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Gebete der Stille in der Franziskanerkirche in Rothenburg ob der Tauber

Die Franziskanerkirche in Rothenburg ob der Tauber

Franziskanerkirche in der Herngasse

Meine Lieblingskirche in Rothenburg ob der Tauber ist die Fanziskanerkirche. Ganz unscheinbar, wie eine franziskanische Kirche eben sein sollte, schmiegt sie sich an die Herrngasse. Ehrenamtliche Kirchenöffner halten sie dankenswerterweise vormittags und nachmittags für jeweils zwei Stunden offen. Flaneure, die vom geschäftigen Marktplatz kommen, bemerken erst im letzten Augenblick, dass die enge Pforte der Kirche offen steht und wagen einen neugierigen Schritt ins Innere. Die Stille der Kirche umhüllt die Eintretenden und neugierig blicken sie  umher: Schon viele Menschen sind über den rauen Sandstein im Inneren gelaufen, ihre Schuhe haben die Stufen abgewetzt und ausgewellt. Das verleiht der Kirche einen besonderen Charme.

Der Lettner der Franziskanerkirche

Hauptschiff der Franziskanerkirchee

Hauptschiff der Franziskanerkirche

Als eine der wenigen Kirchen besitzt diese (heute evangelische) Kirche noch einen Lettner, eine ungewöhnliche Trennwand, die quer durchs Kirchenschiff verläuft. Von dort oben lasen einst die Barfüßer-Mönche die Worte der Heiligen Schrift, schmetterten Bußrufe auf die versammelte Christenschar, präsentierten an Festtagen Reliquien oder zeigten die Rothenburger Passionsbilder des Malermönchs Martin Schwarz. (Diese befinden sich heute in einem der Säle des Reichsstadtmuseums). Unter der Lettnerwand sieht man fünf Spitzbögen. Fast alle Altartische sind leer und ohne Bilder. Acht Altäre soll diese Kirche einmal besessen haben, nur noch einer ist vorhanden.

Die Gebetsecke

Altar in der Franziskanerkirche

Altar in der Franziskanerkirche

Ganz rechts hinten brennen zwei Kerzen auf dem steinernen Altar. Davor ein grünes Seidentuch auf einem rauen Teppich, übersät von Zetteln. Ich komme näher. Auf den Zetteln kann man die Gebete lesen, die Besucher hier gelassen haben. In der Stille des Gotteshauses haben sie die richtigen Worte gefunden, um bei Gott abzuladen, was sie auf dem Herzen haben. Denn dazu wird man durch ein Schild ja auch aufgefordert:

„Hier ist ein Ort zum Schweigen und Beten.

Wenn Sie angeschlagen sind oder jubeln möchten,

wenn Sie eine Klagemauer suchen oder Mitbeter,

wenn Sie einfach nur wollen,

dass Ihr Gebet eine Zeit lang in Gottes Haus bleibt –

Schreiben Sie es auf,

nehmen Sie ein anderes Gebet mit

und machen es zu Ihrem Gebet.“

 

Wer weiß, wieviele schon hier ihren Hoffnungen und Wünschen Ausdruck verliehen haben? Wer weiß, wieviele Gebete dieser anonymen Tauschbörse schon mitgenommen und weitergebetet wurden?

Gebete in der Stille

Gebetsecke in der Franziskanerkirche

Gebetsecke in der Franziskanerkirche

Ich bücke mich und schaue mir einige Zettel an. Gebete in vielen Sprachen sind da zu sehen. Deshalb verstehe ich auch manche nicht – aber ich bin mir sicher, sie kommen dort an, wo sie ankommen sollen. Einige Beter sind einfach nur dankbar:

„Lieber Gott, wir danken Dir. Wir haben 12 tolle Tage verbracht in einer wunderschönen Gegend. Hilf uns, dass wir K. u. M. und unsere Familie viele viele Jahre genießen können bei bester Gesundheit!!“

Und manches sind  Stoßgebete:

„Herr, befreie mich von meinen Schmerzen. M.J.“

 

Besonders häufig finde ich Gebete für die Familie und für die Gesundheit von Verwandten oder Freunden:

„Ich hoffe, dass mein Gebet eine Zeit lang in Gottes Haus bleibt, und meine Familie und meine Nachbarin gesund wird und bleibt! Danke! C.E.“

Auch die Verletzlichkeit des Lebens klingt an:

„Gebe Gott, dass wir immer eine glückliche Familie bleiben und dass wir uns noch lange haben. Danke – lieber Gott.“

*

Ich zünde noch eine Gebetskerze am Leuchter an und bitte Gott, dass er all diese Gebete dieser Menschen höre. Dann gehe ich durch den Mittelgang wieder hinaus auf die Straße. Sonnenschein empfängt mich. Mein Gebet lasse ich hier. Die Ruhe der Kirche nehme ich im Herzen mit.

Oliver Gußmann

 

Hinweis: Die Franziskanerkirche in der Herrngasse ist in der Regel geöffnet von 10–12 und von 14–16 Uhr. Am Sonntag nur nachmittags. Im Sommer gibt es  in  der Franziskanerkirche viele Chorkonzerte, auf die ein Internet-Kalender hinweist. Am Samstag um 18 Uhr stimmt eine Andacht in den Abend ein. Die Kirche ist besuchenswert wegen der Riemenschneider-Altäre, wegen der modernen Glasfenstern zum Sonnengesang des Franz von Assisi und wegen  des Lettners.

Oliver Gußmann

In Rothenburg bin ich Touristen- und Pilgerpfarrer an St. Jakob. Das ist die große, an Kunstschätzen reiche evangelische Kirche mit den Doppeltürmen mitten in Rothenburg! Meine Aufgabe ist es, die Kirchen Rothenburgs Gästen und Touristen aus der ganzen Welt bekannt zu machen. Die zahlreichen Gotteshäuser des gotischen Rothenburgs erzählen mit Bildern und Symbolen vom Glauben, der Liebe und der Hoffnung unserer Vorfahren; sie berichten vom Sterben und Auferstehen, von Hingabe und Erlösung. Bei meiner Arbeit hilft mir ein Kirchenführer-Team. Außerdem traue ich Hochzeitspaare, mache Nachtkirchenführungen und vieles mehr. Gerne führe ich durch das jüdische Rothenburg oder biete für Kinder und Jugendliche kirchenpädagogische Führungen an. Für die Jakobuswege, von denen sich einige in Rothenburg kreuzen, bin ich der Ansprechpartner. Mir liegt eine gesunde Umwelt am Herzen. Darum fahre ich ein "Velomobil" - eine Mischung zwischen Seifenkiste und Rennauto. Wenn Sie so etwas in Rothenburg stehen sehen, bin ich sicher nicht weit entfernt! Mehr über meine Arbeit: www.rothenburgtauber-evangelisch.de/tourismus

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Rothenburg ob der Tauber – Staatsbesuch bei Asylantenfamilie

Rothenburg ob der Tauber – die Weihnachtsstadt

Rothenburger Reiterlesmarkt

Rothenburger Reiterlesmarkt

Unsere Stadt ganz im Westen Bayerns gilt als eine der besonders schönen Weihnachts-Städte in Deutschland. Der Weihnachtsmarkt, auch „Reiterlesmarkt“ genannt, ist nicht nur ein Anziehungspunkt  für Gäste aus aller Welt, sondern auch eine gute Möglichkeit, die Rothenburger selbst kennenzulernen, die bei einem Becher Glühwein gerne über Gott und die Welt ins Gespräch kommen. Wegen des Weihnachtsmuseums und der Weihnachtsgeschäfte von Käthe Wohlfahrt, die das ganze Jahr über geöffnet sind, ist Rothenburg wohl für viele Menschen die Weihnachts-Stadt schlechthin. Zu sehen und zu kaufen gibt es allerorten Nussknacker und Christbaumschmuck, Laternen und Bratwürste – alles schöne Dinge. Mir persönlich scheint es aber oft so zu sein, als ob der ganze Rummel um Advent und Weihnachten den Blick auf die ursprüngliche Botschaft verstellt!

 

Der Weihnachts-Altar von Friedrich Herlin

Zwölf-Boten-Altar 1466

Zwölf-Boten-Altar 1466

Ganz anders empfinde ich es, wenn ich vor dem gotischen Hochaltar in der St.-Jakobs-Kirche stehe – das ist die doppeltürmige gotische Basilika mitten in der Stadt Rothenburg ob der Tauber. Auf den sichtbaren Altarflügeln besitzt der Altar sechs farbige gotische Tafelbilder mit biblischen Weihnachtsmotiven. Gemalt hat diese Bilder der aus Rothenburg ob der Tauber stammende Maler Friedrich Herlin (14.30–ca. 1500), ein Schüler des berühmten Rogier van der Weyden. Eines dieser Bilder besitzt für mich an diesem Weihnachtsfest eine besondere Ausstrahlungskraft: Es ist das Bild von den Heiligen Drei Königen, wie sie kommen und das Jesuskind verehren. Man sieht es am rechten Altarflügel links oben.

