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Archiv der Kategorie: Sehenswert

Rothenburger Ausstellungen zur Reformation

Wer in diesen Tagen den Rothenburger Reiterlesmarkt besucht, wird vielleicht nicht nur an Christbaumschmuck und Glühwein in der berühmten Weihnachtsstadt interessiert sein, sondern auch an der Kultur in den alten Mauern. Im Jahr 2016/2017 gibt es einige hochkarätige Ausstellungen zum Thema Reformation. Diese zu sehen, lohnt sich, wenn man  Zeit mitbringt. Die kalte Jahreszeit ist Museumszeit und wenn es draußen vielleicht ungemütlich oder gar regnerisch sein sollte, kann man drinnen die Geschichte Rothenburgs in Renaissance und Reformation entdecken. Auch Rothenburg ob der Tauber hat sich in Kirchen und Museen auf das Reformationsjahr 2017 eingestimmt. Das freut mich als evangelischen Pfarrer natürlich besonders. Grund genug für mich, selbst einmal einen kleinen Entdeckungs-Streifzug durch die Rothenburger Kirchen und Museen zu machen:

Heilig-Geist-Kirche: Summarien des Veit Dietrich

Betritt man den Süden der Stadt durch das Spitaltor, so gelangt man gleich links zur Spitalkirche, die tagsüber immer geöffnet ist. Hier im Kirchenschiff stellt der frühere Dekan von Rothenburg und jetzige Leiter der Kapitelsbibliothek Dr. Dietrich Wünsch einen anschaulichen Fund aus der Reformationszeit vor: Die Rede ist von den „Summarien“ des Veit Dietrich (1506–1549). In dem in Leder gebundenen Druckwerk fasste Dietrich die Bücher des Alten und des Neuen Testamentes zusammen und ließ sie durch den Maler Virgil Solis mit 160 großflächigen und kolorierten Holzschnitten versehen.

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Eine Art Bilderbuch der Bibel mit eingängigen direkten Darstellungen ist daraus geworden. Der Reformation waren Bilder also durchaus wichtig. Das Buch stammt aus dem Jahr 1578 und wurde im Pfarrhaus der Spitalkirche gefunden. Veit Dietrich hat noch zahlreiche andere Bücher geschrieben, die der Verbreitung der reformatorischen Lehre in Schule, Gemeinde und häuslicher Andacht dienten. Veit Dietrich war Sekretär Martin Luthers und später Prediger an der Nürnberger Kirche St. Sebald. Ihm ist es auch zu verdanken, dass der Reformator Sloweniens Primus Trubar in Rothenburg wirkte. Die Ausstellung ist noch bis Ostern 2017 zu sehen. Eine halbe Stunde könnte man sich mindestens Zeit nehmen, um sich die 25 Tafeln genau anzusehen. Und man sollte bei Tageslicht in die Spitalkirche gehen, weil die Beleuchtung dann klarer ist.

Kriminalmuseum: Luther und die Hexen

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Zu Fuß geht es weiter. Nach der in roter Farbe gestrichenen Johanniskirche geht es gleich links zum Kriminalmuseum. Dort im Seitentrakt, in der sogenannten Johanniterscheune, ist eine hochkarätige Ausstellung  zum Thema „Luther und die Hexen“ zu sehen. Kaum habe ich im ersten Ausstellungsraum die Treppe bestiegen, überfällt mich via Lautsprecher eine eindringliche Hexenstimme, die mir allerlei krude Zaubersprüche ins Ohr wispert. Im ersten Stockwerk der Johanniterscheune erfahre ich, wie es eigentlich zum Vorwurf von Hexerei gekommen ist.

