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Trauer, Entsetzen und Jubel in Rom und Rothenburg

Ein heißer Sommertag in der Ewigen Stadt, dem Haupt bzw. Nabel der Welt (caput mundi) vor 800 Jahren. Der Stadt und dem Erdkreis (urbi et orbi) stocken der Atem. Das geistliche Oberhaupt der Christenheit, der Papst (Pontifex) Innozenz III., verstirbt am 16. Juli 1216 im Alter von nur 56 Jahren in Perugia.

Der Juristenpapst: Innozenz III. (1198-1216)

Der Juristenpapst: Innozenz III. (1198-1216)

Dann überschlagen sich die Ereignisse: Der Leichnam von Innozenz III. (1198-1216) wird in der Kathedrale von Perugia aufgebahrt. Doch in der Nacht vom 16. zum 17. Juli 1216 rauben Unbekannte dem Aufgebahrten die kostbaren Totengewänder. Sie lassen den Leichnam fast nackt in der schon süßlich nach Verwesung riechenden Kirche zurück. „Wie kurz und eitel ist die trügerische Herrlichkeit dieser Welt?“ (quam brevis sit et vana huius seculi fallax gloria) fragt der Augenzeuge Bischof Jacques de Vitry seinerzeit.

Doch war es wirklich Raub, gar Leichenschändung? Fühlten sich die „Entwender“ möglicherweise gar im Recht? Schließlich war allgemein anerkannt, dass Kirchenmänner nicht heiraten und ebenso wenig etwas vererben dürfen. Das sogenannte Spolienrecht (ius spolii) gab dem kirchlichen Oberen deshalb das Recht, den beweglichen Nachlass eines verstorbenen Klerikers einzuziehen. Doch gehörten auch die Totengewänder dazu und hätten sie nicht der päpstlichen Schatzkammer zufallen müssen?

Dass gerade der bedeutendste Juristenpapst des Mittelalters, Papst Innozenz III. kurz nach seinem Ableben Opfer einer „Straftat“ oder zumindest einer missbräuchlichen Interpretation des Sponsalienrechts wird, scheint eine dunkle Ironie der Geschichte.

Päpstliche Gerichtsentscheidung Innozenz III. (1206)

Päpstliche Gerichtsentscheidung Innozenz III. (1206)

Dabei begann alles so hoffnungsvoll. Bereits am Todestag Papst Coelestins III. (8. Januar 1198) wählte das Konklave (cum clave mit dem Schlüssel = abgeschlossener Raum, in dem der Papst von den Kardinälen gewählt wird) den noch nicht einmal 40 Jahre alten Lothar von Segni zum Papst. Er war noch so jung, dass er nicht einmal die für eine Papstwahl erforderliche Priesterweihe erhalten hatte, was man kurz darauf nachholte. Walther von der Vogelweide spöttelte gar über das junge Alter des neuen Papstes (Owê, der bâbest ist ze junc. Hilf, hêrre, dîner cristenheit).

Als Papst Innozenz III. machte sich der junge Kirchenrechtler daran, die Missstände in seiner Kirche entschieden zu bekämpfen. Pflichtvergessene Kleriker wurden diszipliniert; Völlerei, Ämterkauf, Korruption u.v.m. streng geahndet.

Der Klerus sollte wieder ein Vorbild für den einfachen Gläubigen sein! Dies war dringend nötig. Seit Jahren liefen der römischen Kirche die Gläubigen fort. Nur allzu oft wurde in den Kirchen und Klöstern „Wasser gepredigt und Wein getrunken“. Alternative Glaubensgemeinschaften wie etwa Katharer (von griechisch καθαρός, katharós „rein“, daraus abgeleitet „Ketzer“) oder Waldenser, avancierten mit ihren Lehren (Häresien) zu einem Sammelbecken für unzufriedene Gläubige. Um gegen Kleriker besser gerichtlich vorgehen zu können, entwickelte der Jurist Innozenz III. das Inquisitionsverfahren weiter. Mehrmals die Woche leitete er selbst Gerichtverhandlungen in Rom und sorgte dafür, dass seine Urteile und Entscheidungen im ganzen Abendland verbreitet wurden.

Doch beließ es Innozenz III. nicht dabei, den Ketzerbewegungen durch Klerusdisziplinierung den Nährboden zu entziehen. Er ordnete die Häresie als Kapitalverbrechen ein und ging entschieden gegen die Ketzer vor. Ein blutiger Ketzerkreuzzug wütete ab 1209 in Südfrankreich und kostete viele Menschen das Leben. Auf dem 4. Laterankonzil im Jahre 1215 wurden unter seinem Pontifikat erneut alle Ketzer exkommuniziert.

Ketzerverbrennung 1210 (Luyken, Tanz der Märtyrer)

Ketzerverbrennung 1210 (J. Luyken, Tanz der Märtyrer, 1700)

Doch wer war nun genau ein Ketzer? Für den einfachen Bischof oder Priester war es im Hochmittelalter alles andere als einfach, das zu erkennen! Könntet Ihr es? Ein paar Beispiele:

War derjenige ein gläubiger Katholik, der glaubte:

– nur durch sexuelle Enthaltsamkeit den Weg zum Heil zu finden?

– beim Abendmahl verwandele sich das gereichte Brot und Wein tatsächlich und real in Leib und Blut Jesu Christi (transsubstantiatio = Wesensverwandlung)?

– nur bei Gott im Himmel sei das Gute zu finden; die irdische Welt sei grundsätzlich schlecht?

– dass die Dämonen zunächst gut erschaffen wurden, später aus sich selbst heraus böse wurden?

(Die Auflösung findet ihr am Ende des Blogs!)

Um den Priestern eine Handreichung zu geben, formulierte man auf dem 4. Laterankonzil das Glaubensbekenntnis weiter aus (Wir glauben an den einen Gott, den Vater, den Allmächtigen …). Wer damit nicht einig ging, geriet in den Dunstkreis der Häresie, ob nun in Rom, Südfrankreich oder Rothenburg ob der Tauber. Auch die von Innozenz III. initiierten Reformen, seine Urteile und Anweisungen beeinflussten die Bewohner des fränkischen Jerusalems. So überwölbte das Kirchenrecht die mittelalterliche Welt wie eine Glaskuppel, unter der auch die Rothenburger des 13. Jahrhunderts lebten und starben.

Gesamtansicht Rothenburgs von Westen (Kupferstich, H. Meichsner, 1615)

Gesamtansicht Rothenburgs von Westen (Kupferstich, H. Meichsner, 1615)

Zwar dürfte der Kleiderraub in der Kathedrale von Perugia vor fast genau 800 Jahren nicht bereits am nächsten Morgen Stadtgespräch in Rothenburg gewesen sein, so viele Jahre vor Erfindung des Buchdrucks, der Zeitungen, n-tv-Newsticker und Twitter-Dienst. Doch wird auch in Rothenburg der Jubel umso größer gewesen sein, als keine zwei Tage nach dem Tod Innozenz III. mit Honorius III. ein neuer Papst der Christenheit vorstand und der Stuhl (sedes) Petri damit nur für kurze Zeit vakant blieb (Sedisvakanz).

Markus Hirte / Charlotte Kätzel

(Antwort auf die Fragen: nein, ja, nein, ja)

Markus Hirte

Ich heiße Dr. Markus Hirte. Geboren wurde ich 1977 in Weimar. Ich habe Rechtswissenschaft studiert und wurde an der Friedrich-Schiller-Universität Jena zum Dr. iur. promoviert. Meinen Abschluss zum Magister Legum bestritt ich an der Fernuniversität Hagen. Ein Studienaufenthalt führte mich auch an die Cambridge University nach England. Knapp sieben Jahre arbeitete ich als Rechtsanwalt in Stuttgart, Berlin und London. Mein Herz schlug jedoch immer schon vor allem auch für die Strafrechtsgeschichte, meine Publikationsliste wurde länger und länger. Seit 2013 bin ich nun geschäftsführender Direktor des Mittelalterlichen Kriminalmuseums in Rothenburg und kann mich noch intensiver der Historie widmen. Meine Forschungs- und Interessenschwerpunkte: ältere und neuere Strafrechtsgeschichte, insbesondere mittelalterliches Kirchenstrafrecht, Inquisitionsverfahren, Hexenverfolgungen und die Entwicklung der Todesstrafe. http://www.kriminalmuseum.rothenburg.de/

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Ein Rothenburger als Begründer der modernen Chemie

Rothenburg ob der Tauber ist bekannt als romantische Stadt, als mittelalterliche Stadt, als Festspielstadt. Aber Rothenburg als eine Geburtsstätte der Wissenschaft? Auch in dieser Hinsicht hat die schöne Tauberstadt mehr zu bieten, als man zunächst denken mag. Über die Jahrhunderte haben auch Akademiker in Rothenburg ihre Spuren hinterlassen.

Wer den Namen Andreas Libavius noch nicht gehört hat, der sollte nun hellhörig werden. Denn es war kein geringerer als der Rothenburger Stadtphysikus Libavius, der die Chemie dem Dunstkreis der Alchemie entriss und zu der Wissenschaft machte, als die wir sie heute kennen. Der Todestag des bedeutenden Arztes, Chemikers und Pädagogen wird sich in diesem Monat, vermutlich am 25. Juli, zum 400. Mal jähren.

Andreas_Libavius

Begründer der modernen Chemie: Andreas Libavius

Geboren wurde Libavius in Halle an der Saale im heutigen Sachsen-Anhalt in den 1550er Jahren als Andreas Liebau. Obwohl seine Familie der ärmeren Bevölkerungsschicht angehörte, ging Libavius zur Lateinschule und studierte später an den Universitäten Wittenberg und Jena Medizin. Das Studium musste er allerdings, vermutlich aus Geldnöten, vorübergehend aussetzen und verdiente in diesen Jahren seinen Unterhalt als Lehrer, bis er schließlich sein Medizinstudium in Basel wieder aufnehmen und als Doktor beenden konnte. Während neben der Pädagogik auch die Poesie zu seinen Leidenschaften zählte, blieb Andreas Libavius` Berufung doch die Medizin.