Die Drei Weisen aus dem Morgenland

Die Heiligen Drei Könige

Die Heiligen Drei Könige

Auf goldenem Hintergrund zeichnet sich die Silhouette eines offenen Stalles ab. Maria, die Mutter Jesu, sitzt davor in einem nachtblauen Gewand wie auf einem Thron. Josef, der irdische Vater Jesu, blickt von hinten über ihre Schulter, die Hände erhebt er gerade zum Gebet. Auf ihrem Schoß hält Maria den Jesusknaben, der für sein Säuglingsalter schon sehr erwachsen aussieht. Er wendet sich ganz dem ältesten König zu und reicht ihm die kleine Hand. Dieser König hat sein goldenes Gefäß abgestellt, den edlen Hut vom Haupt genommen, ist in die Knie gegangen – und Jesus legt seine kleine Hand in die große Hand des Königs. Beide blicken sich tief in die Augen, der alte König und das Jesuskind. Eine anrührende Szene, in der für einen Moment die Zeit vollkommen still stehen zu scheint! Genau diesen kleinen Augenblick einer gegenseitigen tiefen Wahrnehmung hat Friedrich Herlin in seinem Bild festgehalten. Ein Blick, der gegenseitige Verbundenheit und Liebe aussendet, Achtung vor der Weisheit des alten Königs und Achtung vor der Würde des Jesuskindes. Dabei scheinen sich noch mehrere Blickwechsel unsichtbar in der Mitte zu kreuzen: Maria blickt zu dem König. Josef blickt zum Jesuskind. Das Jesuskind und der König blicken sich gegenseitig an.

Blicke kreuzen sich

Blicke kreuzen sich

Etwas zur linken Seite stehen die anderen beiden Könige, die auch von weither gekommen sind, um dem neugeborenen König ihre Ehre zu erweisen. Die Könige bringen etwas mit von ihrem Vermögen, sie teilen es: Gold, Weihrauch und Myrrhe, was wohl heißen mag, sie geben als Begrüßungsgeschenke Vermögen, Verehrung und Gesundheit. Seit Beda Venerabilis (um 700 n. Chr.) hat man die Drei Könige gerne so gemalt, dass sie nicht etwa aus dem Osten kommen, aus dem Orient, sondern aus den drei damals bekannten Kontinenten. Dahinter steht der Gedanke der Verbreitung des Glaubens über die ganze Welt: „Die Heiden werden zu deinem Lichte ziehen und die Könige zum Glanz, der über dir aufgeht …“ (Jesaja 60,3). Außerdem repräsentieren sie drei verschiedene Lebensalter. Und man hat ihnen Namen gegeben: Der junge König Caspar mit dunkler Hautfarbe kommt aus Afrika. Balthasar, im besten Mannesalter, im grünen Gewand und mit Turban, vertritt Asien. Der Älteste, der vor dem Kinde kniet, ist Melchior. Er steht für den Kontinent Europa.

König Balthasar mit Turban

König Balthasar mit Turban

Eigentlich ist erst am 6. Januar, „ihr Tag“. Der Tag der Weisen aus dem Morgenland am Epiphaniasfest: In der Bibel sind die Weisen Astrologen aus der Gegend des heutigen Iran und Irak, die aus Sternbildern politische Machtveränderungen herauslesen. Doch sie gehören untrennbar zur Weihnachtsgeschichte im Matthäusevangelium 2,1–12 hinzu und sie besitzen in diesem Jahr 2015 eine ungeahnte Aktualität: In einem zugigen Stall, in dem die schwangere Maria und Josef Asyl erhalten haben, wird das Flüchtlingskind Jesus geboren. Fern von der Heimat. Die Könige und Weisen der heutigen Zeit, die Ministerpräsidenten und Universitätspräsidenten, machen ihm ihre Aufwartung, ja, knien vor ihm, dem Heiland der Welt in der Flüchtlingsunterkunft. Einer der drei Könige der Gegenwart ist für mich Mark Zuckerberg, ein König des Kapitals zwar und Atheist, aber ein Philanthrop, wenn er nach amerikanischer Wohltätigkeitstradition sogar 99 Prozent seines Vermögens Bildungs- und Gesundheitsinitiativen zukommen lässt. Anlässlich der Geburt seiner Tochter – warum nicht? Mich überrascht freilich der Neid darüber, der sich in vielen Kommentaren in unseren Zeitungen niederschlägt.

Mark Zuckerberg

Mark Zuckerberg

 

Rothenburg ob der Tauber an Weihnachten

St.-Jakobs-Kirche im Schnee

St.-Jakobs-Kirche im Schnee

Das Christfest am 25. Dezember steht unmittelbar bevor. Viele Besucherinnen und Besucher verbinden Weihnachten mit einem Kurzurlaub in Rothenburg ob der Tauber, um einige Tage hier in unserer schönen alten Stadt zu verbringen. Die St.-Jakobs-Kirche lädt zu einem Besuch ein. (Im Dezember ist das möglich von 10–16.45 Uhr, danach von 10–12 und von 14–16 Uhr). Man kann in diesen Tagen dort das Weihnachtsevangelium hören oder bei einem Spaziergang den Krippenweg erleben. Der von Pfarrer Dersch geführte Krippenweg beginnt jeweils um 14 Uhr an St. Wolfgang (Klingentor) am 26.12.2015, 1.1., 3.1. und 6.1.2016. Zu den evangelischen und katholischen Gottesdiensten können alle kommen, egal, ob man glaubt oder nicht glaubt, und egal, welcher Konfession oder Religion man angehört. Auch wenn man nur Zaungast sein möchte. Die Kerzen am Heiligen Abend (24. Dezember um 15, 17 und 22 Uhr) werden in allen Kirchen durch das Friedenslicht von Bethlehem entzündet, das vom Heiligen Land bis zu uns gebracht worden ist und das man auch bei einem spontanen Besuch bei einem Nachbarn oder einer Verwandten weiterschenken und miteinander teilen kann. Vielleicht begegnen sich dann die Blicke  so respektvoll und so tief wie sie auf dem Dreikönigsbild von Friedrich Herlin ihren Ursprung haben.

Ein gesegnetes Christfest!

Oliver Gußmann, Touristenpfarrer an St. Jakob

 

Oliver Gußmann

In Rothenburg bin ich Touristen- und Pilgerpfarrer an St. Jakob. Das ist die große, an Kunstschätzen reiche evangelische Kirche mit den Doppeltürmen mitten in Rothenburg! Meine Aufgabe ist es, die Kirchen Rothenburgs Gästen und Touristen aus der ganzen Welt bekannt zu machen. Die zahlreichen Gotteshäuser des gotischen Rothenburgs erzählen mit Bildern und Symbolen vom Glauben, der Liebe und der Hoffnung unserer Vorfahren; sie berichten vom Sterben und Auferstehen, von Hingabe und Erlösung. Bei meiner Arbeit hilft mir ein Kirchenführer-Team. Außerdem traue ich Hochzeitspaare, mache Nachtkirchenführungen und vieles mehr. Gerne führe ich durch das jüdische Rothenburg oder biete für Kinder und Jugendliche kirchenpädagogische Führungen an. Für die Jakobuswege, von denen sich einige in Rothenburg kreuzen, bin ich der Ansprechpartner. Mir liegt eine gesunde Umwelt am Herzen. Darum fahre ich ein "Velomobil" - eine Mischung zwischen Seifenkiste und Rennauto. Wenn Sie so etwas in Rothenburg stehen sehen, bin ich sicher nicht weit entfernt! Mehr über meine Arbeit: www.rothenburgtauber-evangelisch.de/tourismus

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Le’Chajim 2015 – Woche jüdischer Kultur in Rothenburg ob der Tauber

Rabbi Meir Ben Baruch

18.-25. Oktober 2015: Fünfte Woche jüdischer Kultur

„Le Chajim!“ So sagt man in Israel, wenn man ein Glas Wein erhebt und einander zuprostet. „Le Chajim“ bedeutet wörtlich übersetzt „auf das Leben!“ Der Vorbereitungskreis, dem ich auch angehöre, fand, es sollten nicht nur die schlimmen Dinge wie der Holocaust in der Woche eine Rolle spielen, sondern wir wollen in dieser Woche gerade die frohen Seiten des jüdischen Lebens hervorheben und damit ein Zeichen gegen Rassismus setzen und für einen lebendigen Austausch mit der Vielfalt unter den Menschen eintreten. Wie in jedem Jahr gibt es bei dieser Woche auch diesmal zu hören, zu sehen, zu fühlen und manchmal auch zu schmecken. Das einzige Problem war für uns nur: Es leben in Rothenburg keine Juden mehr Tür an Tür mit uns. Deshalb ist es  gar nicht so einfach, eine lebendige Begegnung zu pflegen. Oft gibt es deshalb Vereine wie den Verein Begegnung Christen und Juden e.V. oder die Gesellschaft für christlich-jüdische Zusammenarbeit in Franken e.V., die  Raum und Gelegenheiten für die Begegnung mit Juden schaffen. Die jüdische Gemeinde ist mit ihrer Vertreibung am 22. Oktober 1938 untergegangen. Seitdem haben wir in Rothenburg eine „steinerne Situation“, die allenfalls daran erinnert, dass auch hier einmal Juden lebten. Angefangen hatte dann die Woche jüdischer Kultur mit einer Führung durch das jüdische Rothenburg an einem 22. Oktober, an dem man der Vertriebenen gedachte. Dann wurde dieser Tag immer weiter bis zu einer regelrechten Kulturwoche ausgebaut, die aktuelle Fragen in den Mittelpunkt rückt und besonders die fröhliche Seite der jüdischen Religion – le Chajim!

Rabbi Meir von Rothenburg ob der Tauber

Rothenburg ob der Tauber kann ja auf eine langjährige Jüdische Geschichte zurückblicken. In diesem Jahr hat die Kulturwoche einen kleinen Themenschwerpunkt mit dem weltberühmten Rabbi Meir ben Baruch von Rothenburg. In einem früheren Blog habe ich schon mal über ihn geschrieben. Er ist  vor etwa 800 Jahren, im Jahr 1215, geboren und so mag diese Woche auch etwas wie eine Geburtstagsfeier für den ehrwürdigen Gelehrten werden! Der Talmud-Lehrer ist weit über die Grenzen Deutschlands hinaus bekannt und durch ihn erlebte Rothenburg in der Mitte des 13. Jahrhunderts eine Hochblüte jüdischer Kultur.

