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Alle Jahre wieder – Weltgästeführertag 2017 in Rothenburg o.d.T.

Alle Jahre wieder – Weltgästeführertag 2017 in Rothenburg o.d.T.

5 einmalige Sonderführungen zum WGFT (Weltgästeführertag) 2017.

Wie immer um den 21. Februar eines Jahres gibt es im gesamten Bundesgebiet zahlreiche Veranstaltungen. Die Mitglieder des Bundesverband der Deutschen Gästeführer (BVGD) haben sich zum 500. Jubiläum des Thesenanschlages ein entsprechendes Thema als bundesweites Motto gewählt. Weitere Informationen zum WGFT finden sich auf der Internetseite des BVGD. (http://www.bvgd.org/weltgaestefuehrertag/)

Reform – Zeit für Veränderung

Am Samstag 18. und  Sonntag 19. Februar  bieten wir vom Verein der Rothenburger Gästeführer zum 9. Mal in Folge einmalige Sonderführungen an. In diesem Jahr zu dem Thema „Reform – Zeit für Veränderung“. Die Teilnahme ist kostenlos und jeder ist ohne Anmeldung herzlich willkommen. Spenden für einen guten lokalen Zweck sind allerdings gerne gesehen.

 

Seit 2009 erfreut sich diese Veranstaltung einem ständig wachsenden Interesse. In 8 Jahren haben wir inzwischen 109 Führungen angeboten die von fast 5400 Personen besucht wurden. Dadurch waren wir in der Lage 8295,- Euro an Spenden für unterschiedliche Projekte zu sammeln.

St.-Jakobs-Kirche - ©Rothenburg Tourismus Service

St.-Jakobs-Kirche – ©Rothenburg Tourismus Service

Das Programm 2017

Ein Quiz als Auftaktveranstaltung

Am Sa. den 18.02. geht es um 13:00 Uhr mit einer Fragen-Rallye zum Thema los.

Uhrzeit: 13:00 Uhr

Treffpunkt: St.-Jakobs-Kirche

Rothenburger Gästeführer werden Sie in das diesjährige Programm einstimmen. Danach können Sie ihr Wissen in einer Rallye testen. Bis zum Beginn der ersten Führung des Tages können Sie alleine oder in Gruppen die Fragen beantworten. Natürlich gibt es auch etwas zu gewinnen.

Um 14:00 Uhr ist es dann soweit. Die Führungen beginnen. Anders als in den Jahren zuvor wird jede Führung nur einmal angeboten und dauert jeweils ca. eine Stunde.

©Rothenburg Tourismus Service

Foto: ©Rothenburg Tourismus Service

Reformation und Renaissance

Treffpunkt: Marktplatz am Sa. 18.2. um 14:00 Uhr

Gästeführer: Frau Antonia Nakamura und Frau Jutta Rohn

Kurzbeschreibung

Wie kommt es, dass Rothenburg so eng mit der Reformation verbunden ist? Rothenburg lag verkehrsgünstig an einem Knotenpunkt großer Handels- und Pilgerwege. Die damaligen Kommunikationskanäle und die Vervielfältigungsmöglichkeiten durch den Buchdruck erlaubten, dass sich Informationen schnell verbreiteten. Dabei verloren die innerstädtischen Klöster zusehends ihren Einfluss. Als Zeichen dieses neuen Bewusstseins entstanden in der Stadt große Bauten im Renaissancestil wie der neue Rathausvorbau.

 

©Rothenburg Tourismus Service

Foto: ©Rothenburg Tourismus Service

Der Weinbau ist wieder da

Treffpunkt: Hotel Glocke am Sa. 18.2. um 15:30 Uhr

Gästeführer: Herr Albert Thürauf

 

Kurzbeschreibung

Im 16. Jahrhundert wurde aus dem Bayerischen Weinland ein Bierland. In den 1970 er Jahren wurde im Taubertal wieder Wein angebaut. Die Thüraufs warben schon früh für den hochwertigen Anbau von Wein im Taubertal und setzten damit Maßstäbe. Ein historischer Streifzug zur Ampelographie früher und heute. Lassen Sie sich von Herrn Thürauf erklären was es damit auf sich hat.

 

Den Tag können Sie dann in einem der vielen schönen Lokalen in Rothenburg bei einem Schoppen Wein ausklingen lassen. Am kommenden Sonntag stehen dann drei weitere interessante Themenführungen auf dem Programm. Wir starten auch nicht ganz so zeitig, um jedem die Möglichkeit zu geben ganz nach persönlichem Gusto dem Kirchgang oder Sonntagsfrühstück zu frönen.

Foto: ©Rothenburg Tourismus Service

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Touristen statt Schornsteine

Treffpunkt: An der Eich am So. 19.2. um 11:30 Uhr

Gästeführer: Frau Hannelore Schultze

 

Kurzbeschreibung

Die Bahnverbindung kommt 1873. Das Postkutschen-Zeitalter ist vorbei. Rothenburg erkennt seine Chance in den „Fremden“, die da langsam zahlreicher werden – und reagiert: Hotels werden erweitert oder neu errichtet, Licht und fließendes Wasser kommen, Events werden gezielt kreiert, das „Stadtbild“ spielt jetzt eine große Rolle. „Die Gartenlaube“ berichtet oft über Rothenburg – weltweit. „Alles für die Touristen“. Dem trägt man mit vielen Maßnahmen Rechnung. Selbst auf einer Weltausstellung wird Rothenburgs Rathaus zum „Deutschen Haus“.

 

Der Wandel im Sport, Ernährung, Lebensstil

Treffpunkt: Im Rathaus (2. Stock) am So. 19.2. um 13:30 Uhr

Gästeführer: Frau Karin Bierstedt, Herr Baur, Herr Weber

 

Kurzbeschreibung

Unter dem Begriff „Sport“ werden verschiedene Bewegungs-, Spiel- und Wettkampfformen zusammengefasst, die meist im Zusammenhang mit körperlichen Aktivitäten des Menschen stehen. Am Beispiel des Patrizierfestes und des VTR 1861 wird die Entwicklung in Rothenburg aufgezeigt. Die Sportler kamen viel rum. Wie hat sich der Breitensport verändert. Das Körperbewusstsein und die Einstellung zur Ernährung haben sich angepasst. Vom Klappmesser zum Sit up – machen Sie mit.

 

Foto: ©Rothenburg Tourismus Service

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Die Veränderung in der St.-Jakobs-Kirche

Treffpunkt: St.-Jakobs-Kirche  am So. 19.2. um 14:30 Uhr

Gästeführer: Herr Peter Noack und Herr Dr. Oliver Gußmann

 

Kurzbeschreibung

Die gotische St.-Jakobs-Kirche wurde zu einer Zeit erbaut als man von Martin Luther noch nichts ahnte. Nachdem in Rothenburg o.d.T. die Reformation eingeführt worden war, veränderte sich der Innenraum: Altäre wurden im Raum verschoben, Heiligenfiguren versteckt, unbequeme Bilder übermalt, Kanzeln gebaut und Bänke in den Raum gestellt. In der Führung geht es um die Veränderungen, die der reformatorische Glaube mit sich brachte.

 

Das Ende der Rallye

Am Ende der fünften Führung des Wochenendes und zum Abschluss der Veranstaltung werden dann die Ergebnisse des Quiz bekannt gegeben. Es lohnt sich also bis ganz zum Schluss dabei zu bleiben. Denn auch dabei wird sich vermutlich noch einmal für viele Anwesende etwas verändern, und zwar in kurzer Zeit ihr Wissensstand über Rothenburg ob der Tauber.  Es ist ja schließlich die Zeit für Veränderungen.

 

Harald Ernst

Bin ich ein Rothenburger? JAIN! Meine Wurzeln liegen nur 15 km von Rothenburg entfernt. Brettheim, früher ein Teil des Stadtgebietes der Reichsstadt mit ca. 180 Dörfern, liegt heute in einem anderen Bundesland (BW). Das erklärt, weshalb ich mich als Rothenburger fühle, inzwischen auch in der Altstadt lebe, aber nicht wie ein Rothenburger klinge. Ich bin ein Hohenloher mit entsprechendem Dialekt (wenn ich will oder darf) und habe mich während meines Zivildienstes (1990/91) in der Jugendherberge in die Stadt verliebt. Außerdem habe ich mich durch die Gäste aus aller Welt inspirieren lassen und das Reisen für mich entdeckt. Menschen, Länder, Abenteuer lassen mich immer wieder meine Koffer packen. Doch genauso gerne kehre ich immer wieder zurück in diese besonders schöne Stadt. Aus Hobby wurde Beruf. Bereits 1993 kam ich zur Gästeführerei. Im Jahr 2000 habe ich mit einem Freund ein Reiseunternehmen gegründet und bin seit dem selbstständiger Stadtführer, Reiseleiter und Driverguide für Gäste aus aller Welt im In- und Ausland. Doch mein Schwerpunkt ist und bleibt Rothenburg ob der Tauber. Hier kenne ich mich am besten aus. Hier bin ich Zuhause.

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Rothenburger Ausstellungen zur Reformation

Wer in diesen Tagen den Rothenburger Reiterlesmarkt besucht, wird vielleicht nicht nur an Christbaumschmuck und Glühwein in der berühmten Weihnachtsstadt interessiert sein, sondern auch an der Kultur in den alten Mauern. Im Jahr 2016/2017 gibt es einige hochkarätige Ausstellungen zum Thema Reformation. Diese zu sehen, lohnt sich, wenn man  Zeit mitbringt. Die kalte Jahreszeit ist Museumszeit und wenn es draußen vielleicht ungemütlich oder gar regnerisch sein sollte, kann man drinnen die Geschichte Rothenburgs in Renaissance und Reformation entdecken. Auch Rothenburg ob der Tauber hat sich in Kirchen und Museen auf das Reformationsjahr 2017 eingestimmt. Das freut mich als evangelischen Pfarrer natürlich besonders. Grund genug für mich, selbst einmal einen kleinen Entdeckungs-Streifzug durch die Rothenburger Kirchen und Museen zu machen:

Heilig-Geist-Kirche: Summarien des Veit Dietrich

Betritt man den Süden der Stadt durch das Spitaltor, so gelangt man gleich links zur Spitalkirche, die tagsüber immer geöffnet ist. Hier im Kirchenschiff stellt der frühere Dekan von Rothenburg und jetzige Leiter der Kapitelsbibliothek Dr. Dietrich Wünsch einen anschaulichen Fund aus der Reformationszeit vor: Die Rede ist von den „Summarien“ des Veit Dietrich (1506–1549). In dem in Leder gebundenen Druckwerk fasste Dietrich die Bücher des Alten und des Neuen Testamentes zusammen und ließ sie durch den Maler Virgil Solis mit 160 großflächigen und kolorierten Holzschnitten versehen.