Das prächtige Portal der Jakobschule

Das prächtige Portal der Jakobschule

Andreas Libavius in Rothenburg

Im Jahre 1591 schließlich erhielt Libavius das Angebot, Stadtphysicus (Stadtarzt) in Rothenburg ob der Tauber zu werden, welches er auch annahm. Hier zählte neben der medizinischen Versorgung der Bevölkerung unter anderem auch die Aufsicht über das medizinische Personal sowie über Apotheken und Arzneien zu seinen Aufgabenbereichen. Doch nicht nur als Mediziner sollte Libavius fortan in Rothenburg wirken. Von Anfang an war man sich auch seiner pädagogischen Begabung bewusst und so kam es, dass Andreas Libavius bereits ein Jahr später zum Schulinspektor der Rothenburger Lateinschule ernannt wurde – ein Amt, das eigens für ihn geschaffen wurde! Die Schule sollte von nun an neu gestaltet werden. Eine Umstrukturierung zum Gymnasium academicum war angedacht, also einer Schule, die deutlich stärker auf eine Vorbereitung für ein Studium abzielt. Der erste Schritt war der räumliche Umbau der Schule durch einen imposanten Neubau an prominenter Stelle direkt gegenüber der Jakobskirche, die Jakobschule.

Von Alchemie zu Chemie, von Aberglauben zu Rationalität

Neben seinen Beschäftigungen als Stadtarzt und Schulinspektor war Libavius weiterhin auch forschend tätig. Einen seiner Interessenschwerpunkte stellte etwa die Balneologie, also die Bäderkunde, dar. So lag es nahe, dass Libavius sich auch dem Rothenburger Wildbad widmete. Wohl im Auftrag der Stadt untersuchte er das dortige Wasser und veröffentlichte seine Ergebnisse 1601.

So könnte Libavius` Labor einst ausgesehen haben: Das Libavius-Zimmer im Rothenburger Historiengewölbe

So könnte Libavius` Labor einst ausgesehen haben: Das Libavius-Zimmer im Rothenburger Historiengewölbe

Es war auch in dieser Rothenburger Zeit Andreas Libavius`, dass der Gelehrte ein Buch verfasste, welches heute noch als Meilenstein in der Geschichte der Wissenschaft gilt: Die Alchemia. Als erstes die verschiedenen Teilgebiete der Chemie umfassende Übersichtswerk wandte sich das Werk scharf gegen die seinerzeitige Alchemie. Nicht umsonst ranken sich viele Legenden um diese mysteriöse Parawissenschaft und den sagenumwobenen alchemischen Stein der Weisen, der immer wieder Gegenstand grusliger Geschichten wurde. Denn die Alchemie, obgleich Vorgängerin der Chemie, zeichnete sich tatsächlich durch Mystik, Esoterik und Aberglauben aus – in der damaligen Zeit durchaus noch gang und gäbe, auch was den einfachen Volksglauben betraf.

Die Alchemie des Andreas Libavius bedeutete ein Umdenken in der Wissenschaft

Die Alchemie des Andreas Libavius bedeutete ein Umdenken in der Wissenschaft

 

Talismane und Vogelamulette - Aberglaubensvitrine in der Sonderausstellung des Mittelalterlichen Kriminalmuseums

Talismane und Vogelamulette – Aberglaubensvitrine in der Sonderausstellung des Mittelalterlichen Kriminalmuseums

Denn ebenso wie die Alchemiker auf ihren geheimen Treffen mit manch geheimnisvollem Gegenstand experimentierten, um auf wundersame Weise Gold oder lebende Kunstwesen zu erschaffen, hatte auch der einfache Mann stets das ein oder andere magische Objekt zur Hand, um sich damit beispielsweise vor dem Bösen zu schützen. Hier waren der Fantasie keine Grenzen gesetzt. Gegen jedes Übel gab es auch das passende Amulett oder einen Talisman. Ob Natternwirbelketten gegen Vergiftungen, Epilepsie und die Pest, Neidfeigen als Schutz gegen Unfruchtbarkeitszauber oder Fraisketten, die in die Wiege eines Neugeborenen gelegt dessen Austausch gegen ein Wechselbalg verhindern sollten – die Menschen legten ihr Schicksal häufig in die Hand solch weißer Magie und Schutzzauber. In der Sonderausstellung „Mit dem Schwert oder festem Glauben – Martin Luther und die Hexen“ im Mittelalterlichen Kriminalmuseum sind einige dieser Kuriositäten zu bestaunen, über die man sich aus heutiger Sicht doch nur wundern kann. Schließlich gilt für uns inzwischen ein gänzlich anderes Weltbild, geprägt von Wissenschaftlichkeit und Rationalität; in weiten Teilen entleert von Aberglaube und Mystik. Ein Weltbild, das unter anderem den Errungenschaften der modernen Chemie zu verdanken ist, der Andreas Libavius aus Rothenburg bedeutende Starthilfe gegeben hat.

Markus Hirte/Charlotte Kätzel

Markus Hirte

Ich heiße Dr. Markus Hirte. Geboren wurde ich 1977 in Weimar. Ich habe Rechtswissenschaft studiert und wurde an der Friedrich-Schiller-Universität Jena zum Dr. iur. promoviert. Meinen Abschluss zum Magister Legum bestritt ich an der Fernuniversität Hagen. Ein Studienaufenthalt führte mich auch an die Cambridge University nach England. Knapp sieben Jahre arbeitete ich als Rechtsanwalt in Stuttgart, Berlin und London. Mein Herz schlug jedoch immer schon vor allem auch für die Strafrechtsgeschichte, meine Publikationsliste wurde länger und länger. Seit 2013 bin ich nun geschäftsführender Direktor des Mittelalterlichen Kriminalmuseums in Rothenburg und kann mich noch intensiver der Historie widmen. Meine Forschungs- und Interessenschwerpunkte: ältere und neuere Strafrechtsgeschichte, insbesondere mittelalterliches Kirchenstrafrecht, Inquisitionsverfahren, Hexenverfolgungen und die Entwicklung der Todesstrafe. http://www.kriminalmuseum.rothenburg.de/

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Luther und die Hexen: einfach magisch

Geschichte wird geschrieben…

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Hier sollen die 95 Thesen angenagelt worden sein: Das Tor der Schlosskirche zu Wittenberg.

1517. Eine junge Universitätsstadt im heutigen Sachsen-Anhalt. Eine aufgeregte Menge auf dem Schlossplatz. Ein nicht mehr ganz junger Doktor der Theologie nähert sich entschlossen dem großen Tor der Schlosskirche. Die Menge hält den Atem an. Lautes Hämmern. Dann bricht lauter Jubel aus.

Martin Luther hat soeben mit dem Anschlag der 95 Thesen an der Wittenberger Schlosskirche den unaufhaltsamen Beginn der Reformation initiiert.

Ob es tatsächlich einen solchen Thesenanschlag gegeben hat? Aus heutiger Sicht ist dies mehr als zweifelhaft. Trotzdem gilt das Bild des Thesenanschlags bis heute als das Symbol der Reformation.

Am 31. Oktober 2017 wird sich der Beginn der Reformation zum 500. Mal jähren. In Erwartung des großen Jubiläums begann schon 2008 die sogenannte Lutherdekade mit den verschiedensten Veranstaltungen und Feiern.

 

Die Reformation schlägt Wellen… bis nach Rothenburg

Auch Rothenburg hat eine bewegte reformatorische Vergangenheit. Schon in den 1520ern, wenige Jahre nach dem Thesenanschlag Martin Luthers, gab es erste Reformationsversuche in Rothenburg, die mit dem Bauernkrieg aber (zum Teil blutig) niedergeschlagen wurden.

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Johannes Hornburg wurde 1539 erstmals Bürgermeister von Rothenburg.

1544 gelang es dann dem Ratsherren Johannes Hornburg mit Hilfe anderer Ratsmitglieder, die Reformation in Rothenburg zu initiieren und durchzuführen. Hornburg hatte in Wittenberg studiert und dort auch Luther persönlich kennengelernt und dessen Vorlesungen gehört.

Rothenburg kann also als Stadt mit langer evangelisch-lutherischer Geschichte betrachtet werden. Daher ist es nicht verwunderlich, dass auch Rothenburg verschiedene Beiträge zur Lutherdekade bietet.

So erinnert das Mittelalterliche Kriminalmuseum Rothenburg an den Reformator und das Jubiläum der Reformation mit einer Sonderausstellung.

 

 

Martin Luthers Leben und Wirken aus rechtshistorischer Sicht

„Mit dem Schwert oder festem Glauben – Luther und die Hexen“, so der Titel der großen, dreijährigen Sonderausstellung des Kriminalmuseums zur Lutherdekade. Entsprechend der Ausrichtung des Museums fällt ein besonderer Fokus auf das Gebiet der Rechtsgeschichte: das düstere Kapitel des Hexenwahns wird aufgeschlagen. Bei der Hexenthematik handelt es sich um einen Aspekt, der mit Leben und Wirken Luthers untrennbar verknüpft ist. Martin Luther lebte zu einer Zeit wachsender Hexenangst. Für Luther bestand wie für die meisten seiner Zeitgenossen kein Zweifel an der Existenz von Hexen und deren (schändlichem) Einfluss auf Land und Leute. Daher ist es nicht verwunderlich, dass sich Luther auch zu diesem Thema äußerte. Jedoch war sein Umgang mit den Hexen von Widersprüchen geprägt. Forderte er an einem Tag noch die strikte Verfolgung und Bestrafung, rief er am anderen schon dazu auf, mit Hexen und deren Taten milde umzugehen, sie im christlichen Sinne hinzunehmen. Wollte er einmal „Der Erste sein, der Feuer an sie legt“, riet er beim anderen Mal zu Milde bei einem Einzelfall.

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Als Francisco de Goya 1799 seine Linda Maestra schuf, hatte der Hexenwahn bereits ein Ende gefunden.