Maharam: Unser Lehrer Rabbi Meir

Maharam: Unser Lehrer Rabbi Meir

Das Organisationsteam der jüdischen Kulturwoche ist: Oliver Gußmann (Touristenpfarrer an St. Jakob), Johanna Kätzel (Kulturbeauftragte der Stadt Rothenburg), Maria Rummel (pädagogische Mitarbeiterin im Evangelischen Bildungswerk) und Brigitte Wagner (Rektorin der Montessori-Schule Rothenburg/Neusitz). Wir haben für dieses Jahr wieder ein vielfältiges Programm ausgearbeitet, mit Filmen, Vorträgen, einem Konzert mit jiddischen Liedern, einer Führung über den Neuen Jüdischen Friedhof sowie einer ganztägigen Exkursion „Auf den Spuren des Rabbi Meir ben Baruch“ nach Worms und Speyer. Diese Exkursion 24. Oktober wird wohl eines der Highlights werden und man melde sich eilends an unter: Tel. 09861-700620.

Gräber von Rabbi Meir und Alexander ben Salomo in Worms

Gräber von Rabbi Meir und Alexander ben Salomo in Worms

Programm der Jüdischen Kulturwoche 2015:

So sieht das Programm im Einzelnen aus:

Sonntag, 18.10.2015, 11:00 Uhr: „Mit einem Köfferchen. Nicht mehr.“ Film der Dokumentarfilmgruppe Rothenburg über die Rothenburger Zeitzeugin Carola Oberndörfer. Im Forum Rothenburg Filmpalast.

Montag, 19.10.2015, 19:30 Uhr „Messianische Juden: Christen oder Juden oder beides?“ Vortrag von Hanna Rucks über Juden, die an Jesus glauben bzw. Christen, die als Juden leben. Ort: Jakobsschulhaus, Gemeindesaal, Kirchplatz 13.

Dienstag, 20.10.2015, 19:30 Uhr „Anderswo“. Film, Eine deutsch-israelische Tragikomödie von Esther Amrami, im Musiksaal Rothenburg. (Ich habe mich schon beim Ansehen des Trailers gebogen vor Lachen!)

Film: Anderswo

Film: Anderswo

Mittwoch, 21.10.2015, 19:30 Uhr „Rabbi Meir ben Baruch von Rothenburg“. Vortrag von Prof. Dr. Eva Haverkamp über den berühmten Rothenburger Gelehrten im Gasthof Rappen, Rappensaal. (Vorm Würzburger Tor)

Donnerstag, 22.10.2015, 16:30 Uhr: „Der Neue jüdische Friedhof an der Wiesenstraße“. Führung zu der wechselvollen Geschichte des Friedhofes mit einer Einführung zu jüdischen Trauerbräuchen. Mit Pfarrer Dr. Oliver Gußmann. Treffpunkt: Ecke Wiesenstraße/Würzburger Straße (Männer bitte eine Kopfbedeckung mitnehmen!)

Freitag, 23.10.2015, 20:00 Uhr „Valeriya Shishkova & di Vanderer“: Konzert mit jiddischen Liedern und Klezmer im Musiksaal, Kirchplatz. (Eintritt: 8 €)

Valerija Shishkova

Valerija Shishkova und di Vanderer

Samstag, 24.10.2015, 7:30–ca.19:00 Uhr: „Auf den Spuren des Rabbi Meir ben Baruch“, ganztägige Exkursion nach Worms (Geburts- und Begräbnisort von Rabbi Meir) und Speyer (monumentale Mikwe). Treffpunkt: Busbahnhof Rothenburg.

Sonntag, 25.10.2015, 19:30 Uhr „Majem ist Wasser, Jajem ist Wein“. Dokumentarfilm über die Geheimsprache Lachoudisch im Musiksaal (Eintritt gegen Spende)

Eine Möglichkeit zum Download des Info-Faltblattes gibt es hier.

Was man sonst noch wissen sollte oder könnte:

Wer jetzt auf den Geschmack gekommen ist, und mehr wissen möchte,

  • dort ein Heft „Das Jüdische Rothenburg. Ein Rundgang“ erwerben (oder sich den Text, ohne Fotos, hier ansehen.)
  • An wesentlichen  Stellen sind auch sechs Info-Tafeln an Häuserwänden angebracht, am Kapellenplatz, im Rabbi Meir Gärtchen, am Schrannenplatz, in der Judengasse, im Burggarten und am früheren Jüdischen Betsaal.
  • Auf keinen Fall sollte man einen Besuch im Reichsstadt-Museum mit seiner Judaica-Abteilung versäumen!
  • Rothenburger Schülerinnen und Schüler der Oskar-von-Miller-Realschule haben eine Web-App als Rundgang durchs mittelalterliche jüdische Rothenburg vorbereitet! Hier ist die PC-Version: www.judengemeinde.de

Oliver Gußmann

In Rothenburg bin ich Touristen- und Pilgerpfarrer an St. Jakob. Das ist die große, an Kunstschätzen reiche evangelische Kirche mit den Doppeltürmen mitten in Rothenburg! Meine Aufgabe ist es, die Kirchen Rothenburgs Gästen und Touristen aus der ganzen Welt bekannt zu machen. Die zahlreichen Gotteshäuser des gotischen Rothenburgs erzählen mit Bildern und Symbolen vom Glauben, der Liebe und der Hoffnung unserer Vorfahren; sie berichten vom Sterben und Auferstehen, von Hingabe und Erlösung. Bei meiner Arbeit hilft mir ein Kirchenführer-Team. Außerdem traue ich Hochzeitspaare, mache Nachtkirchenführungen und vieles mehr. Gerne führe ich durch das jüdische Rothenburg oder biete für Kinder und Jugendliche kirchenpädagogische Führungen an. Für die Jakobuswege, von denen sich einige in Rothenburg kreuzen, bin ich der Ansprechpartner. Mir liegt eine gesunde Umwelt am Herzen. Darum fahre ich ein "Velomobil" - eine Mischung zwischen Seifenkiste und Rennauto. Wenn Sie so etwas in Rothenburg stehen sehen, bin ich sicher nicht weit entfernt! Mehr über meine Arbeit: www.rothenburgtauber-evangelisch.de/tourismus

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Glasfenster zum Sonnengesang des Franz von Assisi in der Franziskanerkirche von Rothenburg ob der Tauber

Franziskanerkirche in der Herngasse

Franziskanerkirche in der Herngasse

Unter allen Kirchen in Rothenburg ob der Tauber hat es mir die Franziskanerkirche besonders angetan. Sie liegt zwischen Marktplatz und Burgtor unscheinbar am Rande der Herrngasse, abseits von allem Trubel. Früher einmal lag in einem Garten am Rand der südwestlichen Stadtmauer das Kloster der Franziskanermönche. Nur ihre Kirche ist noch da. Eine der ältesten Kirchen der mittelalterlichen Stadt. Über siebenhundert Jahre alt. Vormittags atmet die Kirche Stille und Ruhe. Wenn ich über die alten Steinplatten den Mittelgang entlang gehe, muss ich oft daran denken, wieviele Leute schon vor mir darüber gelaufen sind oder hier gekniet haben. An einem Leuchter darf ich eine Kerze entzünden und dabei fest an jemanden denken. Gebete liegen aus, mit denen ich meine Gedanken in Gebetsworte fassen kann, Gedanken, die ich vielleicht niemandem außer Gott anvertrauen würde.

Hauptschiff der Franziskanerkirchee

Hauptschiff der Franziskanerkirchee

Die Franziskanerkirche von Rothenburg – ein Ort der Stille

An fast jedem zweiten Nachmittag im Juni und Juli um 16 Uhr singen in dieser Kirche Jugendliche Chormusik aus den USA. Sie verstehen es, die Zuhörer durch ihre Stimmen zu begeistern. Gegen Abend – längst ist schon die schmale Tür ins ehrwürdige Schloss gefallen – da betritt noch einmal die untergehende Sonne durch das Westfenster die Kirche und malt mit ihren hellen Fingern eine stille Botschaft an die Wände. Oder beleuchtet wie ein kleiner Scheinwerfer die Marienfigur, als wollte sie mich auffordern, ihr zuzuhören.

Der Engel am Fuß des Lettnerkreuzes

Der Engel am Fuß des Lettnerkreuzes

Dann geht die Sonne weiter und taucht den Engel am Lettner in ein mystisches Licht. Die Sonne kommt abends von Westen und grüßt die Sonne in den Glasfenstern genau gegenüber. Im Ostchor der Kirche steht ein Altar des berühmten Bildschnitzers Tilman Riemenschneider: Franz von Assisi ist da zu sehen, wie er die Hände zum Himmel emporhebt; und auf seinem Gesicht scheint sich die Vision zu spiegeln, bei der er den Himmel offen sieht.

Riemenschneiders Franz von Assisi

Riemenschneiders Franz von Assisi

Franz von Assisi kennen wir durch seinen Lobgesang der Schöpfung, den Sonnengesang. Populär geworden ist dieser Hymnus durch das Lied „Laudato si, o mi Signore, laudato si“.

Moderne Glasfenster in der Franziskanerkirche

In den letzten beiden Jahrzehnten hat nun der Glaskünstler Professor Johannes Schreiter einen Zyklus von elf modernen Glasfenstern zum Sonnengesang umgesetzt. Die letzten Fenster wurden erst vor wenigen Monaten eingesetzt und enthüllt. Diese Fenster erschließen sich mir nicht sofort, sie sind sozusagen slowview für die Augen. Manchmal sitze ich nur da und schaue zu ihnen hinauf. Und plötzlich entdecke ich wieder etwas, was ich zuvor noch nie gesehen habe!