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Eine Art Bilderbuch der Bibel mit eingängigen direkten Darstellungen ist daraus geworden. Der Reformation waren Bilder also durchaus wichtig. Das Buch stammt aus dem Jahr 1578 und wurde im Pfarrhaus der Spitalkirche gefunden. Veit Dietrich hat noch zahlreiche andere Bücher geschrieben, die der Verbreitung der reformatorischen Lehre in Schule, Gemeinde und häuslicher Andacht dienten. Veit Dietrich war Sekretär Martin Luthers und später Prediger an der Nürnberger Kirche St. Sebald. Ihm ist es auch zu verdanken, dass der Reformator Sloweniens Primus Trubar in Rothenburg wirkte. Die Ausstellung ist noch bis Ostern 2017 zu sehen. Eine halbe Stunde könnte man sich mindestens Zeit nehmen, um sich die 25 Tafeln genau anzusehen. Und man sollte bei Tageslicht in die Spitalkirche gehen, weil die Beleuchtung dann klarer ist.

Kriminalmuseum: Luther und die Hexen

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Zu Fuß geht es weiter. Nach der in roter Farbe gestrichenen Johanniskirche geht es gleich links zum Kriminalmuseum. Dort im Seitentrakt, in der sogenannten Johanniterscheune, ist eine hochkarätige Ausstellung  zum Thema „Luther und die Hexen“ zu sehen. Kaum habe ich im ersten Ausstellungsraum die Treppe bestiegen, überfällt mich via Lautsprecher eine eindringliche Hexenstimme, die mir allerlei krude Zaubersprüche ins Ohr wispert. Im ersten Stockwerk der Johanniterscheune erfahre ich, wie es eigentlich zum Vorwurf von Hexerei gekommen ist.

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Die Hexerei, so ist zu lesen, umfasste den Vorwurf von Schadenszauber (zum Beispiel ein Hagel-Unwetter, den Pakt mit dem Teufel, sexuellen Verkehr mit dem Teufel, die Teilnahme am Hexensabbat und schließlich den Flug durch die Lüfte, den bekannten Besenritt – irgendwie mussten die Hexen ja auch hinkommen zum Fest!) Es ist schon abenteuerlich, welche Vorwürfe die Angst den Menschen ins Gehirn diktiert hat.
Im Obergeschoss wird über das Leben Martin Luthers und die Reformation berichtet, das ist sehr gut gelungen! Dabei erfährt man, was Luther über Hexen dachte. Immer dann nämlich, wenn ihm seine labile Gesundheit einen Streich spielte, wenn er Schmerzen hatte, soll Luther besonders aggressiv gegen vermeintliche Hexen eingestellt gewesen sein. Allein im oberen Ausstellungsraum sind 44 Tafeln zum Thema. Ein notwendiger, bisher noch nicht üblicher, auf einen bestimmten Aspekt des Lebens Luthers und auf die Reformation fokussierter Blickwinkel. Ein gelungener Beitrag zum Reformationsjahr.

Was ich gut finde: Die Tafeln sind auch in englischer Sprache gehalten.

Das Museum hat im Winter nachmittags von 13–17 Uhr geöffnet. Um die Ausstellung anzusehen, benötigt man weit mehr als eine gute Stunde Zeit und dabei kann man trotzdem nicht alles sehen oder lesen – solch eine Fülle des Wissens ist hier zusammengetragen!

Reichsstadtmuseum: Medien der Reformation – Kampf der Konfessionen

Jetzt muss ich mich sputen, wenn ich noch rechtzeitig zum „Reichsstadtmuseum“ im Klosterhof 5 im ehemaligen Dominikanerinnenkloster gelangen will. Es hat jetzt 13–16 Uhr (bis März, dann 9.30–17.00 Uhr) geöffnet. Die Reformationsausstellung dort nennt sich „Medien der Reformation – Kampf der Konfessionen“.

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Im Kernbestand geht diese Ausstellung auf eine 58 Bände umfassende Sammlung reformatorischer Flugschriften zurück, die der Ansbacher Markgrafenkanzler Georg Vogler nach seinem Tod 1554 der Stadt Rothenburg hinterließ und die im Stadtarchiv aufbewahrt wird. Ein einzigartiger Schatz! In diesen nur etwa 20 Seiten umfassenden, aber massenhaft gedruckten Flugschriften wird ein dramatischer und zum Teil hasserfüllter Glaubenskampf um die Wahrheit geführt, dem die Shitstorms gegenwärtiger sozialer Medien um nichts nachstehen. Flugblätter waren noch kürzer als Flugschriften und haben sich als „Flyer“ bis heute gehalten , wenn auch mit weniger politischem Inhalt.

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Mit dem „Papstesel zu Rom“ und dem „Mönchskalb zu Freyberg“ beschrieben Melanchthon und Luther die Verkommenheit der römischen Kurie. Allein 1524 hat man 2400 Flugblätter und Schriften in schätzungsweise 2,4 Millionen Exemparen verbreitet. Die Reformation machte sich das neue Medium Buchdruck zunutze und druckte die neue Lehre in griffigen Sätzen und anschaulichen Holzschnitten für das allgemeine Volk, nicht nur für die Latein sprechenden Universitätsgelehrten.

Da längst nicht alle Menschen lesen konnten, wurde die Flugschriften-Propaganda wohl in Predigten, bei Tischreden oder Vorträgen am Markt, in den Gassen, auf den Kirchhöfen und bei anderen Gelegenheiten vorgelesen und diskutiert. So jedenfalls beschreibt es die Rothenburger Chronik von Thomas Zweiffel.

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Die Ausstellung im Reichsstadtmuseum stellt auf der linken Seite mit roter Farbe die katholische Fraktion dar, die Päpste des Zeitalters angefangen mit Papst Alexander I., dann die Zustände in Rom zur Zeit Luthers, die Rolle des Kaisers und die päpstliche Gefolgschaft. Auf der anderen Seite rechts in Grün die reformatorische Opposition, die Unterstützer Luthers, Flugschriften, die medienwirksame ikonografische Darstellung Luthers, Informationen über den aufkommenden Buchdruck, die Kommunikation im Mittelalter und Rothenburg zur Zeit der Reformation und des Bauernkrieges (1525). In der Mitte sind unter zwei Glaskästen ausgewählte Flugschriften zu sehen, die sehr sehenswert sind, weil so etwas selten gezeigt wird. Der Vergleich mit Facebook-Freunden auf dem in die Ausstellungswand eingelassenen Bildschirm hätte etwas mehr Aktualität vertragen: Eine Medienrevolution muss erst Regularien finden muss, z.B. die „Netiquette“ fürs Internet, bevor die verbalen Gewaltauswüchse ein ungehindertes Dasein führen. Einen aufschlussreichen und zugespitzten Blick in die Mediengeschichte leistet diese Ausstellung.

Weitere Ausstellungen zur Reformation

Drei große Ausstellungen in Rothenburg. Alle sehr besuchenswert. Neben der Broschüre zu „Rothenburg in  Renaissance und  Reformation“ erscheinen in  Kürze auch Kalaloge, mit deren Hilfe man zu Hause die Ausstellungsthemen weiter vertiefen kann:

Zu der Sonderausstellung im Mittelalterlichen Kriminalmuseum erscheint übrigens am 13. Februar 2017 im Verlag der Wissenschaftlichen Buchgesellschaft, Darmstadt, das gleichnamige Buch „Mit dem Schwert oder festem Glauben“. Luther und die Hexen, hg. von Markus Hirte, 224 Seiten.

Und zu der Sonderausstellung im Reichsstadtmuseum erscheint eine zweisprachige Begleitschrift: Hellmuth Möhring, Medien der Reformation – Kampf der Konfessionen / Media of the Reformation Age – A Confession Fight, Museumsheft Nr. 7, Rothenburg ob der Tauber 2017, 118 Seiten.

Und  noch weitere Ausstellungen gibt es in Rothenburg: Im Wildbad Rothenburg im Süden der Stadt informiert eine Ausstellung über die Protestanten weltweit.

Und ab 6. Mai bis 25. Juni 2017 wird in  der Franziskanerkirche für etwa sieben Wochen die Wanderausstellung des Frankenbundes “Lebensbilder der Reformation in Franken” gezeigt. Dabei geht es um Menschen im Kontext der Reformation an fränkischen Orten. Man darf gespannt sein.

Wer es zeitlich nicht schafft, während des Reiterlesmarktes diese Geschichtsausstellungen zu besuchen, kann das gerne bei einem weiteren Besuch in Rothenburg ob der Tauber tun:

Die Hexen-Ausstellung im Kriminalmuseum ist noch bis Ende Dezember 2018 (!) zu sehen, die Medien-Ausstellung im Reichsstadtmuseum noch bis Ende September 2017.

Oliver Gußmann

In Rothenburg bin ich Touristen- und Pilgerpfarrer an St. Jakob. Das ist die große, an Kunstschätzen reiche evangelische Kirche mit den Doppeltürmen mitten in Rothenburg! Meine Aufgabe ist es, die Kirchen Rothenburgs Gästen und Touristen aus der ganzen Welt bekannt zu machen. Die zahlreichen Gotteshäuser des gotischen Rothenburgs erzählen mit Bildern und Symbolen vom Glauben, der Liebe und der Hoffnung unserer Vorfahren; sie berichten vom Sterben und Auferstehen, von Hingabe und Erlösung. Bei meiner Arbeit hilft mir ein Kirchenführer-Team. Außerdem traue ich Hochzeitspaare, mache Nachtkirchenführungen und vieles mehr. Gerne führe ich durch das jüdische Rothenburg oder biete für Kinder und Jugendliche kirchenpädagogische Führungen an. Für die Jakobuswege, von denen sich einige in Rothenburg kreuzen, bin ich der Ansprechpartner. Mir liegt eine gesunde Umwelt am Herzen. Darum fahre ich ein "Velomobil" - eine Mischung zwischen Seifenkiste und Rennauto. Wenn Sie so etwas in Rothenburg stehen sehen, bin ich sicher nicht weit entfernt! Mehr über meine Arbeit: www.rothenburgtauber-evangelisch.de/tourismus

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Der Liebling der Pilger und Touristen – die Jakobusstatue vor dem Eingang von St. Jakob

jakobusMeist stehen Heiligenfiguren auf hohen Säulen und Podesten, unerreichbar. Nicht so die bronzene Statue vor dem Eingang von St. Jakob! Sie ist der Liebling der Besucherinnen und Besucher aus aller Welt geworden: Viele posieren für ein Foto mit ihm. Manche scheint der Bronze-Jakobus zu umarmen oder sie legen selbst den Arm um ihn. Der Finger seiner linken Hand ist von den unzähligen Berührungen schon blank gerieben, so dass er jetzt einen goldenen Zeigefinger hat. Besonders Kecke lassen sich von dem goldenen Finger die verspannten Rückenmuskeln massieren. Alles macht er mit, der Heilige. Alles lässt er sich gefallen, ein Jakobus zum Knuddeln und Anfassen.