Luther zeigte sich die Hexenfrage betreffend also auffällig doppelgesichtig. Um diesen Charakterzug Martin Luthers und auch viele andere seiner Aussagen und Taten nachvollziehen zu können, ist es unerlässlich, seine bewegte Biographie zu betrachten. Zugleich sollte man sich auch die Welt vor Augen halten, in der Martin Luther lebte, und die Schauplatz schwerwiegender Erschütterungen war.

Deswegen wird in der Ausstellung nicht nur Luthers Leben geschildert, sondern auch ein Blick auf das damalige Zeitgeschehen geworfen. Es werden die Bedingungen beleuchtet, unter denen die Menschen gelebt haben. Faktoren wie (Religions-)kriege, Epidemien wie die Pest und sogar eine „kleine Eiszeit“ helfen zu erklären, wie der Hexenaberglaube derart gewaltige Ausmaße annehmen konnte.

 

Rothenburg: das Hexenparadies?

Die Sonderausstellung widmet sich auch der Reformation und Hexenverfolgung in Franken und Rothenburg. Tatsächlich gab es in Rothenburg insgesamt nur drei Hexereiprozesse, von denen auch nur zwei zu einer Todesstrafe führten. Diese Anzahl ist erstaunlich gering verglichen mit den hohen Zahlen an Hexenprozessen und Hinrichtungen in nur wenig entfernten Städten wie Würzburg oder Bamberg. Diese erlangten mit der Verbrennung tausender Menschen traurige Berühmtheit als Hochburgen der Hexenverfolgung.

Womit lässt sich dies erklären? Die Antwort gibt es ab dem 1. Mai 2016 im Kriminalmuseum, wo es heißen wird: „Mit dem Schwert oder festem Glauben – Martin Luther und die Hexen.“

 

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Martin Luther lebte in einer bewegten Zeit.

 

Markus Hirte / Charlotte Kätzel

Markus Hirte

Ich heiße Dr. Markus Hirte. Geboren wurde ich 1977 in Weimar. Ich habe Rechtswissenschaft studiert und wurde an der Friedrich-Schiller-Universität Jena zum Dr. iur. promoviert. Meinen Abschluss zum Magister Legum bestritt ich an der Fernuniversität Hagen. Ein Studienaufenthalt führte mich auch an die Cambridge University nach England. Knapp sieben Jahre arbeitete ich als Rechtsanwalt in Stuttgart, Berlin und London. Mein Herz schlug jedoch immer schon vor allem auch für die Strafrechtsgeschichte, meine Publikationsliste wurde länger und länger. Seit 2013 bin ich nun geschäftsführender Direktor des Mittelalterlichen Kriminalmuseums in Rothenburg und kann mich noch intensiver der Historie widmen. Meine Forschungs- und Interessenschwerpunkte: ältere und neuere Strafrechtsgeschichte, insbesondere mittelalterliches Kirchenstrafrecht, Inquisitionsverfahren, Hexenverfolgungen und die Entwicklung der Todesstrafe. http://www.kriminalmuseum.rothenburg.de/

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The Last Witch Hunter – Hexenjagd 2.0?

New York, Sommer 2015, in einem noblen upper-eastside-Loft: „Deine Unsterblichkeit hat Dich – Kaulder – zum größten Krieger von Axt und Kreuz gemacht … in einem Krieg zwischen unserer Welt … und der Nächsten. Die mächtigsten Hexen, die es je auf Erden gegeben hat, sind hier, um uns zu vernichten!“

 

 

Spannender Trailer! Aber worum geht es konkret im jüngsten Hollywood-Blockbuster The Last Witch Hunter mit Vin Diesel, Elijah Wood, Michael Caine und Rose Leslie?

Vin Diesel alias Kaulder bekämpft als letzter Hexenjäger seiner Art gemeinsam mit einem geheimen kirchlichen Orden namens „Axt und Kreuz“ das Böse. Gemeinsam halten sie seit langer Zeit einen geheimen Frieden mit dem Hexenrat aufrecht. Mittlerweile steht dem über 800 Jahre alten Kaulder schon sein 36. „Dolan“ (ein spezialisierter Priester) zur Seite. Als „Die Waffe“ vernichtet Kaulder seit  Jahrhunderten im Auftrag der Kirche böse Hexen. Den Fluch der Unsterblichkeit hat er der sinisteren Hexenkönigin zu verdanken, die er im Mittelalter einst getötet hatte. Doch eine – Menschen und den Hexenrat verachtende – Gruppe von Hexen schickt sich an, die Hexenkönigin wieder auferstehen zu lassen und überdies mit einer neuartigen Pest die Menschheit endgültig auszulöschen. Gemeinsam stellen sich die gute Hexe Chloe und Kaulder dem Kampf.

 

 

Hollywoods Hexenjäger

Das mediale Interesse am Hexenthema scheint ungebrochen, ob nun in Fernsehserien (Sabrina, Buffy, Charmed, Witches of East End) oder Kinostreifen (Hänsel und Gretel: Hexenjäger, DE/US 2013; Brother`s Grimm, CZ/US 2005 oder eben The Last Witch Hunter, US 2015). Aber Hollywood wäre nicht Hollywood, wenn nicht jeder neue Hexenfilm weitere Überraschungen bereit hielte.

Das fängt bereits bei der Location von The Last Witch Hunter an. Der Showdown zwischen Gut und Böse findet nicht auf historischem Boden statt, etwa einer mittelalterlichen Stadt à la Rothenburg o.d.T. Nein,getreu dem Selbstverständnis der kalifornischen Filme-Schmiede wird der apokalyptische Endkampf in Nordamerika ausgetragen, genauer gesagt in New York City am Central Park (oder eher Pittsburgh, das als Orts-Double im Film herhalten durfte). Und auch inhaltlich treffen wir auf viele bekannte, aber auch interessante neue Aspekte: Hexenjagd 2.0?

 

Fakt und Fiktion – historisch (un-)korrekt?!

Der anspruchsvolle Cineast mag sich fragen, was weiß The Last Witch Hunter wirklich über die früheren „Hexen“? Welche Hexenvorstellungen ängstigten schon unsere Vorfahren? Was ist Hollywood-Erfindung des 21. Jahrhunderts?

Hier ein paar rechtshistorische Einblicke:

Wetterzauber: Gleich zu Beginn des Filmes überführt Kaulder eine junge Hexe, die – versehentlich – einen starken Wetterzauber wirkt. FAKT! Das Verüben von Wetterzaubern war einer der Hauptvorwürfe in den frühneuzeitlichen Hexenprozessen.

Darstellung einer wetterbrauenden Hexe; Ausschnitt aus dem Tengler Laienspiegel (1512)

 

Hexen im Mittelalter? Im Film bekämpfte der Hexenjäger bereits im 13. Jahrhundert Hexen. FIKTION! Auch hier perpetuiert Hollywood die Mär vom finsteren Mittelalter mit Hexen(-verfolgungen). Der Hexenglaube, der Grundlage der Hexenverfolgungen war, formierte sich erst im 15. Jahrhundert. Die großen Hexenverfolgungen fanden sogar erst im 16./17. Jahrhundert statt.

Gute und böse Hexen: Im Film tauchen attraktive Hexen, wie Chloe, auf, die Gutes bewirken und helfen. Andere wiederum sind geradezu monströs (die Hexenkönigin) und haben das Potential zum apokalyptischen Erstschlag. FIKTION! Die filmische Gleichsetzung von Attraktivität mit Güte und Hässlichkeit mit Bosheit ist den gängigen Strukturen Hollywoods geschuldet. In der Vorstellung unserer Vorfahren in der Frühen Neuzeit waren Hexen als Bräute des Teufels grundsätzlich und abgrundtief böse, weshalb man sie auch vernichten wollte.

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Die Linda Maestra von Goya (1799): alte, hässliche und junge, attraktive Hexe machen gemeinsame Sache.

Hexen beiderlei Geschlechts? Im Film wird Hexerei von Männern ebenso verübt wie von Frauen. FAKT! Bis in die Mitte des 15. Jh. war das Hexereidelikt „geschlechtsneutral“. Erst in der Folgezeit wird es mehr und mehr auf Frauen ausgerichtet. Paradigmatisch steht dafür der Hexenhammer, das unheilvollste Buch der Literaturgeschichte.  Auch in den Hexenverfolgungen der Frühen Neuzeit gab es – je nach Region und Zeit – viele (in Skandinavien sogar überwiegend) männliche Opfer. Prozentual dürfte der Anteil der weiblichen Opfer insgesamt bei ca. 75 % gelegen haben.

Hexenhammer

Der berühmte, schicksalhafte Hexenhammer (Malleus Maleficarum, 1486) von Heinrich Kramer trieb die Feminiserung des Hexereiverbrechens an.

Pestfliegen:  Im Film plant die Hexenkönigin die Vernichtung der Menschheit mit einer neuen Pest, die durch Fliegen übertragen wird; sozusagen die Pest 2.0. FIKTION! Die im Film den Matrix-Wächtern in Sachen Formationsflug in Nichts nachstehenden Pestfliegen sind eher biblische Anleihen. Zwar wurden die Hexen in den Hexenprozessen beschuldigt, Krankheiten und Epidemien verursacht zu haben. Die Pestepidemien des Mittelalters und der frühen Neuzeit wurden jedoch in Wahrheit hauptsächlich von Flöhen und deren warmblütigen Wirtstieren übertragen.

Geborene Hexen: Im Film gibt es geborene Hexen und Hexer. Deren Kräfte sind zunächst einmal neutral und können sowohl für das Gute als auch das Schlechte eingesetzt werden. EHER FIKTION! In der Vorstellungswelt unserer Vorfahren erlangte die Hexe die Zauberkräfte als Gegenleistung des Teufels dafür, dass die Hexe sich von Gott abwandte und dem Teufel verschrieb. Dieser Teufelspakt war also konstitutiv für die Zaubermöglichkeit und allein der Abschluss des Teufelspaktes war ab 1572 in Kursachsen mit dem Feuertod bedroht.

Kursächsische Konsititution

In den Kusächsischen Konstitutionen von 1572 wurde der Teufelspakt als maßgeblich für das Hexereiverbrechen angesehen.