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Die Hexerei, so ist zu lesen, umfasste den Vorwurf von Schadenszauber (zum Beispiel ein Hagel-Unwetter, den Pakt mit dem Teufel, sexuellen Verkehr mit dem Teufel, die Teilnahme am Hexensabbat und schließlich den Flug durch die Lüfte, den bekannten Besenritt – irgendwie mussten die Hexen ja auch hinkommen zum Fest!) Es ist schon abenteuerlich, welche Vorwürfe die Angst den Menschen ins Gehirn diktiert hat.
Im Obergeschoss wird über das Leben Martin Luthers und die Reformation berichtet, das ist sehr gut gelungen! Dabei erfährt man, was Luther über Hexen dachte. Immer dann nämlich, wenn ihm seine labile Gesundheit einen Streich spielte, wenn er Schmerzen hatte, soll Luther besonders aggressiv gegen vermeintliche Hexen eingestellt gewesen sein. Allein im oberen Ausstellungsraum sind 44 Tafeln zum Thema. Ein notwendiger, bisher noch nicht üblicher, auf einen bestimmten Aspekt des Lebens Luthers und auf die Reformation fokussierter Blickwinkel. Ein gelungener Beitrag zum Reformationsjahr.

Was ich gut finde: Die Tafeln sind auch in englischer Sprache gehalten.

Das Museum hat im Winter nachmittags von 13–17 Uhr geöffnet. Um die Ausstellung anzusehen, benötigt man weit mehr als eine gute Stunde Zeit und dabei kann man trotzdem nicht alles sehen oder lesen – solch eine Fülle des Wissens ist hier zusammengetragen!

Reichsstadtmuseum: Medien der Reformation – Kampf der Konfessionen

Jetzt muss ich mich sputen, wenn ich noch rechtzeitig zum „Reichsstadtmuseum“ im Klosterhof 5 im ehemaligen Dominikanerinnenkloster gelangen will. Es hat jetzt 13–16 Uhr (bis März, dann 9.30–17.00 Uhr) geöffnet. Die Reformationsausstellung dort nennt sich „Medien der Reformation – Kampf der Konfessionen“.

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Im Kernbestand geht diese Ausstellung auf eine 58 Bände umfassende Sammlung reformatorischer Flugschriften zurück, die der Ansbacher Markgrafenkanzler Georg Vogler nach seinem Tod 1554 der Stadt Rothenburg hinterließ und die im Stadtarchiv aufbewahrt wird. Ein einzigartiger Schatz! In diesen nur etwa 20 Seiten umfassenden, aber massenhaft gedruckten Flugschriften wird ein dramatischer und zum Teil hasserfüllter Glaubenskampf um die Wahrheit geführt, dem die Shitstorms gegenwärtiger sozialer Medien um nichts nachstehen. Flugblätter waren noch kürzer als Flugschriften und haben sich als „Flyer“ bis heute gehalten , wenn auch mit weniger politischem Inhalt.

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Mit dem „Papstesel zu Rom“ und dem „Mönchskalb zu Freyberg“ beschrieben Melanchthon und Luther die Verkommenheit der römischen Kurie. Allein 1524 hat man 2400 Flugblätter und Schriften in schätzungsweise 2,4 Millionen Exemparen verbreitet. Die Reformation machte sich das neue Medium Buchdruck zunutze und druckte die neue Lehre in griffigen Sätzen und anschaulichen Holzschnitten für das allgemeine Volk, nicht nur für die Latein sprechenden Universitätsgelehrten.

Da längst nicht alle Menschen lesen konnten, wurde die Flugschriften-Propaganda wohl in Predigten, bei Tischreden oder Vorträgen am Markt, in den Gassen, auf den Kirchhöfen und bei anderen Gelegenheiten vorgelesen und diskutiert. So jedenfalls beschreibt es die Rothenburger Chronik von Thomas Zweiffel.