Finger des Jakobus

Der Künstler Ernst Steinacker

Dabei wollte man ihn anfangs gar nicht hier haben. Der Bildhauer Ernst Steinacker (1919–2008) schuf diese Jakobusfigur. Und er erzählte, er habe einen Traum gehabt, die Figur solle vor der St.-Jakobs-Kirche stehen und den Vorübergehenden den Weg zur Kirche weisen. Noch nicht alle waren davon überzeugt und so stellte man den Jakobus am 31. März 2001 erst einmal probeweise vor der Jakobskirche in Rothenburg ob der Tauber auf bis mit einer Spendensammelaktion die Figur vollends bezahlt war.

Der Künstler Steinacker übrigens lebte und arbeitete bis zu seinem Tod auf dem Schloss Spielberg, etwa eine Autostunde von Rothenburg entfernt. In der historischen Schlossanlage ist noch heute seine fränkische Kunst zu bewundern. Weitere Jakobusfiguren von Steinacker gibt es in Oettingen und Gunzenhausen. Man erkennt sie leicht, weil sie allesamt etwas lang geraten sind und – ein Franke würde sagen: weil sie „Glubschaugen“ haben.

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Rothenburg am Knotenpunkt von Jakobswegen

Unsere Stadt ist bekannt dafür, dass es eine große Zahl von Touristen aus dem In-und Ausland willkommen heißt. Weniger bekannt ist, dass die Stadt an einem Knotenpunkt von Jakobs-Pilgerwegen liegt. Etwa tausend Pilger im Jahr kommen von Nürnberg, Würzburg oder Bamberg und gehen nach dem Besuch Rothenburgs weiter nach Ulm, Rottenburg oder Speyer und schließlich vielleicht auch bis Santiago de Compostela. Viele von ihnen suchen nach Ruhe und nach dem Sinn des Lebens auf dem Pilgerweg. Weil unser Rothenburg eine kleine Stadt mit vielen Gästen ist, schaffen wir es natürlich nicht, allen Besucherinnen und Besuchern und auch nicht allen Pilgerinnen und Pilgern persönlich die Hand zu schütteln. Diese Aufgabe hat schon die bronzene Jakobusfigur von Steinacker übernommen.

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Ein Segen für die Pilgerinnen und Pilger

Wenn ich Pilgerinnen und Pilgern vor der St.-Jakobs-Kirche einen Wegsegen zuspreche, mache ich das häufig an dieser Jakobus-Figur.

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Natürlich hat die Jakobusfigur auch eine Botschaft. Sie ist ihm geradezu auf den Leib geschrieben: „Lobet Gott“ steht da unter einem Dreieckszeichen. Das Dreieck mit Auge symbolisiert seit alters her den Dreieinigen Gott, der „nicht schläft noch schlummert“, sondern wacht und behütet, wie es in dem biblischen Pilgerpsalm 121 heißt.

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Mit dem linken, dem „Goldfinger“ zeigt Jakobus auf die Passanten. Die rechte Hand der Jakobus-Figur umschließt den Pilgerstab. Der Zeigefinger dieser Hand weist dabei nach oben in den Himmel. Mit dem rechten Finger zeigt er nach oben zu Gott. So als wolle er die Gäste, Wanderer und Touristen in der Stadt auffordern, doch Pilger zu werden und auf ihrer Reise Gott ein Danklied zu singen.

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Die Körpersprache des Jakobus

Noch ein paar andere Besonderheiten hat die Jakobsfigur: Die Figur ist mit leichtem Gepäck unterwegs. Gerade mal eine kleine Wasserflasche hat Jakobus mitgenommen, doch weder Tasche noch Rucksack. Auf dem Rücken, da wo man umgangssprachlich das „Kreuz“ hat, trägt er ein kleines Kreuz, das wie ein Lebensbaum gestaltet ist.

Statue

Und wer die Körperhaltung der Jakobusfigur mit dem eigenen Körper nachzuahmen versucht, bemerkt plötzlich, dass dieser Jakobus nicht einfach nur still dasteht, sondern selbst ein Pilger oder Tourist ist: das rechte Bein holt nach vorne aus, das linke Bein streckt sich nach hinten, so, als wolle er aufbrechen und unter die Leute gehen. Er ist eben kein Heiliger, unser Jakobus, sondern einer zum Anfassen!

Jakobus mit Schulklasse

Pfarrer Oliver Gussmann, Pilgerbeauftragter der Evangelischen Landeskirche in Bayern, Rothenburg ob der Tauber

Fotos: Willi Pfitzinger, Harald Ernst, Konrad Nieberle, Oliver Gußmann

Oliver Gußmann

In Rothenburg bin ich Touristen- und Pilgerpfarrer an St. Jakob. Das ist die große, an Kunstschätzen reiche evangelische Kirche mit den Doppeltürmen mitten in Rothenburg! Meine Aufgabe ist es, die Kirchen Rothenburgs Gästen und Touristen aus der ganzen Welt bekannt zu machen. Die zahlreichen Gotteshäuser des gotischen Rothenburgs erzählen mit Bildern und Symbolen vom Glauben, der Liebe und der Hoffnung unserer Vorfahren; sie berichten vom Sterben und Auferstehen, von Hingabe und Erlösung. Bei meiner Arbeit hilft mir ein Kirchenführer-Team. Außerdem traue ich Hochzeitspaare, mache Nachtkirchenführungen und vieles mehr. Gerne führe ich durch das jüdische Rothenburg oder biete für Kinder und Jugendliche kirchenpädagogische Führungen an. Für die Jakobuswege, von denen sich einige in Rothenburg kreuzen, bin ich der Ansprechpartner. Mir liegt eine gesunde Umwelt am Herzen. Darum fahre ich ein "Velomobil" - eine Mischung zwischen Seifenkiste und Rennauto. Wenn Sie so etwas in Rothenburg stehen sehen, bin ich sicher nicht weit entfernt! Mehr über meine Arbeit: www.rothenburgtauber-evangelisch.de/tourismus

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Trauer, Entsetzen und Jubel in Rom und Rothenburg

Ein heißer Sommertag in der Ewigen Stadt, dem Haupt bzw. Nabel der Welt (caput mundi) vor 800 Jahren. Der Stadt und dem Erdkreis (urbi et orbi) stocken der Atem. Das geistliche Oberhaupt der Christenheit, der Papst (Pontifex) Innozenz III., verstirbt am 16. Juli 1216 im Alter von nur 56 Jahren in Perugia.

Der Juristenpapst: Innozenz III. (1198-1216)

Der Juristenpapst: Innozenz III. (1198-1216)

Dann überschlagen sich die Ereignisse: Der Leichnam von Innozenz III. (1198-1216) wird in der Kathedrale von Perugia aufgebahrt. Doch in der Nacht vom 16. zum 17. Juli 1216 rauben Unbekannte dem Aufgebahrten die kostbaren Totengewänder. Sie lassen den Leichnam fast nackt in der schon süßlich nach Verwesung riechenden Kirche zurück. „Wie kurz und eitel ist die trügerische Herrlichkeit dieser Welt?“ (quam brevis sit et vana huius seculi fallax gloria) fragt der Augenzeuge Bischof Jacques de Vitry seinerzeit.

Doch war es wirklich Raub, gar Leichenschändung? Fühlten sich die „Entwender“ möglicherweise gar im Recht? Schließlich war allgemein anerkannt, dass Kirchenmänner nicht heiraten und ebenso wenig etwas vererben dürfen. Das sogenannte Spolienrecht (ius spolii) gab dem kirchlichen Oberen deshalb das Recht, den beweglichen Nachlass eines verstorbenen Klerikers einzuziehen. Doch gehörten auch die Totengewänder dazu und hätten sie nicht der päpstlichen Schatzkammer zufallen müssen?

Dass gerade der bedeutendste Juristenpapst des Mittelalters, Papst Innozenz III. kurz nach seinem Ableben Opfer einer „Straftat“ oder zumindest einer missbräuchlichen Interpretation des Sponsalienrechts wird, scheint eine dunkle Ironie der Geschichte.

Päpstliche Gerichtsentscheidung Innozenz III. (1206)

Päpstliche Gerichtsentscheidung Innozenz III. (1206)

Dabei begann alles so hoffnungsvoll. Bereits am Todestag Papst Coelestins III. (8. Januar 1198) wählte das Konklave (cum clave mit dem Schlüssel = abgeschlossener Raum, in dem der Papst von den Kardinälen gewählt wird) den noch nicht einmal 40 Jahre alten Lothar von Segni zum Papst. Er war noch so jung, dass er nicht einmal die für eine Papstwahl erforderliche Priesterweihe erhalten hatte, was man kurz darauf nachholte. Walther von der Vogelweide spöttelte gar über das junge Alter des neuen Papstes (Owê, der bâbest ist ze junc. Hilf, hêrre, dîner cristenheit).

Als Papst Innozenz III. machte sich der junge Kirchenrechtler daran, die Missstände in seiner Kirche entschieden zu bekämpfen. Pflichtvergessene Kleriker wurden diszipliniert; Völlerei, Ämterkauf, Korruption u.v.m. streng geahndet.

Der Klerus sollte wieder ein Vorbild für den einfachen Gläubigen sein! Dies war dringend nötig. Seit Jahren liefen der römischen Kirche die Gläubigen fort. Nur allzu oft wurde in den Kirchen und Klöstern „Wasser gepredigt und Wein getrunken“. Alternative Glaubensgemeinschaften wie etwa Katharer (von griechisch καθαρός, katharós „rein“, daraus abgeleitet „Ketzer“) oder Waldenser, avancierten mit ihren Lehren (Häresien) zu einem Sammelbecken für unzufriedene Gläubige. Um gegen Kleriker besser gerichtlich vorgehen zu können, entwickelte der Jurist Innozenz III. das Inquisitionsverfahren weiter. Mehrmals die Woche leitete er selbst Gerichtverhandlungen in Rom und sorgte dafür, dass seine Urteile und Entscheidungen im ganzen Abendland verbreitet wurden.

Doch beließ es Innozenz III. nicht dabei, den Ketzerbewegungen durch Klerusdisziplinierung den Nährboden zu entziehen. Er ordnete die Häresie als Kapitalverbrechen ein und ging entschieden gegen die Ketzer vor. Ein blutiger Ketzerkreuzzug wütete ab 1209 in Südfrankreich und kostete viele Menschen das Leben. Auf dem 4. Laterankonzil im Jahre 1215 wurden unter seinem Pontifikat erneut alle Ketzer exkommuniziert.

