe ich etwas Zeit und kann der Internetgemeinde meine Lieblingsplätze in Rothenburg zeigen. An manchen Orten in Rothenburg fühle ich mich besonders wohl. Dort geht mein Blick ins Weite und ich kann die Stille besonders genießen, und aufatmen.

Der Burggarten

Die grüne Lunge Rothenburgs ist der Burggarten. Jetzt, Mitte März, schaut noch kaum Grün hervor. Beide Seiten des Bergsporns, auf dem die alte Stauferburg einmal stand, gewähren einen weiten Blick ins Taubertal nach Süden und nach Norden. Einige genießen die ersten Sonnenstrahlen im Garten der Natur.

Frühjahr im Burggarten

Inspirierende Orte

Wenn man den südlichen Ausgang des Burggartens wählt und ein paar Schritte dem Muschelzeichen in Richtung Jakobsweg nach Tübingen/Rottenburg oder Speyer geht, kommt man durch parkähnliche Anlagen und durch den Weinberg der Familie Thürauf an der sogenannten „Riviera“ mit stillen verwunschenen Wegen. Gleich zu Beginn, an der Georg-Pirner-Anlage, taucht ein winziges kleines gelbes Sommerhäuschen auf.

Häuschen

Auch wenn es mir natürlich nicht gehört, stellt es für mich doch ein schönes und stilles Refugium dar mit nur wenig Quadratmetern Fläche und einem phänomenalen Blick über das Taubertal hinweg. Es steht in einem grünen Garten voller Schneeglöckchen. Ich stelle mir vor, dass ein Schriftsteller, fern abgeschieden von aller Welt, hier seine Inspirationen zu Papier bringt.

Die Sonne malt Bilder in  der Franziskanerkirche

Zurück in der Altstadt, in die Herrngasse: Eine der schönsten Kirche mit einem Innenraum von geradezu faszinierender Ausstrahlung ist die Franziskanerkirche. Ich mag es gerne, hier still zu sitzen und der Sonne zuzusehen, wie sie die Wände mit Licht bemalt. Doch davon habe ich schon in einem anderen Blogbeitrag geschrieben. Leider ist die Kirche bis kurz vor Ostern wegen Renovierungsarbeiten geschlossen, aber dann öffnet sie ihre Geheimnisse wieder.

Franziskanerkirche Engel

Am höchsten  Punkt der Stadt Rothenburg

Auch ein schöner Ort, aber nicht öffentlich zugänglich: die Türme der St.-Jakobs-Kirche. Wenn schönes Wetter ist, sitze ich manchmal hoch dort oben auf dem Südturm. All die Geräusche der Stadt, Unterhaltungen, Rufen, Hupen, Musik – all das bleibt ferne und leise unter mir als ob mich diese Welt nichts anginge. Dort oben komme ich auf die besten Gedanken.

Blick auf Franziskanerkirche

Den romantischen englischen Maler Arthur Wasse hat die pittoreske Weltabgeschiedenheit der Jakobstürme dazu inspiriert, seine Frau Fanny zu malen, wie sie dort Dohlen füttert. Im Hintergrund ist das Dorf Detwang zu sehen – und alles sieht heute fast genauso aus wie damals, obwohl über hundert Jahre seitdem verstrichen sind. Das mystisch anmutende Gemälde kann man übrigens noch bei einem Besuch des Reichsstadtmuseums im Original betrachten und dann noch viel mehr Details entdecken.

wasse St  St. Jakob Südturm

 

Die Nacht in  Rothenburg. Ein Wispern

Etwas ganz Besonderes aber ist die Stille in der Rothenburger Altstadt, wenn die Nacht angebrochen ist. Die Geräusche sind dann nämlich völlig andere als am Tag. Ruhe ist eingekehrt, die Stadt birgt sich in der Stille. Bisweilen hört man den gedämpften Glockenschlag eines Uhrwerkes. Ein Käuzchen ruft aus dem Taubertal. Mir kommen Verse aus Matthias Claudius’ Abendlied in den Sinn:

Wie ist die Welt so stille,
Und in der Dämmrung Hülle
So traulich und so hold!
Als eine stille Kammer,
Wo ihr des Tages Jammer
Verschlafen und vergessen sollt.

Seht ihr den Mond dort stehen?
Er ist nur halb zu sehen,
Und ist doch rund und schön!
So sind wohl manche Sachen,
Die wir getrost belachen,
Weil unsre Augen sie nicht sehn.

Wenn ich bei Dunkelheit auf den Gassen der Rothenburger Altstadt unterwegs bin, unterhalte ich mich gerne nur mit gedämpfter Stimme, nur um diese Stille nicht zu stören, und ich möchte mich am Liebsten nur auf Zehenspitzen fortbewegen.

Mit etwas Glück kann man dann auch hören, dass es an manchen Stellen eine zweite Welt hinter diesen ehrwürdigen Steinen gibt! Dann hört man es nämlich ganz leise rascheln und piepsen. Zum Beispiel am Treppenaufgang im Norden von St. Jakob. Dort zwischen den Steinritzen erzählen sich die Kirchenmäuse ihre Gutenacht-Geschichten. Doch um sie zu verstehen, muss man selbst ganz, ganz still sein. Nur lauschen.

Stufen St

Oliver Gußmann

In Rothenburg bin ich Touristen- und Pilgerpfarrer an St. Jakob. Das ist die große, an Kunstschätzen reiche evangelische Kirche mit den Doppeltürmen mitten in Rothenburg! Meine Aufgabe ist es, die Kirchen Rothenburgs Gästen und Touristen aus der ganzen Welt bekannt zu machen. Die zahlreichen Gotteshäuser des gotischen Rothenburgs erzählen mit Bildern und Symbolen vom Glauben, der Liebe und der Hoffnung unserer Vorfahren; sie berichten vom Sterben und Auferstehen, von Hingabe und Erlösung. Bei meiner Arbeit hilft mir ein Kirchenführer-Team. Außerdem traue ich Hochzeitspaare, mache Nachtkirchenführungen und vieles mehr. Gerne führe ich durch das jüdische Rothenburg oder biete für Kinder und Jugendliche kirchenpädagogische Führungen an. Für die Jakobuswege, von denen sich einige in Rothenburg kreuzen, bin ich der Ansprechpartner. Mir liegt eine gesunde Umwelt am Herzen. Darum fahre ich ein "Velomobil" - eine Mischung zwischen Seifenkiste und Rennauto. Wenn Sie so etwas in Rothenburg stehen sehen, bin ich sicher nicht weit entfernt! Mehr über meine Arbeit: www.rothenburgtauber-evangelisch.de/tourismus

Weitere Beiträge

Alle Jahre wieder – Weltgästeführertag 2017 in Rothenburg o.d.T.

Alle Jahre wieder – Weltgästeführertag 2017 in Rothenburg o.d.T.

5 einmalige Sonderführungen zum WGFT (Weltgästeführertag) 2017.

Wie immer um den 21. Februar eines Jahres gibt es im gesamten Bundesgebiet zahlreiche Veranstaltungen. Die Mitglieder des Bundesverband der Deutschen Gästeführer (BVGD) haben sich zum 500. Jubiläum des Thesenanschlages ein entsprechendes Thema als bundesweites Motto gewählt. Weitere Informationen zum WGFT finden sich auf der Internetseite des BVGD. (http://www.bvgd.org/weltgaestefuehrertag/)

Reform – Zeit für Veränderung

Am Samstag 18. und  Sonntag 19. Februar  bieten wir vom Verein der Rothenburger Gästeführer zum 9. Mal in Folge einmalige Sonderführungen an. In diesem Jahr zu dem Thema „Reform – Zeit für Veränderung“. Die Teilnahme ist kostenlos und jeder ist ohne Anmeldung herzlich willkommen. Spenden für einen guten lokalen Zweck sind allerdings gerne gesehen.

 

Seit 2009 erfreut sich diese Veranstaltung einem ständig wachsenden Interesse. In 8 Jahren haben wir inzwischen 109 Führungen angeboten die von fast 5400 Personen besucht wurden. Dadurch waren wir in der Lage 8295,- Euro an Spenden für unterschiedliche Projekte zu sammeln.

St.-Jakobs-Kirche - ©Rothenburg Tourismus Service

St.-Jakobs-Kirche – ©Rothenburg Tourismus Service

Das Programm 2017

Ein Quiz als Auftaktveranstaltung

Am Sa. den 18.02. geht es um 13:00 Uhr mit einer Fragen-Rallye zum Thema los.