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Die Ausstellung im Reichsstadtmuseum stellt auf der linken Seite mit roter Farbe die katholische Fraktion dar, die Päpste des Zeitalters angefangen mit Papst Alexander I., dann die Zustände in Rom zur Zeit Luthers, die Rolle des Kaisers und die päpstliche Gefolgschaft. Auf der anderen Seite rechts in Grün die reformatorische Opposition, die Unterstützer Luthers, Flugschriften, die medienwirksame ikonografische Darstellung Luthers, Informationen über den aufkommenden Buchdruck, die Kommunikation im Mittelalter und Rothenburg zur Zeit der Reformation und des Bauernkrieges (1525). In der Mitte sind unter zwei Glaskästen ausgewählte Flugschriften zu sehen, die sehr sehenswert sind, weil so etwas selten gezeigt wird. Der Vergleich mit Facebook-Freunden auf dem in die Ausstellungswand eingelassenen Bildschirm hätte etwas mehr Aktualität vertragen: Eine Medienrevolution muss erst Regularien finden muss, z.B. die „Netiquette“ fürs Internet, bevor die verbalen Gewaltauswüchse ein ungehindertes Dasein führen. Einen aufschlussreichen und zugespitzten Blick in die Mediengeschichte leistet diese Ausstellung.

Weitere Ausstellungen zur Reformation

Drei große Ausstellungen in Rothenburg. Alle sehr besuchenswert. Neben der Broschüre zu „Rothenburg in  Renaissance und  Reformation“ erscheinen in  Kürze auch Kalaloge, mit deren Hilfe man zu Hause die Ausstellungsthemen weiter vertiefen kann:

Zu der Sonderausstellung im Mittelalterlichen Kriminalmuseum erscheint übrigens am 13. Februar 2017 im Verlag der Wissenschaftlichen Buchgesellschaft, Darmstadt, das gleichnamige Buch „Mit dem Schwert oder festem Glauben“. Luther und die Hexen, hg. von Markus Hirte, 224 Seiten.

Und zu der Sonderausstellung im Reichsstadtmuseum erscheint eine zweisprachige Begleitschrift: Hellmuth Möhring, Medien der Reformation – Kampf der Konfessionen / Media of the Reformation Age – A Confession Fight, Museumsheft Nr. 7, Rothenburg ob der Tauber 2017, 118 Seiten.

Und  noch weitere Ausstellungen gibt es in Rothenburg: Im Wildbad Rothenburg im Süden der Stadt informiert eine Ausstellung über die Protestanten weltweit.

Und ab 6. Mai bis 25. Juni 2017 wird in  der Franziskanerkirche für etwa sieben Wochen die Wanderausstellung des Frankenbundes “Lebensbilder der Reformation in Franken” gezeigt. Dabei geht es um Menschen im Kontext der Reformation an fränkischen Orten. Man darf gespannt sein.

Wer es zeitlich nicht schafft, während des Reiterlesmarktes diese Geschichtsausstellungen zu besuchen, kann das gerne bei einem weiteren Besuch in Rothenburg ob der Tauber tun:

Die Hexen-Ausstellung im Kriminalmuseum ist noch bis Ende Dezember 2018 (!) zu sehen, die Medien-Ausstellung im Reichsstadtmuseum noch bis Ende September 2017.

Oliver Gußmann

In Rothenburg bin ich Touristen- und Pilgerpfarrer an St. Jakob. Das ist die große, an Kunstschätzen reiche evangelische Kirche mit den Doppeltürmen mitten in Rothenburg! Meine Aufgabe ist es, die Kirchen Rothenburgs Gästen und Touristen aus der ganzen Welt bekannt zu machen. Die zahlreichen Gotteshäuser des gotischen Rothenburgs erzählen mit Bildern und Symbolen vom Glauben, der Liebe und der Hoffnung unserer Vorfahren; sie berichten vom Sterben und Auferstehen, von Hingabe und Erlösung. Bei meiner Arbeit hilft mir ein Kirchenführer-Team. Außerdem traue ich Hochzeitspaare, mache Nachtkirchenführungen und vieles mehr. Gerne führe ich durch das jüdische Rothenburg oder biete für Kinder und Jugendliche kirchenpädagogische Führungen an. Für die Jakobuswege, von denen sich einige in Rothenburg kreuzen, bin ich der Ansprechpartner. Mir liegt eine gesunde Umwelt am Herzen. Darum fahre ich ein "Velomobil" - eine Mischung zwischen Seifenkiste und Rennauto. Wenn Sie so etwas in Rothenburg stehen sehen, bin ich sicher nicht weit entfernt! Mehr über meine Arbeit: www.rothenburgtauber-evangelisch.de/tourismus

