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Von Eiern, Hasen und Plapperwasser. Osterbräuche in Franken

Vielerorts sind sie ja schon geschmückt, die Brunnen und Plätze in Franken. Es ist einfach zauberhaft, was da bei der österlichen Fahrradtour durch die Ortschaften dem Auge schmeichelt. Riesige Osterhasenfamilien aus Stroh tummeln sich auf Marktplätzen (z.B. in Colmberg) und laden als Fotomotiv ein. Große und kleine, alte und moderne Brunnen, sprudelnde Naturquellen und manchmal sogar alte Wasserpumpen werden bis zwei Wochen nach Ostern zum Hingucker. Auch Rothenburg ob der Tauber hat einige zauberhaft geschmückte, großen Osterbrunnen die es zu entdecken lohnt.

 

All das, was in den vergangenen Wochen und Monaten mit viel Liebe von unzähligen Helfern vorbereitet wurde, findet nun seinen richtigen Platz: Ausgeblasene Hühner- oder Gänseeier, bunt bemalt und aufwändig verziert, werden auf Schnüre zur Zierkette aufgezogen und dekorativ zu dem mit frischem Grün und Blumen geschmückten Brunnen drapiert. Traditionell wird eigentlich erst am Karfreitag geschmückt. Inzwischen wird aus rein profanen Gründen aber häufig schon viel früher damit begonnen.

Die Fränkische Schweiz als Ursprung der Osterbrunnen

Aber was heißt dabei eigentlich „traditionell“? Wenn man jüngere seriöse Arbeiten über das Osterbrunnenbrauchtum heranzieht, dann ist der Kern des Brauches „seit alters her“ v.a. in der Fränkischen Schweiz bekannt. Insbesondere in jenen Regionen, wo vor Einführung moderner Wasserversorgungssysteme das wertvolle Gut Wasser über Ernte, Leben und Wohlstand entschieden hat, mussten die Zapfstellen (Quellen, Brunnen) und ggf. auch die Bachläufe nach der Winterzeit ordentlich gesäubert werden um reines Wasser zur Nutzung zu haben. Eine Arbeit, die v.a. von den jüngeren Männern erledigt wurde. Die Aufgabe der Frauen war es dann, ganz im Sinne der Begrüßung des frischen Lebensquells und der hoffentlich im kommenden Jahr nicht versiegenden Wasserquelle, diese sowohl als Dank wie als Bitte an höhere Mächte festlich zu schmücken. Schriften, die das Brauchtum auf heidnische oder germanische Ursprünge zurückführen sind inzwischen widerlegt und Nachweise von mit Eiern geschmückten Brunnen aus dem 16. oder 17. Jahrhundert bleiben vereinzelt. Auffällig taucht das üppige Osterbrunnenschmücken an mehreren Orten erst im frühen 20.Jahrhundert in der Fränkischen Schweiz auf (z.B. 1909 in Aufseß). Anfang der 1950er Jahre schlief der Brauch fast ein und wurde erneut im Zuge der Heimat- und Brauchtumspflegebewegung der 1980er Jahre wieder belebt.  Das Schmücken von Osterbrunnen verbreitet sich schließlich von dort über ganz Franken und wird inzwischen als touristische Attraktion  mit Osterbrunnenwanderungen und –fahrten angeboten.

Dass man als Schmuck neben dem ersten frischen Grün auch die hübschen ausgeblasenen, bunt verzierten Eier verwendete, hatte sowohl symbolischen wie praktischen Charakter. Das Ei ist als Symbol des Lebens für die Bedeutung des Osterfests (Feier von Christi Tod und Auferstehung) sowie in seiner Einordnung im Jahreslauf (wiedererwachte Natur) naheliegend. Praktisch gesehen musste man aber auch gerade an Ostern viele Eier verbrauchen und machte sich so das „Eierschalen Überangebot“ zu Nutzen. Historisch gehörte der Verzehr von Eiern nämlich zum 40tägigen Fastenverbot, welches erst mit dem Ostersonntag aufgehoben war. Da sich Hennen aber nicht an vom Menschen gemachte Regeln halten und stetig weiter Eier legen, müssen diese auch irgendwann verbraucht werden. Das Osterfest mit seinen begleitenden kulinarischen Köstlichkeiten bot sich also an, eierreiche Speisen und Backwaren herzustellen und die Schalen als kostengünstige Zier zu verwenden.