Uhrzeit: 13:00 Uhr

Treffpunkt: St.-Jakobs-Kirche

Rothenburger Gästeführer werden Sie in das diesjährige Programm einstimmen. Danach können Sie ihr Wissen in einer Rallye testen. Bis zum Beginn der ersten Führung des Tages können Sie alleine oder in Gruppen die Fragen beantworten. Natürlich gibt es auch etwas zu gewinnen.

Um 14:00 Uhr ist es dann soweit. Die Führungen beginnen. Anders als in den Jahren zuvor wird jede Führung nur einmal angeboten und dauert jeweils ca. eine Stunde.

©Rothenburg Tourismus Service

Foto: ©Rothenburg Tourismus Service

Reformation und Renaissance

Treffpunkt: Marktplatz am Sa. 18.2. um 14:00 Uhr

Gästeführer: Frau Antonia Nakamura und Frau Jutta Rohn

Kurzbeschreibung

Wie kommt es, dass Rothenburg so eng mit der Reformation verbunden ist? Rothenburg lag verkehrsgünstig an einem Knotenpunkt großer Handels- und Pilgerwege. Die damaligen Kommunikationskanäle und die Vervielfältigungsmöglichkeiten durch den Buchdruck erlaubten, dass sich Informationen schnell verbreiteten. Dabei verloren die innerstädtischen Klöster zusehends ihren Einfluss. Als Zeichen dieses neuen Bewusstseins entstanden in der Stadt große Bauten im Renaissancestil wie der neue Rathausvorbau.

 

©Rothenburg Tourismus Service

Foto: ©Rothenburg Tourismus Service

Der Weinbau ist wieder da

Treffpunkt: Hotel Glocke am Sa. 18.2. um 15:30 Uhr

Gästeführer: Herr Albert Thürauf

 

Kurzbeschreibung

Im 16. Jahrhundert wurde aus dem Bayerischen Weinland ein Bierland. In den 1970 er Jahren wurde im Taubertal wieder Wein angebaut. Die Thüraufs warben schon früh für den hochwertigen Anbau von Wein im Taubertal und setzten damit Maßstäbe. Ein historischer Streifzug zur Ampelographie früher und heute. Lassen Sie sich von Herrn Thürauf erklären was es damit auf sich hat.

 

Den Tag können Sie dann in einem der vielen schönen Lokalen in Rothenburg bei einem Schoppen Wein ausklingen lassen. Am kommenden Sonntag stehen dann drei weitere interessante Themenführungen auf dem Programm. Wir starten auch nicht ganz so zeitig, um jedem die Möglichkeit zu geben ganz nach persönlichem Gusto dem Kirchgang oder Sonntagsfrühstück zu frönen.

Foto: ©Rothenburg Tourismus Service

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Foto: ©Rothenburg Tourismus Service

Touristen statt Schornsteine

Treffpunkt: An der Eich am So. 19.2. um 11:30 Uhr

Gästeführer: Frau Hannelore Schultze

 

Kurzbeschreibung

Die Bahnverbindung kommt 1873. Das Postkutschen-Zeitalter ist vorbei. Rothenburg erkennt seine Chance in den „Fremden“, die da langsam zahlreicher werden – und reagiert: Hotels werden erweitert oder neu errichtet, Licht und fließendes Wasser kommen, Events werden gezielt kreiert, das „Stadtbild“ spielt jetzt eine große Rolle. „Die Gartenlaube“ berichtet oft über Rothenburg – weltweit. „Alles für die Touristen“. Dem trägt man mit vielen Maßnahmen Rechnung. Selbst auf einer Weltausstellung wird Rothenburgs Rathaus zum „Deutschen Haus“.

 

Der Wandel im Sport, Ernährung, Lebensstil

Treffpunkt: Im Rathaus (2. Stock) am So. 19.2. um 13:30 Uhr

Gästeführer: Frau Karin Bierstedt, Herr Baur, Herr Weber

 

Kurzbeschreibung

Unter dem Begriff „Sport“ werden verschiedene Bewegungs-, Spiel- und Wettkampfformen zusammengefasst, die meist im Zusammenhang mit körperlichen Aktivitäten des Menschen stehen. Am Beispiel des Patrizierfestes und des VTR 1861 wird die Entwicklung in Rothenburg aufgezeigt. Die Sportler kamen viel rum. Wie hat sich der Breitensport verändert. Das Körperbewusstsein und die Einstellung zur Ernährung haben sich angepasst. Vom Klappmesser zum Sit up – machen Sie mit.

 

Foto: ©Rothenburg Tourismus Service

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Die Veränderung in der St.-Jakobs-Kirche

Treffpunkt: St.-Jakobs-Kirche  am So. 19.2. um 14:30 Uhr

Gästeführer: Herr Peter Noack und Herr Dr. Oliver Gußmann

 

Kurzbeschreibung

Die gotische St.-Jakobs-Kirche wurde zu einer Zeit erbaut als man von Martin Luther noch nichts ahnte. Nachdem in Rothenburg o.d.T. die Reformation eingeführt worden war, veränderte sich der Innenraum: Altäre wurden im Raum verschoben, Heiligenfiguren versteckt, unbequeme Bilder übermalt, Kanzeln gebaut und Bänke in den Raum gestellt. In der Führung geht es um die Veränderungen, die der reformatorische Glaube mit sich brachte.

 

Das Ende der Rallye

Am Ende der fünften Führung des Wochenendes und zum Abschluss der Veranstaltung werden dann die Ergebnisse des Quiz bekannt gegeben. Es lohnt sich also bis ganz zum Schluss dabei zu bleiben. Denn auch dabei wird sich vermutlich noch einmal für viele Anwesende etwas verändern, und zwar in kurzer Zeit ihr Wissensstand über Rothenburg ob der Tauber.  Es ist ja schließlich die Zeit für Veränderungen.

 

Harald Ernst

Bin ich ein Rothenburger? JAIN! Meine Wurzeln liegen nur 15 km von Rothenburg entfernt. Brettheim, früher ein Teil des Stadtgebietes der Reichsstadt mit ca. 180 Dörfern, liegt heute in einem anderen Bundesland (BW). Das erklärt, weshalb ich mich als Rothenburger fühle, inzwischen auch in der Altstadt lebe, aber nicht wie ein Rothenburger klinge. Ich bin ein Hohenloher mit entsprechendem Dialekt (wenn ich will oder darf) und habe mich während meines Zivildienstes (1990/91) in der Jugendherberge in die Stadt verliebt. Außerdem habe ich mich durch die Gäste aus aller Welt inspirieren lassen und das Reisen für mich entdeckt. Menschen, Länder, Abenteuer lassen mich immer wieder meine Koffer packen. Doch genauso gerne kehre ich immer wieder zurück in diese besonders schöne Stadt. Aus Hobby wurde Beruf. Bereits 1993 kam ich zur Gästeführerei. Im Jahr 2000 habe ich mit einem Freund ein Reiseunternehmen gegründet und bin seit dem selbstständiger Stadtführer, Reiseleiter und Driverguide für Gäste aus aller Welt im In- und Ausland. Doch mein Schwerpunkt ist und bleibt Rothenburg ob der Tauber. Hier kenne ich mich am besten aus. Hier bin ich Zuhause.

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Rothenburger Ausstellungen zur Reformation

Wer in diesen Tagen den Rothenburger Reiterlesmarkt besucht, wird vielleicht nicht nur an Christbaumschmuck und Glühwein in der berühmten Weihnachtsstadt interessiert sein, sondern auch an der Kultur in den alten Mauern. Im Jahr 2016/2017 gibt es einige hochkarätige Ausstellungen zum Thema Reformation. Diese zu sehen, lohnt sich, wenn man  Zeit mitbringt. Die kalte Jahreszeit ist Museumszeit und wenn es draußen vielleicht ungemütlich oder gar regnerisch sein sollte, kann man drinnen die Geschichte Rothenburgs in Renaissance und Reformation entdecken. Auch Rothenburg ob der Tauber hat sich in Kirchen und Museen auf das Reformationsjahr 2017 eingestimmt. Das freut mich als evangelischen Pfarrer natürlich besonders. Grund genug für mich, selbst einmal einen kleinen Entdeckungs-Streifzug durch die Rothenburger Kirchen und Museen zu machen:

Heilig-Geist-Kirche: Summarien des Veit Dietrich

Betritt man den Süden der Stadt durch das Spitaltor, so gelangt man gleich links zur Spitalkirche, die tagsüber immer geöffnet ist. Hier im Kirchenschiff stellt der frühere Dekan von Rothenburg und jetzige Leiter der Kapitelsbibliothek Dr. Dietrich Wünsch einen anschaulichen Fund aus der Reformationszeit vor: Die Rede ist von den „Summarien“ des Veit Dietrich (1506–1549). In dem in Leder gebundenen Druckwerk fasste Dietrich die Bücher des Alten und des Neuen Testamentes zusammen und ließ sie durch den Maler Virgil Solis mit 160 großflächigen und kolorierten Holzschnitten versehen.