In allen Fenstern sind auffallende Quadrate zu sehen: Jedes unregelmäßige Viereck steht für die Gemeinschaft der Heiligen, die mit weißen Gewändern bekleidet sind und Gott ein Loblied singen. Individualität, Kantigkeiten und Verletztheiten werden dabei nicht ausgeblendet, kein Viereck gleicht nämlich dem anderen. Die vielen Vierecke ergeben einen singenden Chor, der sein Lied empor zu Gott schickt.

Über dem Bereich des irdischen Wolkenhimmels, im Maßwerk der Fenster ganz oben, ist nur goldgelbes Licht. Dort beginnt der göttliche Himmel. Dort kehrt Ruhe ein: Der goldene Dreipass oder das goldene Herz scheint wie Gott Licht und Wärme auszustrahlen, obwohl auch dieser Bereich von den dunklen Wolken Notiz nimmt. Denn Gott ist kein Leid der Menschen fremd.

Am besten, man sieht die Fenster im Original, weil kein Foto den Gesamteindruck richtig wiedergeben kann, und keine Erklärung das trifft, was jemand anderes sich im Schauen denkt.

Der für mich beste Zugang zu den Fenstern ist, den Text des Sonnengesangs zu lesen und dann das Entsprechende in den Fenstern wiederzufinden.

Die neuen Glasfenster

Die neuen Fenster an der Nordwand

Die neuen Fenster an der Nordwand

Die vier Glasfenster auf der Nordseite (der linken Seite) sind neu:

Im ersten Fenster links verläuft eine weiße Farbbahn von oben nach unten. Im weißen Licht sind orange, blaue und ockerfarbene Elemente enthalten. Diese Farben deuten die Vielfalt und die Buntheit der Blüten an: “Gelobt seist Du, mein Herr, durch unsere Mutter Erde, die uns versorgt und ernährt und vielerlei Früchte hervorbringt und bunte Blumen und Kräuter.”

Im zweiten Fenster fallen drei Feuerflammen auf, die aus kerzenförmigen, U-förmigen Winkeln nach oben strahlen. Es ist ein kleiner Chor mit Feuer und Flamme. Von oben kommt ihm ein goldenes Tuch entgegen, wobei Gold für den Bereich Gottes steht und die olivgrüne Farbe für den irdischen Bereich.

Das dritte Fenster enthält eine große weiße U-Form, die wie ein Becken nach oben hin geöffnet ist. Der olivfarbene Farbton geht in ein Grauschwarz über, das unten zerrissen und zerborsten erscheint. Alle unsere Not, Zerwürfnisse und  Spaltungen werden von dieser großen weißen Hand aufgefangen.

Das vierte Fenster scheint so etwas wie den Grundaufbau der Fenster zu zeigen: Ganz viele weiße Quadrate sind da zu sehen. Manche sind mit Goldfarbe gefüllt, vielleicht sind es die im Himmel Erlösten. Ganz oben ist eine einzelne Feuerzunge zu sehen: das Lob eines einzelnen Beters, der für alle anderen seine Stimme erhebt und singt, während alle in Stille lauschen.

Ostchorfenster Franziskanerkirche

Ostchorfenster Franziskanerkirche

Die fünf älteren Mittelfenster im Ostchor (nicht alle sind in hier in diesem Blog abgebildet) entsprechen den Elementen der Schöpfung: Bruder Feuer, Bruder Wind, Schwester Sonne und Bruder Tod, Schwester Wasser, Mutter Erde.

Und dann sind da noch auf der rechten Seite zwei kleine Fenster: ein Blitz, der vom Himmel fährt und damit das von Gott geschaffene Klima andeutet, und im letzten Fenster die stimmgabelförmige Hand Gottes, die aus dem Himmel kommt und uns begleitet.

Johannes Schreiter

Der Künstler Professor Johannes Schreiter (geb. 1930) aus Langen bei Darmstadt hat diese Fenster entworfen. Ausgeführt wurden die Glasarbeiten von der Firma Derix, Taunusstein.

Die erdigen Farbtöne der Fenster nehmen die Schlichtheit des Kirchenraumes auf – rote oder blaue Fenster hätten den Raum in ein ganz unnatürliches Licht getaucht. Die Bildformen sind klar und strahlen Ruhe aus.

Johannes Schreiter hat seinen neuen Fenstern den Werktitel “S.D.G. 3/2010/F” gegeben. Vielleicht liege ich richtig, wenn ich diese Buchstaben-Zahlen-Kombination so deute: „Soli Deo Gloria (allein  Gott sei die Ehre gegeben). Im März 2010 wurden diese Fenster für die Franziskanerkirche entworfen.“

Am besten ist es, wie gesagt, die Fenster mit eigenen Augen anzusehen. Viel Freude daran!

Was man sonst noch wissen könnte…

Die Franziskanerkirche (erbaut 1256–1309 als Kirche zur glückseligen Jungfrau Maria) lädt täglich zum Besuch ein von 10–12 und von 14–16 Uhr. Von Januar bis März ist die Kirche nur zu Gottesdiensten geöffnet. Sie wird von der evangelisch-lutherischen Kirchengemeinde St. Jakob betreut. Samstag abends um 18 Uhr gibt es in der Franziskanerkirche Andachten und Orgelkonzerte. Die Kirche gehört zu dem neuen System von Radwegekirchen, die es auch entlang der Radwege in Franken gibt. Rothenburg ist übrigens ein Knotenpunkt schöner Radwege.

Sehenswert in der Kirche sind die modernen Glasfenster (1995–2015), der Franziskusaltar von Tilman Riemenschneider (1490) und der Lettner (ca. 1309).

Westgiebel Franziskanerkirche

Westgiebel Franziskanerkirche

Oliver Gußmann

In Rothenburg bin ich Touristen- und Pilgerpfarrer an St. Jakob. Das ist die große, an Kunstschätzen reiche evangelische Kirche mit den Doppeltürmen mitten in Rothenburg! Meine Aufgabe ist es, die Kirchen Rothenburgs Gästen und Touristen aus der ganzen Welt bekannt zu machen. Die zahlreichen Gotteshäuser des gotischen Rothenburgs erzählen mit Bildern und Symbolen vom Glauben, der Liebe und der Hoffnung unserer Vorfahren; sie berichten vom Sterben und Auferstehen, von Hingabe und Erlösung. Bei meiner Arbeit hilft mir ein Kirchenführer-Team. Außerdem traue ich Hochzeitspaare, mache Nachtkirchenführungen und vieles mehr. Gerne führe ich durch das jüdische Rothenburg oder biete für Kinder und Jugendliche kirchenpädagogische Führungen an. Für die Jakobuswege, von denen sich einige in Rothenburg kreuzen, bin ich der Ansprechpartner. Mir liegt eine gesunde Umwelt am Herzen. Darum fahre ich ein "Velomobil" - eine Mischung zwischen Seifenkiste und Rennauto. Wenn Sie so etwas in Rothenburg stehen sehen, bin ich sicher nicht weit entfernt! Mehr über meine Arbeit: www.rothenburgtauber-evangelisch.de/tourismus

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Superstar Rabbi Meir ben Baruch von Rothenburg

Der „Maharam“ feiert 2015 seinen 800-jährigen Geburtstag!

Gäbe es in Rothenburg einen walk of fame berühmter Persönlichkeiten, dann würde meiner Meinung nach Rabbi Meir ben Baruch von Rothenburg sicherlich als Erster einen Stern dort verdienen. Sein Biograph Samuel Bäck schrieb: „Er ist der glänzendste Stern, der am Himmel der jüdischen Literatur in Deutschland aufgegangen ist und in finsterer Zeit helles Licht in die Hallen der jüdischen Lehrhäuser Deutschlands und weit darüber hinaus ausgestrahlt hat.“ Rabbi Meir wurde um das Jahr 1215 in Worms geboren. 800 Jahre ist das nun schon her. Nicht einmal das ganz genaue Datum kennt man. Deshalb könnten die Rothenburger ihn ein ganzes Jahr lang feiern – wenn sie wollten.

Gedenktafel Rabbi Meir am Kapellenplatz

Gedenktafel Rabbi Meir am Kapellenplatz

Rabbi Meirs Synagoge und Hochschule in Rothenburg ob der Tauber

Etwa vierzig Jahre, in den Jahren 1246 bis 1286, hat Rabbi Meir in Rothenburg gelebt. Gehen wir vom Marktplatz das Lammwirtsgässchen hinauf Richtung Osten, so gelangen wir schon nach ein paar Metern auf den Kapellenplatz. Vor dem Seelbrunnen erhob sich früher eine drei Stockwerke hohe romanische Synagoge.

Marienkapelle am Kapellenplatz

Marienkapelle am Kapellenplatz

Vielleicht war Rabbi Meir sogar selbst an der Planung des Gebäudes beteiligt. Es war etwa dreizehn Meter lang und zehn Meter breit. Später, im Jahr 1404, wurde die Synagoge in eine Marienkapelle umgewandelt, darum trägt der Platz heute noch den Namen „Kapellenplatz“. Eine Zeichnung von der Synagoge existiert nicht, aber von der Kapelle, in der sie aufgegangen ist. 1804 wurde die Kapelle jedoch abgerissen. All die Überreste, die aus Rabbi Meirs Zeiten noch auffindbar wären, liegen heute verborgen unter der Pflasterdecke oder in den alten Kellern unter den Häusern des Kapellenplatzes. Am Karsamstag 1945, also vor genau 70 Jahren, wurde dieser Teil der Stadt bei einem Fliegerbombenangriff in Schutt und Asche gelegt. Führte man heute am Kapellenplatz eine Ausgrabung durch, so würde man sicherlich auf die Fundamente von Rabbi Meirs Synagoge stoßen. Unweit des Kapellenplatzes liegt das so genannte Rabbi-Meir-Gärtchen, in dessen Mauer jüdische Grabsteine aus der Zeit Rabbi Meirs eingelassen sind.