 

Vin Diesels Hexenjagd in New York – Tradition und Wandel der Hexenbilder

Es zeigt sich, dass The Last Witch Hunter in Sachen Hexenbild teilweise die ausgetretenen Pfade verlässt. Man sollte sich aber bewusst sein: Vin Diesel moderiert keine Geschichtsreportage. Er rettet die Welt in einem Fantasy-Action-Film, dessen Hexenbild erheblich von den historischen Hexenbildern abweicht. Wie so oft bei der Aufbereitung historischer Stoffe durch Hollywood gilt: Fakt oder Fiktion? Egal – Hauptsache, die Spannung stimmt.

 

Markus Hirte / Charlotte Kätzel

Markus Hirte

Ich heiße Dr. Markus Hirte. Geboren wurde ich 1977 in Weimar. Ich habe Rechtswissenschaft studiert und wurde an der Friedrich-Schiller-Universität Jena zum Dr. iur. promoviert. Meinen Abschluss zum Magister Legum bestritt ich an der Fernuniversität Hagen. Ein Studienaufenthalt führte mich auch an die Cambridge University nach England. Knapp sieben Jahre arbeitete ich als Rechtsanwalt in Stuttgart, Berlin und London. Mein Herz schlug jedoch immer schon vor allem auch für die Strafrechtsgeschichte, meine Publikationsliste wurde länger und länger. Seit 2013 bin ich nun geschäftsführender Direktor des Mittelalterlichen Kriminalmuseums in Rothenburg und kann mich noch intensiver der Historie widmen. Meine Forschungs- und Interessenschwerpunkte: ältere und neuere Strafrechtsgeschichte, insbesondere mittelalterliches Kirchenstrafrecht, Inquisitionsverfahren, Hexenverfolgungen und die Entwicklung der Todesstrafe. http://www.kriminalmuseum.rothenburg.de/

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Der „Franken“-Tatort, Sleepy Hollow und der Mörder von Rothenburg

„Der Franken“-Tatort

Kürzlich strahlte die ARD zur besten Sendezeit den ersten „Franken“-Tatort aus. Über 12 Millionen Menschen zog die Folge „Der Himmel ist ein Platz auf Erden“ in ihren Bann. Auch diesmal bildeten sich vor den Bildschirmen unzählige Mordkommissionen. Im Familienverbund oder Freundeskreis überwachten die Zuschauer akribisch jeden Schritt der Kommissare. Alternative Ansätze und noch zu verfolgende Spuren wurden debattiert. So trug die Schwarmintelligenz ihren gefühlten Teil bei zum Ermittlungserfolg. Ist es da ein Wunder, dass auch diesmal nach 90 Minuten das Verbrechen aufgeklärt war?

 

 

Was fasziniert uns an einem Tatort, an einem Krimi? In erster Linie ist es wohl die Ermittlungsarbeit der Kriminalpolizei, kurz Kripo. Wie gelingt es ihr, mit modernsten Methoden und detektivischer Raffinesse das Verbrechen aufzuklären?

Aber wie ermittelte die Kriminalpolizei vor den Zeiten von Fingerabdruck, DNA-Analyse und Handyortung? Wie arbeitete die Kripo im Mittelalter und in der Frühen Neuzeit? Schauen wir zurück, stellen wir (überrascht?) fest, dass es Kriminalbeamte erst seit dem Beginn des 19. Jahrhunderts gibt. Überdies dauerte es von da ab noch einmal gut 100 Jahre, bis alle großen deutschen Städte über eine Kriminalpolizei verfügten. Die Geschichte der Kriminalpolizei, Kriminaltechnik und der Kriminalistik schlechthin ist also noch vergleichsweise jung.

 

Kriminaldienstmarken aus Deutschland (1930er/40er Jahre) und Schweden (1980er Jahre) und Gedenkmünze 100 Jahre Hamburger Kripo

Kriminaldienstmarken aus Deutschland (1930er/40er Jahre) und Schweden (1980er Jahre) und Gedenkmünze 100 Jahre Hamburger Kripo

 

Sleepy Hollow

Die Wiegenzeit der modernen Kriminalistik um die Wende des 18. zum 19. Jahrhundert zeichnet besonders plastisch Tim Burtons Blockbuster „Sleepy Hollow“ (1999). Der Film spielt in dem – unweit von New York gelegenen – gleichnamigen Dorf. Der Ort wird von mysteriösen Morden heimgesucht. Zugeschrieben werden die Untaten einem kopflosen hessischen Reiter. Der nach Sleepy Hollow strafversetzte Police Constable Ichabod Crane (Johnny Depp) nimmt sich der Sache an. Er setzt auf wissenschaftliche Methoden, logische Erklärungen und bedient sich seinerzeit modernster Geräte.  Die Folter verabscheut er als ein mittelalterliches Beweisgewinnungsverfahren.

Zwar handelt es sich bei diesem Hollywood-Streifen um einen Märchenfilm mit einem intensiven Stimmungsbild finsterer Töne; eher Grusel- denn Historienfilm. Er vermittelt jedoch eine Gefühl, eine Stimmung zur Zeit des Beginns der modernen Kriminalistik.

 

 

Das „Moderne“ an Ichabods Vorgehen (und auch jenes seines englischen Kollegen, Sherlock Holmes) ist neben seinen Methoden auch der Ansatz, nämlich ein Verbrechen, eine Tat aufzuklären. Darum ging es bis in das 18. Jahrhundert hinein nämlich unseren Vorfahren weniger. Vielmehr versuchten sie, mehr oder weniger zufällig gefasste Verdächtige zu überführen oder eben vom Verdacht zu reinigen.

Die uns heute so faszinierenden umfassenden und teilweise sehr kostenintensiven modernen Ermittlungsmethoden waren seinerzeit noch (weitgehend) unbekannt. Überdies fehlte es vor allem auch an den finanziellen Ressourcen für solche umfangreichen Ermittlungen. Vornehmliche Beweismittel waren seinerzeit die Augenzeugen und das notfalls mittels Folter erpresste Geständnis.

 

Holzschnitt zur peinlichen Frage, ca. 1508 n.Chr., (c) Mittelalterliches Kriminalmuseum

Holzschnitt zur peinlichen Frage, ca. 1508 n.Chr., (c) Mittelalterliches Kriminalmuseum

 

Der Beschuldigte musste im frühneuzeitlichen Inquisitionsprozess an seiner eigenen Überführung mitwirken; er war faktisch ein „Prozess-Objekt“. Heute hingegen ist es ein allgemeiner Grundsatz des Strafverfahrens, dass sich niemand selbst belasten muss (nemo tenetur se ipsum accusare, vgl. auch §§ 136, 163a Strafprozessordnung [StPO]). Der Beschuldigte ist nicht mehr Objekt, sondern „Prozess-Subjekt“.

 

Der Mörder von Rothenburg

Wie bereits L.P. Hartley 1953 vollkommen zutreffend ausführte: “The past is a foreign country; they do things differently there.” So merkwürdig es uns heute erscheint; lange Zeit galt es weniger, ein Verbrechen en detail aufzuklären, als vielmehr greifbare Verdächtige zu überführen bzw. sie vom Verdacht zu reinigen. Deshalb hätten wohl dem „Tatort“ vergleichbare Kriminalfälle eher in Amts- und Gerichtsstuben gespielt und im Folterkeller.

Und mit Blick auf die Fokussierung auf Verdächtigen hätten sie auch andere Namen getragen; nicht „Tatort“ oder „CSI“ – sondern wohl eher „Die Brandstifter von Bettenfeld“ oder „Der Mörder von Rothenburg“.

Mörder_von_Rothenburg

G.Kraus, Rothenburg vom Herrnmüller-Wäldchen, ca. 1840

 

Markus Hirte

Ich heiße Dr. Markus Hirte. Geboren wurde ich 1977 in Weimar. Ich habe Rechtswissenschaft studiert und wurde an der Friedrich-Schiller-Universität Jena zum Dr. iur. promoviert. Meinen Abschluss zum Magister Legum bestritt ich an der Fernuniversität Hagen. Ein Studienaufenthalt führte mich auch an die Cambridge University nach England. Knapp sieben Jahre arbeitete ich als Rechtsanwalt in Stuttgart, Berlin und London. Mein Herz schlug jedoch immer schon vor allem auch für die Strafrechtsgeschichte, meine Publikationsliste wurde länger und länger. Seit 2013 bin ich nun geschäftsführender Direktor des Mittelalterlichen Kriminalmuseums in Rothenburg und kann mich noch intensiver der Historie widmen. Meine Forschungs- und Interessenschwerpunkte: ältere und neuere Strafrechtsgeschichte, insbesondere mittelalterliches Kirchenstrafrecht, Inquisitionsverfahren, Hexenverfolgungen und die Entwicklung der Todesstrafe. http://www.kriminalmuseum.rothenburg.de/

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Weihnachten … ohne Kirchgang?

Seit dem 3. Jh. feiern Menschen im christlichen Abendland das Weihnachtsfest. In der ersten Zeit freilich noch unter anderem Namen. Der Begriff Weihnachten ist nämlich deutlich jünger. Als „Ze wîhe naht“ oder „wihenaht“ (mittelhochdeutsch) finden wir ihn erstmals quellenmäßig belegt im 11. Jh.

Kriminalmuseum - Weihnachtskarte 2014 (Im Hintergrund eine Kopie der Predigtensammlung Speculum ecclesiae (um 1170) mit einer der ersten Nennungen des Begriffs wihenaht; siehe vorletzte Zeile letzte Wort)

Kriminalmuseum – Weihnachtskarte 2014 (im Hintergrund eine Kopie der Predigtensammlung Speculum ecclesiae (um 1170) mit einer der ersten Nennungen des Begriffs wihenaht; siehe vorletzte Zeile, letzte Wort)

Auch Art und Weise des Feierns änderte sich über die Jahrhunderte, wie man sehr schön im Deutschen Weihnachtsmuseum in Rothenburg erfahren kann.

Weihnachten heute

Wie sieht Weihnachten im 21. Jahrhundert aus? Heute dürften Weihnachtsmann, geschmückter Christbaum, viele Geschenke und ein stattliches Festessen am treffendsten das Weihnachtsfest symbolisieren.