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Eine Art Bilderbuch der Bibel mit eingängigen direkten Darstellungen ist daraus geworden. Der Reformation waren Bilder also durchaus wichtig. Das Buch stammt aus dem Jahr 1578 und wurde im Pfarrhaus der Spitalkirche gefunden. Veit Dietrich hat noch zahlreiche andere Bücher geschrieben, die der Verbreitung der reformatorischen Lehre in Schule, Gemeinde und häuslicher Andacht dienten. Veit Dietrich war Sekretär Martin Luthers und später Prediger an der Nürnberger Kirche St. Sebald. Ihm ist es auch zu verdanken, dass der Reformator Sloweniens Primus Trubar in Rothenburg wirkte. Die Ausstellung ist noch bis Ostern 2017 zu sehen. Eine halbe Stunde könnte man sich mindestens Zeit nehmen, um sich die 25 Tafeln genau anzusehen. Und man sollte bei Tageslicht in die Spitalkirche gehen, weil die Beleuchtung dann klarer ist.

Kriminalmuseum: Luther und die Hexen

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Zu Fuß geht es weiter. Nach der in roter Farbe gestrichenen Johanniskirche geht es gleich links zum Kriminalmuseum. Dort im Seitentrakt, in der sogenannten Johanniterscheune, ist eine hochkarätige Ausstellung  zum Thema „Luther und die Hexen“ zu sehen. Kaum habe ich im ersten Ausstellungsraum die Treppe bestiegen, überfällt mich via Lautsprecher eine eindringliche Hexenstimme, die mir allerlei krude Zaubersprüche ins Ohr wispert. Im ersten Stockwerk der Johanniterscheune erfahre ich, wie es eigentlich zum Vorwurf von Hexerei gekommen ist.

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Die Hexerei, so ist zu lesen, umfasste den Vorwurf von Schadenszauber (zum Beispiel ein Hagel-Unwetter, den Pakt mit dem Teufel, sexuellen Verkehr mit dem Teufel, die Teilnahme am Hexensabbat und schließlich den Flug durch die Lüfte, den bekannten Besenritt – irgendwie mussten die Hexen ja auch hinkommen zum Fest!) Es ist schon abenteuerlich, welche Vorwürfe die Angst den Menschen ins Gehirn diktiert hat.
Im Obergeschoss wird über das Leben Martin Luthers und die Reformation berichtet, das ist sehr gut gelungen! Dabei erfährt man, was Luther über Hexen dachte. Immer dann nämlich, wenn ihm seine labile Gesundheit einen Streich spielte, wenn er Schmerzen hatte, soll Luther besonders aggressiv gegen vermeintliche Hexen eingestellt gewesen sein. Allein im oberen Ausstellungsraum sind 44 Tafeln zum Thema. Ein notwendiger, bisher noch nicht üblicher, auf einen bestimmten Aspekt des Lebens Luthers und auf die Reformation fokussierter Blickwinkel. Ein gelungener Beitrag zum Reformationsjahr.

Was ich gut finde: Die Tafeln sind auch in englischer Sprache gehalten.

Das Museum hat im Winter nachmittags von 13–17 Uhr geöffnet. Um die Ausstellung anzusehen, benötigt man weit mehr als eine gute Stunde Zeit und dabei kann man trotzdem nicht alles sehen oder lesen – solch eine Fülle des Wissens ist hier zusammengetragen!

Reichsstadtmuseum: Medien der Reformation – Kampf der Konfessionen

Jetzt muss ich mich sputen, wenn ich noch rechtzeitig zum „Reichsstadtmuseum“ im Klosterhof 5 im ehemaligen Dominikanerinnenkloster gelangen will. Es hat jetzt 13–16 Uhr (bis März, dann 9.30–17.00 Uhr) geöffnet. Die Reformationsausstellung dort nennt sich „Medien der Reformation – Kampf der Konfessionen“.

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Im Kernbestand geht diese Ausstellung auf eine 58 Bände umfassende Sammlung reformatorischer Flugschriften zurück, die der Ansbacher Markgrafenkanzler Georg Vogler nach seinem Tod 1554 der Stadt Rothenburg hinterließ und die im Stadtarchiv aufbewahrt wird. Ein einzigartiger Schatz! In diesen nur etwa 20 Seiten umfassenden, aber massenhaft gedruckten Flugschriften wird ein dramatischer und zum Teil hasserfüllter Glaubenskampf um die Wahrheit geführt, dem die Shitstorms gegenwärtiger sozialer Medien um nichts nachstehen. Flugblätter waren noch kürzer als Flugschriften und haben sich als „Flyer“ bis heute gehalten , wenn auch mit weniger politischem Inhalt.

papstesel

Mit dem „Papstesel zu Rom“ und dem „Mönchskalb zu Freyberg“ beschrieben Melanchthon und Luther die Verkommenheit der römischen Kurie. Allein 1524 hat man 2400 Flugblätter und Schriften in schätzungsweise 2,4 Millionen Exemparen verbreitet. Die Reformation machte sich das neue Medium Buchdruck zunutze und druckte die neue Lehre in griffigen Sätzen und anschaulichen Holzschnitten für das allgemeine Volk, nicht nur für die Latein sprechenden Universitätsgelehrten.

Da längst nicht alle Menschen lesen konnten, wurde die Flugschriften-Propaganda wohl in Predigten, bei Tischreden oder Vorträgen am Markt, in den Gassen, auf den Kirchhöfen und bei anderen Gelegenheiten vorgelesen und diskutiert. So jedenfalls beschreibt es die Rothenburger Chronik von Thomas Zweiffel.

reichsstadtmuseum

Die Ausstellung im Reichsstadtmuseum stellt auf der linken Seite mit roter Farbe die katholische Fraktion dar, die Päpste des Zeitalters angefangen mit Papst Alexander I., dann die Zustände in Rom zur Zeit Luthers, die Rolle des Kaisers und die päpstliche Gefolgschaft. Auf der anderen Seite rechts in Grün die reformatorische Opposition, die Unterstützer Luthers, Flugschriften, die medienwirksame ikonografische Darstellung Luthers, Informationen über den aufkommenden Buchdruck, die Kommunikation im Mittelalter und Rothenburg zur Zeit der Reformation und des Bauernkrieges (1525). In der Mitte sind unter zwei Glaskästen ausgewählte Flugschriften zu sehen, die sehr sehenswert sind, weil so etwas selten gezeigt wird. Der Vergleich mit Facebook-Freunden auf dem in die Ausstellungswand eingelassenen Bildschirm hätte etwas mehr Aktualität vertragen: Eine Medienrevolution muss erst Regularien finden muss, z.B. die „Netiquette“ fürs Internet, bevor die verbalen Gewaltauswüchse ein ungehindertes Dasein führen. Einen aufschlussreichen und zugespitzten Blick in die Mediengeschichte leistet diese Ausstellung.

Weitere Ausstellungen zur Reformation

Drei große Ausstellungen in Rothenburg. Alle sehr besuchenswert. Neben der Broschüre zu „Rothenburg in  Renaissance und  Reformation“ erscheinen in  Kürze auch Kalaloge, mit deren Hilfe man zu Hause die Ausstellungsthemen weiter vertiefen kann:

Zu der Sonderausstellung im Mittelalterlichen Kriminalmuseum erscheint übrigens am 13. Februar 2017 im Verlag der Wissenschaftlichen Buchgesellschaft, Darmstadt, das gleichnamige Buch „Mit dem Schwert oder festem Glauben“. Luther und die Hexen, hg. von Markus Hirte, 224 Seiten.

Und zu der Sonderausstellung im Reichsstadtmuseum erscheint eine zweisprachige Begleitschrift: Hellmuth Möhring, Medien der Reformation – Kampf der Konfessionen / Media of the Reformation Age – A Confession Fight, Museumsheft Nr. 7, Rothenburg ob der Tauber 2017, 118 Seiten.

Und  noch weitere Ausstellungen gibt es in Rothenburg: Im Wildbad Rothenburg im Süden der Stadt informiert eine Ausstellung über die Protestanten weltweit.

Und ab 6. Mai bis 25. Juni 2017 wird in  der Franziskanerkirche für etwa sieben Wochen die Wanderausstellung des Frankenbundes “Lebensbilder der Reformation in Franken” gezeigt. Dabei geht es um Menschen im Kontext der Reformation an fränkischen Orten. Man darf gespannt sein.