Ketzerverbrennung 1210 (Luyken, Tanz der Märtyrer)

Ketzerverbrennung 1210 (J. Luyken, Tanz der Märtyrer, 1700)

Doch wer war nun genau ein Ketzer? Für den einfachen Bischof oder Priester war es im Hochmittelalter alles andere als einfach, das zu erkennen! Könntet Ihr es? Ein paar Beispiele:

War derjenige ein gläubiger Katholik, der glaubte:

– nur durch sexuelle Enthaltsamkeit den Weg zum Heil zu finden?

– beim Abendmahl verwandele sich das gereichte Brot und Wein tatsächlich und real in Leib und Blut Jesu Christi (transsubstantiatio = Wesensverwandlung)?

– nur bei Gott im Himmel sei das Gute zu finden; die irdische Welt sei grundsätzlich schlecht?

– dass die Dämonen zunächst gut erschaffen wurden, später aus sich selbst heraus böse wurden?

(Die Auflösung findet ihr am Ende des Blogs!)

Um den Priestern eine Handreichung zu geben, formulierte man auf dem 4. Laterankonzil das Glaubensbekenntnis weiter aus (Wir glauben an den einen Gott, den Vater, den Allmächtigen …). Wer damit nicht einig ging, geriet in den Dunstkreis der Häresie, ob nun in Rom, Südfrankreich oder Rothenburg ob der Tauber. Auch die von Innozenz III. initiierten Reformen, seine Urteile und Anweisungen beeinflussten die Bewohner des fränkischen Jerusalems. So überwölbte das Kirchenrecht die mittelalterliche Welt wie eine Glaskuppel, unter der auch die Rothenburger des 13. Jahrhunderts lebten und starben.

Gesamtansicht Rothenburgs von Westen (Kupferstich, H. Meichsner, 1615)

Gesamtansicht Rothenburgs von Westen (Kupferstich, H. Meichsner, 1615)

Zwar dürfte der Kleiderraub in der Kathedrale von Perugia vor fast genau 800 Jahren nicht bereits am nächsten Morgen Stadtgespräch in Rothenburg gewesen sein, so viele Jahre vor Erfindung des Buchdrucks, der Zeitungen, n-tv-Newsticker und Twitter-Dienst. Doch wird auch in Rothenburg der Jubel umso größer gewesen sein, als keine zwei Tage nach dem Tod Innozenz III. mit Honorius III. ein neuer Papst der Christenheit vorstand und der Stuhl (sedes) Petri damit nur für kurze Zeit vakant blieb (Sedisvakanz).

Markus Hirte / Charlotte Kätzel

(Antwort auf die Fragen: nein, ja, nein, ja)

Markus Hirte

Ich heiße Dr. Markus Hirte. Geboren wurde ich 1977 in Weimar. Ich habe Rechtswissenschaft studiert und wurde an der Friedrich-Schiller-Universität Jena zum Dr. iur. promoviert. Meinen Abschluss zum Magister Legum bestritt ich an der Fernuniversität Hagen. Ein Studienaufenthalt führte mich auch an die Cambridge University nach England. Knapp sieben Jahre arbeitete ich als Rechtsanwalt in Stuttgart, Berlin und London. Mein Herz schlug jedoch immer schon vor allem auch für die Strafrechtsgeschichte, meine Publikationsliste wurde länger und länger. Seit 2013 bin ich nun geschäftsführender Direktor des Mittelalterlichen Kriminalmuseums in Rothenburg und kann mich noch intensiver der Historie widmen. Meine Forschungs- und Interessenschwerpunkte: ältere und neuere Strafrechtsgeschichte, insbesondere mittelalterliches Kirchenstrafrecht, Inquisitionsverfahren, Hexenverfolgungen und die Entwicklung der Todesstrafe. http://www.kriminalmuseum.rothenburg.de/

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Ein Rothenburger als Begründer der modernen Chemie

Rothenburg ob der Tauber ist bekannt als romantische Stadt, als mittelalterliche Stadt, als Festspielstadt. Aber Rothenburg als eine Geburtsstätte der Wissenschaft? Auch in dieser Hinsicht hat die schöne Tauberstadt mehr zu bieten, als man zunächst denken mag. Über die Jahrhunderte haben auch Akademiker in Rothenburg ihre Spuren hinterlassen.

Wer den Namen Andreas Libavius noch nicht gehört hat, der sollte nun hellhörig werden. Denn es war kein geringerer als der Rothenburger Stadtphysikus Libavius, der die Chemie dem Dunstkreis der Alchemie entriss und zu der Wissenschaft machte, als die wir sie heute kennen. Der Todestag des bedeutenden Arztes, Chemikers und Pädagogen wird sich in diesem Monat, vermutlich am 25. Juli, zum 400. Mal jähren.

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Begründer der modernen Chemie: Andreas Libavius

Geboren wurde Libavius in Halle an der Saale im heutigen Sachsen-Anhalt in den 1550er Jahren als Andreas Liebau. Obwohl seine Familie der ärmeren Bevölkerungsschicht angehörte, ging Libavius zur Lateinschule und studierte später an den Universitäten Wittenberg und Jena Medizin. Das Studium musste er allerdings, vermutlich aus Geldnöten, vorübergehend aussetzen und verdiente in diesen Jahren seinen Unterhalt als Lehrer, bis er schließlich sein Medizinstudium in Basel wieder aufnehmen und als Doktor beenden konnte. Während neben der Pädagogik auch die Poesie zu seinen Leidenschaften zählte, blieb Andreas Libavius` Berufung doch die Medizin.

Das prächtige Portal der Jakobschule

Das prächtige Portal der Jakobschule

Andreas Libavius in Rothenburg

Im Jahre 1591 schließlich erhielt Libavius das Angebot, Stadtphysicus (Stadtarzt) in Rothenburg ob der Tauber zu werden, welches er auch annahm. Hier zählte neben der medizinischen Versorgung der Bevölkerung unter anderem auch die Aufsicht über das medizinische Personal sowie über Apotheken und Arzneien zu seinen Aufgabenbereichen. Doch nicht nur als Mediziner sollte Libavius fortan in Rothenburg wirken. Von Anfang an war man sich auch seiner pädagogischen Begabung bewusst und so kam es, dass Andreas Libavius bereits ein Jahr später zum Schulinspektor der Rothenburger Lateinschule ernannt wurde – ein Amt, das eigens für ihn geschaffen wurde! Die Schule sollte von nun an neu gestaltet werden. Eine Umstrukturierung zum Gymnasium academicum war angedacht, also einer Schule, die deutlich stärker auf eine Vorbereitung für ein Studium abzielt. Der erste Schritt war der räumliche Umbau der Schule durch einen imposanten Neubau an prominenter Stelle direkt gegenüber der Jakobskirche, die Jakobschule.

Von Alchemie zu Chemie, von Aberglauben zu Rationalität

Neben seinen Beschäftigungen als Stadtarzt und Schulinspektor war Libavius weiterhin auch forschend tätig. Einen seiner Interessenschwerpunkte stellte etwa die Balneologie, also die Bäderkunde, dar. So lag es nahe, dass Libavius sich auch dem Rothenburger Wildbad widmete. Wohl im Auftrag der Stadt untersuchte er das dortige Wasser und veröffentlichte seine Ergebnisse 1601.

So könnte Libavius` Labor einst ausgesehen haben: Das Libavius-Zimmer im Rothenburger Historiengewölbe

So könnte Libavius` Labor einst ausgesehen haben: Das Libavius-Zimmer im Rothenburger Historiengewölbe

Es war auch in dieser Rothenburger Zeit Andreas Libavius`, dass der Gelehrte ein Buch verfasste, welches heute noch als Meilenstein in der Geschichte der Wissenschaft gilt: Die Alchemia. Als erstes die verschiedenen Teilgebiete der Chemie umfassende Übersichtswerk wandte sich das Werk scharf gegen die seinerzeitige Alchemie. Nicht umsonst ranken sich viele Legenden um diese mysteriöse Parawissenschaft und den sagenumwobenen alchemischen Stein der Weisen, der immer wieder Gegenstand grusliger Geschichten wurde. Denn die Alchemie, obgleich Vorgängerin der Chemie, zeichnete sich tatsächlich durch Mystik, Esoterik und Aberglauben aus – in der damaligen Zeit durchaus noch gang und gäbe, auch was den einfachen Volksglauben betraf.

Die Alchemie des Andreas Libavius bedeutete ein Umdenken in der Wissenschaft

Die Alchemie des Andreas Libavius bedeutete ein Umdenken in der Wissenschaft

 

Talismane und Vogelamulette - Aberglaubensvitrine in der Sonderausstellung des Mittelalterlichen Kriminalmuseums

Talismane und Vogelamulette – Aberglaubensvitrine in der Sonderausstellung des Mittelalterlichen Kriminalmuseums

Denn ebenso wie die Alchemiker auf ihren geheimen Treffen mit manch geheimnisvollem Gegenstand experimentierten, um auf wundersame Weise Gold oder lebende Kunstwesen zu erschaffen, hatte auch der einfache Mann stets das ein oder andere magische Objekt zur Hand, um sich damit beispielsweise vor dem Bösen zu schützen. Hier waren der Fantasie keine Grenzen gesetzt. Gegen jedes Übel gab es auch das passende Amulett oder einen Talisman. Ob Natternwirbelketten gegen Vergiftungen, Epilepsie und die Pest, Neidfeigen als Schutz gegen Unfruchtbarkeitszauber oder Fraisketten, die in die Wiege eines Neugeborenen gelegt dessen Austausch gegen ein Wechselbalg verhindern sollten – die Menschen legten ihr Schicksal häufig in die Hand solch weißer Magie und Schutzzauber. In der Sonderausstellung „Mit dem Schwert oder festem Glauben – Martin Luther und die Hexen“ im Mittelalterlichen Kriminalmuseum sind einige dieser Kuriositäten zu bestaunen, über die man sich aus heutiger Sicht doch nur wundern kann. Schließlich gilt für uns inzwischen ein gänzlich anderes Weltbild, geprägt von Wissenschaftlichkeit und Rationalität; in weiten Teilen entleert von Aberglaube und Mystik. Ein Weltbild, das unter anderem den Errungenschaften der modernen Chemie zu verdanken ist, der Andreas Libavius aus Rothenburg bedeutende Starthilfe gegeben hat.