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Der Liebling der Pilger und Touristen – die Jakobusstatue vor dem Eingang von St. Jakob

jakobusMeist stehen Heiligenfiguren auf hohen Säulen und Podesten, unerreichbar. Nicht so die bronzene Statue vor dem Eingang von St. Jakob! Sie ist der Liebling der Besucherinnen und Besucher aus aller Welt geworden: Viele posieren für ein Foto mit ihm. Manche scheint der Bronze-Jakobus zu umarmen oder sie legen selbst den Arm um ihn. Der Finger seiner linken Hand ist von den unzähligen Berührungen schon blank gerieben, so dass er jetzt einen goldenen Zeigefinger hat. Besonders Kecke lassen sich von dem goldenen Finger die verspannten Rückenmuskeln massieren. Alles macht er mit, der Heilige. Alles lässt er sich gefallen, ein Jakobus zum Knuddeln und Anfassen.

Finger des Jakobus

Der Künstler Ernst Steinacker

Dabei wollte man ihn anfangs gar nicht hier haben. Der Bildhauer Ernst Steinacker (1919–2008) schuf diese Jakobusfigur. Und er erzählte, er habe einen Traum gehabt, die Figur solle vor der St.-Jakobs-Kirche stehen und den Vorübergehenden den Weg zur Kirche weisen. Noch nicht alle waren davon überzeugt und so stellte man den Jakobus am 31. März 2001 erst einmal probeweise vor der Jakobskirche in Rothenburg ob der Tauber auf bis mit einer Spendensammelaktion die Figur vollends bezahlt war.

Der Künstler Steinacker übrigens lebte und arbeitete bis zu seinem Tod auf dem Schloss Spielberg, etwa eine Autostunde von Rothenburg entfernt. In der historischen Schlossanlage ist noch heute seine fränkische Kunst zu bewundern. Weitere Jakobusfiguren von Steinacker gibt es in Oettingen und Gunzenhausen. Man erkennt sie leicht, weil sie allesamt etwas lang geraten sind und – ein Franke würde sagen: weil sie „Glubschaugen“ haben.

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Rothenburg am Knotenpunkt von Jakobswegen

Unsere Stadt ist bekannt dafür, dass es eine große Zahl von Touristen aus dem In-und Ausland willkommen heißt. Weniger bekannt ist, dass die Stadt an einem Knotenpunkt von Jakobs-Pilgerwegen liegt. Etwa tausend Pilger im Jahr kommen von Nürnberg, Würzburg oder Bamberg und gehen nach dem Besuch Rothenburgs weiter nach Ulm, Rottenburg oder Speyer und schließlich vielleicht auch bis Santiago de Compostela. Viele von ihnen suchen nach Ruhe und nach dem Sinn des Lebens auf dem Pilgerweg. Weil unser Rothenburg eine kleine Stadt mit vielen Gästen ist, schaffen wir es natürlich nicht, allen Besucherinnen und Besuchern und auch nicht allen Pilgerinnen und Pilgern persönlich die Hand zu schütteln. Diese Aufgabe hat schon die bronzene Jakobusfigur von Steinacker übernommen.

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Ein Segen für die Pilgerinnen und Pilger

Wenn ich Pilgerinnen und Pilgern vor der St.-Jakobs-Kirche einen Wegsegen zuspreche, mache ich das häufig an dieser Jakobus-Figur.

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Natürlich hat die Jakobusfigur auch eine Botschaft. Sie ist ihm geradezu auf den Leib geschrieben: „Lobet Gott“ steht da unter einem Dreieckszeichen. Das Dreieck mit Auge symbolisiert seit alters her den Dreieinigen Gott, der „nicht schläft noch schlummert“, sondern wacht und behütet, wie es in dem biblischen Pilgerpsalm 121 heißt.