Wer es zeitlich nicht schafft, während des Reiterlesmarktes diese Geschichtsausstellungen zu besuchen, kann das gerne bei einem weiteren Besuch in Rothenburg ob der Tauber tun:

Die Hexen-Ausstellung im Kriminalmuseum ist noch bis Ende Dezember 2018 (!) zu sehen, die Medien-Ausstellung im Reichsstadtmuseum noch bis Ende September 2017.

Oliver Gußmann

In Rothenburg bin ich Touristen- und Pilgerpfarrer an St. Jakob. Das ist die große, an Kunstschätzen reiche evangelische Kirche mit den Doppeltürmen mitten in Rothenburg! Meine Aufgabe ist es, die Kirchen Rothenburgs Gästen und Touristen aus der ganzen Welt bekannt zu machen. Die zahlreichen Gotteshäuser des gotischen Rothenburgs erzählen mit Bildern und Symbolen vom Glauben, der Liebe und der Hoffnung unserer Vorfahren; sie berichten vom Sterben und Auferstehen, von Hingabe und Erlösung. Bei meiner Arbeit hilft mir ein Kirchenführer-Team. Außerdem traue ich Hochzeitspaare, mache Nachtkirchenführungen und vieles mehr. Gerne führe ich durch das jüdische Rothenburg oder biete für Kinder und Jugendliche kirchenpädagogische Führungen an. Für die Jakobuswege, von denen sich einige in Rothenburg kreuzen, bin ich der Ansprechpartner. Mir liegt eine gesunde Umwelt am Herzen. Darum fahre ich ein "Velomobil" - eine Mischung zwischen Seifenkiste und Rennauto. Wenn Sie so etwas in Rothenburg stehen sehen, bin ich sicher nicht weit entfernt! Mehr über meine Arbeit: www.rothenburgtauber-evangelisch.de/tourismus

Weitere Beiträge

Rothenburg ob der Tauber in modernen Medien

Zugegeben: das ist jetzt nicht der klassische Blogeintrag, den man so erwartet. Aber als ich im Sommer für das Toppler Theater einige kleine Trailervideos bearbeiten und auf Youtube hochladen musste, kam einfach die Frage auf: Was gibt es eigentlich über Rothenburg ob der Tauber alles „im Netz“ zu finden. Und ich war überrascht, wie viel es doch zu sehen und lesen gibt. Und diese Erkenntnisse möchte ich heute einfach mal weitergeben. Eine Art Link-Liste zum selber stöbern, als Ausgangspunkt zum Entdecken.

My Trip to Rothenburg – das moderne Tagebuch der Touristen

Wer tagsüber einmal über den Marktplatz, die Galgengasse oder Schmiedgasse läuft der weiß: man kann nicht jedem Fotoapparat ausweichen. In irgendeinem Schnappschuss wird man abgebildet sein und im heimischen Familienalbum verewigt. Durch die Verbreitung von Smartphones, Tablets und günstigen Videokameras, geschieht das nun auch immer häufiger online.

Eine breite Öffentlichkeit erreichen diese Videos natürlich selten. Wenn aber professionelle „Youtuber“ ein Video zu Rothenburg veröffentlichen, sieht das schon anders aus. Da wird der private Ausflug kommentiert, dokumentiert und in zuschauerfreundliche Häppchen aufgeteilt.

Besondere Beliebtheit erfreut sich Rothenburg auch bei amerikanischen Expats und Austauschstudenten, die ihr neues Leben in Deutschland im Netz dokumentieren. Schneeballen, Kriminalmuseum und deutsches Essen sind wie immer im Mittelpunkt.

Die Klassiker- Publikumsmagneten

Aber man findet natürlich auch etliche Videos zu den echten Rothenburg-Klassikern: Meistertrunk, Reichsstadttage und dem Weihnachtsmarkt. Das mittelalterliche bzw. romantische Rothenburg, wie man es kennen und lieben gelernt hat. Ist also gerade mal kein Pfingsten, warum dann nicht einfach im Netz den Heereszug des Vorjahres ansehen?

Oder, um mal so richtig in Weihnachtsstimmung zu kommen, virtuell über den Weihnachtsmarkt schlendern. Zugegeben: einige Videos können dabei für den Einheimischen ganz schön kitschig wirken:

Videos zu den klassischen Themen Rothenburgs werden übrigens oft von Beteiligten und Einheimischen erstellt – oder von professionellen Marketingfirmen und Fernsehsendern. Ein bisschen stöbern lohnt also!

Historisches Rothenburg

Aber es muss ja nicht immer um Kommerz und das hier und jetzt gehen. Auf Youtube wird es auch mal historisch. Ein Blick auf die Geschichte Rothenburgs, auf dunklere Zeiten und das, was bis heute so dazwischenlag. Allerdings sind diese Videos schwer zu finden.

Wer sich aber wirklich Zeit nimmt und auch mal kreative Suchwörter eingibt, sich mal hinter die erste Vorschlagsseite begibt, der wird belohnt. Eindrücke aus einer anderen Welt, in der die Zeit stehen geblieben ist:

Film, Fernsehen und Computerspiele

Dass Rothenburg häufig in kleinen Fernsehberichten auftaucht, dürfte jedem Einheimischen bekannt sein. Dass Rothenburg aber auch eine beliebte Filmkulisse war, weiß die jüngere Generation wohl schon nicht mehr. Eine umfassende Liste der Filme mit Rothenburg-Kulisse findet man schon auf der Wikipedia-Seite zu Rothenburg. Ein Klassiker: Zwanzig Mädchen und die Pauker: Heute steht die Penne Kopf:

Richtig interessant wird es bei Computerspielen. Ja, auch hier diente Rothenburg schon als Kulisse. Und zwar in einem echten Klassiker der Spielegeschichte. In „The Secret of Monkey Island“ ist der Plönlein an prominenter Stelle eingeflossen (hier die Vergleichsbilder: http://imgur.com/n0gugLB). Und wer hätte es gedacht: auch das hat schon Mitglieder des Adventure-Treff-Vereins zu einem Besuch von Rothenburg bewegt:

So viel zu entdecken

Man könnte die Liste an Links hier endlos fortsetzen, skurrile und einzigartige Videos, Webseiten und Fotos zu Rothenburg ob der Tauber finden. Das Netz ist voll mit interessanten Sachen rund um unsere romantische Stadt. Ich lade Sie ein zu suchen und zu finden. Es gibt viel zu entdecken!

Marian Jaworski

Mein Name ist Marian Jaworski. Geboren wurde ich 1981 in Rothenburg ob der Tauber und ging hier auch zur Schule. Nach meinem Hochschulabschluss der Neueren und Neuesten Geschichte, fränkischen Landesgeschichte und politischen Theorie und Philosophie an der Julius-Maximilians-Universität Würzburg, zog es mich erneut in meine Heimat zurück. Seit 2010 arbeite ich für das Toppler Theater. Zunächst als Regieassistent tätig, bin ich mittlerweile auch für Teile der Organisation und des Marketings zuständig.

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Der Liebling der Pilger und Touristen – die Jakobusstatue vor dem Eingang von St. Jakob

jakobusMeist stehen Heiligenfiguren auf hohen Säulen und Podesten, unerreichbar. Nicht so die bronzene Statue vor dem Eingang von St. Jakob! Sie ist der Liebling der Besucherinnen und Besucher aus aller Welt geworden: Viele posieren für ein Foto mit ihm. Manche scheint der Bronze-Jakobus zu umarmen oder sie legen selbst den Arm um ihn. Der Finger seiner linken Hand ist von den unzähligen Berührungen schon blank gerieben, so dass er jetzt einen goldenen Zeigefinger hat. Besonders Kecke lassen sich von dem goldenen Finger die verspannten Rückenmuskeln massieren. Alles macht er mit, der Heilige. Alles lässt er sich gefallen, ein Jakobus zum Knuddeln und Anfassen.

Finger des Jakobus

Der Künstler Ernst Steinacker

Dabei wollte man ihn anfangs gar nicht hier haben. Der Bildhauer Ernst Steinacker (1919–2008) schuf diese Jakobusfigur. Und er erzählte, er habe einen Traum gehabt, die Figur solle vor der St.-Jakobs-Kirche stehen und den Vorübergehenden den Weg zur Kirche weisen. Noch nicht alle waren davon überzeugt und so stellte man den Jakobus am 31. März 2001 erst einmal probeweise vor der Jakobskirche in Rothenburg ob der Tauber auf bis mit einer Spendensammelaktion die Figur vollends bezahlt war.