Markus Hirte/Charlotte Kätzel

Markus Hirte

Ich heiße Dr. Markus Hirte. Geboren wurde ich 1977 in Weimar. Ich habe Rechtswissenschaft studiert und wurde an der Friedrich-Schiller-Universität Jena zum Dr. iur. promoviert. Meinen Abschluss zum Magister Legum bestritt ich an der Fernuniversität Hagen. Ein Studienaufenthalt führte mich auch an die Cambridge University nach England. Knapp sieben Jahre arbeitete ich als Rechtsanwalt in Stuttgart, Berlin und London. Mein Herz schlug jedoch immer schon vor allem auch für die Strafrechtsgeschichte, meine Publikationsliste wurde länger und länger. Seit 2013 bin ich nun geschäftsführender Direktor des Mittelalterlichen Kriminalmuseums in Rothenburg und kann mich noch intensiver der Historie widmen. Meine Forschungs- und Interessenschwerpunkte: ältere und neuere Strafrechtsgeschichte, insbesondere mittelalterliches Kirchenstrafrecht, Inquisitionsverfahren, Hexenverfolgungen und die Entwicklung der Todesstrafe. http://www.kriminalmuseum.rothenburg.de/

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Kriminal, nicht kriminell. Der Theatersommer in Rothenburg ob der Tauber

Nächste Woche ist es wieder so weit: Rothenburg ob der Tauber wird erneut zur Theaterstadt. Besucher von nah und fern können an insgesamt 49 Spieltagen professionelle Schauspieler hautnah auf der Bühne erleben. Noch ist es aber nicht so weit – und die Vorbereitungen laufen auf Hochtouren.

Das Toppler Theater am Reichsstadtmuseum, Foto: Flight-Pictures/Bildbearbeitung Pfitzinger

Das Toppler Theater am Reichsstadtmuseum, Foto: Flight-Pictures/Bildbearbeitung Pfitzinger

Theater in romantischer Atmosphäre

Zugegeben: ganz so romantisch zeigte sich der Publikumsraum des Toppler Theaters in diesem Jahr (zu Beginn) nicht. Spinnweben hatten die Bühne fest im Griff, Wasser sammelte sich auf den Sitzflächen, Moos und Gras hatten die Pflastersteine schon fast zu einer kleinen Wiese umfunktioniert.

Die Pflastersteine sind "Wild-romantisch"

Die Pflastersteine sind „Wild-romantisch“

Ein klein wenig Arbeit war also schon nötig, um dem Theater wieder die romantische Note zu verleihen, für die es bekannt ist. Jetzt aber kann man es sich wieder alles vorstellen: laue Sommernächte, anregende Gespräche in geselliger Runde – und natürlich amüsante Theaterstücke vor einmaliger Kulisse.

Gäste an einem Premierenabend 2016, Foto © Rolf DiBa

Gäste an einem Premierenabend 2016, Foto © Rolf DiBa

Ein Sonntag zum Töten

Probenfoto aus "Ein Sonntag zum Töten"

Probenfoto

Die erste Eigenproduktion am Toppler Theater, „Ein Sonntag zum Töten“, feiert am 22. Juni erstmals Premiere. Die schrille Kriminalkomödie nimmt das Genre köstlich amüsant aufs Korn und arbeitet seine Vorbilder, Kommissar Clouseau, Miss Marple oder Columbo lückenlos ein. Unter der Regie von Martin König und mit Hilfe von Regie-Assistentin Anne-Kathrin Lipps wurde das in Stuttgart vorgeprobte Stück auf die Verhältnisse der hiesigen Bühne angepasst.

Regisseur Martin König bei den Proben

Regisseur Martin König bei den Proben

Gut eine Woche haben die SchauspielerInnen Barbara von Münchhausen, Marie-Louise Gutteck und Udo Rau nun dafür schon auf der Bühne des Toppler Theaters geprobt. Und so viel kann ich schon verraten: Nicht nur das Bühnenbild scheint ein echter Hingucker zu werden, auch das Stück selbst wird für viele Freudentränen sorgen. Eine Inhaltsbeschreibung finden Sie auf der Webseite des Toppler Theaters.

Die Uraufführung

„Drei Morde, Küche, Bad“ wurde extra von Carsten Golbeck für diePlakatmotiv: "Drei Morde, Küche, Bad" Bühne in Rothenburg ob der Tauber geschrieben – und hat natürlich auch im Toppler Theater die Uraufführung (27.Juli). Das zweite Kriminalstück der Saison verspricht also auch etwas ganz Besonderes zu werden. In der schwarzen Komödie wird es sehr humorvoll zugehen, aber auch um Lebensräume, Lebensträume und um die Frage nach dem Zusammenhalt. Die gefragte Regisseurin Katja Wolff beginnt diese Woche mit den Vorproben in Berlin. Wir können gespannt sein! Hier können Sie mehr erfahren.

 

Neuerungen im neunten Jahr

Natürlich gibt es auch in der mittlerweile neunten Saison einige Neuerungen. So hat der ein oder andere sicher schon das Theaterauto in der Stadt gesichtet.

Das Theaterauto mit Theaterlogo

Das Theaterauto mit Theaterlogo

Zur Freude der Regieassistenten Anne-Kathrin Lipps und Norman Schock haben wir dieses Jahr ein eigenes Fahrzeug zur Verfügung. Dass das Auto zudem von Herrn Deinl kostenlos zur Verfügung gestellt wurde, ist besonders schön! Besorgungen und kleinere Transporte können endlich ohne Probleme erledigt werden.
Auch personell hat sich in diesem Jahr einiges verändert, so dass das Theaterbüro nun von mir geführt wird (Marian Jaworski). Zudem gibt es einige neue ehrenamtliche und bezahlte Kräfte, die Sie an der Getränke-Bar und der Abendkasse erwarten. Und einen sehr fleißigen Praktikanten, der uns tatkräftig unterstützt.
Eine weitere Neuerung sind die geänderten Anfangszeiten im August: statt wie bisher um 20:30 Uhr ist der Spielbeginn ab dem 1.8. schon um 19:30 Uhr. An Sonntagen wird hingegen auch schon im Juni und Juli um 19:30 gespielt. Die genauen Zeiten kann man problemlos im Spielplan (hier) nachlesen.

Hinter den Kulissen

Positives gleich vorweg: der Vorverkauf läuft, trotz aktuell durchwachsenem Wetter, in diesem Jahr besonders gut an (Karten erhalten Sie im RTS oder auf unserer Webseite). Karten gingen sogar schon in die USA und die Schweiz. Und eine schlechte Nachricht im Anschluss: Die Gastspiele des Danzig Baltic Quartett wurden kurzfristig abgesagt.

Noch knapp eine Woche liegen zwischen dem Verfassen dieses Textes und der ersten Premiere von „Ein Sonntag zum Töten“ am 22. Juni. Und vieles muss noch geplant und organisiert werden, viele Telefongespräche müssen noch geführt werden. Egal ob Blumen für den Premierenabend, Getränke für das Catering, oder der Dienstplan der ehrenamtlichen Kräfte: nun kommt alles zusammen und nichts darf vergessen werden. Da kann man für jede Unterstützung, für jede wohlwollende Geste dankbar sein. Und daher: Danke für die vielseitige Unterstützung, für all die ehrenamtliche Mitarbeit und positive Stimmung.

Ich wünsche allen einen spannenden, humorvollen und vor allem unterhaltsamen Theatersommer!

 

Marian Jaworski

Mein Name ist Marian Jaworski. Geboren wurde ich 1981 in Rothenburg ob der Tauber und ging hier auch zur Schule. Nach meinem Hochschulabschluss der Neueren und Neuesten Geschichte, fränkischen Landesgeschichte und politischen Theorie und Philosophie an der Julius-Maximilians-Universität Würzburg, zog es mich erneut in meine Heimat zurück. Seit 2010 arbeite ich für das Toppler Theater. Zunächst als Regieassistent tätig, bin ich mittlerweile auch für Teile der Organisation und des Marketings zuständig.

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Darf es noch etwas mehr sein? – Rothenburger Sehenswürdigkeiten auf den dritten Blick

Die Fortsetzung von  Rothenburg auf die Schnelle und Rothenburger Sehenswürdigkeiten für Fortgeschrittene.

Dieses beschauliche Städtchen hat mehr zu bieten als die meisten denken. Nun ist die Altstadt von Rothenburg zwar nur 15 Minuten lang und 10 Min breit. Zumindest wenn man die reine Gehzeit von Nord nach Süd und von Ost nach West rechnet. Genauer gesagt hat die Altstadt eine Länge von etwas über 1000 Meter und an der breitesten Stelle sind es nicht ganz 700 Meter. Aber es erstaunt mich selbst immer wieder, wie viel es innerhalb dieser alten Mauern zu entdecken gibt. Das reicht leicht für einen Wochenendausflug und dann gibt es immer noch genug für einen zweiten, dritten und vierten Besuch.

Rothenburg ob der Tauber

Rothenburg ob der Tauber. Bild: W.Pfitzinger

Es gibt viel zu wissen – Der Verein Alt-Rothenburg

Nun führe ich seit über 20 Jahren Gäste über dieses Pflaster und beschäftige mich ebenso lange schon mit der Geschichte der Stadt. Innerhalb dieser langen Zeit habe ich viel gelernt, aber vor allem ist mir bewusst geworden, dass es noch viel viel mehr zu wissen gibt. Oder wie ein großer griechischer Philosoph einmal sagte: “Ich weiß, dass ich nichts weiß. Aber ich weiß mehr als die anderen wissen, denn die wissen nicht, dass sie nichts wissen.“

Ein Quell der Information für Einheimische und Gäste ist der Verein Alt Rothenburg. Sowohl mit seiner Internetseite als auch mit seinen Publikationen und Veranstaltungen trägt er sehr zur Wissensvermittlung über die Geschichte der Stadt bei. Vor allem die Vorträge des Vereins im Rahmen der Rothenburger Diskurse sind wirklich hochkarätig. Die aktuellen Termine finden Sie auf der vereinsinternen Seite ebenso wie unter den Veranstaltungstipps der Stadt Rothenburg ob der Tauber. Geben Sie dort einfach den Begriff „Diskurse“ ein. Dann erhalten Sie die Termine und Themen für die nächsten geplanten Vorträge.

Über den Dächern von Rothenburg – Der Röderturm

Röderturm

Röderturm

Leider hat nicht jeder die Möglichkeit, seinen Besuch in Rothenburg nach Vorträgen des Vereins Alt-Rothenburg zu planen. Zum Glück gibt es eine Art Zweigstelle mit relativ regelmäßigen Öffnungszeiten, die nicht nur interessante Informationen zur Zerstörung der Altstadt in den letzten Kriegstagen für den Besucher bereit hält, sondern auch noch einen fantastischen Blick über die Dächer von Rothenburg ermöglicht. Der Torturm des Rödertors (Östliches Stadttor) ist ein geradezu perfekter Platz für diesen Ausstellungsraum. Der Zugang erfolgt über die Stadtmauer. Also erst auf die Stadtmauer und dann auf der nördlichen Seite des Röderturms prüfen ob der Turmzugang möglich ist. Der Eintritt wird ebenso wie beim Rathausturm fällig, wenn man oben angekommen ist. Man ist dann zwar noch nicht über den Wolken, aber doch schon ganz schön weit oben.