Spiel und Spaß mit Ostereiern und Osterhasen

Gekocht und gefärbt dienen Eier zu weiteren österlichen Zeitvertreiben. Am bekanntesten dürfte der Brauch sein, dass die gefärbten Eier (heute auch Schokoeier) im Garten versteckt und von den Kindern gesucht werden. Erstaunlich ist, dass das Verstecken nicht von der eierlegenden Henne, sondern vom eierlegenden, in jedem Fall aber schnelleren Osterhasen vorgenommen wird. Teamwork im Tierreich! Der Begriff „Osterhase“ taucht übrigens erstmalig im Jahr 1682, dafür gleich zweimal auf: Beim Elsässer Medizinprofessor Georg Franck von Frankenau in seiner Schrift „De ovis paschalibus – von Oster-Eyern“ und in der Dissertation des Heidelberger Arztes Johannes Richier der „Haseneier“ beschreibt „nach der Fabel, die man den Naiveren und den Kindern einprägt, dass der Osterhase solche Eier lege und in den Gärten im Grase, in den Obststräuchern usw. verstecke“. (P.M. History, Ausgabe 05/2014, S. 78). Die Karte aus dem „Wörterbuch der deutschen Volkskunde“ (1974, 3. Auflage 1996, S. 624) ergänzt basierend auf empirischen Untersuchungen von Dr. F.H. Schmidt, dass dabei regional unterschiedlich auch rote und grüne Hasen, Füchse, „Himmelshennen“, Kraniche, Kuckucke, Störche und sogar die von Rom heimkehrenden Glocken diesen Part in der Volksüberlieferung übernehmen. Moderne Erhebungen würden vielleicht ergeben, dass der „lila Schmunzelhase“  oder „der Goldhase mit dem Glöckchen“ sich an die Spitze der Eierverstecker gehoppelt hat….

 

Das „Eierpicken“ (schriftlich in der Oberpfalz seit 1890 nachweisbar) ist ebenfalls weit verbreitet und sehr beliebt. Hierbei werden von zwei Kontrahenten die Eier Spitze an Spitze und rundes Ende an rundes Ende geschlagen. Der Spieler dessen Ei heil bleibt ist jeweils der Sieger. Der Sieg verspricht Gesundheit und Geldsegen im Jahr.

Bis nach Amerika ist der Brauch des Eierrollens gelangt und selbst US-Präsident Obama hilft den Kindern beim jährlichen Ostereierrollen vor dem Weißen Haus (Foto von 2012 in: P.M.History, Mai 2014, S.79). In seiner ursprünglich überlieferten Variante wurden von den Kindern unter zu Hilfenahme eines Löffels ein Ei einen kleinen Hügel hinuntergerollt – Symbol für den Stein, der vom Grab Jesu weggerollt wurde. Dem Besitzer des Eis, das als erstes und unversehrt über die Ziellinie rollte, winkte ein kleines Osterpräsent und Glück im Jahr.

 

Es ist sehr schön zu beobachten, dass sich so manches in seinen Grundzügen nie ändert. Wenn z.B. alljährlich am Ostersonntag um 10:30 Uhr im Burggarten in Rothenburg alle Kinder eingeladen sind, für sie versteckte Eier und Osternester zu suchen dann ist´s ein Jauchzen und Lachen wie es sicherlich schon Oma und Opa im Kindesalter im elterlichen Garten taten. (http://www.tourismus.rothenburg.de/kalender)