Der Künstler Steinacker übrigens lebte und arbeitete bis zu seinem Tod auf dem Schloss Spielberg, etwa eine Autostunde von Rothenburg entfernt. In der historischen Schlossanlage ist noch heute seine fränkische Kunst zu bewundern. Weitere Jakobusfiguren von Steinacker gibt es in Oettingen und Gunzenhausen. Man erkennt sie leicht, weil sie allesamt etwas lang geraten sind und – ein Franke würde sagen: weil sie „Glubschaugen“ haben.

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Rothenburg am Knotenpunkt von Jakobswegen

Unsere Stadt ist bekannt dafür, dass es eine große Zahl von Touristen aus dem In-und Ausland willkommen heißt. Weniger bekannt ist, dass die Stadt an einem Knotenpunkt von Jakobs-Pilgerwegen liegt. Etwa tausend Pilger im Jahr kommen von Nürnberg, Würzburg oder Bamberg und gehen nach dem Besuch Rothenburgs weiter nach Ulm, Rottenburg oder Speyer und schließlich vielleicht auch bis Santiago de Compostela. Viele von ihnen suchen nach Ruhe und nach dem Sinn des Lebens auf dem Pilgerweg. Weil unser Rothenburg eine kleine Stadt mit vielen Gästen ist, schaffen wir es natürlich nicht, allen Besucherinnen und Besuchern und auch nicht allen Pilgerinnen und Pilgern persönlich die Hand zu schütteln. Diese Aufgabe hat schon die bronzene Jakobusfigur von Steinacker übernommen.

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Ein Segen für die Pilgerinnen und Pilger

Wenn ich Pilgerinnen und Pilgern vor der St.-Jakobs-Kirche einen Wegsegen zuspreche, mache ich das häufig an dieser Jakobus-Figur.

Jakobus

Natürlich hat die Jakobusfigur auch eine Botschaft. Sie ist ihm geradezu auf den Leib geschrieben: „Lobet Gott“ steht da unter einem Dreieckszeichen. Das Dreieck mit Auge symbolisiert seit alters her den Dreieinigen Gott, der „nicht schläft noch schlummert“, sondern wacht und behütet, wie es in dem biblischen Pilgerpsalm 121 heißt.

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Mit dem linken, dem „Goldfinger“ zeigt Jakobus auf die Passanten. Die rechte Hand der Jakobus-Figur umschließt den Pilgerstab. Der Zeigefinger dieser Hand weist dabei nach oben in den Himmel. Mit dem rechten Finger zeigt er nach oben zu Gott. So als wolle er die Gäste, Wanderer und Touristen in der Stadt auffordern, doch Pilger zu werden und auf ihrer Reise Gott ein Danklied zu singen.

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Die Körpersprache des Jakobus

Noch ein paar andere Besonderheiten hat die Jakobsfigur: Die Figur ist mit leichtem Gepäck unterwegs. Gerade mal eine kleine Wasserflasche hat Jakobus mitgenommen, doch weder Tasche noch Rucksack. Auf dem Rücken, da wo man umgangssprachlich das „Kreuz“ hat, trägt er ein kleines Kreuz, das wie ein Lebensbaum gestaltet ist.

Statue

Und wer die Körperhaltung der Jakobusfigur mit dem eigenen Körper nachzuahmen versucht, bemerkt plötzlich, dass dieser Jakobus nicht einfach nur still dasteht, sondern selbst ein Pilger oder Tourist ist: das rechte Bein holt nach vorne aus, das linke Bein streckt sich nach hinten, so, als wolle er aufbrechen und unter die Leute gehen. Er ist eben kein Heiliger, unser Jakobus, sondern einer zum Anfassen!

Jakobus mit Schulklasse

Pfarrer Oliver Gussmann, Pilgerbeauftragter der Evangelischen Landeskirche in Bayern, Rothenburg ob der Tauber

Fotos: Willi Pfitzinger, Harald Ernst, Konrad Nieberle, Oliver Gußmann

Oliver Gußmann

In Rothenburg bin ich Touristen- und Pilgerpfarrer an St. Jakob. Das ist die große, an Kunstschätzen reiche evangelische Kirche mit den Doppeltürmen mitten in Rothenburg! Meine Aufgabe ist es, die Kirchen Rothenburgs Gästen und Touristen aus der ganzen Welt bekannt zu machen. Die zahlreichen Gotteshäuser des gotischen Rothenburgs erzählen mit Bildern und Symbolen vom Glauben, der Liebe und der Hoffnung unserer Vorfahren; sie berichten vom Sterben und Auferstehen, von Hingabe und Erlösung. Bei meiner Arbeit hilft mir ein Kirchenführer-Team. Außerdem traue ich Hochzeitspaare, mache Nachtkirchenführungen und vieles mehr. Gerne führe ich durch das jüdische Rothenburg oder biete für Kinder und Jugendliche kirchenpädagogische Führungen an. Für die Jakobuswege, von denen sich einige in Rothenburg kreuzen, bin ich der Ansprechpartner. Mir liegt eine gesunde Umwelt am Herzen. Darum fahre ich ein "Velomobil" - eine Mischung zwischen Seifenkiste und Rennauto. Wenn Sie so etwas in Rothenburg stehen sehen, bin ich sicher nicht weit entfernt! Mehr über meine Arbeit: www.rothenburgtauber-evangelisch.de/tourismus

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Graf Johann von Tserclaes Tilly

Sein Tod, seine Person

In der Schlacht bei Rain am Lech wurde der kaiserliche General Johann von Tserclaes Tilly schwer verwundet. Er wurde ins Hospital nach Ingolstadt gebracht, wo er dann im April 1632 seinen Verletzungen erlag. Der Verstorbene hatte 50 Jahre seines Lebens nahezu ununterbrochen im Felde verbracht. Dutzende Male hatte er dem Tod ins Auge gesehen und sich dabei im Kampf zahlreiche Narben und Blessuren zugezogen. Sein Mut, seine Geradlinigkeit und auch seine große Auffassungsgabe waren bei seinen Soldaten legendär und er genoss bei ihnen eine hohe Autorität.

Johann von Tserclaes Tilly konnte weder durch sein Auftreten noch durch seinen Wuchs beeindrucken. Er war nur mittelgroß und auch keine anziehende Persönlichkeit. Seine Gesichtszüge, nicht schön, seine Ausdrucksweise streng und grob. Sein Lebensstil war nüchtern und zurückgezogen, er hatte keinen Sinn für Luxus und er vermied jegliche Repräsentation. Er galt als „Frauenhasser“, soll heißen, sich mit Frauen in irgendeiner Form zu beschäftigen war ihm zuwider. Wahrscheinlich war er homosexuell veranlagt. Denen die ihm vorwarfen, er sei schlecht gekleidet, antwortete er, er ziehe sich nach seinen Vorstellungen an und nicht nach der Mode anderer. Zuwendungen, Belohnungen seiner Kriegsherren verschmähte er. So hinterließ er nach seinem Tod kein Vermögen von Bedeutung. Er war nicht verheiratet und er hatte keine Nachkommen.

Graf Johann von Tserclaes Tilly

Graf Johann von Tserclaes Tilly

Bei den anderen Militärs galt Tilly als erfahrener und listenreicher, aber auch als grausamer Feldherr, der über großes Organisationstalent verfügte und seine Unternehmungen methodisch vorbereitete. In den 20 Jahren im Dienste der katholischen Liga heftete er 36 Siege an seine Fahnen, erlitt aber auch schwere Niederlagen. Tilly verteidigte mit Nachdruck den Katholizismus, einer Religion, der er völlig und mit Überzeugung anhing. Er wurde im Jesuiten-Kloster aufgezogen, seine besondere Verehrung brachte er der heiligen Mutter Gottes von Altötting entgegen. Deren Bildnis befand sich auf allen Standarten seiner in den Kampf ziehenden Soldaten.

Wer war nun eigentlich dieser berühmte Heerführer?

Johann von Tserclaes Tilly wurde im Februar 1559 südlich von Brüssel im Schloss Tilly in Brabant geboren. Er war der 2. Sohn des Martin von Tserclaes und seiner Gattin Dorothea von Schierstaedt. Der Vater war Erb-Seneschall (mächtigster Beamter der Krone) der Grafschaft Namur und nahm an der Adelsverschwörung gegen das Regime Philipp II von Spanien teil. Deswegen wurde er 1568 verbannt, der Herzog von Alba zog alle Güter des Gedemütigten ein.