Eine Etage tiefer – Das Historiengewölbe

Historiengewölbe

Historiengewölbe

Eine weitere Dependance eines Städtischen Vereines ist das Historiengewölbe im gotischen (weißen) Teil des Rathauses. Hier erwarten viele den Zugang zum Rathausturm, der direkt darüber liegt. Aber anstatt hoch hinaus geht es hier eher abwärts. Was in diesem Fall aber gar nicht negativ ist. Zumindest heute nicht mehr. In den ebenerdigen Räumlichkeiten hat der Verein „Historisches Festspiel – Der Meistertrunk“ eine Vielzahl von originalen Ausstellungsstücken aus der Zeit des 30- jährigen Krieges zusammen getragen. Bei der Gelegenheit sollte man es auf keinen Fall verpassen, auch einen Blick in das reichsstädtische Verlies zu werfen. Ganz in der Nähe der Kasse geht es in einem Nebenraum über eine enge und steile Stiege in den Untergrund. Der erste Raum hat schon etwas Bedrückendes, dabei war dieser für das Wachpersonal vorgesehen. Über einen langen, schmalen Gang geht es dann zu den eigentlichen Gefängniszellen.

Verlies im Historiengewölbe

Verlies im Historiengewölbe

Drei Stück an der Zahl, wobei bei einer davon sogar die Tür unverschlossen ist. Man kann, muss aber nicht, eintreten, denn dieses dunkle Loch ist selbst heute noch alles andere als einladend. Auf jeden Fall ein Erlebnis der besonderen Art und ein absoluter Geheimtipp zum Abkühlen an den ganz heißen Sommertagen. Das Rothenburger Staatsverlies ist auch ohne Klimaanlage eine coole Adresse und garantiert einen erfrischenden Aufenthalt.

Hat man sowas schon gesehen – Die Schäferkirche

Nicht weniger erfrischend, sowohl für den Geist als auch für den Körper, ist die Schäferkirche Sankt Wolfgang.  Im nördlichsten der sechs Stadttore ist diese Kirche in die Torbastei integriert. Auf all meinen Reisen habe ich schon viel gesehen, aber sowas, nein, so etwas kenne ich nur von Rothenburg ob der Tauber. Eine Kirche mit Persönlichkeitsspaltung. Als ob dieses Bauwerk nicht so recht wusste was es werden sollte. Gotteshaus oder Wehranlage.

Schäferkirche - St. Wolfgang

Schäferkirche – St. Wolfgang

Wie kam es dazu? Früher durften Schäfer, denn man hatte unter anderem Angst sie würden Krankheiten von ihren Tieren übertragen, nicht immer in die Stadt und so entwickelte sich ein Betplatz just an jener besonderen Stelle direkt vor dem Stadttor. An diesem Platz zum Beten ist diese Kirche, welche von der Bruderschaft der Schäfer eigens für ihre, für Rothenburg so wichtige, Berufsgruppe errichtet worden. Deshalb Schäferkirche, welche ihrem Schutzpatron, dem Heiligen Wolfgang, geweiht ist.

St. Wolfgang - Altar

St. Wolfgang – Altar

St. Wolfgang - Kasematten

St. Wolfgang – Kasematten

Gleichzeitig wurde der Bau genutzt, um den Zugang zur Stadt zu sichern. So legte man Geschützstände, so genannte Kasematten, bei den Fundamentierungsarbeiten der Kirche an, welche heute noch zugänglich sind. Weitere Geschützstände im Obergeschoss und das ehemalige Torwärterhäuschen, mit einer kleinen Ausstellungsfläche der Schäfer, sind ebenfalls zu besichtigen. Definitiv eine der meist unterschätzten Sehenswürdigkeiten in unserem fränkischen Schatzkästchen. Selbst wenn die Kirche geschlossen sein sollte, lohnt sich ein kurzer Abstecher um das Gebäude, um sich von diesem so seltsamen Bauwerk verzaubern zu lassen.

Klein aber fein – Das Alt-Rothenburger Handwerkerhaus

Apropos verzaubern lassen. Da komme ich doch gleich auf ein weiteres Schwergewicht unserer Sehenswürdigkeiten, auch wenn dies wohl niemand unter dem unscheinbaren Namen „Alt-Rothenburger Handwerkerhaus“ vermuten würde.

Handwerkerhaus - Alter Stadtgraben

Handwerkerhaus – Alter Stadtgraben

Für mich ist dieses kleine Museum sogar die meist unterschätzte Sehenswürdigkeit unserer Stadt. Etwas abseits der Haupttouristenströme, im Alten Stadtgraben gelegen, fällt es nicht auf und selbst wenn man direkt davor steht ist kaum zu vermuten, was in diesem Haus steckt.

Alt Rothenburger Handwerkerhaus

Alt Rothenburger Handwerkerhaus

Geschichte pur. Geschichte, die man mit den unterschiedlichsten Sinnen ganz direkt erfahren kann. Bereits beim Betreten des Gebäudes fällt mir jedes Mal der besondere Geruch von Jahrhunderten auf. Dann dieses dämmrige Licht und die niedrige Deckenhöhe. Ein Erlebnis für alle Sinne. Dazu kommen jede Menge Ausstellungsstücke aus dem Bereich Handwerk und Haushalt. Dieses Haus hat inzwischen fast 750 Jahre auf dem Buckel. Wahrhaftig ein Methusalem an seinem originalen Bauplatz. Also nicht in einem der vielen Freilandmuseen, sondern wirklich da wo es hingehört, mitten in die Altstadt von Rothenburg ob der Tauber.

Darf es noch etwas mehr sein?

Wieviel Zeit man für die einzelnen Sehenswürdigkeiten benötigt habe ich bewusst offen gelassen, denn für manche darf es etwas mehr und plötzlich sind ein bis zwei Stunden wie im Fluge vergangen. Andere sind unter Umständen nach zwanzig bis dreißig Minuten schon wieder auf dem Sprung zur nächsten Attraktion. Eines ist jedoch sicher. Bei uns ist für jeden was dabei und ich bin mit meiner Reihe von touristischen Möglichkeiten immer noch nicht fertig. Mindestens einen Beitrag zu dem Thema wartet noch darauf, niedergeschrieben zu werden. Am besten gleich den Blog abonnieren, dann verpassen Sie meinen Beitrag auf keinen Fall. Die anderen Beiträge der Rothenburger Blogger übrigens auch nicht. Es gibt eben so viel Wissenswertes, und das nicht nur über Erlangen 😉 .(eine kleine Hommage an die Kenner und Liebhaber der NDW / Link: https://www.youtube.com/watch?v=G_k20C8hOEs)

Harald Ernst

Bin ich ein Rothenburger? JAIN! Meine Wurzeln liegen nur 15 km von Rothenburg entfernt. Brettheim, früher ein Teil des Stadtgebietes der Reichsstadt mit ca. 180 Dörfern, liegt heute in einem anderen Bundesland (BW). Das erklärt, weshalb ich mich als Rothenburger fühle, inzwischen auch in der Altstadt lebe, aber nicht wie ein Rothenburger klinge. Ich bin ein Hohenloher mit entsprechendem Dialekt (wenn ich will oder darf) und habe mich während meines Zivildienstes (1990/91) in der Jugendherberge in die Stadt verliebt. Außerdem habe ich mich durch die Gäste aus aller Welt inspirieren lassen und das Reisen für mich entdeckt. Menschen, Länder, Abenteuer lassen mich immer wieder meine Koffer packen. Doch genauso gerne kehre ich immer wieder zurück in diese besonders schöne Stadt. Aus Hobby wurde Beruf. Bereits 1993 kam ich zur Gästeführerei. Im Jahr 2000 habe ich mit einem Freund ein Reiseunternehmen gegründet und bin seit dem selbstständiger Stadtführer, Reiseleiter und Driverguide für Gäste aus aller Welt im In- und Ausland. Doch mein Schwerpunkt ist und bleibt Rothenburg ob der Tauber. Hier kenne ich mich am besten aus. Hier bin ich Zuhause.

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Gebete der Stille in der Franziskanerkirche in Rothenburg ob der Tauber

Die Franziskanerkirche in Rothenburg ob der Tauber

Franziskanerkirche in der Herngasse

Meine Lieblingskirche in Rothenburg ob der Tauber ist die Fanziskanerkirche. Ganz unscheinbar, wie eine franziskanische Kirche eben sein sollte, schmiegt sie sich an die Herrngasse. Ehrenamtliche Kirchenöffner halten sie dankenswerterweise vormittags und nachmittags für jeweils zwei Stunden offen. Flaneure, die vom geschäftigen Marktplatz kommen, bemerken erst im letzten Augenblick, dass die enge Pforte der Kirche offen steht und wagen einen neugierigen Schritt ins Innere. Die Stille der Kirche umhüllt die Eintretenden und neugierig blicken sie  umher: Schon viele Menschen sind über den rauen Sandstein im Inneren gelaufen, ihre Schuhe haben die Stufen abgewetzt und ausgewellt. Das verleiht der Kirche einen besonderen Charme.

Der Lettner der Franziskanerkirche

Hauptschiff der Franziskanerkirchee

Hauptschiff der Franziskanerkirche

Als eine der wenigen Kirchen besitzt diese (heute evangelische) Kirche noch einen Lettner, eine ungewöhnliche Trennwand, die quer durchs Kirchenschiff verläuft. Von dort oben lasen einst die Barfüßer-Mönche die Worte der Heiligen Schrift, schmetterten Bußrufe auf die versammelte Christenschar, präsentierten an Festtagen Reliquien oder zeigten die Rothenburger Passionsbilder des Malermönchs Martin Schwarz. (Diese befinden sich heute in einem der Säle des Reichsstadtmuseums). Unter der Lettnerwand sieht man fünf Spitzbögen. Fast alle Altartische sind leer und ohne Bilder. Acht Altäre soll diese Kirche einmal besessen haben, nur noch einer ist vorhanden.

Die Gebetsecke

Altar in der Franziskanerkirche

Altar in der Franziskanerkirche

Ganz rechts hinten brennen zwei Kerzen auf dem steinernen Altar. Davor ein grünes Seidentuch auf einem rauen Teppich, übersät von Zetteln. Ich komme näher. Auf den Zetteln kann man die Gebete lesen, die Besucher hier gelassen haben. In der Stille des Gotteshauses haben sie die richtigen Worte gefunden, um bei Gott abzuladen, was sie auf dem Herzen haben. Denn dazu wird man durch ein Schild ja auch aufgefordert:

„Hier ist ein Ort zum Schweigen und Beten.