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Mit dem linken, dem „Goldfinger“ zeigt Jakobus auf die Passanten. Die rechte Hand der Jakobus-Figur umschließt den Pilgerstab. Der Zeigefinger dieser Hand weist dabei nach oben in den Himmel. Mit dem rechten Finger zeigt er nach oben zu Gott. So als wolle er die Gäste, Wanderer und Touristen in der Stadt auffordern, doch Pilger zu werden und auf ihrer Reise Gott ein Danklied zu singen.

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Die Körpersprache des Jakobus

Noch ein paar andere Besonderheiten hat die Jakobsfigur: Die Figur ist mit leichtem Gepäck unterwegs. Gerade mal eine kleine Wasserflasche hat Jakobus mitgenommen, doch weder Tasche noch Rucksack. Auf dem Rücken, da wo man umgangssprachlich das „Kreuz“ hat, trägt er ein kleines Kreuz, das wie ein Lebensbaum gestaltet ist.

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Und wer die Körperhaltung der Jakobusfigur mit dem eigenen Körper nachzuahmen versucht, bemerkt plötzlich, dass dieser Jakobus nicht einfach nur still dasteht, sondern selbst ein Pilger oder Tourist ist: das rechte Bein holt nach vorne aus, das linke Bein streckt sich nach hinten, so, als wolle er aufbrechen und unter die Leute gehen. Er ist eben kein Heiliger, unser Jakobus, sondern einer zum Anfassen!

Jakobus mit Schulklasse

Pfarrer Oliver Gussmann, Pilgerbeauftragter der Evangelischen Landeskirche in Bayern, Rothenburg ob der Tauber

Fotos: Willi Pfitzinger, Harald Ernst, Konrad Nieberle, Oliver Gußmann

Oliver Gußmann

In Rothenburg bin ich Touristen- und Pilgerpfarrer an St. Jakob. Das ist die große, an Kunstschätzen reiche evangelische Kirche mit den Doppeltürmen mitten in Rothenburg! Meine Aufgabe ist es, die Kirchen Rothenburgs Gästen und Touristen aus der ganzen Welt bekannt zu machen. Die zahlreichen Gotteshäuser des gotischen Rothenburgs erzählen mit Bildern und Symbolen vom Glauben, der Liebe und der Hoffnung unserer Vorfahren; sie berichten vom Sterben und Auferstehen, von Hingabe und Erlösung. Bei meiner Arbeit hilft mir ein Kirchenführer-Team. Außerdem traue ich Hochzeitspaare, mache Nachtkirchenführungen und vieles mehr. Gerne führe ich durch das jüdische Rothenburg oder biete für Kinder und Jugendliche kirchenpädagogische Führungen an. Für die Jakobuswege, von denen sich einige in Rothenburg kreuzen, bin ich der Ansprechpartner. Mir liegt eine gesunde Umwelt am Herzen. Darum fahre ich ein "Velomobil" - eine Mischung zwischen Seifenkiste und Rennauto. Wenn Sie so etwas in Rothenburg stehen sehen, bin ich sicher nicht weit entfernt! Mehr über meine Arbeit: www.rothenburgtauber-evangelisch.de/tourismus

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Darf es noch etwas mehr sein? – Rothenburger Sehenswürdigkeiten auf den dritten Blick

Die Fortsetzung von  Rothenburg auf die Schnelle und Rothenburger Sehenswürdigkeiten für Fortgeschrittene.

Dieses beschauliche Städtchen hat mehr zu bieten als die meisten denken. Nun ist die Altstadt von Rothenburg zwar nur 15 Minuten lang und 10 Min breit. Zumindest wenn man die reine Gehzeit von Nord nach Süd und von Ost nach West rechnet. Genauer gesagt hat die Altstadt eine Länge von etwas über 1000 Meter und an der breitesten Stelle sind es nicht ganz 700 Meter. Aber es erstaunt mich selbst immer wieder, wie viel es innerhalb dieser alten Mauern zu entdecken gibt. Das reicht leicht für einen Wochenendausflug und dann gibt es immer noch genug für einen zweiten, dritten und vierten Besuch.