Der zehnjährige Tilly wurde damals in das Jesuitenkolleg in Châtelet aufgenommen, später setzte er seine Studien in Köln fort. Manche behaupten er spielte während seiner Studienzeit mit dem Gedanken der Gesellschaft Jesu beizutreten. Unbestritten sind jedoch nur seine Beziehungen zu dieser Vereinigung. Er selbst schreibt die Heilung von einer schweren Infektionskrankheit der Auflegung von Reliquien des hl. Ignaz von Loyola zu. Während seines gesamten Lebens blieb die Verbindung zum Orden der Jesuiten bestehen. Es ist der Orden der sich mit dem Beinamen (sj)= societas Jesus schmückt. Marc Guenin (sj) ein Mitglied des Ordens war ständiger Begleiter des Grafen Johann vom Tserclaes Tilly. Er war bei allen Schlachten an seiner Seite und bei seinem Tod in Ingolstadt hat er ihm auch die letzte Ölung verliehen. Marc Guenin war für den Feldherrn nicht nur Wegbegleiter, sondern auch Beichtvater und Ratgeber zugleich. Die enge Verbindung zu den Jesuiten macht sich auch am Hauptsymbol der Kriegsflagge Tillys bemerkbar. Neben dem Bildnis der heiligen Maria trägt die Fahne die Buchstaben IHS = Iesum Habemus Socium (Wir haben Jesus als Gefährten).

 

Militärische Laufbahn

Seinem älteren Bruder Jakob folgend, hat sich Johann von Tserclaes schon in sehr jungen Jahren für das Waffenhandwerk entschieden. Er trat zunächst in die Dienste des Alexander Fernèse im Regiment Octavio von Mansfeld. Es war eine harte Schule unter fähigen Kommandeuren. So eröffnete sich ihm die Laufbahn eines echten Troupiers (altgedienter, erfahrener Soldat), der seine Kraft und seine Intelligenz in den Dienst jeder annehmbar erscheinenden Sache stellte. Ohne zu zögern durchzog er, den jeweiligen Ereignissen folgend, das von Kriegen zerrüttete Europa der Reformation und der Gegenreformation. Die Stationen der militärischen Laufbahn Tillys präzise aufzuzeigen hieße, ihm in eine endlose Reihe von Feldzügen, von Belagerungen und Schlachten zu folgen. Der Kaiser, auf die Verdienste des jungen Kommandeurs aufmerksam geworden, vertraute ihm 1605 die Aufstellung eines Regiments von 3000 Wallonen an. Kurz darauf ernannte er ihn zum General der Kavallerie und anschließend zum Feldmarschall.

Fünf Jahre später verzichtete Tilly auf sein Kommando und zog es vor auf Bitten Maximilians von Bayern den Oberbefehl über die bayerische Armee zu übernehmen und diese zu reorganisieren. Maximilians Armee vereinigte sich mit dem Heer des Kaisers. Beide Heeressäulen marschierten nach Prag, wo der Kurfürst Friedrich V. von der Pfalz in der Schlacht am Weißen Berg 1620 geschlagen wurde. Tilly führte danach die siegreichen Bayern in die Rheinpfalz deren Eroberung 1622 mit der Einnahme Heidelbergs abgeschlossen wurde. Die katholische Liga, die kaiserliche Armee von Kaiser Ferdinand und das bayerische Heer Maximilians schlossen sich zu einer Armee zusammen.

Am 3. Juni 1625 wurde Tilly dann zum Feldmarschall des Reiches ernannt. Die kaiserliche Armee musste in Hessen, das sich gegen den Kaiser erhoben hatte, eingreifen, dann auch in Sachsen, das mit den Schweden gemeinsame Sache machte. Dieser Feldzug brachte die Belagerung und Zerstörung der von den Protestanten gehaltenen Stadt Magdeburgs. Es war eine der bedeutendsten militärischen Unternehmungen Tillys, wurde aber auch zur verhängnisvollsten Episode seiner Feldzüge. Der Eroberung Magdeburgs am 20. Mai 1631 folgten nicht nur die Plünderung und völlige Brandschatzung der Stadt, sondern es geschahen auch schreckliche Gräueltaten gegen die Garnison und die Bevölkerung.

Die Schlacht um Magdeburg ging als eigentliches Massaker des 30jährigen Krieges in die Geschichte ein. Anfang 1631 hatte Magdeburg noch 35.000 Einwohner, am 20. Mai 1631 nur noch zwischen 5.000 und 10.000. Die kaiserlichen Truppen unter dem Feldherrn Tilly und seinem General Pappenheim wüteten mehrere Tage in der Stadt, so dass fast alle Männer, Frauen und Kinder Opfer von Mord, Raubzügen oder Misshandlungen wurden. Nur sehr reiche Bürger konnten sich freikaufen und unter dem Schutz der Soldaten die Stadt verlassen. Einige Hundert sollen im Magdeburger Dom Schutz gesucht und überlebt haben. Die gänzlich aus der Kontrolle ihres Generals Pappenheim geratenen kroatischen und wallonischen Truppenteile taten sich dabei besonders hervor. Selbst Feldherr Tilly soll über die Brutalität seiner Soldaten erschrocken gewesen sein. Erst durch sein persönliches Eingreifen gelang es das Massaker zu beenden.

Magdeburg im Jahr 1631

Magdeburg im Jahr 1631

 

Die Einnahme Magdeburgs war so grausam, dass rund 205 Flugschriften und 41 illustrierte Flugblätter im ganzen Land und Europa darüber berichteten. Nur der regierende Papst Urban VIII. bekundete in einem Schreiben vom 24. Juni 1631 seine Freude über die Vernichtung des Ketzernestes (Ketzer = Andersgläubige). Am 25. Mai 1632 wurde im Magdeburger Dom ein katholischer Gottesdienst gefeiert, als Triumph der Katholiken über die Protestanten. Trotzdem ließ Johann von Tserclaes auch die Stadt Magdeburg noch an sieben Ecken anzünden.

Diese besondere Form der Brandschatzung von eroberten Städten war ein besonderes Merkmal seiner Kriegsführung. Man glaubt heute dafür auch eine Erklärung gefunden zu haben. Wahrscheinlich, so die Meinung, war Tilly auch ein Anhänger, ein Freund der Zahl sieben.

Die Zahl 7:

Schon immer gilt die Zahl 7 als „die besondere Zahl“. Dafür gibt es zahlreiche Beispiele: Im Märchen ist es das tapfere Schneiderlein, das 7 Fliegen auf einen Streich erschlägt. Allen bekannt, Schneewittchen wohnte bei den 7 Zwergen und wie könnte es anders sein, natürlich auch noch hinter den 7 Bergen. Im weltlichen Bereich gibt es die 7 Todsünden, man spricht von den 7 Weltmeeren und wir alle wissen, die Woche hat 7 Tage. Verliebte befinden sich im 7. Himmel, und der britische Geheimagent James Bond ist natürlich die 007. Die Zahl sieben hat also eine besondere Bedeutung. Dafür hat man eine Erklärung gefunden. Die Zahl 7 setzt sich bekanntlich aus der Summe der Zahlen 3+4 zusammen. Drei ist im Christentum die göttliche Zahl. Wir kennen die heilige Dreieinigkeit, Gott Vater, Sohn und heiliger Geist. Man sagt Jesus ist nach 3 Tagen wieder auferstanden. Somit symbolisiert die Zahl 3 das Göttliche. Die Zahl 4 hingegen steht für grundsätzliche weltliche Zusammenhänge, für perfekte Harmonie. Erwähnt seien die 4 Himmelsrichtung, die 4 Gezeiten und die 4 Elemente. Daraus folgt, in der Zahl 7 vereinigt sich das Göttliche und das Weltliche. Somit steht die Zahl 7 für göttliche Vollkommenheit und Perfektion. Man kann es nicht beweisen, aber vielleicht waren es solche Gedanken, die Tilly zum Anhänger dieser Zahl 7 machten!?