Wenn Sie angeschlagen sind oder jubeln möchten,

wenn Sie eine Klagemauer suchen oder Mitbeter,

wenn Sie einfach nur wollen,

dass Ihr Gebet eine Zeit lang in Gottes Haus bleibt –

Schreiben Sie es auf,

nehmen Sie ein anderes Gebet mit

und machen es zu Ihrem Gebet.“

 

Wer weiß, wieviele schon hier ihren Hoffnungen und Wünschen Ausdruck verliehen haben? Wer weiß, wieviele Gebete dieser anonymen Tauschbörse schon mitgenommen und weitergebetet wurden?

Gebete in der Stille

Gebetsecke in der Franziskanerkirche

Gebetsecke in der Franziskanerkirche

Ich bücke mich und schaue mir einige Zettel an. Gebete in vielen Sprachen sind da zu sehen. Deshalb verstehe ich auch manche nicht – aber ich bin mir sicher, sie kommen dort an, wo sie ankommen sollen. Einige Beter sind einfach nur dankbar:

„Lieber Gott, wir danken Dir. Wir haben 12 tolle Tage verbracht in einer wunderschönen Gegend. Hilf uns, dass wir K. u. M. und unsere Familie viele viele Jahre genießen können bei bester Gesundheit!!“

Und manches sind  Stoßgebete:

„Herr, befreie mich von meinen Schmerzen. M.J.“

 

Besonders häufig finde ich Gebete für die Familie und für die Gesundheit von Verwandten oder Freunden:

„Ich hoffe, dass mein Gebet eine Zeit lang in Gottes Haus bleibt, und meine Familie und meine Nachbarin gesund wird und bleibt! Danke! C.E.“

Auch die Verletzlichkeit des Lebens klingt an:

„Gebe Gott, dass wir immer eine glückliche Familie bleiben und dass wir uns noch lange haben. Danke – lieber Gott.“

*

Ich zünde noch eine Gebetskerze am Leuchter an und bitte Gott, dass er all diese Gebete dieser Menschen höre. Dann gehe ich durch den Mittelgang wieder hinaus auf die Straße. Sonnenschein empfängt mich. Mein Gebet lasse ich hier. Die Ruhe der Kirche nehme ich im Herzen mit.

Oliver Gußmann

 

Hinweis: Die Franziskanerkirche in der Herrngasse ist in der Regel geöffnet von 10–12 und von 14–16 Uhr. Am Sonntag nur nachmittags. Im Sommer gibt es  in  der Franziskanerkirche viele Chorkonzerte, auf die ein Internet-Kalender hinweist. Am Samstag um 18 Uhr stimmt eine Andacht in den Abend ein. Die Kirche ist besuchenswert wegen der Riemenschneider-Altäre, wegen der modernen Glasfenstern zum Sonnengesang des Franz von Assisi und wegen  des Lettners.

Oliver Gußmann

In Rothenburg bin ich Touristen- und Pilgerpfarrer an St. Jakob. Das ist die große, an Kunstschätzen reiche evangelische Kirche mit den Doppeltürmen mitten in Rothenburg! Meine Aufgabe ist es, die Kirchen Rothenburgs Gästen und Touristen aus der ganzen Welt bekannt zu machen. Die zahlreichen Gotteshäuser des gotischen Rothenburgs erzählen mit Bildern und Symbolen vom Glauben, der Liebe und der Hoffnung unserer Vorfahren; sie berichten vom Sterben und Auferstehen, von Hingabe und Erlösung. Bei meiner Arbeit hilft mir ein Kirchenführer-Team. Außerdem traue ich Hochzeitspaare, mache Nachtkirchenführungen und vieles mehr. Gerne führe ich durch das jüdische Rothenburg oder biete für Kinder und Jugendliche kirchenpädagogische Führungen an. Für die Jakobuswege, von denen sich einige in Rothenburg kreuzen, bin ich der Ansprechpartner. Mir liegt eine gesunde Umwelt am Herzen. Darum fahre ich ein "Velomobil" - eine Mischung zwischen Seifenkiste und Rennauto. Wenn Sie so etwas in Rothenburg stehen sehen, bin ich sicher nicht weit entfernt! Mehr über meine Arbeit: www.rothenburgtauber-evangelisch.de/tourismus

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Luther und die Hexen: einfach magisch

Geschichte wird geschrieben…

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Hier sollen die 95 Thesen angenagelt worden sein: Das Tor der Schlosskirche zu Wittenberg.

1517. Eine junge Universitätsstadt im heutigen Sachsen-Anhalt. Eine aufgeregte Menge auf dem Schlossplatz. Ein nicht mehr ganz junger Doktor der Theologie nähert sich entschlossen dem großen Tor der Schlosskirche. Die Menge hält den Atem an. Lautes Hämmern. Dann bricht lauter Jubel aus.

Martin Luther hat soeben mit dem Anschlag der 95 Thesen an der Wittenberger Schlosskirche den unaufhaltsamen Beginn der Reformation initiiert.

Ob es tatsächlich einen solchen Thesenanschlag gegeben hat? Aus heutiger Sicht ist dies mehr als zweifelhaft. Trotzdem gilt das Bild des Thesenanschlags bis heute als das Symbol der Reformation.

Am 31. Oktober 2017 wird sich der Beginn der Reformation zum 500. Mal jähren. In Erwartung des großen Jubiläums begann schon 2008 die sogenannte Lutherdekade mit den verschiedensten Veranstaltungen und Feiern.

 

Die Reformation schlägt Wellen… bis nach Rothenburg

Auch Rothenburg hat eine bewegte reformatorische Vergangenheit. Schon in den 1520ern, wenige Jahre nach dem Thesenanschlag Martin Luthers, gab es erste Reformationsversuche in Rothenburg, die mit dem Bauernkrieg aber (zum Teil blutig) niedergeschlagen wurden.

Hornburg

Johannes Hornburg wurde 1539 erstmals Bürgermeister von Rothenburg.

1544 gelang es dann dem Ratsherren Johannes Hornburg mit Hilfe anderer Ratsmitglieder, die Reformation in Rothenburg zu initiieren und durchzuführen. Hornburg hatte in Wittenberg studiert und dort auch Luther persönlich kennengelernt und dessen Vorlesungen gehört.

Rothenburg kann also als Stadt mit langer evangelisch-lutherischer Geschichte betrachtet werden. Daher ist es nicht verwunderlich, dass auch Rothenburg verschiedene Beiträge zur Lutherdekade bietet.

So erinnert das Mittelalterliche Kriminalmuseum Rothenburg an den Reformator und das Jubiläum der Reformation mit einer Sonderausstellung.

 

 

Martin Luthers Leben und Wirken aus rechtshistorischer Sicht

„Mit dem Schwert oder festem Glauben – Luther und die Hexen“, so der Titel der großen, dreijährigen Sonderausstellung des Kriminalmuseums zur Lutherdekade. Entsprechend der Ausrichtung des Museums fällt ein besonderer Fokus auf das Gebiet der Rechtsgeschichte: das düstere Kapitel des Hexenwahns wird aufgeschlagen. Bei der Hexenthematik handelt es sich um einen Aspekt, der mit Leben und Wirken Luthers untrennbar verknüpft ist. Martin Luther lebte zu einer Zeit wachsender Hexenangst. Für Luther bestand wie für die meisten seiner Zeitgenossen kein Zweifel an der Existenz von Hexen und deren (schändlichem) Einfluss auf Land und Leute. Daher ist es nicht verwunderlich, dass sich Luther auch zu diesem Thema äußerte. Jedoch war sein Umgang mit den Hexen von Widersprüchen geprägt. Forderte er an einem Tag noch die strikte Verfolgung und Bestrafung, rief er am anderen schon dazu auf, mit Hexen und deren Taten milde umzugehen, sie im christlichen Sinne hinzunehmen. Wollte er einmal „Der Erste sein, der Feuer an sie legt“, riet er beim anderen Mal zu Milde bei einem Einzelfall.

LindaFinal

Als Francisco de Goya 1799 seine Linda Maestra schuf, hatte der Hexenwahn bereits ein Ende gefunden.

Luther zeigte sich die Hexenfrage betreffend also auffällig doppelgesichtig. Um diesen Charakterzug Martin Luthers und auch viele andere seiner Aussagen und Taten nachvollziehen zu können, ist es unerlässlich, seine bewegte Biographie zu betrachten. Zugleich sollte man sich auch die Welt vor Augen halten, in der Martin Luther lebte, und die Schauplatz schwerwiegender Erschütterungen war.

Deswegen wird in der Ausstellung nicht nur Luthers Leben geschildert, sondern auch ein Blick auf das damalige Zeitgeschehen geworfen. Es werden die Bedingungen beleuchtet, unter denen die Menschen gelebt haben. Faktoren wie (Religions-)kriege, Epidemien wie die Pest und sogar eine „kleine Eiszeit“ helfen zu erklären, wie der Hexenaberglaube derart gewaltige Ausmaße annehmen konnte.

 

Rothenburg: das Hexenparadies?

Die Sonderausstellung widmet sich auch der Reformation und Hexenverfolgung in Franken und Rothenburg. Tatsächlich gab es in Rothenburg insgesamt nur drei Hexereiprozesse, von denen auch nur zwei zu einer Todesstrafe führten. Diese Anzahl ist erstaunlich gering verglichen mit den hohen Zahlen an Hexenprozessen und Hinrichtungen in nur wenig entfernten Städten wie Würzburg oder Bamberg. Diese erlangten mit der Verbrennung tausender Menschen traurige Berühmtheit als Hochburgen der Hexenverfolgung.

Womit lässt sich dies erklären? Die Antwort gibt es ab dem 1. Mai 2016 im Kriminalmuseum, wo es heißen wird: „Mit dem Schwert oder festem Glauben – Martin Luther und die Hexen.“

 

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Martin Luther lebte in einer bewegten Zeit.

 

Markus Hirte / Charlotte Kätzel

Markus Hirte

Ich heiße Dr. Markus Hirte. Geboren wurde ich 1977 in Weimar. Ich habe Rechtswissenschaft studiert und wurde an der Friedrich-Schiller-Universität Jena zum Dr. iur. promoviert. Meinen Abschluss zum Magister Legum bestritt ich an der Fernuniversität Hagen. Ein Studienaufenthalt führte mich auch an die Cambridge University nach England. Knapp sieben Jahre arbeitete ich als Rechtsanwalt in Stuttgart, Berlin und London. Mein Herz schlug jedoch immer schon vor allem auch für die Strafrechtsgeschichte, meine Publikationsliste wurde länger und länger. Seit 2013 bin ich nun geschäftsführender Direktor des Mittelalterlichen Kriminalmuseums in Rothenburg und kann mich noch intensiver der Historie widmen. Meine Forschungs- und Interessenschwerpunkte: ältere und neuere Strafrechtsgeschichte, insbesondere mittelalterliches Kirchenstrafrecht, Inquisitionsverfahren, Hexenverfolgungen und die Entwicklung der Todesstrafe. http://www.kriminalmuseum.rothenburg.de/

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Rothenburger Stolpersteine – Ein ganz besonderes Pflaster oder Auf diese Steine sollten Sie schauen!