Gleichzeit ist es wirklich spannend, manchmal auch Haare sträubend und oft amüsant zu lesen, was es alles für Bräuche zu Ostern gab und gibt.  Ein inzwischen wohl nur noch wenig verbreiteter Brauch hat dabei mein besonderes Interesse geweckt: Noch bis in die 60er Jahre scheint der Brauch in den ländlicheren Gegenden in Deutschland weithin bekannt gewesen zu sein, dass Mädchen am Ostersonntag zwischen Mitternacht und Sonnenaufgang zu einem Brunnen oder Bach gehen mussten und einen Eimer mit frischem Wasser den ganzen Weg schweigend heimtragen mussten. Wusch man sich mit diesem Wasser bekam man zarte Haut, trank man das Wasser bedeutete es besondere Gesundheit im Jahr. Konnten sich die Mädchen aber nicht mit dem Reden (= plappern) zurückhalten, dann war das Wasser wirkungsloses „Plapperwasser“. Ich schätze ich werde meiner Familie eine moderne Version nahe bringen und erklären, dass sich die heilbringende Wirkung auf die stille Zubereitung jeglicher Flüssigkeiten (Kaffee, Milch, Tee) bis zum gemeinsamen  Sitzen am Frühstückstisch am Ostersonntag bezieht und hoffen, ab sofort am Ostersonntag ruhige Morgenstunden trotz versammelter Familienbande zu genießen. Mal sehen, ob´s klappt….

Felicitas Höptner

Mein Name ist Felicitas Höptner, ich bin die Leiterin des „Deutschen Weihnachtsmuseums“ in Rothenburg ob der Tauber. An der Otto-Friedrich-Universität in Bamberg habe ich Volkskunde, Kunstgeschichte und Denkmalpflege studiert. Im Rahmen von Ausbildung und Beruf hinterließ ich meine Spuren in Museen und Kultureinrichtungen in Bamberg, Schwabach, Oldenburg, Cloppenburg und Hagen. Neben der Museumsleitung zeichne ich verantwortlich für die Leitung der Abteilungen „Werbung, Presse, Öffentlichkeitsarbeit“ sowie „Tourismus“ beim Unternehmen „Käthe Wohlfahrt GmbH&Co.OHG“ in Rothenburg. In meiner Freizeit verreise ich im In- und Ausland, koche gerne mit Freunden, besuche Musik-, Kunst- und Kulturveranstaltungen und lese viel. Mein Interesse für Kunst und Kultur begleitet mich im Alltag. Dabei fasziniert mich vor allem auch die Feinheit und Besonderheit im Kleinen und Alltäglichen: die verblasste Szene neben dem Hauptthema im Bild, das kleine Detail an der Skulptur, die Originalität von Festivitäten, Brauchtum und Sprache, die Geschichte hinter der Titelgeschichte.

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Fasching, Fastnacht … Weihnachten? Rothenburgs ungewöhnlicher Brückenschlag.

Es ist wieder soweit und der Ruf „Franken Helau“ erschallt im Rothenburger Land. Andernorts wird König Karneval und sein illustrer Hofstaat mit Alaaf begrüßt und gefeiert. Im Fränkischen und in großen Teilen Süddeutschlands nennt sich die fünfte Jahreszeit Fasching, im Rheinischen ist es der Karneval und auch der Begriff Fastnacht ist weit verbreitet. Soweit so gut, aber woher kommt der Begriff?

Das mittelhochdeutsche „vaschenc(g)“ oder „vas(t)schang“ taucht vermutlich erstmals im 13.Jh auf und bedeutet „Ausschenken des Fastentranks“. Im 17.Jh wird bereits das sprachlich angeglichene „Fasching“ in schriftlichen Quellen geführt. „Karneval“ hat seine sprachhistorischen Ursprünge im lateinischen „Carnelevale“ und bedeutet „Fleischwegnahme“, von dem sich das italienische Wort „carneval“ ableiten lässt. Die Kunde von prachtvollen Karnevalsfeiern im einst als chic und vorbildhaft geltenden Italien des 15.Jh. etablierte den Begriff seit dem 17.Jh. auch in Deutschland. Scherzhaft wird auch oft „carne vale“ als „Fleisch lebe wohl“ übersetzt. Auch der Begriff „Fastnacht“ deutet den sinnhaften Hintergrund an, der als „vastnacht“ schon seit dem 12.Jh. als „Vorabend des Fasttages“ nachweisbar ist und einst nur den Aschermittwoch bezeichnete. Soll heißen: die „tollen“ Tage sind der Übergang zur einst vorösterlichen Fastenzeit.