 

Nach seinem Tod in Ingolstadt wurde der Feldmarschallvorübergehend in der dortigen Jesuitenkirche bestattet. 20 Jahre Jahre später wurde seine sterbliche Hülle nach Altötting überführt. Unter den Steinplatten des Fußbodens der achteckigen Gnadenkapelle Altöttings wurde das Herz Tillys beigesetzt. Die Gebeine Johann von Tserclaes Tilly bettete man in einen Bronzesarg. Eine verglaste Öffnung gewährt Einblicke in das Innere. Der Sarkophag steht in der früheren Peters-Kapelle von Altötting, die heute Tilly-Kapelle genannt wird. Über ihm erhebt sich eine Nachbildung jenes Banners, das den General in alle Schlachten begleitet hat und dessen von den Schweden erobertes Original sich in Stockholm befindet

 

Tilly Gruft in Altötting/ Mattes

Tilly Gruft in Altötting/ Mattes

 

Harald Krasser

Ich bin in Rothenburg geboren und lebe auch hier. Ich liebe diese Stadt und das sie umgebende Frankenland. Besonders freut mich der weltweite Bekanntheitsgrad dieses mittelalterlichen Kleinods. Sagen zu können, hier in meiner Heimatstadt ist die Welt zu Gast, macht mich auch ein klein wenig stolz. Ich bin seit 1968 Mitglied im Historischen Festspiel „Der Meistertrunk“ und leite nun diesen Verein seit 1992 als 1. Vorsitzender. Natürlich möchte ich mich in einigen meiner Themen mit diesem Verein, seinen Aktivitäten und seiner reichhaltigen Geschichte beschäftigen.

Weitere Beiträge

Trauer, Entsetzen und Jubel in Rom und Rothenburg

Ein heißer Sommertag in der Ewigen Stadt, dem Haupt bzw. Nabel der Welt (caput mundi) vor 800 Jahren. Der Stadt und dem Erdkreis (urbi et orbi) stocken der Atem. Das geistliche Oberhaupt der Christenheit, der Papst (Pontifex) Innozenz III., verstirbt am 16. Juli 1216 im Alter von nur 56 Jahren in Perugia.

Der Juristenpapst: Innozenz III. (1198-1216)

Der Juristenpapst: Innozenz III. (1198-1216)

Dann überschlagen sich die Ereignisse: Der Leichnam von Innozenz III. (1198-1216) wird in der Kathedrale von Perugia aufgebahrt. Doch in der Nacht vom 16. zum 17. Juli 1216 rauben Unbekannte dem Aufgebahrten die kostbaren Totengewänder. Sie lassen den Leichnam fast nackt in der schon süßlich nach Verwesung riechenden Kirche zurück. „Wie kurz und eitel ist die trügerische Herrlichkeit dieser Welt?“ (quam brevis sit et vana huius seculi fallax gloria) fragt der Augenzeuge Bischof Jacques de Vitry seinerzeit.

Doch war es wirklich Raub, gar Leichenschändung? Fühlten sich die „Entwender“ möglicherweise gar im Recht? Schließlich war allgemein anerkannt, dass Kirchenmänner nicht heiraten und ebenso wenig etwas vererben dürfen. Das sogenannte Spolienrecht (ius spolii) gab dem kirchlichen Oberen deshalb das Recht, den beweglichen Nachlass eines verstorbenen Klerikers einzuziehen. Doch gehörten auch die Totengewänder dazu und hätten sie nicht der päpstlichen Schatzkammer zufallen müssen?

Dass gerade der bedeutendste Juristenpapst des Mittelalters, Papst Innozenz III. kurz nach seinem Ableben Opfer einer „Straftat“ oder zumindest einer missbräuchlichen Interpretation des Sponsalienrechts wird, scheint eine dunkle Ironie der Geschichte.

Päpstliche Gerichtsentscheidung Innozenz III. (1206)

Päpstliche Gerichtsentscheidung Innozenz III. (1206)

Dabei begann alles so hoffnungsvoll. Bereits am Todestag Papst Coelestins III. (8. Januar 1198) wählte das Konklave (cum clave mit dem Schlüssel = abgeschlossener Raum, in dem der Papst von den Kardinälen gewählt wird) den noch nicht einmal 40 Jahre alten Lothar von Segni zum Papst. Er war noch so jung, dass er nicht einmal die für eine Papstwahl erforderliche Priesterweihe erhalten hatte, was man kurz darauf nachholte. Walther von der Vogelweide spöttelte gar über das junge Alter des neuen Papstes (Owê, der bâbest ist ze junc. Hilf, hêrre, dîner cristenheit).

Als Papst Innozenz III. machte sich der junge Kirchenrechtler daran, die Missstände in seiner Kirche entschieden zu bekämpfen. Pflichtvergessene Kleriker wurden diszipliniert; Völlerei, Ämterkauf, Korruption u.v.m. streng geahndet.

Der Klerus sollte wieder ein Vorbild für den einfachen Gläubigen sein! Dies war dringend nötig. Seit Jahren liefen der römischen Kirche die Gläubigen fort. Nur allzu oft wurde in den Kirchen und Klöstern „Wasser gepredigt und Wein getrunken“. Alternative Glaubensgemeinschaften wie etwa Katharer (von griechisch καθαρός, katharós „rein“, daraus abgeleitet „Ketzer“) oder Waldenser, avancierten mit ihren Lehren (Häresien) zu einem Sammelbecken für unzufriedene Gläubige. Um gegen Kleriker besser gerichtlich vorgehen zu können, entwickelte der Jurist Innozenz III. das Inquisitionsverfahren weiter. Mehrmals die Woche leitete er selbst Gerichtverhandlungen in Rom und sorgte dafür, dass seine Urteile und Entscheidungen im ganzen Abendland verbreitet wurden.

Doch beließ es Innozenz III. nicht dabei, den Ketzerbewegungen durch Klerusdisziplinierung den Nährboden zu entziehen. Er ordnete die Häresie als Kapitalverbrechen ein und ging entschieden gegen die Ketzer vor. Ein blutiger Ketzerkreuzzug wütete ab 1209 in Südfrankreich und kostete viele Menschen das Leben. Auf dem 4. Laterankonzil im Jahre 1215 wurden unter seinem Pontifikat erneut alle Ketzer exkommuniziert.

Ketzerverbrennung 1210 (Luyken, Tanz der Märtyrer)

Ketzerverbrennung 1210 (J. Luyken, Tanz der Märtyrer, 1700)

Doch wer war nun genau ein Ketzer? Für den einfachen Bischof oder Priester war es im Hochmittelalter alles andere als einfach, das zu erkennen! Könntet Ihr es? Ein paar Beispiele:

War derjenige ein gläubiger Katholik, der glaubte:

– nur durch sexuelle Enthaltsamkeit den Weg zum Heil zu finden?

– beim Abendmahl verwandele sich das gereichte Brot und Wein tatsächlich und real in Leib und Blut Jesu Christi (transsubstantiatio = Wesensverwandlung)?

– nur bei Gott im Himmel sei das Gute zu finden; die irdische Welt sei grundsätzlich schlecht?

– dass die Dämonen zunächst gut erschaffen wurden, später aus sich selbst heraus böse wurden?

(Die Auflösung findet ihr am Ende des Blogs!)

Um den Priestern eine Handreichung zu geben, formulierte man auf dem 4. Laterankonzil das Glaubensbekenntnis weiter aus (Wir glauben an den einen Gott, den Vater, den Allmächtigen …). Wer damit nicht einig ging, geriet in den Dunstkreis der Häresie, ob nun in Rom, Südfrankreich oder Rothenburg ob der Tauber. Auch die von Innozenz III. initiierten Reformen, seine Urteile und Anweisungen beeinflussten die Bewohner des fränkischen Jerusalems. So überwölbte das Kirchenrecht die mittelalterliche Welt wie eine Glaskuppel, unter der auch die Rothenburger des 13. Jahrhunderts lebten und starben.

Gesamtansicht Rothenburgs von Westen (Kupferstich, H. Meichsner, 1615)

Gesamtansicht Rothenburgs von Westen (Kupferstich, H. Meichsner, 1615)

Zwar dürfte der Kleiderraub in der Kathedrale von Perugia vor fast genau 800 Jahren nicht bereits am nächsten Morgen Stadtgespräch in Rothenburg gewesen sein, so viele Jahre vor Erfindung des Buchdrucks, der Zeitungen, n-tv-Newsticker und Twitter-Dienst. Doch wird auch in Rothenburg der Jubel umso größer gewesen sein, als keine zwei Tage nach dem Tod Innozenz III. mit Honorius III. ein neuer Papst der Christenheit vorstand und der Stuhl (sedes) Petri damit nur für kurze Zeit vakant blieb (Sedisvakanz).