Die eher unbekannte Seite unserer wunderschönen fränkischen Kleinstadt.

Zum Schwan in der Oberen Schmiedgasse 15 / Foto: H.Ernst

Zum Schwan in der Oberen Schmiedgasse 15 / Foto: H.Ernst

Wenn ich vom Plönlein in Richtung Marktplatz auf der Unteren und Oberen Schmiedgasse gehe, erfreue ich mich nicht nur an den Geschäften und dem erst vor wenigen Jahren neu gemachten Pflaster, sondern vor allem an dem einen, kleinen Pflasterstein vor dem Gasthof Zum Schwan. Er fällt kaum auf und doch schaue ich immer mal wieder drauf. Denn ich war dabei als genau dieser Stein dort seinen Platz und seine Bestimmung fand. Leuchten und funkeln sollte er, wie ein Ewiges Licht zum Gedenken an was mal war.

Ach wenn diese Mauern doch sprechen könnten! Was hätten sie nicht alles zu erzählen.

GZSZ – Gute Zeiten / Schlechte Zeiten

Heute schlendern Menschen aus allen Herren Ländern friedlich durch die beschaulichen Gassen. Es ist aber noch gar nicht so lange her, da hämmerten schwere Stiefelsohlen über das Pflaster und zerrten Menschen aus ihren Häusern. Plötzlich wurden aus Mitbürgern Menschen zweiter Klasse. Nachbarn, im besten Fall hilflose Freunde, meist stumme Zeugen, manchmal sogar Täter.

Franken war ganz schön „Braun“. Die NSDAP konnte auch hier große Wahlerfolge verzeichnen und unser schönes mittelalterliches Städtchen war auch schon damals sehr beliebt. Die ganzen großen Namen, sie waren alle da.

Zum Glück vorbei!

Rudolf Hess, Hermann Göring, Heinrich Himmler und Adolf Hitler standen alle schon mal auf unserem Marktplatz. Sind vermutlich auch am Schwanen vorbei gekommen. Was würden die Besucher von damals heute wohl zu Rothenburg sagen? Diese heute so weltoffene Stadt, die sich immer mehr der braunen Flecken ihrer Geschichte erinnert und auch deutliche Zeichen dagegen setzt.

(weitere Infos: Rothenburg unterm Hakenkreuz)

Steine gegen das Vergessen

Wenn ich auf Führungen auf dieses Thema zu sprechen komme, leite ich es gerne mit einem Zitat aus dem Talmud ein, das der Erfinder der Stolpersteine auch auf seiner Internetseite www.stolpersteine.de verwendet. „Ein Mensch ist erst vergessen, wenn sein Name vergessen ist“. Es geht um Steine gegen das Vergessen. Es geht darum zumindest mal für einen Moment im Geistigen Sinne zu stolpern und aus dem Tritt des Alltags zu geraten.

Seit 2013 gibt es sie nun auch bei uns in der Altstadt von Rothenburg ob der Tauber. Die immer wieder kontrovers diskutierten Stolpersteine.

Am 26. April war Gunter Demnig bei uns und hat an fünf Stellen insgesamt zehn seiner Steine selbst gesetzt, so wie er das bis auf wenige Ausnahmen immer tut.

Vier Stolpersteine befinden sich bei der Herrngasse 21. Hier war die Gebetsstube der letzten jüdischen Gemeinde von Rothenburg eingerichtet.

Jeweils zwei wurden bei der Judengasse 22 und der Neugasse 36 gesetzt. Die letzten beiden sind zum einen in der Kirchgasse vor dem Haus Nr. 1 und eben in der Oberen Schmiedgasse Nr. 15 zu finden.

Judengasse Nr. 24 / Foto: H. Ernst

Judengasse Nr. 22 / Foto: H. Ernst

Kirchgasse Nr. 1 / Foto: H.Ernst

Kirchgasse Nr. 1 / Foto: H.Ernst

Herrngasse Nr. 21 / Foto: H.Ernst

Herrngasse Nr. 21 / Foto: H.Ernst

Die Bedeutung der Stolpersteine

Wenn ich auf meinen Führungen auf diese 9,6 x 9,6 cm kleinen, mit einer Messingtafel versehenen Pflastersteine hinweise, hatte ich noch nie negative Reaktionen oder kontroverse Diskussionen. Ganz im Gegenteil. Inländische Gäste verbinden mit diesen Mahnmalen zwar meist den Holocaust, also nur die jüdischen Opfer, und da ergänze ich gerne das Wissen. Es geht hier um alle Opfer der Nationalsozialisten und die Liste ist lang. Sinti / Roma, Zeugen Jehovas, Behinderte, Homosexuelle, Kommunisten und so weiter und so fort. Es war nicht schwer ein Opfer zu werden!

2 Stolpersteine in der Neugasse

2 Stolpersteine in der Neugasse Nr. 36

Gerade Gäste aus dem Ausland sind dann ganz besonders interessierte Zuhörer. Nach meiner Erklärung, dass diese kleinen Gedenktafeln an das Schicksal der Menschen erinnern, die in der NS-Zeit verfolgt, ermordet, deportiert, vertrieben oder in den Suizid getrieben wurden, wird von Gästen aus dem Ausland immer wieder die Kamera gezückt und darüber gesprochen.

Die Verbreitung der Stolpersteine

Länder mit verlegten und geplanten Stolper­steinen, Weißrussland und Litauen folgen 2016 - By Cirdan [CC BY-SA 4.0 (http://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0)], via Wikimedia Commons

Länder mit verlegten und geplanten Stolper­steinen, Weißrussland und Litauen folgen 2016 – By Cirdan [CC BY-SA 4.0 (http://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0)], via Wikimedia Commons

Aus dieser Reaktion schließe ich, dass dieses Kunstprojekt von Gunter Demnig im Ausland noch nicht so bekannt ist. Dabei sind die 57.000 Stolpersteine und inzwischen auch 17 Stolperschwellen (Foto: Wikipedia) bereits in 20 Nationen zu finden sind. In der Regel vor dem letzten frei gewählten Wohnhaus. Voraussichtlich in diesem Jahr wird mit Weissrussland noch ein weiteres Land dazu kommen. Die Tore ins Baltikum stehen dem mehrfach ausgezeichneten Künstler (zum Beispiel 2005 Bundesverdienstkreuz) auch auf. So hat er mir auf meine aktuelle Anfrage auch von Kontakten nach Litauen und Riga in Lettland berichtet.

Ein Ende mit Schrecken

Das Grauen kam zurück. Der Terror, von den Nazis in die Welt exportiert, hat am Ende nicht nur seine Geistigen Väter eingeholt, sondern ganz Deutschland.

Zerstörter Stadtteil 1945

Zerstörter Stadtteil 1945

Die Bilder sind allen bekannt und leider wurde auch unser mittelalterliches Kleinod nicht verschont. Am 31.März jährt sich der verheerende Bombenangriff auf Rothenburg zum 71. Mal.

Aber damit war es immer noch nicht vorbei. Es kam noch zu weiteren tragischen Vorfällen und gerade solche Einzelschicksale führen mir das Grauen besonders deutlich vor Augen.

Die Männer von Brettheim & Rothenburger Opfer

Mit der Geschichte aus meinem Heimatdorf im April ´45 bin ich groß geworden. Die Ereignisse sind ausgezeichnet dokumentiert und veröffentlicht, unter anderem in der Erinnerungsstätte im Brettheimer Rathaus.

Die Gräber der Opfer des Bombenangriffes sind mit anderen Opfern der letzten Kriegstage in einem speziellen Bereich unseres Friedhofes zu finden. Unweit davon entfernt hängt seit dem 7. April 2015 eine Tafel für den dort 70 Jahre zuvor exekutierten Johann Rößler.

Friedhof Rothenburg / Foto: H.Ernst

Friedhof Rothenburg / Foto: H.Ernst

Gedenktafel J. Rößler / Foto: H. Ernst

Gedenktafel J. Rößler / Foto: H. Ernst

Auf dessen Geschichte bin ich erst während meiner Recherche für diesen Blogbeitrag aufmerksam geworden. Ausführlichere Informationen finden sich auf der ausgezeichneten Internetseite „Rothenburg unterm Hakenkreuz“ Link. Hier gleich der Link zu dem Artikel über J. Rößler.

 

 

Vergangenheit – Gegenwart – ??? und was lernen wir daraus?

Bei all diesen Geschichten, die durch Projekte wie die Stolpersteine oder „Rothenburg unterm Hakenkreuz“ aus dem Nebel der Vergangenheit ins Licht der Gegenwart gehoben werden, stellen sich mir zwei Fragen.

  • Wie viele Tragödien haben sich im Laufe der Geschichte hinter diesen Mauern ereignet, von denen wir (noch) nichts wissen?
  • Was lernen wir daraus?

Diese Zeiten sind gute Zeiten zumindest hier und trotz aller aktuellen Herausforderungen ist dieses Land und diese Stadt ein sehr guter Ort zum Leben. Groß ist Rothenburg mit seinen 11.000 Einwohnern zwar nicht, aber definitiv international und kosmopolitisch. Das wäre auch ein gutes Thema für einen meiner nächsten Beiträge. Aber eines ist heute schon sicher.

Rothenburg ob der Tauber ist ebenso lebens- wie liebenswert und hier ist die Welt zu Gast!

Harald Ernst

Bin ich ein Rothenburger? JAIN! Meine Wurzeln liegen nur 15 km von Rothenburg entfernt. Brettheim, früher ein Teil des Stadtgebietes der Reichsstadt mit ca. 180 Dörfern, liegt heute in einem anderen Bundesland (BW). Das erklärt, weshalb ich mich als Rothenburger fühle, inzwischen auch in der Altstadt lebe, aber nicht wie ein Rothenburger klinge. Ich bin ein Hohenloher mit entsprechendem Dialekt (wenn ich will oder darf) und habe mich während meines Zivildienstes (1990/91) in der Jugendherberge in die Stadt verliebt. Außerdem habe ich mich durch die Gäste aus aller Welt inspirieren lassen und das Reisen für mich entdeckt. Menschen, Länder, Abenteuer lassen mich immer wieder meine Koffer packen. Doch genauso gerne kehre ich immer wieder zurück in diese besonders schöne Stadt. Aus Hobby wurde Beruf. Bereits 1993 kam ich zur Gästeführerei. Im Jahr 2000 habe ich mit einem Freund ein Reiseunternehmen gegründet und bin seit dem selbstständiger Stadtführer, Reiseleiter und Driverguide für Gäste aus aller Welt im In- und Ausland. Doch mein Schwerpunkt ist und bleibt Rothenburg ob der Tauber. Hier kenne ich mich am besten aus. Hier bin ich Zuhause.

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