Rothenburg ob der Tauber

Rothenburg ob der Tauber. Bild: W.Pfitzinger

Es gibt viel zu wissen – Der Verein Alt-Rothenburg

Nun führe ich seit über 20 Jahren Gäste über dieses Pflaster und beschäftige mich ebenso lange schon mit der Geschichte der Stadt. Innerhalb dieser langen Zeit habe ich viel gelernt, aber vor allem ist mir bewusst geworden, dass es noch viel viel mehr zu wissen gibt. Oder wie ein großer griechischer Philosoph einmal sagte: “Ich weiß, dass ich nichts weiß. Aber ich weiß mehr als die anderen wissen, denn die wissen nicht, dass sie nichts wissen.“

Ein Quell der Information für Einheimische und Gäste ist der Verein Alt Rothenburg. Sowohl mit seiner Internetseite als auch mit seinen Publikationen und Veranstaltungen trägt er sehr zur Wissensvermittlung über die Geschichte der Stadt bei. Vor allem die Vorträge des Vereins im Rahmen der Rothenburger Diskurse sind wirklich hochkarätig. Die aktuellen Termine finden Sie auf der vereinsinternen Seite ebenso wie unter den Veranstaltungstipps der Stadt Rothenburg ob der Tauber. Geben Sie dort einfach den Begriff „Diskurse“ ein. Dann erhalten Sie die Termine und Themen für die nächsten geplanten Vorträge.

Über den Dächern von Rothenburg – Der Röderturm

Röderturm

Röderturm

Leider hat nicht jeder die Möglichkeit, seinen Besuch in Rothenburg nach Vorträgen des Vereins Alt-Rothenburg zu planen. Zum Glück gibt es eine Art Zweigstelle mit relativ regelmäßigen Öffnungszeiten, die nicht nur interessante Informationen zur Zerstörung der Altstadt in den letzten Kriegstagen für den Besucher bereit hält, sondern auch noch einen fantastischen Blick über die Dächer von Rothenburg ermöglicht. Der Torturm des Rödertors (Östliches Stadttor) ist ein geradezu perfekter Platz für diesen Ausstellungsraum. Der Zugang erfolgt über die Stadtmauer. Also erst auf die Stadtmauer und dann auf der nördlichen Seite des Röderturms prüfen ob der Turmzugang möglich ist. Der Eintritt wird ebenso wie beim Rathausturm fällig, wenn man oben angekommen ist. Man ist dann zwar noch nicht über den Wolken, aber doch schon ganz schön weit oben.

Eine Etage tiefer – Das Historiengewölbe

Historiengewölbe

Historiengewölbe

Eine weitere Dependance eines Städtischen Vereines ist das Historiengewölbe im gotischen (weißen) Teil des Rathauses. Hier erwarten viele den Zugang zum Rathausturm, der direkt darüber liegt. Aber anstatt hoch hinaus geht es hier eher abwärts. Was in diesem Fall aber gar nicht negativ ist. Zumindest heute nicht mehr. In den ebenerdigen Räumlichkeiten hat der Verein „Historisches Festspiel – Der Meistertrunk“ eine Vielzahl von originalen Ausstellungsstücken aus der Zeit des 30- jährigen Krieges zusammen getragen. Bei der Gelegenheit sollte man es auf keinen Fall verpassen, auch einen Blick in das reichsstädtische Verlies zu werfen. Ganz in der Nähe der Kasse geht es in einem Nebenraum über eine enge und steile Stiege in den Untergrund. Der erste Raum hat schon etwas Bedrückendes, dabei war dieser für das Wachpersonal vorgesehen. Über einen langen, schmalen Gang geht es dann zu den eigentlichen Gefängniszellen.

Verlies im Historiengewölbe

Verlies im Historiengewölbe

Drei Stück an der Zahl, wobei bei einer davon sogar die Tür unverschlossen ist. Man kann, muss aber nicht, eintreten, denn dieses dunkle Loch ist selbst heute noch alles andere als einladend. Auf jeden Fall ein Erlebnis der besonderen Art und ein absoluter Geheimtipp zum Abkühlen an den ganz heißen Sommertagen. Das Rothenburger Staatsverlies ist auch ohne Klimaanlage eine coole Adresse und garantiert einen erfrischenden Aufenthalt.