Der Kampf des Junkers Karneval gegen die Frau Fasten ( Pieter Brueghel der Ältere, 1559)

Vor dem Fasten kommt also das üppige Feiern. Natürlich hat man schon aus der Antike von heidnischen Bräuchen im Rahmen von Sonnen-, Fruchtbarkeits- oder Dämonenkulten gehört, bei denen die Menschen mittels Maskierung den Göttern ähnlich sein wollten und sie bei viel Speis und Trank und mit rituellen Spielen und Tänzen mit besonderer Ausgelassenheit feiern und ehren wollten. In Deutschland dürfte der verbreitete Brauch des „Winteraustreibens“ eine weitere der tiefer im Aberglauben verwurzelten Entwicklungsstränge gebildet haben: Symbolisch wurde seit alters her im Februar der Winter, ein mit Stroh umwickelter (verkleideter) Mann, mit viel Lärm und Schreckmasken durch die Dorfgemeinschaft aus dem Ort vertrieben um den Einzug des Frühlings zu ermöglichen. Mit Musik und Gesang, Essen, Trinken und allerlei Späßen wurde die erfolgreiche Vertreibung dann gefeiert.

Strohbär

Auch der Aspekt sich unerkannt in Maske gegen herrschende Zwänge, Macht und Politik aufzulehnen oder sie ins Lächerliche zu ziehen war und ist Kernelement der Faschingszeit. Der klassische Elferrat, die Faschingsprinzen und – prinzessinnen, die Karnevalsgarden, die Obrigkeit (Polizist, General, etc)  und die v.a. in der Barockzeit von allen „richtig“ interpretierten Tiermasken (z.B. Pfau = Hoffart, Fuchs = Geiz, Bock und Hahn=Unkeuschheit, Unmäßigkeit = Bär und Schwein, etc) sind bis heute wiederkehrende Elemente der Verkleidung, die v.a. bei Karnevalsvereinen und auf thematischen Festwägen bei Umzügen zum Tragen kommen. Fantasie, Darstellungsfreude oder die Lust an exotisch anmutenden Wesen ist eher die Triebfeder für die Maskerade außerhalb der organisierten Vereins-Fröhlichkeit, die am 11.11. um 11.11 Uhr (die Zahl Elf galt schon früher als Narrenzahl) beginnt.

Insbesondere ab dem 6.Januar finden bevorzugt die Karnevalssitzungen der Fastnachtsvereine und die Maskenbälle statt. Der Donnerstag vor dem Faschingssonntag, der sogenannte „schmutzige“ oder „grumpige“ Donnerstag (im Rheinischen: „Weiberfastnacht“) läutet dann den Straßenkarneval ein. Regional unterschiedlich ist entweder der Faschingssonntag, der Rosenmontag oder der Faschingsdienstag der Höhepunkt der Saison, oft verbunden mit Maskenumzügen. Der Aschermittwoch kennzeichnet das Ende der fünften Jahreszeit und wird meist um 0.00 Uhr durch das „Beerdigen des Faschings“ eingeläutet. Hierbei wird ein (Papp)Sarg mit einer symbolischen Faschingspuppe durch den Tanzsaal getragen oder die Puppe wird gar wortwörtlich versenkt oder verscharrt. Das symbolische Auswaschen des Geldbeutels ist ein heute nichtmehr allzu bekannter Brauch, der ebenfalls als Zäsur das Ende von teurem und lasterhaftem Faschingstreiben und den Beginn der sparsamen Fastenzeit markiert.