Markus Hirte / Charlotte Kätzel

(Antwort auf die Fragen: nein, ja, nein, ja)

Markus Hirte

Ich heiße Dr. Markus Hirte. Geboren wurde ich 1977 in Weimar. Ich habe Rechtswissenschaft studiert und wurde an der Friedrich-Schiller-Universität Jena zum Dr. iur. promoviert. Meinen Abschluss zum Magister Legum bestritt ich an der Fernuniversität Hagen. Ein Studienaufenthalt führte mich auch an die Cambridge University nach England. Knapp sieben Jahre arbeitete ich als Rechtsanwalt in Stuttgart, Berlin und London. Mein Herz schlug jedoch immer schon vor allem auch für die Strafrechtsgeschichte, meine Publikationsliste wurde länger und länger. Seit 2013 bin ich nun geschäftsführender Direktor des Mittelalterlichen Kriminalmuseums in Rothenburg und kann mich noch intensiver der Historie widmen. Meine Forschungs- und Interessenschwerpunkte: ältere und neuere Strafrechtsgeschichte, insbesondere mittelalterliches Kirchenstrafrecht, Inquisitionsverfahren, Hexenverfolgungen und die Entwicklung der Todesstrafe. http://www.kriminalmuseum.rothenburg.de/

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Ein Rothenburger als Begründer der modernen Chemie

Rothenburg ob der Tauber ist bekannt als romantische Stadt, als mittelalterliche Stadt, als Festspielstadt. Aber Rothenburg als eine Geburtsstätte der Wissenschaft? Auch in dieser Hinsicht hat die schöne Tauberstadt mehr zu bieten, als man zunächst denken mag. Über die Jahrhunderte haben auch Akademiker in Rothenburg ihre Spuren hinterlassen.

Wer den Namen Andreas Libavius noch nicht gehört hat, der sollte nun hellhörig werden. Denn es war kein geringerer als der Rothenburger Stadtphysikus Libavius, der die Chemie dem Dunstkreis der Alchemie entriss und zu der Wissenschaft machte, als die wir sie heute kennen. Der Todestag des bedeutenden Arztes, Chemikers und Pädagogen wird sich in diesem Monat, vermutlich am 25. Juli, zum 400. Mal jähren.

Andreas_Libavius

Begründer der modernen Chemie: Andreas Libavius

Geboren wurde Libavius in Halle an der Saale im heutigen Sachsen-Anhalt in den 1550er Jahren als Andreas Liebau. Obwohl seine Familie der ärmeren Bevölkerungsschicht angehörte, ging Libavius zur Lateinschule und studierte später an den Universitäten Wittenberg und Jena Medizin. Das Studium musste er allerdings, vermutlich aus Geldnöten, vorübergehend aussetzen und verdiente in diesen Jahren seinen Unterhalt als Lehrer, bis er schließlich sein Medizinstudium in Basel wieder aufnehmen und als Doktor beenden konnte. Während neben der Pädagogik auch die Poesie zu seinen Leidenschaften zählte, blieb Andreas Libavius` Berufung doch die Medizin.

Das prächtige Portal der Jakobschule

Das prächtige Portal der Jakobschule

Andreas Libavius in Rothenburg

Im Jahre 1591 schließlich erhielt Libavius das Angebot, Stadtphysicus (Stadtarzt) in Rothenburg ob der Tauber zu werden, welches er auch annahm. Hier zählte neben der medizinischen Versorgung der Bevölkerung unter anderem auch die Aufsicht über das medizinische Personal sowie über Apotheken und Arzneien zu seinen Aufgabenbereichen. Doch nicht nur als Mediziner sollte Libavius fortan in Rothenburg wirken. Von Anfang an war man sich auch seiner pädagogischen Begabung bewusst und so kam es, dass Andreas Libavius bereits ein Jahr später zum Schulinspektor der Rothenburger Lateinschule ernannt wurde – ein Amt, das eigens für ihn geschaffen wurde! Die Schule sollte von nun an neu gestaltet werden. Eine Umstrukturierung zum Gymnasium academicum war angedacht, also einer Schule, die deutlich stärker auf eine Vorbereitung für ein Studium abzielt. Der erste Schritt war der räumliche Umbau der Schule durch einen imposanten Neubau an prominenter Stelle direkt gegenüber der Jakobskirche, die Jakobschule.

Von Alchemie zu Chemie, von Aberglauben zu Rationalität

Neben seinen Beschäftigungen als Stadtarzt und Schulinspektor war Libavius weiterhin auch forschend tätig. Einen seiner Interessenschwerpunkte stellte etwa die Balneologie, also die Bäderkunde, dar. So lag es nahe, dass Libavius sich auch dem Rothenburger Wildbad widmete. Wohl im Auftrag der Stadt untersuchte er das dortige Wasser und veröffentlichte seine Ergebnisse 1601.

So könnte Libavius` Labor einst ausgesehen haben: Das Libavius-Zimmer im Rothenburger Historiengewölbe

So könnte Libavius` Labor einst ausgesehen haben: Das Libavius-Zimmer im Rothenburger Historiengewölbe

Es war auch in dieser Rothenburger Zeit Andreas Libavius`, dass der Gelehrte ein Buch verfasste, welches heute noch als Meilenstein in der Geschichte der Wissenschaft gilt: Die Alchemia. Als erstes die verschiedenen Teilgebiete der Chemie umfassende Übersichtswerk wandte sich das Werk scharf gegen die seinerzeitige Alchemie. Nicht umsonst ranken sich viele Legenden um diese mysteriöse Parawissenschaft und den sagenumwobenen alchemischen Stein der Weisen, der immer wieder Gegenstand grusliger Geschichten wurde. Denn die Alchemie, obgleich Vorgängerin der Chemie, zeichnete sich tatsächlich durch Mystik, Esoterik und Aberglauben aus – in der damaligen Zeit durchaus noch gang und gäbe, auch was den einfachen Volksglauben betraf.

Die Alchemie des Andreas Libavius bedeutete ein Umdenken in der Wissenschaft

Die Alchemie des Andreas Libavius bedeutete ein Umdenken in der Wissenschaft

 

Talismane und Vogelamulette - Aberglaubensvitrine in der Sonderausstellung des Mittelalterlichen Kriminalmuseums

Talismane und Vogelamulette – Aberglaubensvitrine in der Sonderausstellung des Mittelalterlichen Kriminalmuseums

Denn ebenso wie die Alchemiker auf ihren geheimen Treffen mit manch geheimnisvollem Gegenstand experimentierten, um auf wundersame Weise Gold oder lebende Kunstwesen zu erschaffen, hatte auch der einfache Mann stets das ein oder andere magische Objekt zur Hand, um sich damit beispielsweise vor dem Bösen zu schützen. Hier waren der Fantasie keine Grenzen gesetzt. Gegen jedes Übel gab es auch das passende Amulett oder einen Talisman. Ob Natternwirbelketten gegen Vergiftungen, Epilepsie und die Pest, Neidfeigen als Schutz gegen Unfruchtbarkeitszauber oder Fraisketten, die in die Wiege eines Neugeborenen gelegt dessen Austausch gegen ein Wechselbalg verhindern sollten – die Menschen legten ihr Schicksal häufig in die Hand solch weißer Magie und Schutzzauber. In der Sonderausstellung „Mit dem Schwert oder festem Glauben – Martin Luther und die Hexen“ im Mittelalterlichen Kriminalmuseum sind einige dieser Kuriositäten zu bestaunen, über die man sich aus heutiger Sicht doch nur wundern kann. Schließlich gilt für uns inzwischen ein gänzlich anderes Weltbild, geprägt von Wissenschaftlichkeit und Rationalität; in weiten Teilen entleert von Aberglaube und Mystik. Ein Weltbild, das unter anderem den Errungenschaften der modernen Chemie zu verdanken ist, der Andreas Libavius aus Rothenburg bedeutende Starthilfe gegeben hat.

Markus Hirte/Charlotte Kätzel

Markus Hirte

Ich heiße Dr. Markus Hirte. Geboren wurde ich 1977 in Weimar. Ich habe Rechtswissenschaft studiert und wurde an der Friedrich-Schiller-Universität Jena zum Dr. iur. promoviert. Meinen Abschluss zum Magister Legum bestritt ich an der Fernuniversität Hagen. Ein Studienaufenthalt führte mich auch an die Cambridge University nach England. Knapp sieben Jahre arbeitete ich als Rechtsanwalt in Stuttgart, Berlin und London. Mein Herz schlug jedoch immer schon vor allem auch für die Strafrechtsgeschichte, meine Publikationsliste wurde länger und länger. Seit 2013 bin ich nun geschäftsführender Direktor des Mittelalterlichen Kriminalmuseums in Rothenburg und kann mich noch intensiver der Historie widmen. Meine Forschungs- und Interessenschwerpunkte: ältere und neuere Strafrechtsgeschichte, insbesondere mittelalterliches Kirchenstrafrecht, Inquisitionsverfahren, Hexenverfolgungen und die Entwicklung der Todesstrafe. http://www.kriminalmuseum.rothenburg.de/

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