Weihnachtlicher Festschmaus

Weihnachtlicher Festschmaus

Trotz zunehmender Kommerzialisierung und „Vercocacolasierung“ des Weihnachtsfestes zeigen die gut gefüllten Kirchen um die Weihnachtszeit gleichwohl: Der eigentliche Hintergrund des Festes ist vielen noch präsent. Abseits der großen christlichen Feiertage sind die Kirchen heutzutage häufig weniger stark frequentiert. In einigen Regionen müssen gar Gemeinden „zusammengelegt“ werden oder finden Gottesdienste nur noch im mehrwöchigen Turnus statt.

Vor 1000 Jahren

Springen wir tausend Jahre in der Zeit zurück, dürfte dies für unsere Vorfahren unvorstellbar gewesen sein. Selbst kleinste Dörfer oder aus heutiger Sicht überschaubare Städte wie Rothenburg  investierten Unsummen, um vorhandene Kirchen zu verschönern (sehen Sie etwa die Rothenburger Passion im Reichsstadtmuseum) oder um sich gar erst ein eigenes repräsentatives Gotteshaus zu bauen.

St. Jakob in Rothenburg o.d.T.

St. Jakob in Rothenburg o.d.T.

All dies um vor Ort den Gottesdienst zu besuchen, die Heilige Messe zu feiern und das Abendmahl zu empfangen. Und das nicht nur zu den großen Feiertagen, sondern regelmäßig! Zwar gab es immer wieder Einzelne, die den Gottesdienst schwänzten und dafür beim nächsten Mal mit einem schweren hölzernen Rosenkranz um den Hals vor dem Kirchenportal den Spott der redlichen Kirchgänger ertragen mussten.

Replik eines hölzernen Rosenkranzes, ausgestellt im Mittelalterlichen Kriminalmuseum in Rothenburg o.d.T.

Replik eines hölzernen Rosenkranzes, ausgestellt im Mittelalterlichen Kriminalmuseum in Rothenburg o.d.T.

Den Meisten waren jedoch regelmäßiger Kirchgang und Empfang des Abendmahls sehr wichtig. Immer wenn ein Gut in einer Gemeinschaft hoch geschätzt wird, eignet sich dessen Entzug als Sanktion. In freiheitsorientierten Gesellschaften ist Freiheitsentzug eine wirksame Sanktion, in pekuniär orientierten Gruppen eine Geldstrafe, in ehrorientierten Gemeinschaften eine Ehrenstrafe u.s.w.

Das Interdikt

Wundert es da, dass es im Mittelalter auch eine Sanktionsform gab, die das Verbot des Feierns von Gottesdiensten zum Inhalt hatte? Die Kirchenstrafe der Exkommunikation dürfte jeder schon einmal gehört haben! Aber das Interdikt? Als Lokalinterdikt untersagte diese Strafe sämtliche gottesdienstliche Handlungen in einer Kirche, an einem Ort oder gar in einer ganzen Region.

Die Kirchenstrafe des Interdikts bildete sich – wie der Begriff Weihnachten – um das 11. Jh. heraus. Sie erschien nötig, um Kirchenvermögen und Klerus gegen Übergriffe der weltlichen Herrscher, Feudalherren und der Bevölkerung wirksamer zu schützen. Bemerkenswert an dieser Strafe ist, dass neben den Schuldigen bewusst auch Unschuldige mitbestraft wurden. Ungerecht, oder?

Früher Druck eines Kirchenrechtsbuchs (Liber Extra, 1506) mit päpstlichen Bestimmungen zum Interdikt (lib. 4 tit.1 cap.1), Bestand des Mittelalterlichen Kriminalmuseums in Rothenburg o.d.T.

Früher Druck eines Kirchenrechtsbuchs (Liber Extra, 1506) mit päpstlichen Bestimmungen zum Interdikt (lib. 4 tit.1 cap.11), Bestand des Mittelalterlichen Kriminalmuseums in Rothenburg o.d.T.

Ziel des Lokalinterdikts war jedoch neben der Bestrafung der Täter, den Bewohnern des betreffenden Gebietes die Schwere einer Straftat bewusst zu machen. Zudem konnten die Schuldigen besser isoliert und gruppendynamische Prozesse (interne Disziplinierung) genutzt werden. So nahm die betroffene Bevölkerung nicht selten viel auf sich, um die Aufhebung eines Lokalinterdikts zu erreichen.

Keine Gottesdienste in Kastilien wegen Rothenburg?

Auch in der großen Politik war das Interdikt oft Thema. Bei einem anderen Lauf der Geschichte hätten es möglicherweise große Teile Spaniens (Kastilien) „einem Rothenburger“ zu verdanken gehabt, dass die kastilischen Kirchen hätten geschlossen bleiben müssen. Wie das?

Nun, am 23. April 1188 schlossen der Deutsche Kaiser Friedrich I und König Alfons VIII. von Kastilien und Toledo einen Vertrag über die Ehe ihrer Sprößlinge, Kaisersohn Herzog Konrad von Rothenburg und Königstochter Berengaria. Die Barone und Fürsten Kastiliens mussten beeiden, dass sie dieses Abkommen auch im Fall des Todes von König Alfons VIII. einhalten würden.

Bei Zuwiderhandeln waren der kastilische Erzbischof und die Bischöfe gehalten, mit Interdikt und Exkommunikation vorzugehen. Jedoch lebte König Alfons noch bis 1214 und zum Vollzug der Ehe zwischen Konrad und Berengaria kam es auch nicht.

Stauferstele im Burggarten von Rothenburg o.d.T., (c) M.Hirte

Stauferstele im Burggarten von Rothenburg o.d.T., (c) M.Hirte

So konnten die kastilischen Kirchen Weihnachten 1188 geöffnet bleiben und die Bevölkerung dort eine gesegnete wîhe naht feiern ebenso wie ihre Glaubensbrüder und -schwestern in Rothenburg ob der Tauber.

In diesem Sinne wünschen das Mittelalterliche Kriminalmuseum in Rothenburg und ich Ihnen/Dir ein frohes und gesegnetes Weihnachten und einen guten Rutsch in das Jahr 2015!

Markus Hirte

Ich heiße Dr. Markus Hirte. Geboren wurde ich 1977 in Weimar. Ich habe Rechtswissenschaft studiert und wurde an der Friedrich-Schiller-Universität Jena zum Dr. iur. promoviert. Meinen Abschluss zum Magister Legum bestritt ich an der Fernuniversität Hagen. Ein Studienaufenthalt führte mich auch an die Cambridge University nach England. Knapp sieben Jahre arbeitete ich als Rechtsanwalt in Stuttgart, Berlin und London. Mein Herz schlug jedoch immer schon vor allem auch für die Strafrechtsgeschichte, meine Publikationsliste wurde länger und länger. Seit 2013 bin ich nun geschäftsführender Direktor des Mittelalterlichen Kriminalmuseums in Rothenburg und kann mich noch intensiver der Historie widmen. Meine Forschungs- und Interessenschwerpunkte: ältere und neuere Strafrechtsgeschichte, insbesondere mittelalterliches Kirchenstrafrecht, Inquisitionsverfahren, Hexenverfolgungen und die Entwicklung der Todesstrafe. http://www.kriminalmuseum.rothenburg.de/

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Rothenburgs rätselhafte Jungfrau

„Es war im Jahr 1883 …

… Meine Frau Emilia und ich hatten uns vorgenommen, uns mit der Hochzeitsreise den Traum eines jeden Engländers zu erfüllen. Wir wollten das romantische Deutschland bereisen und gedachten nun, dem idyllischen hessischen Städtchen Frankfurt am Main einen Besuch abzustatten …“

Romantische Flitterwochen gönnt der Autor Bram Stoker in seiner Gruselgeschichte „The Squaw“ dem frisch gebackenen Ehepaar George und Emilia Price aus Wales freilich nicht. Bereits auf der nächsten Station ihrer Hochzeitsreise, in Nürnberg, überschlagen sich die Ereignisse. Die Besichtigung der Nürnberger Kaiserburg und der dortigen Folterkeller-Ausstellung mündet in einem grauenvoll-blutigen Fiasko. In dessen Zentrum: eine Eiserne Jungfrau!

 

Eiserne Jungfrau von Nürnberg im Kriminalmuseum in Rothenburg o.d.T.

Eiserne Jungfrau von Nürnberg im Kriminalmuseum in Rothenburg o.d.T.

 

Der Mythos

Wenige Rechtsaltertümer bewegen die Phantasie der Menschen bis heute so wie die Eiserne Jungfrau. An der Innenseite mit vielen Spitzen versehen, sollen sie im finsteren Mittelalter ihre grauenvolle Wirkung beim Schließen des hölzern/metallenen Mantels entfaltet haben. Mit dem Ende des 18. Jhs. mehren sich Berichte über Eiserne Jungfrauen. Literatur und Zeitungen nehmen sich ihrer an. Museen zeigen ab Mitte des 19. Jhs. erst kürzlich wiederentdeckte Eiserne Jungfrauen in großen Ausstellungen. Eine Legende entsteht…

Zeichnung der Nürnberger Folterkellerausstellung aus dem 19. Jh. - im Hintergrund die Eiserne Jungfrau

Zeichnung der Nürnberger Folterkellerausstellung aus dem 19. Jh. – im Hintergrund eine Eiserne Jungfrau

Doch waren unsere Vorfahren im Mittelalter und der Frühen Neuzeit tatsächlich so grausam? Haben Sie wirklich eine solch perfide Folter- und Hinrichtungsmaschine ersonnen? Eine große Holzfigur, die Angeklagte oder zum Tode Verurteilte in sich aufnahm und beim Schließen der Türen mit metallenen Dornen durchbohrte? Was meinen Sie?

Vier metallene Spitzen, die ursprünglich an der Innenseite der Eisernen Jungfrau angebracht waren

Vier metallene Spitzen, die ursprünglich an der Innenseite der Eisernen Jungfrau angebracht waren

 

Die Wirklichkeit

Lassen Sie uns einen Blick in die Geschichte werfen. Wäre die Eiserne Jungfrau ein Folterinstrument gewesen, müsste es dafür schriftliche Belege geben. Die Folter war seinerzeit ein „Beweisgewinnungsverfahren“ mit dem Ziel eines Geständnisses. Von Gesetzes wegen musste jede Tortur protokolliert werden. Und so finden wir in Archiven unzählige überlieferte Folterprotokolle … allerdings … bislang noch kein einziges, das eine Tortur mit der Eisernen Jungfrau belegt.