Fasching versenken

Und wie ist das nun in Rothenburg? Eingekreist von einigen Faschingshochburgen scheint Rothenburg heutzutage auf den ersten Blick– frei nach Asterix und Obelix – das rebellische Dorf in seiner Mitte zu sein, das sich beharrlich dem karnevalistischen Treiben erwehrt. Für die Kinder sind einige schöne Veranstaltungen geboten, aber der tanzbegeisterte Erwachsene muss sich mit nur ein paar wenigen Möglichkeiten zufrieden geben. Es hat sich vermutlich schon herumgesprochen, denn wenn man sich momentan in den Straßen umhört, so ist der rheinische Dialekt auffällig vieler Karnevalsflüchtlinge zu hören, die alljährlich die völlig unnärrische Beschaulichkeit und Romantik in Rothenburg genießen.

Der ein oder andere Gast ist dennoch sehr überrascht, wenn er im „Deutschen Weihnachtsmuseum“ dann doch sogar einen Karnevalsorden entdeckt. Nein, kein Faschingsscherz!


Die sogenannten „Cotillon-Orden“ wurden in Deutschland vornehmlich im 19.Jh. als kleine Geschenke während des gleichnamigen Tanzspiels bei gesellschaftlichen Anlässen von den Damen an ihre Kavaliere gegeben. Sie bestehen aus gestanzter und geprägter Gold- oder Silberpappe, bis hin zu sehr aufwändigen und in mehreren Lagen und unter zu Hilfenahme von unterschiedlichen Materialien aufgebauten Orden. Wie diese Ballspenden zu Faschingsorden wurden, liegt auf der Hand: Jeder karnevalistische General oder König benötigt einen prachtvollen (Pappe)Orden an der Brust und auch Tanzveranstaltungen im Kostüm waren und sind zur Faschingszeit beliebt.

Wie wurde der Cotillon-Orden aber zum Weihnachtsschmuck? Zum einen gehörte die Herstellung von geprägten und gestanzten Pappteilen in den Produktionsbereich der Pappprägereien,  Kartonagefabriken, Pappsargbeschläge-Herstellern und zu den jenen Herstellern, die auch Christbaumschmuck anboten. Auch die Lieferanten von Cotillon-Orden waren die gleichen, wie die der Cotillon- und Karnevalsartikel. Einer Vermengung war damit Tür und Tor geöffnet.

 

Darüber hinaus blieb sicherlich der bezaubernde Effekt des sich in der Gold- und Silberpappe spiegelnden (Kerzen)Lichts nicht unbemerkt und die unglaubliche Pracht der damals relativ günstig erwerbbaren Pappdekorationen (im Vergleich zu z.B. Glasbaumschmuck)passte zum erwünschten festlichen Erscheinungsbild des Weihnachtsbaums. Da Artikel aus Pappe aber leicht verschmutzen, kaputt gehen und unansehnlich werden können und Christbaumbehang aus anderen Materialien haltbarer, glänzender und im Lauf der Zeit auch billiger wurde, konnten sich Cotillon-Orden nach dem 1.Weltkrieg nicht mehr als Weihnachtsschmuck halten und gerieten sogar in Vergessenheit.

Felicitas Höptner

Mein Name ist Felicitas Höptner, ich bin die Leiterin des „Deutschen Weihnachtsmuseums“ in Rothenburg ob der Tauber. An der Otto-Friedrich-Universität in Bamberg habe ich Volkskunde, Kunstgeschichte und Denkmalpflege studiert. Im Rahmen von Ausbildung und Beruf hinterließ ich meine Spuren in Museen und Kultureinrichtungen in Bamberg, Schwabach, Oldenburg, Cloppenburg und Hagen. Neben der Museumsleitung zeichne ich verantwortlich für die Leitung der Abteilungen „Werbung, Presse, Öffentlichkeitsarbeit“ sowie „Tourismus“ beim Unternehmen „Käthe Wohlfahrt GmbH&Co.OHG“ in Rothenburg. In meiner Freizeit verreise ich im In- und Ausland, koche gerne mit Freunden, besuche Musik-, Kunst- und Kulturveranstaltungen und lese viel. Mein Interesse für Kunst und Kultur begleitet mich im Alltag. Dabei fasziniert mich vor allem auch die Feinheit und Besonderheit im Kleinen und Alltäglichen: die verblasste Szene neben dem Hauptthema im Bild, das kleine Detail an der Skulptur, die Originalität von Festivitäten, Brauchtum und Sprache, die Geschichte hinter der Titelgeschichte.