Kriegszerstörungen am Kapellenplatz

Kriegszerstörungen am Kapellenplatz

Ganz in der Nähe der Synagoge stand wohl auch das Schulhaus des Rabbi Meir, mit über 21 Studenten-Zimmern. In dieser Schule oder „Jeshiva“ dachten der Meister und seine Studenten über den „Jewish way of life“ in einer mittelalterlichen Stadt wie Rothenburg ob der Tauber nach und diskutierten miteinander über die Bibel, über Gott und die Welt. Und über den Talmud. Offensichtlich machte der Rabbi seine Sache gut, denn man nannte ihn respektvoll bald nur noch den „Maharam“, was „unser Lehrer, der Rabbi Meir“ bedeutet.

Maharam: Unser Lehrer Rabbi Meir

Maharam: Unser Lehrer Rabbi Meir

Für Rothenburg erwies der Lehrer sich als Magnet: Während seines Wirkens wuchs die Bevölkerungszahl in Rothenburg um mehr als 470 Menschen an. – Auch derzeit plant die Stadt Rothenburg sich in die Reihe der Hochschulstädte einzufügen, um so die Stadt weiter zu entwickeln.

Fragen und Antworten zum jüdischen Leben im Mittelalter

Und wieso ist Rabbi Meir nun eigentlich so prominent? Meir besaß ein ganz außergewöhnliches Gedächtnis und in Diskussionen mit anderen Gelehrten überzeugte er mit den besten Argumenten. Außerdem dichtete er religiöse Lieder, sogenannte Pijutim. Seine Ausbildung erhielt Rabbi Meir in Paris bei den besten Lehrern seiner Zeit. Nach seinen Lehr- und Wanderjahren entschied sich Rabbi Meir sich in dem damals noch völlig unbekannten Städtchen Rothenburg ob der Tauber niederzulassen.

E-Mails oder Twitter-Botschaften erreichen heute in Sekundenschnelle das andere Ende der Erde. – Bereits vor über 700 Jahren gelang Rabbi Meir etwas Ähnliches, nur dauerte es etwas länger: Er pflegte eine internationale briefliche Korrespondenz mit Kollegen in Frankreich, Spanien, Italien, Böhmen, Österreich und sogar mit der israelischen Stadt Akko. Wenn ein jüdisches Gericht sich bei einem schwierigen Fall nicht einig wurde, so wandte man sich nach Rothenburg an Rabbi Meir. Dazu sandte man einen speziellen Boten mit der Anfrage nach Rothenburg. Rabbi Meir diskutierte die Anfragen mit seinen Schülern und ließ die Argumente und die Entscheidungen aufschreiben. Schon bald sandte er den Boten mit dem Gutachten wieder zurück. Rabbi Meirs Schüler haben mehr als tausend seiner „Responsa“ nach Themen geordnet und überliefert. Viele seiner Antworten werden auch heute noch zitiert:

Und für Historiker heute sind solche Antwortschreiben eine Fundgrube, denn sie gewähren Einblick in das Leben einer mittelalterlichen Stadt des 13. Jahrhunderts. Das Reichsstadt-Museum von Rothenburg hat eine eigene Judaica-Abteilung, die auch über das Leben Rabbi Meirs informiert.

Rabbi Meirs Grab in Worms

Gräber von Rabbi Meir und Alexander ben Salomo in Worms

Gräber von Rabbi Meir und Alexander ben Salomo in Worms

Rabbi Meirs Leben endete tragisch. Da er seine Steuern nicht mehr bezahlen konnte, brach er bei Nacht und Neben auf, um mit seiner ganzen Familie ins Gelobte Land nach Israel zu fliehen. Er kam jedoch nicht weit. Im Sommer 1286, nachdem er auf einem anstrengenden Marsch schon die Alpen überquert hatte, wurde der berühmte Gelehrte in einer Bergstadt in der Lombardei erkannt und ausgeliefert. König Rudolf I. von Habsburg kerkerte ihn ein und forderte für die Freilassung des Rabbi Meir ein immenses Lösegeld von den jüdischen Gemeinden. Doch Meir verbot seinen Anhängern, ihn freizukaufen. Seine Antwort wird heute noch zitiert, wenn es um die Frage von Lösegeldzahlungen für Entführte an Terroristen geht. – Übrigens drehte vor einigen Jahren der kanadische Regisseur Lewis Cohen den Dokumentarfilm „Jews & Money. Investigation of a Libel“, bei dem es auch um die Position Rabbi Meirs von Rothenburg geht und um Vorurteile gegenüber Juden und Geld. Allerdings ist es in der gekürzten Fernsehfassung bei einigen Rothenburg-Impressionen geblieben (Part 1: 24:45–25:30). Anlass für den Film war die Entführung und Ermordung des französichen Juden Ilan Halimi in Paris.

Rabbi Meir starb 1293 nach sieben Jahren Kerkerhaft in der Festung von Ensisheim im Elsass. Seine letzte Ruhe fand Rabbi Meir erst im Jahr 1307 auf dem „Heiligen Sand“, wie der jüdische Friedhof in Worms heißt. Seine sterblichen Überreste waren von einem Verehrer des großen Maharam, Alexander ben Salomo aus Wimpfen  (manchmal Süßkind Wimpfen genannt) für zwanzigtausend Mark Silber freigekauft worden, ein Vermögen. Zum Dank für seine großherzige Tat erhielt der Meir-Getreue sein Grab neben dem des berühmten Gelehrten. In einem Teil der Inschrift heißt es: „Nun ist das Glück ihm zuteil geworden, an seiner Rechten bestattet zu sein. Möge er auch im Jenseits unter den Seligen in Eden ihm zur Rechten weilen.“ Auf beiden Gräbern liegen viele kleine Steine, die dort nach jüdischer Sitte beim Besuch eines Grabes abgelegt werden. – Ein Zeichen dafür, dass man sich noch immer an den Glanz des Sternes aus Rothenburg erinnert.

 

Oliver Gußmann

In Rothenburg bin ich Touristen- und Pilgerpfarrer an St. Jakob. Das ist die große, an Kunstschätzen reiche evangelische Kirche mit den Doppeltürmen mitten in Rothenburg! Meine Aufgabe ist es, die Kirchen Rothenburgs Gästen und Touristen aus der ganzen Welt bekannt zu machen. Die zahlreichen Gotteshäuser des gotischen Rothenburgs erzählen mit Bildern und Symbolen vom Glauben, der Liebe und der Hoffnung unserer Vorfahren; sie berichten vom Sterben und Auferstehen, von Hingabe und Erlösung. Bei meiner Arbeit hilft mir ein Kirchenführer-Team. Außerdem traue ich Hochzeitspaare, mache Nachtkirchenführungen und vieles mehr. Gerne führe ich durch das jüdische Rothenburg oder biete für Kinder und Jugendliche kirchenpädagogische Führungen an. Für die Jakobuswege, von denen sich einige in Rothenburg kreuzen, bin ich der Ansprechpartner. Mir liegt eine gesunde Umwelt am Herzen. Darum fahre ich ein "Velomobil" - eine Mischung zwischen Seifenkiste und Rennauto. Wenn Sie so etwas in Rothenburg stehen sehen, bin ich sicher nicht weit entfernt! Mehr über meine Arbeit: www.rothenburgtauber-evangelisch.de/tourismus

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Weihnachten … mit Kirchgang!

 

St. Jakob im 15. Jahrhundert

St. Jakob im 15. Jahrhundert

Die St.-Jakobs-Kirche, an der ich als Touristenseelsorger arbeite, besitzt einen sehr schönen Hochaltar mit farbigen, großflächigen Tafelbildern aus dem 15. Jahrhundert. Immer wieder bleiben die Besucherinnen und Besucher der St.-Jakobs-Kirche mit einem „Oh!“ oder „Ah!“ vor diesen Bildern stehen. Allein sechs Bilder drehen sich um die Geburt Christi und ihrer adventlichen Vorgeschichte, die auf den ehrwürdigen Texten am Anfang des Lukasevangeliums beruhen.

Friedrich Herlin: Geburt Christi

Friedrich Herlin: Geburt Christi

Jesu Geburt im Strahlenkranz

Kerze JosephAuf goldenem Hintergrund gemalt hat diese Bilder der gar nicht so unbekannte, aus Rothenburg ob der Tauber stammende Maler Friedrich Herlin (1430–ca. 1500). Natürlich hat er auch die Weihnachtsszene gemalt: Zu sehen ist der nach vorne offene Stall aus Stein und Holz mit einem dominanten und senkrechten Balken, der mit seinen Verwundungen an das spätere Leiden Christi erinnert. Der Himmel im Hintergrund ist nicht blau, sondern ganz in Gold getaucht. Maria trägt ein helles weißes Gewand und einen nachtblauen Mantel und sie schickt sich gerade an, vor ihrem Kind auf die Knie zu gehen und betend die Hände zu falten. Das Jesuskind liegt nicht, wie wir es gewohnt sind in der Futterkrippe, sondern nackt auf dem Erdboden auf einem vielzackigen strahlenden goldenen Stern. Der Maler will damit wohl sagen, dass Jesus ganz irdisch geworden ist und dass von ihm der Glanz Gottes ausgeht. Maria und Jesus blicken sich zum ersten Mal in die Augen und der Strahlenkranz des Jesuskindes scheint sich in dem Strahlenkranz hinter dem Kopf seiner Mutter Maria zu spiegeln. Zwei Engel knien auf dem Boden und kümmern sich auch um das Kind. Joseph in einem roten Gewand stützt sich mit der linken Hand auf einen Gehstock. In der Rechten hält er eine brennende Kerze zur Erinnerung für den Betrachter oder die Betrachterin, dass soeben Christus, das Licht der Welt geboren ist.