Schriftliches Folterprotokoll, ausgestellt im Mittelalterlichen Kriminalmuseum in Rothenburg o.d.T.

Schriftliches Folterprotokoll, ausgestellt im Mittelalterlichen Kriminalmuseum in Rothenburg o.d.T.

War die Eiserne Jungfrau dann doch eher ein Hinrichtungsgegenstand? Das Strafrecht der frühen Neuzeit sah ja einen ganzen Kanon äußerst grausamer und schmerzhafter Hinrichtungsarten vor. Allerdings müsste es auch dafür schriftliche Belege geben, etwa ein Todesurteil. Darüber hinaus wurden besonders grausame Vollstreckungen seinerzeit oft in Bildern und Flugschriften abgebildet. Gleichwohl ist bislang weder eine Todesurteil noch eine zeitgenössische bildliche Darstellung ausfindig gemacht worden.

Todesurteil mit gebrochenem Stab, ausgestellt im Mittelalterlichen Kriminalmuseum in Rothenburg o.d.T.

Todesurteil mit gebrochenem Stab, ausgestellt im Mittelalterlichen Kriminalmuseum in Rothenburg o.d.T.

 

Die Eiserne Jungfrau im Kriminalmuseum

So lässt sich eine Klärung wohl nur herbeiführen über das Exponat selbst. Wo kam es ursprünglich her? Wie alt ist es? Finden sich Anzeichen für eine entsprechende Verwendung? Die Geschichte der Eisernen Jungfrau von Nürnberg lässt sich bis in die Mitte des 19. Jh. nach Nürnberg zurückverfolgen. Dort taucht sie erstmals auf als Hauptexponat einer großen Folterausstellung. Ihre Geschichte davor liegt im Dunkel.

Das Kriminalmuseum hatte kurz nach dem Erwerb der Eisernen Jungfrau in den 1960er Jahren diese untersuchen lassen und Erstaunliches aufgedeckt. Danach ist der Mantel auf das 15./16. Jh. zu datieren (vermutlich aus Böhmen) und wurde als Ehrenstrafvollzugsgerät verwendet, als Schandmantel. Die metallenen Dornen hingegen waren nachträglich angebrachte französische Tüllenbajonette aus den Befreiungskriegen (1813-1815). So spricht derzeit alles dafür, dass die Eiserne Jungfrau von Nürnberg gar kein Folter- oder Hinrichtungsgegenstand war, sondern „nur“ ein Schandmantel. Dieser wurde im 19. Jh. mit metallenen Spitzen bestückt und das Exponat damit verfälscht, um ein schauderhaftes Exponat für zahlende Gäste vorweisen zu können.

Tragbarer Schandmantel in Form einer Trinkertonne, Abbildung aus dem 19. Jh.

Tragbarer Schandmantel in Form einer Trinkertonne, Abbildung aus dem 19. Jh.

Spannende Sonderschau zu „Mythos und Wirklichkeit“

Anlässlich des Rothenburger Märchenzaubers 2014 widmet sich das Kriminalmuseum der weltbekannten Jungfrau mit einem neugestalteten Teilbereich seiner Präsenzausstellung. Neben der tatsächlichen Geschichte beleuchten wir auch den „Mythos Eiserne Jungfrau“ und zeigen beispielsweise interessante Merchandising-Artikel des 19. und frühen 20. Jhs. wie Klapppostkarten oder Stifthalter in Form der Eisernen Jungfrau. Zwei bedruckte Großwände vermitteln einen Eindruck des früheren Standorts des Exponats – die Nürnberger Folterkammer-Ausstellung. Parallel dazu können Sie über eine aufwendige Audioinstallation mit parametrischem Ultraschall-Lautsprecher einem Hörspiel-Ausschnitt aus Bram Stokers Bestseller zur „Iron Maiden“ lauschen. Für ausländische Gäste halten QR-Codes die Kurzgeschichte auf Englisch vor.

Eine Neuauflage des vom Gruselfaktor getragenen Hypes vergangener Jahrhunderte ist nicht geplant. Vielmehr liegt der Fokus auf der nicht weniger spannenden historischen Realität des Exponats. So sind längst noch nicht alle Rätsel um die Eiserne Jungfrau gelöst. Seit 1965 etwa fehlt jede Spur der Schwester der Eisernen Jungfrau von Nürnberg, der Feistritzer Jungfrau. Diese Fährte wieder aufzunehmen, könnte einiges detektivischen Spürsinns bedürfen und vielleicht noch so manche Überraschung bergen…

 

Markus Hirte

Ich heiße Dr. Markus Hirte. Geboren wurde ich 1977 in Weimar. Ich habe Rechtswissenschaft studiert und wurde an der Friedrich-Schiller-Universität Jena zum Dr. iur. promoviert. Meinen Abschluss zum Magister Legum bestritt ich an der Fernuniversität Hagen. Ein Studienaufenthalt führte mich auch an die Cambridge University nach England. Knapp sieben Jahre arbeitete ich als Rechtsanwalt in Stuttgart, Berlin und London. Mein Herz schlug jedoch immer schon vor allem auch für die Strafrechtsgeschichte, meine Publikationsliste wurde länger und länger. Seit 2013 bin ich nun geschäftsführender Direktor des Mittelalterlichen Kriminalmuseums in Rothenburg und kann mich noch intensiver der Historie widmen. Meine Forschungs- und Interessenschwerpunkte: ältere und neuere Strafrechtsgeschichte, insbesondere mittelalterliches Kirchenstrafrecht, Inquisitionsverfahren, Hexenverfolgungen und die Entwicklung der Todesstrafe. http://www.kriminalmuseum.rothenburg.de/

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Hexensabbat – gestern und heute

Diese Woche ist es wieder soweit … Hexensabbat! Am Freitag (19. September 2014) könnte es an den drei weltweit wichtigsten Derivatebörsen erneut zu wilden Kursbewegungen kommen, wenn Termingeschäfte auf Aktien und Aktienindizes auslaufen. Da sich an einem solchen „großen Verfallstag“ die Kursbewegungen kaum vorhersagen lassen, umschreiben Börsianer den Tag gern als  „Hexensabbat“ oder „triple witching day“. Mögen auch die Kursverläufe ungewiss sein, konkretes Datum und Uhrzeit sind es nie!

 Norbert Nagel / Wikimedia Commons (License: CC BY-SA 3.0)

Frankfurter Börse, (c) Norbert Nagel / Wikimedia Commons (License: CC BY-SA 3.0)

Jeden dritten Freitag des dritten Monats eines jeden Quartals werden genau um 11.50 Uhr, 13.05 Uhr und 17.30 Uhr die Kurse von Aktien und Indizes festgestellt, auf die sich die Derivate beziehen. Am letzten Hexensabbat (20. Juni 2014) stieg der DAX zeitweise auf 10.050,98 Punkte. Dazu Marktexperte Daniel Saurenz seinerzeit: „Wer hätte vor einem Jahr gedacht, dass die Hexen dieses Mal auf dem Berg der 10.000 tanzen.“

Der spätmittelalterlich/frühneuzeitliche Hexensabbat

Die Metapher des Marktexperten dürfte sich auf den im Harz liegenden Brocken/Hexentanzplatz beziehen. Dort sollten sich nach der Vorstellung unserer Vorfahren tausende und abertausende Hexen aus allen Teilen der Welt an Walpurgisnacht getroffen haben, um geselligem Treiben und sexuellen Exzessen mit Teufel und Dämonen zu frönen, Schadenszauber zu vollführen, magische Gegenstände herzustellen, neue Hexen in ihre Sekte aufzunehmen und mit dem Teufel zu paktieren.

Frühe Abbildung eines Hexensabbates, Holzschnitt, 1494 (c) Mittelalterliches Kriminalmuseum

Frühe Abbildung eines Hexensabbates, Holzschnitt, 1494 (c) Mittelalterliches Kriminalmuseum o.d.T.

Was heute bestenfalls skurril klingt, war vom 15. bis weit in das 17. Jh. ein bedrohliches Szenario. Leicht konnten Vorwurf oder Geständnis der Teilnahme an einem solchen Hexensabbat den Feuertod auf dem Scheiterhaufen zur Folge haben. Die Teilnahme am Hexensabbat war nämlich einer von 5 Teiltatbeständen eines Kapital- und Majestätsverbrechens, des Hexereidelikts. Neben der Sabbatteilnahme umfasste es den Pakt mit dem Teufel, die Schadenszauberei, die Teufelsbuhlschaft (sexueller Verkehr mit einem Teufel) und den Flug auf einem Besen.

Das Hexereidelikt in einem Holzschnitt von H.Schäufelin aus dem Jahre 1511, (c) Mittelalterliches Kriminalmuseum in Rothenburg o.d.T.

Das Hexereidelikt in einem Holzschnitt von H.Schäufelin, 1511, (c) Mittelalterliches Kriminalmuseum in Rothenburg o.d.T.