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Adventskalender – Geschichte(n) im Deutschen Weihnachtsmuseum in Rothenburg ob der Tauber

Im romantischen Rothenburg gibt es immer wieder Gelegenheiten, um sich beim Bummeln durch die idyllischen Straßen der Stadt in ein wunderbares Märchenland zu träumen. Mir ging es dieser Tage wieder einmal so, als ich durch Rothenburg schlenderte. Dort, wo sich das Ensemble von Röderbogen, Teil der ersten Stadtbefestigung aus dem 12.Jh., und den ihn umgebenden attraktiven Bürgerhäusern am Markusturm befindet, sah ich auf einmal das Motiv meines diesjährigen Adventskalenders zum Leben erwacht.

Rothenburg, Blick auf Röderbogen und Markusturm

Rothenburg, Blick auf Röderbogen und Markusturm

 

Advents- oder Weihnachtskalender – wer kennt sie nicht, aber was weiß man wirklich darüber? Spätestens ab Oktober sind sie im Handel omnipräsent und ihre (Bilder)Geschichten sind vermutlich so vielfältig wie es Sandkörner in der Welt gibt. Je mehr man sich mit den kleinen Kunstwerken aber beschäftigt umso spannender wird auch ihre Historie, weit hinaus über die farbigen Darstellungen und kleinen Geschenke die sich darin verbergen:

Vom Abreißkalender zum Bilderbuch

Vorläufer gab es schon Mitte des 19.Jhs. als man z.B. wie in einem Kinderbuch von 1851 beschrieben jeden Tag „ein Bildchen an die Tapete heftete“ , Kreidestriche an eine Türe gemalt oder papierne Weinblätter mit Bibelsprüchen an einem sogenannten Adventsbaum aufhing (erste Edition 1846) um den Kindern die unendlich lange und schlecht fassbare Wartezeit bis Weihnachten abzählbar zu machen.

 

Adventskalender wie wir sie heute kennen wurden erst Anfang des 20.Jh. erfunden. Gerhard Lang (geb. 1881, gest. 1974) hat 1903 in München den ersten käuflich erwerbbaren, in größerer Stückzahl gedruckten „Weihnachts-Kalender“ herausgegeben. Er hieß „Im Lande des Christkinds“ und bestand aus einem Blatt mit 24 Bildchen die man ausschneiden musste und einem farbigen, mit wunderschöner Grafik versehenen Karton mit weihnachtlichen Versen. Auf die Verse wurden täglich die passenden Bildchen aufgeklebt, so dass sich ein komplettes Bild ergab. Die Verse dieses Adventskalenders wurden übrigens um 1930 sogar im ersten Adventskalender für Blinde veröffentlicht.

Im Lande des Christkinds, komplett beklebt, RLM, Nachruck von 1915 (Erstauflage 1903)

Im Lande des Christkinds, komplett beklebt, RLM, Nachruck von 1915 (Erstauflage 1903)

Überhaupt scheinen Ausschneid- oder kalendarische Abreißbildchen und dazugehörige Bilderbücher zum Einkleben in der Anfangszeit sehr beliebt gewesen zu sein – die „Panini-Sammelalben“ des frühen 20. Jahrhunderts. Die dabei erzählten Geschichten in denen oft bekannte Märchengestalten in neuen Geschichten auftraten ( in „Peter & Liesel“ aus dem Jahr 1920 kommt z.B. Frau Holle vor) wurden von bekannten Kinderbuchautoren geschrieben und von namhaften Illustratoren gezeichnet. Es sind wirklich kleine Kunstwerke für´s Kinderzimmer, die da geschaffen wurden.