Christi Geburt als mystische Geburt in der Seele

Für den Maler Friedrich Herlin ist die Geburt Christi ein mystisches Ereignis: Jesus ist nicht nur als Mensch zur „Zeitenwende“ geboren worden, sondern geboren werden will er auch tief drin in dem Menschen, der gerade das Bild betrachtet. Vielleicht hat der Maler die Christusvisionen der europäischen Heiligem Birgitta von Schweden (1303–1373) gekannt, die im hohen Alter von 69 Jahren mit ihrer Familie das Heilige Land besucht hat und dann ihre Traumvisionen von der Geburt Christi niedergeschrieben hat. Das Bild Herlins, gemalt nach ihren Texten, strahlt für mich Glanz und Ruhe aus und gibt einen Moment wieder, in dem alles heil und gut ist. Das, wonach sich die Welt auch heute sehnt.

Gerade in den Weihnachtstagen bleiben die Menschen meinem Gefühl nach länger vor den Altarflügeln des Zwölfboten-Altares mit der Weihnachtsgeschichte stehen. Länger als sonst.

St. Jakob im Schnee

St. Jakob im Schnee von Südwesten

Rothenburg ob der Tauber an Weihnachten

Das Christfest steht unmittelbar bevor. Und viele Besucherinnen und Besucher, die das Fest nicht zu Hause feiern wollen, kommen auf einen Kurzurlaub nach Rothenburg, um einige Tage hier zu verbringen. Die St.-Jakobs-Kirche lädt zu einem Besuch ein. Man kann in diesen Tagen dort das Weihnachtsevangelium hören. Alle Menschen sind eingeladen, den evangelischen Gottesdienst  zu besuchen, unabhängig von Konfession oder Religion. Die Kerzen in den Gottesdiensten werden an dem Friedenslicht von Bethlehem entzündet, das in einer Staffellauf vom Heiligen Land bis zu uns gebracht worden ist und das man auch jemandem weiterschenken kann. In diesem Jahr setzt das Motto “Friede sei mit dir – Shalom – Salam“ einen Schwerpunkt auf den interreligiösen Dialog. Oder, wenn gerade kein Gottesdienst ist, kann man zum Ansehen der Bilder und Altäre  die berühmte Kirche auch besuchen. Im Dezember ist das möglich von 10–16.45 Uhr. Wer will, kann sich die Bilder auch durch einen Audioguide erklären lassen.

Die Weihnachtsbilder der Kirche laden alle ein, sich ihre Gedanken zu machen. Auch ich stehe gerne davor und entdecke heute noch manches mir noch nicht bekannte Detail…

In den Tagen nach Weihnachten kann man bei einer Städtereise nach Rothenburg sich auf den Krippenweg führen lassen oder das Weihnachtsmuseum bei Käthe Wohlfahrt in der Herrngasse besuchen.

Gesegnetes Christfest!

Oliver Gußmann, Pfarrer an St. Jakob

 

 

Oliver Gußmann

In Rothenburg bin ich Touristen- und Pilgerpfarrer an St. Jakob. Das ist die große, an Kunstschätzen reiche evangelische Kirche mit den Doppeltürmen mitten in Rothenburg! Meine Aufgabe ist es, die Kirchen Rothenburgs Gästen und Touristen aus der ganzen Welt bekannt zu machen. Die zahlreichen Gotteshäuser des gotischen Rothenburgs erzählen mit Bildern und Symbolen vom Glauben, der Liebe und der Hoffnung unserer Vorfahren; sie berichten vom Sterben und Auferstehen, von Hingabe und Erlösung. Bei meiner Arbeit hilft mir ein Kirchenführer-Team. Außerdem traue ich Hochzeitspaare, mache Nachtkirchenführungen und vieles mehr. Gerne führe ich durch das jüdische Rothenburg oder biete für Kinder und Jugendliche kirchenpädagogische Führungen an. Für die Jakobuswege, von denen sich einige in Rothenburg kreuzen, bin ich der Ansprechpartner. Mir liegt eine gesunde Umwelt am Herzen. Darum fahre ich ein "Velomobil" - eine Mischung zwischen Seifenkiste und Rennauto. Wenn Sie so etwas in Rothenburg stehen sehen, bin ich sicher nicht weit entfernt! Mehr über meine Arbeit: www.rothenburgtauber-evangelisch.de/tourismus

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Das Geheimnis der Heilig-Blut-Reliquie in St. Jakob Rothenburg ob der Tauber

Am Heilig-Blut-Altar

Schwer keucht ein Besucher als er die 32 Stufen zum Westflügel der St.-Jakobs-Kirche erklommen hat. Schnaufend lässt er sich auf einen der Stühle dort nieder. Endlich ist er in der Heilig-Blut-Kapelle angelangt. Sein Atem wird ruhiger. Er sieht sich um in dem gotischen Gewölbe. Die hohen Fenster tauchen den hohen Raum in ein mildes Licht Vor ihm erhebt sich der mächtige und zugleich zierliche Holzaltar von Tilman Riemenschneider. Vor gut einem halben Jahrtausend hat der Meister der Hochgotik die Figuren für eine noch viel ältere Heilig-Blut-Reliquie angefertigt. Zwei Lindenholz-Engel umfassen den Schaft eines goldenen Schmuckkreuzes.

Heilig-Blut-Kapelle

 Netzgewölbe in der Heilig-Blut-Kapelle

Was die Heilig-Blut-Reliquie bedeutet

Im Mittelpunkt des Kreuzes wölbt sich eine geheimnisvolle Kristallkugel. Das Sonnenlicht bricht sich im Kristall. Nur schemenhaft lässt sich erahnen, dass sich etwas darin verbirgt. 1672 soll ein neugieriger Mesner von St. Jakob zu dem Kreuz emporgestiegen sein und die Kapsel des Bergkristalls geöffnet haben. Er fand darin Baumwolle und einen Zettel mit einem Hinweis auf die Messweinreliquie. Das „Heilige Blut“ hat überhaupt nichts mit dem Heiligen Gral oder mit Kreuzrittergeschichten zu tun, auch wenn man das in manchen Rothenburger Stadtführern noch so lesen kann. Man bezeichnet mit „Blut Christi“ in der katholischen Kirche den Messwein nach der sogenannten „Wandlung“ bei der Eucharistie. Im Mittelalter soll ein Priester um das Jahr 1270 bei der Einsetzung des Abendmahls vom Messwein verschüttet haben. Aus Ehrfurcht vor dem Heiligen Blut Christi hat man die verschütteten Tropfen hier aufbewahrt und ihnen alsbald Wundertätigkeit zugeschrieben. Viele Menschen hörten davon und machten sich auf den Weg nach Rothenburg, um hier zu beten und gesund zu werden. Sie brachten ihre Sorgen und Nöte mit und ihre Wunden: Augenleiden, eiternde Kriegsverletzungen, Blutungen, schlecht heilende Wunden. Ein Gebet an diesem Altar versprach nicht nur das Heil der Seele, sondern eben auch körperliches Heil.

Das Reliquienkreuz im Heilig-Blut-Altar

Das Reliquienkreuz im Heilig-Blut-Altar

Der einzige Heilig-Blut-Altar in einer evangelischen Kirche

Und es waren dermaßen viele Menschen, die kamen, dass man im Jahr 1453 die Klingengasse mit dem erweiterten Westchor von St. Jakob überbaute und mit zwei Treppen den Aufstieg zur und den Abstieg von der Heilig-Blut-Kapelle ermöglichte. So ist der Heilig-Blut-Altar wohl der einzige Riemenschneider-Altar, der hoch über einer Straße steht. Überhaupt besitzt dieser Altar viele Besonderheiten: Neben dem Marienaltar in der Herrgottskirche von Creglingen und dem Heilig-Kreuz-Altar von Detwang, auch ganz in der Nähe Rothenburgs, ist er einer der wenigen Riemenschneideraltäre, die noch zwei Altarflügel besitzen und vollständig sind. Die Evangelischen haben es eigentlich nicht so mit wundertätigen Reliquien und mit der Verehrung von Reliquien. Trotzdem ist der Heilig-Blut-Altar wohl der einzige Reliquien-Altar, der sich in einem protestantischen Kirchenraum befindet. Ein schönes ökumenisches Zeichen, wie ich meine.

Heilig-Blut-Altar in der St.-Jakobs-Kirche

Heilig-Blut-Altar in der St.-Jakobs-Kirche

Judas – eine tragische Gestalt

Im Mittelpunkt der Abendmahlsszene, die Riemenschneider und seine Werkstatt geschnitzt haben, befindet sich nicht etwa Jesus, sondern sein Verräter Judas. In anderen Abendmahlsbildern wird dieser Jünger ausgegrenzt, als hässlicher Mensch dargestellt und an den Rand gedrängt. Hier nicht! Er steht in der Mitte. Er ist einer von uns, oder, besser, wir Menschen sind oft wie er. Trotz dass Judas Jesus verraten hat, reicht Jesus ihm das Abendmahl. Seinen Leib und sein Leben. Freundschaft bis jenseits der Grenze von Verrat und Trug, und bis jenseits von Endlichkeit und Tod. „Liebe Deine Feinde“ ist hier als Bild zu sehen.
Unser Besucher verweilt noch eine geraume Zeit fasziniert vor dem Altar. Schießt noch einige Fotos und geht die Treppe beschwingt wieder hinunter.