Wenngleich die Wurzeln der einzelnen Teiltatbestände bis weit in die vorchristliche Zeit reichten, waren der Vorwurf der Teilnahme an einem Hexensabbat und vor allem das Hexereidelikt selbst vergleichsweise jung. Das Sabbatszenario kristallisierte sich erst seit dem 13. Jh. in Folge der Ketzersabbate heraus und das Hexereidelikt selbst „entstand“ gar erst im 15. Jh. Wo könnte der territoriale Ausgangspunkt des frühneuzeitlichen Hexenglaubens gewesen sein? Ein kleiner Hinweis für alle, die jetzt fragend schauen und bislang noch nicht die neu gestaltete Teilausstellung Hexen im Mittelalterlichen Kriminalmuseum besichtigen konnten:

 

Geographischer Ausgangspunkt der Hexenverfolgungen (Vitrine im Kriminalmuseum)

Geographischer Ausgangspunkt der Hexenverfolgungen (Vitrine im Mittelalterlichen Kriminalmuseum)

Genau! Der geographische Ausgangspunkt des frühneuzeitlichen Hexenglaubens und der frühen Hexenverfolgungen lag in der Westalpenregion. Die großen Hexenverfolgungen fanden erst in der 2. Hälfte des 16. Jhs. statt. So ist es historisch eigentlich falsch, von Hexenverfolgungen im finsteren Mittelalter zu sprechen. Vielmehr loderten die Scheiterhaufen in der Zeit der Renaissance, des Humanismus und der Aufklärung. Auch waren oft nicht die Kirchen, sondern die weltliche Macht oder die Bevölkerung treibende Kraft der Hexenverfolgungen. Überdies variierten Verfolgungsintensität und Opferzahlen erheblich von Ort zu Ort und Zeit zu Zeit. In Rothenburg o.d.T. sind beispielsweise für die ganze Epoche der Hexenverfolgungen keine 10 Todesopfer zu beklagen, wohingegen in Würzburg und Bamberg die Scheiterhaufen tausendfach brannten.

Strafprozessualer Teufelskreis

Dass sich in den schlimmsten Zeiten der Hexenverfolgungen teilweise ganze Dörfer auslöschten, lag an einem strafprozessualen Teufelskreis. Oft genügte den Verfolgern bereits die bloße Verdächtigung, um zur Folter zu schreiten. Die exzessive Folteranwendung führte zu erpressten falschen Geständnissen und weiteren Bezichtigungen unschuldiger Dritter. Nun wurden diese gefoltert und bezichtigten ihrerseits weitere Personen. Jedes erfolterte Geständnis und jede neue Bezichtigung bestätigte die Verfolger in ihrer Vorstellung und Angst vor einer weltweit operierenden Hexensekte, vor einer Kollektivbedrohung. Letztere manifestierte sich vor allem im Hexensabbatszenario. So war es letztlich der Vorwurf der Teilnahme am Hexensabbat, der tatbestandlicherseits das Tor zur größten nichtkriegsbedingten Massentötung von Menschen durch Menschen in Europa (jenseits der Judenverfolgung) öffnete.

Trierer Hexentanzplatz, Kupferstich, 1594 (c) Trierer Hexentanzplatzt, Kupferstich 1594, (c) Mittelalterliches Kriminalmuseum in Rothenburg o.d.T.

Trierer Hexentanzplatz, Kupferstich 1594, (c) Mittelalterliches Kriminalmuseum in Rothenburg o.d.T.

Hexenbilder heute

Der Schluss vom Ende der Hexenverfolgungen auf das Ende der Hexereivorstellungen könnte jedoch ein Trugschluss sein. Vielmehr begegnen uns auch heute noch, viele Jahrhunderte nach dem Ende der Hexenverfolgungen, überall Hexenbilder. Kinder werden mit Gundel Gaukeley, Bibi Blocksberg und der kleinen Hexe Pollonia groß. Hollywood bedient von Harry Potter bis zu Herr der Ringe das Hexenbild ebenso wie diverse Gruselschocker. Selbst unsere Umgangssprache ist noch äußerst hexenlastig. Fußballstadien werden zu Hexenkesseln, den einen oder anderen trifft der Hexenschuss, das Wetter ist verhext und am 19. September 2014 ist an den Börsen wieder einmal … Hexensabbat!

Markus Hirte

Ich heiße Dr. Markus Hirte. Geboren wurde ich 1977 in Weimar. Ich habe Rechtswissenschaft studiert und wurde an der Friedrich-Schiller-Universität Jena zum Dr. iur. promoviert. Meinen Abschluss zum Magister Legum bestritt ich an der Fernuniversität Hagen. Ein Studienaufenthalt führte mich auch an die Cambridge University nach England. Knapp sieben Jahre arbeitete ich als Rechtsanwalt in Stuttgart, Berlin und London. Mein Herz schlug jedoch immer schon vor allem auch für die Strafrechtsgeschichte, meine Publikationsliste wurde länger und länger. Seit 2013 bin ich nun geschäftsführender Direktor des Mittelalterlichen Kriminalmuseums in Rothenburg und kann mich noch intensiver der Historie widmen. Meine Forschungs- und Interessenschwerpunkte: ältere und neuere Strafrechtsgeschichte, insbesondere mittelalterliches Kirchenstrafrecht, Inquisitionsverfahren, Hexenverfolgungen und die Entwicklung der Todesstrafe. http://www.kriminalmuseum.rothenburg.de/

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SHAME ON YOU!

(oder … was haben eine Facebook-Party und frühneuzeitliche Ehrenstrafen gemeinsam?)

Thomas F. staunte nicht schlecht, als er mit seiner Frau von einem Kurzurlaub zurück kam und ihre 16-jährige Tochter zerknirscht die Tür öffnete. Was war passiert? Waren trotz „sturmfrei“ nur wenige Freunde zur Geburtstagsparty des Sprößlings gekommen?

Beim Betreten des Wohnzimmers verschlug es den Eltern die Sprache. Zwar hatte die Tochter versucht, das Gröbste zu beseitigen. Doch die Kratzer auf Möbeln und Parkett, die Wein-, Bier und Cola-Flecken auf Boden und Wänden sowie zwei zerbrochene Glasscheiben zeugten noch vom gestrigen „rauschenden Fest“. Besonders bitter traf den Vater jedoch die Plünderung des sorgsam gehüteten und über Jahre aufgebauten erlesenen Weinkellers.

 

 

Wie konnte es dazu kommen? Nun; die von der Tochter auf Facebook angekündigte Party war auf weit mehr Interesse gestoßen als vermutet. Viele Freunde brachten noch Bekannte mit, die die junge Gastgeberin kaum oder gar nicht kannte. Mit steigendem Alkoholpegel liefen einige der „Bekannten der Bekannten“ zu Höchstform auf und entdeckten in sich den Kurt Cobain oder James Hetfield. Zwar wurde die Wohnung nicht so zerlegt wie im Metallica-Videoclip zu „Whiskey in the Jar“. Doch aus dem Ruder lief die Party dennoch und war weder durch verzweifeltes Bitten einzufangen noch durch Rügen wie „Schämt Euch was„.

 

Shame-Shirt des Kriminalmuseums, Collection 2014

Shame-Shirt des Kriminalmuseums, Collection 2014

Sanktion durch Scham und Tragik der Allmende

Wäre die Geburtstagsparty in geordneteren Bahnen verlaufen, wenn nur gute Freunde gekommen wären? Wieso plündert man nicht den Weinkeller eines guten Bekannten oder Nachbarn, dessen Hausschlüssel man für den Notfall bekommen hat? Das Stichwort heißt hier Sanktion durch Scham. Mein Ruf wäre unter Freunden oder den Nachbarn ruiniert. Ich könnte mir neue Freunde suchen oder hätte einen schweren Stand in meiner Straße.

In einer anonymen Gesellschaft, in der mich keiner kennt, funktioniert dies kaum noch. Hier kann ich auf meinen alleinigen Vorteil bedacht sein oder andere ausnutzen. Es kann mit egal sein, was „Hunz oder Kunz“ von mir halten. Im erweiterten Kontext und vor allem mit Bezug auf knappe Ressourcen kennt man dieses Phänomen auch als Tragik der Allmende. Wir alle wissen, dass die Menschheit derzeit zu viele Ressourcen der Erde verbrauchen. Aber oft ist es günstiger oder vorteilhafter, so fortzufahren und überhaupt … die anderen machen es ja auch so. Überall dort, wo der Nutzen beim Einzelnen anfällt, die Kosten oder der Schaden jedoch bei der Allgemeinheit (d.h. einer unüberschaubaren Gruppe), stoßen wir auf die Allmende-Tragik. In kleineren Gruppen hingegen kann die Sanktion durch Scham gegensteuern.

Ehrenstrafen

Dies erklärt auch, weshalb im Mittelalter und in der Frühen Neuzeit Ehrenstrafen so wirkungsvolle und weit verbreitete Sanktionen waren. Die Gesellschaften waren vergleichsweise klein, selbst so bedeutende Reichsstädte wie Rothenburg ob der Tauber hatten weit weniger als 10.000 Einwohner. Man kannte sich und war – mangels anonymer sozialer Sicherungssysteme – aufeinander angewiesen. Wurde man von seinen Mitmenschen gemieden und war der Ruf ruiniert … dann lebte es sich nicht etwa ungeniert. Vielmehr konnte ein ruinierte Ruf schnell den wirtschaftlichen und sozialen Ruin nach sich ziehen. Der Handwerker bekam keine Aufträge mehr, dem Wirt blieben die Gäste aus. Nicht selten war es dann besser, für eine Zeitlang sein Glück in der Ferne zu suchen, oder mit einer Charmeoffensive die Gunst seiner Mitbürger zurückzugewinnen.

Vor diesem Hintergrund erscheinen die vielen, heute noch erhaltenen Ehrenstrafvollzugsgeräte, wie sie etwa im Mittelalterlichen Kriminalmuseum in Rothenburg o.d.T. zu finden sind, nicht mehr nur schlicht „skurril“ oder „albern“.

 

Schandmaske (c) Mittelalterliches Kriminalmuseum

Schandmaske (c) Mittelalterliches Kriminalmuseum

Ihnen kam eine gewichtige Bedeutung im Rechtsleben der Menschen zu. Dabei dienten die vielen bizarren Überzeichnungen in den Masken, etwa überdimensionale Zungen, Ohren, Augen, Schweinerüssel oder Hahnenkämme neben der puren Belustigung auch der Überhöhung und Darstellung der Übertretung, ob derer eine Person zum Tragen der Maske verurteilt wurde: etwa übles Nachreden (Zunge), Verletzung der Privatsphäre anderer (Ohren, Nase), unmoralischer oder unhygienischer Lebenswandel (Schweinerüssel) oder Übertretung der Kleiderordnung (Hahnenkamm). Darüber hinaus kamen Trinkertonnen für notorische Wirtshaushocker ebenso zum Einsatz wie Halsgeigen für Frauen oder Doppelhalsgeigen für streitende Ehepaare. Für die Obrigkeiten waren die Ehrenstrafen attraktiv, da die Strafe letztlich durch die Gemeinschaft – durch alle Mitbürger – vollzogen wurde und sich so kaum der Volkszorn gegen den Stadt-, oder Landesherren wenden konnte, wie etwa gelegentlich bei der Vollstreckung von Leibes- oder Lebensstrafen.