Etwas Spannendes zum Bestaunen, Lesen, Basteln, Spielen und zum Naschen

Fantasie und die Frage, wie man die Begeisterung und Neugier der Kinder über 24 Tage aufrecht erhält, spornten zu neuen Ideen an. So entstand um 1920 das erste „Türchenmodell“ („Christkindleins Haus“, 1920), bei dem man erst durch das Öffnen der mit Zahlen versehenen Fensterchen das dahinter stehende Bild entdecken kann. Jetzt war der Adventskalender auch spannend.

Ebenfalls in den 1920er Jahren wurden erstmals Schokoladenstückchen in einen Adventskalender eingelegt und bereits  Ende des Jahrzehnts galten Schokoladenadventskalender als die beliebtesten Modelle – und sind es bis heute geblieben.

Schnell geht die Entwicklung voran und Weihnachtskalender tauchen auf, deren einzelne Motivbestandteile man mittels eines Schiebers oder einer Drehscheibe bewegen und verändern konnte (z.B. „Christkindleins Festzug“, 1935; „Weihnachtsuhr“, 1925). Ebenfalls sehr beliebt waren Weihnachtsuhren, wo man durch tägliches weiterdrehen des Zeigers das „Warten auf´s Christkind“ schon fast wörtlich nimmt. Das ultimative Kinderspielzeug vor dem Überraschungsei war nun entwickelt.

 

Motive, aus Fantasie und echter Zeitgeschichte geboren

Je jünger die Weihnachtskalender sind, desto vielfältiger werden Stil und Inhalt ihrer Darstellungen. Traditionelle Motive wie Tätigkeiten bei der Vorbereitung auf Weihnachten, Weihnachtsmärkte, Christkind oder Weihnachtsmann beim Ausliefern der Geschenke, eine Wichtel- oder Weihnachtswerkstatt, die Tierweihnacht im Wald oder eine klassische Krippendarstellung waren und bleiben dabei immer aktuell.

Eine Entwicklung, die 1937 durch die Papierknappheit und des Verbots zur Herstellung grafischer Kalender gestoppt wurde. Auch innerhalb Deutschlands blieb während des Zweiten Weltkriegs einzig nur der Kalender „Vorweihnachten“ erlaubt, der 1941 erstmals erschien und zur „nationalsozialistischen Gestaltung der Vorweihnachtszeit“ gedacht war. Gestaltung und Inhalt sind hier gar nicht mehr „süß“ und kindlich, sondern im typischen Stil der Zeit und mit textlich starkem Kriegsbezug. Über die Kriegsjahre verändern sich die Ausgaben auch merklich: 1942 kocht die Mutter noch für das Weihnachtsfest, 1943 backt sie im gleichen Beitrag stattdessen für die Feldpostpäckchen und ab 1943 sind die vorgestellten Backrezepte ohne Fett und Ei oder es werden „Reste“ von Lebensmittelkarten zur Verwendung empfohlen.

Das Bedürfnis nach einer heilen Weihnachtwelt war nach dem zweiten Weltkrieg überall wieder besonders groß. Und so entstanden schon 1945 erneut Adventskalender in allen Besatzungszonen. Vor allem die in Deutschland stationierten US-Soldaten trugen zur Verbreitung der Adventskalender in den USA bei. Besonders stolz ist der Verlag Richard Sellmer darauf, dass es sein  Weihnachtskalender „Die kleine Stadt“ schon 1953 bis ins Weiße Haus zur Familie des US-Präsidenten Eisenhower geschafft hatte. Spätestens ab jetzt konnte die Kassen füllende Erfindung aus Deutschland als internationaler Exportschlager gelten.