Jesus reicht Judas das heilige Brot

Jesus reicht Judas das heilige Brot

Oliver Gußmann

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Musik liegt in der Rothenburger Luft

Die wunderbarste Zeit des Jahres sind für mich die Sommermonate. Da herrscht in Rothenburg ob der Tauber eine ganz besondere Stimmung. Über der Stadt schwebt Musik! Im Juni und Juli unternehmen viele US-Amerikaner eine Konzertreise nach Europa. Für St. Jakob kümmere ich mich um die Gastchöre, die zu uns kommen. Wir haben natürlich auch eigene Chöre und ein besonders schönes und reichhaltiges Orgel- und Kirchenmusikprogramm an St. Jakob.

Eine der Konzertreihen in Rothenburg sind die „Ambassadors of Music“, die „Botschafter der Musik“, die aus einzelnen US-Bundesstaaten stammen. Die besten Jugendlichen werden vor der Reise in mehreren Prüfungen ausgewählt und treffen sich dann, um gemeinsam mit ihren Dirigenten Lieder einzustudieren. Rothenburg ob der Tauber darf am Schluss und Höhepunkt einer langen Kette bedeutender Auftrittsorte liegen wie Venedig, London, Paris oder Salzburg, Städte. Gut 15 Chöre singen auf dem Marktplatz und in der Franziskanerkirche. Das empfinde ich durchaus als eine hohe Ehre, die die Ambassadors unserem kleinen Tauberstädtchen schenken!

Wisconsin Ambassadors of Music

Wisconsin Ambassadors of Music 11. Juli 2014

Altes Rothenburg und junges Amerika

Was für Rothenburger beinahe selbstverständlich ist – eine gotische Kirche wie die Franziskanerkirche in einem Alter von mehr als siebenhundert Jahren zu haben – das ist für viele amerikanische Jugendliche ein erstaunlich altes Gebäude. Der Blick wird in dieser Kirche nach oben gezogen und manchen entfährt ein „ah!“ oder „oh!“, wenn sie hören, wie alt dieses Gemäuer ist.

Das Ehepaar Barbara und Don McTavish begleitet schon seit zwanzig Jahren die Chöre in Rothenburg bei ihrem Auftritt am Marktplatz und in der Franziskanerkirche. Rothenburg ist mittlerweile die zweite Heimat der beiden geworden. Ich finde es wunderbar, dass es diesen Austausch und diese Begegnungsmöglichkeit gibt!

Streichorchester Wells Virtuosi

Einige Male waren nun auch schon die „Wells Virtuosi“ bei uns. Eine Schülerin des Rothenburger Reichsstadt-Gymnasiums hatte vor einem Jahr ein Stipendium an der  Wells Cathedral School  in Sommerset  erhalten und hatte einige Monate auf die renommierte Musikschule gehen dürfen. Die Schule ist ein weltberühmtes Musikgymnasium. In dem folgenden Video hört man einen Ausschnitt aus Samuel Barber’s Adagio for Strings (1936). Die Leitung des Orchesters hat Matthew Souter.

 

 

 

Oliver Gußmann

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Rothenburg unterm Hakenkreuz

Geographen fragen nach Rothenburg in der Nazizeit

Radexkursion nach Rothenburg

Radexkursion nach Rothenburg

Etwa zwanzig Kulturgeographie-Studenten um ihren Dozenten Dr. Tim Elrick aus Erlangen sind auf ihrer dreitägigen Radexkursion heute vormittag an der Jakobskirche in Rothenburg eingetroffen. Von mir wollten sie etwas über die Stadtentwicklungs- und Tourismuspolitik während der Nazi-Zeit wissen. Auf das Thema waren sie durch die Recherche im Internet gestoßen:

Neue Website: Rothenburg unterm Hakenkreuz

logo-rothenburg-unterm-hakenkreuz_sbpErst seit wenigen Wochen existiert die umfangreiche Website www.rothenburg-unterm-hakenkreuz.de. Dort geht es um die Stadt Rothenburg während ihrer nationalsozialistischen Geschichte, die Entwicklung davor und danach. Der aus Rothenburg stammende Dorstener Journalist Wolf Stegemann hatte die Idee zu diesem Internetprojekt. Gemeinsam haben wir sie umgesetzt. Das Ergebnis ist nun für alle einsehbar und diskutierbar.

Immer wieder werden wir gefragt, was uns eigentlich bewegt, so eine Geschichts-Website zu betreiben. Als ich vor rund dreizehn Jahren nach Rothenburg kam, bemerkte ich, dass kaum jemand die jüdische Geschichte kannte. Allenfalls über den berühmten Rabbi Meir ben Baruch aus Rothenburg wusste auch die breitere Öffentlichkeit etwas. Als ich Fragen nach früheren jüdischen Bürgern stellte, fing man seltsamerweise oft damit an, von den Nazis etwas zu erzählen.

Die Stadt Rothenburg verdrängt(e) ihre Nazi-Geschichte

rothenburg_bookÜber die nationalsozialistische Geschichte wisse man nicht viel, hieß es aber manchmal, weil mit dem verheerenden Bombenangriff am 31. März 1945 die städtische Registratur verbrannt sei, dazu mindestens ein Viertel der Häuser. Und viele Tote und Verletzte hatte es gegeben. Das traumatische Karsamstagserlebnis von 1945 hatte die Erinnerung an die Zeit vorher überdeckt und verdrängt. So war es schwierig, aber nicht unmöglich, sich auf die spannende Spurensuche zu machen. Bisher gibt es neben einigen Zeitungsartikeln erst ein einziges wissenschaftliches Buch über diese Zeit. Es stammt, sicher kein Zufall, von einem Kulturgeographen namens Joshua Hagen (Preservation, Tourism and Nationalism. The Jewel of the German Past, Aldershot 2006), der vor einigen Jahren in Rothenburg geforscht hatte. Das Buch ist leider noch nicht ins Deutsche übersetzt worden. Und man kann sicherlich fragen, warum das so ist. Andererseits hat man sich im vergangenen Jahr dazu bekannt, die sogenannten Stolpersteine des Künstlers Gunter Demnig in der Stadt zu verlegen.

Rothenburg steckte tief im braunen Sumpf

Hitler in der Herrngasse bejubelt

Hitler in der Herrngasse bejubelt

 

In der Nachkriegszeit, manchmal auch heute noch, pflegt man ein Selbstbild, die Nazis hätten sich der Stadt Rothenburg bemächtigt und den Rothenburgern ihre Ideologie aufgezwungen. Dass die Stadt und die allermeisten ihrer damaligen Einwohner nach dem Loreley-Prinzip “Halb zog sie ihn, halb sank er hin” (Johann Wolfgang von Goethe: Ballade “Der Fischer”, 1779) doch überaus fröhlich auf der braunen Welle mitschwommen, wollte und will man nicht so gerne hören und schildert die Zwänge, denen man – durchaus! – ausgeliefert war.

 

 

Stiller Widerstand

Ausgesprochene Widerstandskämpfer hat Rothenburg keine hervorgebracht. Es waren einzelne Personen, die kleine Zeichen des Widerstands geübt oder gesetzt haben, ansonsten aber machtlos und unorganisiert waren. Bis heute sind sie in Rothenburg nahezu völlig unbeachtet. Für mich gehört zu den „kleinen“ und „stillen“ Widerständlern der Kantor von St. Jakob Hans Feige, der am 10. April 1938 bei der Volksabstimmung den Anschluss Österreichs an das Deutsche Reich abgelehnt hatte. Für mich gehört dazu Betty Kößer, die aus Glaubensgründen aus dem „Bund Deutscher Mädel“ (BDM) ausgetreten war. Für mich gehört der Polizeichef Ferdinand Lieret dazu, der sich am Vertreibungstag der Juden (22. Oktober 1938) weigerte, dem Befehl des Kreisleiters Karl Steinacker Folge zu leisten, alle Juden festzunehmen. Für mich gehört der störrische und unbequeme Johann Rößler dazu, der, aus welchen Gründen auch immer, dem Volkssturm fernblieb, einfach nach Hause ging und dafür hingerichtet wurde. Für mich gehört das Hausmädchen Babette Baumann dazu, das noch Jahre nach der brutalen „Arisierung“ des Viehhandels der Gebrüder Mann und nach Auflösung des jüdischen Friedhofes das letzte verbliebene Grab der Familie Mann pflegte und auf eine Rückkehr der Vertriebenen hoffte.

Moralische Arroganz?

„Was hättest du denn damals getan? Was berechtigt dich dazu, den Stab über die frühere Generation zu brechen?“ Das werde ich häufig gefragt! Dabei kann ich mir leicht vorstellen, dass ich mich damals wie so viele andere Mitläufer verhalten und weggesehen hätte, als man die jüdischen Geschäfte boykottierte oder die jüdischen Nachbarn vertrieb. Die Tatsache aber, dass ich mich möglicherweise ähnlich verhalten hätte, macht das geschehene Unrecht nicht geringer. Natürlich bewegt es mich als Pfarrer besonders, warum die damalige Kirche, ihre Pfarrer und ihre Gemeindeglieder auf eine so klägliche Weise versagt haben.

nazikarte

Zukunftsaufgaben

Es gibt noch einige wenige lebende Zeitzeugen. Sie könnte man befragen, so lange sie noch leben. Es ist zu hoffen, dass sie uns noch etwas erzählen können. Mich interessieren vor allem diese kleinen Widerständler. Sie zu entdecken, kann uns Menschen heute helfen.