 

Abbildung zu Ehrenstrafen aus einer Wochenschrift des 19.Jh. (c) Mittelalterliches Kriminalmuseum

Abbildung zu Ehrenstrafen aus einer Wochenschrift des 19.Jh. (c) Mittelalterliches Kriminalmuseum

So schlimm das Tragen einer Schandmaske oder Trinkertonne für die Verurteilten auch war. Die Ehrbeeinträchtigung war nur zeitweiliger Natur. Irgendwann übertrieb es ein anderer mit dem Lästern oder Zechen. Dann wurde der Nächste „auf der Sau durchs Dorf getrieben“ und die Untaten früherer Übeltäter gerieten langsam in Vergessenheit.

 

Markus Hirte

Ich heiße Dr. Markus Hirte. Geboren wurde ich 1977 in Weimar. Ich habe Rechtswissenschaft studiert und wurde an der Friedrich-Schiller-Universität Jena zum Dr. iur. promoviert. Meinen Abschluss zum Magister Legum bestritt ich an der Fernuniversität Hagen. Ein Studienaufenthalt führte mich auch an die Cambridge University nach England. Knapp sieben Jahre arbeitete ich als Rechtsanwalt in Stuttgart, Berlin und London. Mein Herz schlug jedoch immer schon vor allem auch für die Strafrechtsgeschichte, meine Publikationsliste wurde länger und länger. Seit 2013 bin ich nun geschäftsführender Direktor des Mittelalterlichen Kriminalmuseums in Rothenburg und kann mich noch intensiver der Historie widmen. Meine Forschungs- und Interessenschwerpunkte: ältere und neuere Strafrechtsgeschichte, insbesondere mittelalterliches Kirchenstrafrecht, Inquisitionsverfahren, Hexenverfolgungen und die Entwicklung der Todesstrafe. http://www.kriminalmuseum.rothenburg.de/

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Des Reiches Krone – groß wie ein Kochtopf

Seit Jahrhunderten gastieren bedeutende Menschen in Rothenburg ob der Tauber, darunter Kaiser, Könige und Fürsten. Auch in der Gegenwart ist das „fränkische Jerusalem“ Ziel hochrangiger Diplomaten und Politiker. Heute erkenne ich die Ankunft solcher Prominenz am Ehesten an schwarzen Edellimousinen; die Person selbst – wenn das Gesicht nicht zu sehen ist – meist nur am klassischen Anzug. Besondere Zeichen ihrer Stellung tragen sie kaum.

Da hatten es unsere Vorfahren leichter. Einen mittelalterlichen Regenten etwa erkannte man an der Krone auf seinem vornehmsten Körperteil – dem Kopf – und einer Vielzahl weiterer Herrschaftssymbole. Diese Symbole wirkten zeichenhaft und übernahmen im von Mündlichkeit geprägten Mittelalter die Aufgaben von Schrift und Dokument. Zeitungen, Fernsehen und Internet gab es ja noch nicht. Da eine Krone „Herrschaft“ symbolisieren sollte, hatte jeder Herrscher mindestens eine solche; die Zahl der in Europa im Umlauf befindlichen Kronen war folglich groß. Die Reichskrone war insoweit zunächst nur eine Krone unter vielen.

Reichskrone

Replik der Reichskrone (c) Mittelalterliches Kriminalmuseum in Rothenburg o.d.T.

 
Gleichwohl war sie als Reichsinsignie höchst gewichtig und überdies von der Gestalt her einzigartig. Im Gegensatz zu den vielen runden Kronen hat sie eine achteckige Form. Sie besticht durch ein auf der Stirnplatte aufgestecktes großes Stirnkreuz sowie einen aufgesetzten hochkantigen Bügel mit einer aus winzigen Perlen gebildeten lateinischen Inschrift. Bemerkenswert sind auch die vielen Edelsteine auf Stirn-, Nacken- und Schläfenplatten sowie die kunstvoll gestalteten vier Emailplatten mit biblischen Szenen. Der Durchmesser der Krone beträgt stolze 22,5 cm, was bereits Zeitgenossen von Kaiser Friedrich II. im 13. Jahrhundert zu dem gewagten Vergleich verleitete, sie sei „groß wie ein Kochtopf“. Nicht nur Form und Größe der Reichskrone, auch die  Bedeutung der verwendeten Materialien sowie Ikonographie und Symbolik sind Gegenstand umfangreicher wissenschaftlicher Literatur und füllen mittlerweile ganze Bücherregale.

Pentakrator-Platte mit bildlicher Darstellung von Jesus und zwei Engeln

Pentakrator-Platte mit bildlicher Darstellung von Jesus und zwei Seraphim (c) Mittelalterliches Kriminalmuseum in Rothenburg o.d.T.

Ottos Krone?

Die Reichskrone wechselte mit jedem Regenten. Wer sie trug oder besaß, galt als Herrscher über das Reich. Doch wer gab sie in Auftrag? War es Karl der Große (747 – 814 n.Chr.) höchst selbst oder einer seiner Nachfolger, vielleicht Konrad II. (990 – 1039 n.Chr.), dessen Name auf dem perlenverzierten Kronenbügel zu lesen ist?

Die Antwort ist weniger leicht als gedacht. Schriftliche Quellen zur Reichskrone tauchen nämlich erstmals im 12. Jahrhundert auf und Abbildungen sogar erst gegen Ende des Mittelalters. Auch der Kronenbügel allein hilft leider nicht weiter, da er abnehmbar ist und auch später gefertigt sein könnte. Nun kann man zwar versuchen, sich über Form, Material, Fertigungstechnik, Symbolik und Ikonographie der Herstellungszeit zu nähern, vor allem über einen Vergleich mit anderen Kunstwerken der unterschiedlichen Epochen. Allerdings ist die Reichskrone kein Altarkreuz unter vielen, sondern ein schon von der Art der Verwendung angelegtes Unikat, so dass Vergleiche per se schwierig sind. Und die Tatsache, dass ein bestimmter Buchstabe oder eine Fertigungstechnik in einer Zeit nicht mehr oder noch nicht verwendet wurde, schließt nicht aus, dass sich ein progressiver oder traditioneller Goldschmied über die zeitgenössische Praxis hinwegsetzte. So gilt es zwar als unwahrscheinlich, dass bereits Karl der Große die oktagonale Bügelkrone trug, wie auf dem weltbekannten Portrait von Albrecht Dürer aus dem Jahr 1513 n.Chr. Doch ist umstritten, ob sie um 960 n.Chr. für Otto I. gefertigt wurde, oder erst für Konrad II. (um 1024 n.Chr.) oder gar noch später.

Kronen auf Reisen

Im Gegensatz zu England oder Frankreich gab es im Heiligen römischen Reich deutscher Nation keine feste Residenz– oder Hauptstadt für Kaiser und Hof. Vielmehr reisten die mittelalterlichen Herrscher durch das Reich von Pfalz zu Pfalz, Burg und Stadt und oft mit großem Tross und den Insignien im Gepäck. Die Krone kam also weit herum.

Aufbewahrungsorte der Reichskrone

Aufbewahrungsorte der Reichskrone (c) Nina Schücker

Erst ab 1424 verblieben Krone, Reichsapfel, Reichszepter und Heilige Lanze „zur ewigen Verwahrung“ in Nürnberg und ab 1800 mit wenigen kürzeren Ausnahmen in Wien, wo man die Originale heute noch bewundern kann. Neben den Wiener Originalen gibt es in Deutschland einige wenige originalgetreue Nachbildungen der Insignien, etwa im Mittelalterlichen Kriminalmuseum in Rothenburg o.d.T. Derzeit treten die Rothenburger Insignienrepliken in die Fußstapfen der Originale und sind auf Reisen.

Als Hauptexponate einer großen Ausstellung in Belgien zum Erbe Karls des Großen werden sie dort bis zum Herbst den Besuchern einen Einblick in die Herrschaftssymbolik im Heiligen römischen Reich geben und vielleicht auch den einen oder anderen reisefreudigen Gast zu einem späteren Besuch im schönen Rothenburg ob der Tauber animieren.

Ausstellungsprospekt_vorn

Ausstellungsprospekt Vorderseite

Ausstellungsprospekt_Rückseite

Ausstellungsprospekt Rückseite

Einen kleinen Einblick in die Eröffnungsveranstaltung zur Ausstellung am 8. Mai 2014 in Ename/Oudenaarde, zu der auch der Schirmherr der Ausstellung, der EU-Ratspräsident Herman van Rompuy, sprach, gibt der folgende kleine Imageclip:

 

 

 

Markus Hirte

Ich heiße Dr. Markus Hirte. Geboren wurde ich 1977 in Weimar. Ich habe Rechtswissenschaft studiert und wurde an der Friedrich-Schiller-Universität Jena zum Dr. iur. promoviert. Meinen Abschluss zum Magister Legum bestritt ich an der Fernuniversität Hagen. Ein Studienaufenthalt führte mich auch an die Cambridge University nach England. Knapp sieben Jahre arbeitete ich als Rechtsanwalt in Stuttgart, Berlin und London. Mein Herz schlug jedoch immer schon vor allem auch für die Strafrechtsgeschichte, meine Publikationsliste wurde länger und länger. Seit 2013 bin ich nun geschäftsführender Direktor des Mittelalterlichen Kriminalmuseums in Rothenburg und kann mich noch intensiver der Historie widmen. Meine Forschungs- und Interessenschwerpunkte: ältere und neuere Strafrechtsgeschichte, insbesondere mittelalterliches Kirchenstrafrecht, Inquisitionsverfahren, Hexenverfolgungen und die Entwicklung der Todesstrafe. http://www.kriminalmuseum.rothenburg.de/

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