 

Ein über die Grenzen von West- und Ostdeutschland gehandelter Weihnachtsartikel

West- und ostdeutsche Verlage gaben sich in der Folgezeit nichts bei der ideenreichen Gestaltung des beliebten Vorweihnachtsartikels. Mit einem Unterschied: Im ehemaligen Osten Deutschlands wurden christliche Darstellungen wie z.B. Engel oder die Hl. Familie an der Krippe nach Möglichkeit vermieden. Dafür kann man eine starke Hinwendung zu Märchenmotiven oder moderner Technik (z.B. Raumfahrt) erkennen. Ein Schelm der entsprechende Einflüsse angesichts der Tatsache vermutet, dass bei einem Nachdruck der „Märchentafel“ des Korsch Verlags, der sowohl in Ost- und Westdeutschland Lizenzen hatte,  die Flügel der zwei großen Engel die in der ersten (westdeutschen) Auflage noch vorhandenen waren fehlen.

Es gibt noch so viele spannende Fragen und Geschichten rund um die Welt der zauberhaften Begleiter unserer Kindheit von damals bis heute. Viele Antworten und reiches Bildmaterial gibt es in dem Buch „Adventskalender – Geschichte und Geschichten“ von Tina Peschel (2009), das sehr gut recherchiert ist und ich sehr empfehlen kann.

Adventskalender - Geschichte und Geschichten aus 100 Jahren, Tina Peschel, 2009

Adventskalender – Geschichte und Geschichten aus 100 Jahren, Tina Peschel, 2009

Einige origniale Adventskalender aus alter Zeit werden auch nahe des Rothenburger Marktplatzes in Herrngasse 1 in der Dauerausstellung des ganzjährig geöffneten „Deutschen Weihnachtsmuseums“ ausgestellt (www.weihnachtsmuseum.de)  – aktuell allerdings nur ein sehr kleiner Teil der ca. 500 Stück umfassenden Sammlung. Eingebettet in Tausende anderer historischer Weihnachtsdekorationen verleiten diese ausgesuchten  Exemplare aber allemal zum Entdecken, Staunen und Träumen.

Deutsches Weihnachtsmuseum und Weihnachtsdorf von Käthe Wohlfahrt im Dezember 2012

Deutsches Weihnachtsmuseum und Weihnachtsdorf von Käthe Wohlfahrt im Dezember 2012

Und hier ist das Prachtexemplar, an das ich mich bei meinem Spaziergang so sehr erinnert habe. Fast möchte man meinen, der Grafiker hat bei seiner Arbeit daran von Rothenburg geträumt.

Weihnachtsstadt, Richard Sellmer Verlag

Weihnachtsstadt, Richard Sellmer Verlag

Und abschließend sind hier noch zwei Adventskalender, bei denen man sich auch beim täglichen Öffnen eines der Fensterchen ins winterliche Rothenburg träumen kann. Dennoch: Träumen ist schön, das echte weihnachtlich verzauberte Rothenburg selbst erleben ist unschlagbar. Eine echte Empfehlung für einen kleinen romantischen Städtetrip!

Felicitas Höptner

Mein Name ist Felicitas Höptner, ich bin die Leiterin des „Deutschen Weihnachtsmuseums“ in Rothenburg ob der Tauber. An der Otto-Friedrich-Universität in Bamberg habe ich Volkskunde, Kunstgeschichte und Denkmalpflege studiert. Im Rahmen von Ausbildung und Beruf hinterließ ich meine Spuren in Museen und Kultureinrichtungen in Bamberg, Schwabach, Oldenburg, Cloppenburg und Hagen. Neben der Museumsleitung zeichne ich verantwortlich für die Leitung der Abteilungen „Werbung, Presse, Öffentlichkeitsarbeit“ sowie „Tourismus“ beim Unternehmen „Käthe Wohlfahrt GmbH&Co.OHG“ in Rothenburg. In meiner Freizeit verreise ich im In- und Ausland, koche gerne mit Freunden, besuche Musik-, Kunst- und Kulturveranstaltungen und lese viel. Mein Interesse für Kunst und Kultur begleitet mich im Alltag. Dabei fasziniert mich vor allem auch die Feinheit und Besonderheit im Kleinen und Alltäglichen: die verblasste Szene neben dem Hauptthema im Bild, das kleine Detail an der Skulptur, die Originalität von Festivitäten, Brauchtum und Sprache, die Geschichte hinter der Titelgeschichte.

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