Rothenburg trägt seit einigen Jahren die Auszeichnung, ein Ort der Vielfalt zu sein. Menschen aus allen Nationen leben unter uns. Die Angst vor Fremdem und vor Abweichendem spielt wohl in jeder Gesellschaft eine gewisse Rolle. Ich finde, es ist eine der wichtigsten Aufgaben für die Zukunft der Stadt Rothenburg, dass man kulturelle Unterschiede aushalten, mit ihnen umgehen lernt und an einem friedlichen Zusammenleben weiterbaut. Und die Stadt heißt Millionen von Gästen willkommen. Daher ist es gerade für unsere Stadt wichtig, dass Gastfreundschaft und Toleranz gelebte Begriffe sind.

Oliver Gußmann

In Rothenburg bin ich Touristen- und Pilgerpfarrer an St. Jakob. Das ist die große, an Kunstschätzen reiche evangelische Kirche mit den Doppeltürmen mitten in Rothenburg! Meine Aufgabe ist es, die Kirchen Rothenburgs Gästen und Touristen aus der ganzen Welt bekannt zu machen. Die zahlreichen Gotteshäuser des gotischen Rothenburgs erzählen mit Bildern und Symbolen vom Glauben, der Liebe und der Hoffnung unserer Vorfahren; sie berichten vom Sterben und Auferstehen, von Hingabe und Erlösung. Bei meiner Arbeit hilft mir ein Kirchenführer-Team. Außerdem traue ich Hochzeitspaare, mache Nachtkirchenführungen und vieles mehr. Gerne führe ich durch das jüdische Rothenburg oder biete für Kinder und Jugendliche kirchenpädagogische Führungen an. Für die Jakobuswege, von denen sich einige in Rothenburg kreuzen, bin ich der Ansprechpartner. Mir liegt eine gesunde Umwelt am Herzen. Darum fahre ich ein "Velomobil" - eine Mischung zwischen Seifenkiste und Rennauto. Wenn Sie so etwas in Rothenburg stehen sehen, bin ich sicher nicht weit entfernt! Mehr über meine Arbeit: www.rothenburgtauber-evangelisch.de/tourismus

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Auf dem Jakobsweg durch Rothenburg ob der Tauber

Weg aufwärts

Brunhilde S. war ganz allein unterwegs. Ein kleiner Rucksack. Ein blaues Sweatshirt. Ein lächelndes Gesicht. Sie war eine ganz besondere Pilgerin, denn sie versuchte ihren Weg zu gehen, ohne einen Cent in der Tasche zu haben. „Verrückt“, dachte ich. Und: „Für mich käme das nicht in Frage, von den Wohltaten anderer abhängig zu sein.“ Brunhilde war für einen Tag in Rothenburg. Bei einer Tasse Kaffee erzählte sie mir aus ihrem Leben, in dem sie es nicht immer leicht hatte. Nun, als sie familiär ganz ungebunden war und nicht mehr ganz gesund, begab sie sich auf den Jakobsweg, um ihrem Leben Tiefe zu geben. Und um Abstand zu bekommen von einem bürgerlich gesicherten Leben. Das Tempo bestimmte sie selbst. Und sie hatte die Freiheit, das Experiment jederzeit abzubrechen und zurückzukehren. Beeindruckend, was alles sie zu erzählen hatte.

Begleitung von Pilgern

Als Pilgerpfarrer an der St.-Jakobs-Kirche in Rothenburg ob der Tauber komme ich oft mit Pilgern auf dem Jakobsweg ins Gespräch. Viele kommen allein, manche zu zweit, manche auch in Gruppen. Wer möchte, ruft mich vorher an, und lässt sich für den Weg segnen. Oder man bekommt eine kleine Kirchenführung, denn die Kirche weiß einiges von dem Jakobus-Jünger zu erzählen.

Jakobus im Herlinaltar

Seit einem Jahr führen wir in unserer Kirche eine Strichliste über die Anzahl der Pilger, die sich bei uns einen Pilgerstempel in ihren Pilgerausweis oder ihr Tagebuch geben lassen. Es sind etwa tausend Pilger, die durch Rothenburg ziehen, vielleicht sind es auch ein paar mehr.

Jakobsfrühling

Rothenburg am Knotenpunkt von Jakobswegen

Der persönliche Jakobsweg beginnt immer vor der eigenen Haustür. Ich nehme mir eine Auszeit. Packe den Rucksack. Nur das Nötigste. Ziehe gut eingelaufene Wanderschuhe an. Und los geht’s. Pilgern ist nicht nur einfach ein Wandern. Pilgern ist „Beten mit den Füßen“ wie einer mal sagte. Viele verschiedene mehr oder weniger historische Wege führen schließlich zum Ziel aller Jakobs-Pilgerwege, zur Kathedrale von Santiago de Compostela im äußersten Westen Spaniens. Dort, so sagen manche, befände sich das Grab des Jakobus des Älteren, einem Jünger und Schüler Jesu. Rothenburg hat das Glück, an einem Knotenpunkt der Wege zu liegen, die netzartig ganz Europa überziehen. Ein Weg führt von Würzburg hierher, ein anderer von Bamberg über Uffenheim nach Rothenburg, und der bekannteste, der „Fränkische Camino“, kommt von Nürnberg über Heilsbronn. Übernachten kann man in Rothenburg in verschiedenen pilgerfreundlichen Gasthäusern, zum Beispiel in der Gipsmühle an der Evangelischen Tagungsstätte Wildbad. Nur das Plätschern der Tauber wiegt einen dort in den Schlaf. Am nächsten Tag kann man sich entscheiden, ob man die Stadt noch einen Tag genießt, oder ob man weitergeht zum nächsten Knotenpunkt, also Richtung Ulm (und dann durch die Schweiz) oder Richtung Tübingen/Rottenburg oder Richtung Speyer, wenn man dann über den Rhein durch das Elsass weitergehen will.

Jakobsweg nach Süwesten

Auf dem Drahtesel nach Santiago – auch das geht

Im  letzten Mai juckte es mich selber in den Beinen und mit einem Freund nahmen wir mit den Fahrrädern Kurs nach Santiago durch Frankreich über Cluny,  Narbonne, Toulouse, bei Hendaye/Irún über die französisch-spanische Grenze und dann über Pamplona und Burgos bis nach Santiago. Zwischendurch auch einmal mit der Bahn, weil es eben nicht anders ging. Noch heute zehre ich von den Erlebnissen und Begegnungen, die ich hatte.

Jakobsweg mit Fahrrad

Warum auf einen Pilgerweg?

Warum tun sich die Leute bloß solche Strapazen mit Regen, Hitze und Blasen an den Füßen an? – Es gibt die unterschiedlichsten Beweggründe, die einen aufbrechen lassen. Ich bin einem Familienvater begegnet, der sich etappenweise mit Frau und Kindern auf den Weg macht und immer wieder mal nach Hause zurückkehrt. Letzten November flatterte mir eine Postkarte aus Santiago ins Haus: Von einer frischgebackenen Abiturientin, die erst einmal die Lernstrapazen hinter sich gelassen hatte und im Juni in Rothenburg Rast gemacht hatte. Ich habe mit einem früher Krebskranken gesprochen, der aus Dankbarkeit über das wieder gewonnene Leben den Weg auf sich nahm. Und ich bin dem Finanzmanager einer Universität begegnet, der nach einem Burnout einfach ausgestiegen ist und nach einem Arbeitsleben rund um die Uhr nun entdeckt, was Freiheit von Terminen bedeuten kann.

Wer nach Südwesten geht, hat morgens immer seinen Schatten vor sich auf dem Weg. Für mich ist das Pilgern eine Begegnung und eine Auseinandersetzung mit sich selbst. Mit Schattenseiten eben und Sinnfragen. Und eine Auseinandersetzung mit Gott. Und ein Nachdenken über zwischenmenschliche Beziehungen. Der Weg bringt Menschen ins Gespräch, die sich vielleicht nie begegnet wären. Der Weg macht alle gleich. Und er ist ein Abenteuer voller Überraschungen, die in einem durchgeplanten Alltag so selten geworden sind.

Wer Lust auf Pilgern hat, kann am Ostermontag-Nachmittag ab 14 Uhr auch einmal einen Osterpilgerweg mit einer Gruppe mitgehen. Treffpunkt an der St.-Jakobs-Kirche. Infos unter Tel. 09861-700625.

Jakobusfigur vor St. Jakob

Oliver Gußmann

In Rothenburg bin ich Touristen- und Pilgerpfarrer an St. Jakob. Das ist die große, an Kunstschätzen reiche evangelische Kirche mit den Doppeltürmen mitten in Rothenburg! Meine Aufgabe ist es, die Kirchen Rothenburgs Gästen und Touristen aus der ganzen Welt bekannt zu machen. Die zahlreichen Gotteshäuser des gotischen Rothenburgs erzählen mit Bildern und Symbolen vom Glauben, der Liebe und der Hoffnung unserer Vorfahren; sie berichten vom Sterben und Auferstehen, von Hingabe und Erlösung. Bei meiner Arbeit hilft mir ein Kirchenführer-Team. Außerdem traue ich Hochzeitspaare, mache Nachtkirchenführungen und vieles mehr. Gerne führe ich durch das jüdische Rothenburg oder biete für Kinder und Jugendliche kirchenpädagogische Führungen an. Für die Jakobuswege, von denen sich einige in Rothenburg kreuzen, bin ich der Ansprechpartner. Mir liegt eine gesunde Umwelt am Herzen. Darum fahre ich ein "Velomobil" - eine Mischung zwischen Seifenkiste und Rennauto. Wenn Sie so etwas in Rothenburg stehen sehen, bin ich sicher nicht weit entfernt! Mehr über meine Arbeit: www.rothenburgtauber-evangelisch.de/tourismus

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