Hat man sowas schon gesehen – Die Schäferkirche

Nicht weniger erfrischend, sowohl für den Geist als auch für den Körper, ist die Schäferkirche Sankt Wolfgang.  Im nördlichsten der sechs Stadttore ist diese Kirche in die Torbastei integriert. Auf all meinen Reisen habe ich schon viel gesehen, aber sowas, nein, so etwas kenne ich nur von Rothenburg ob der Tauber. Eine Kirche mit Persönlichkeitsspaltung. Als ob dieses Bauwerk nicht so recht wusste was es werden sollte. Gotteshaus oder Wehranlage.

Schäferkirche - St. Wolfgang

Schäferkirche – St. Wolfgang

Wie kam es dazu? Früher durften Schäfer, denn man hatte unter anderem Angst sie würden Krankheiten von ihren Tieren übertragen, nicht immer in die Stadt und so entwickelte sich ein Betplatz just an jener besonderen Stelle direkt vor dem Stadttor. An diesem Platz zum Beten ist diese Kirche, welche von der Bruderschaft der Schäfer eigens für ihre, für Rothenburg so wichtige, Berufsgruppe errichtet worden. Deshalb Schäferkirche, welche ihrem Schutzpatron, dem Heiligen Wolfgang, geweiht ist.

St. Wolfgang - Altar

St. Wolfgang – Altar

St. Wolfgang - Kasematten

St. Wolfgang – Kasematten

Gleichzeitig wurde der Bau genutzt, um den Zugang zur Stadt zu sichern. So legte man Geschützstände, so genannte Kasematten, bei den Fundamentierungsarbeiten der Kirche an, welche heute noch zugänglich sind. Weitere Geschützstände im Obergeschoss und das ehemalige Torwärterhäuschen, mit einer kleinen Ausstellungsfläche der Schäfer, sind ebenfalls zu besichtigen. Definitiv eine der meist unterschätzten Sehenswürdigkeiten in unserem fränkischen Schatzkästchen. Selbst wenn die Kirche geschlossen sein sollte, lohnt sich ein kurzer Abstecher um das Gebäude, um sich von diesem so seltsamen Bauwerk verzaubern zu lassen.

Klein aber fein – Das Alt-Rothenburger Handwerkerhaus

Apropos verzaubern lassen. Da komme ich doch gleich auf ein weiteres Schwergewicht unserer Sehenswürdigkeiten, auch wenn dies wohl niemand unter dem unscheinbaren Namen „Alt-Rothenburger Handwerkerhaus“ vermuten würde.

Handwerkerhaus - Alter Stadtgraben

Handwerkerhaus – Alter Stadtgraben

Für mich ist dieses kleine Museum sogar die meist unterschätzte Sehenswürdigkeit unserer Stadt. Etwas abseits der Haupttouristenströme, im Alten Stadtgraben gelegen, fällt es nicht auf und selbst wenn man direkt davor steht ist kaum zu vermuten, was in diesem Haus steckt.

Alt Rothenburger Handwerkerhaus

Alt Rothenburger Handwerkerhaus

Geschichte pur. Geschichte, die man mit den unterschiedlichsten Sinnen ganz direkt erfahren kann. Bereits beim Betreten des Gebäudes fällt mir jedes Mal der besondere Geruch von Jahrhunderten auf. Dann dieses dämmrige Licht und die niedrige Deckenhöhe. Ein Erlebnis für alle Sinne. Dazu kommen jede Menge Ausstellungsstücke aus dem Bereich Handwerk und Haushalt. Dieses Haus hat inzwischen fast 750 Jahre auf dem Buckel. Wahrhaftig ein Methusalem an seinem originalen Bauplatz. Also nicht in einem der vielen Freilandmuseen, sondern wirklich da wo es hingehört, mitten in die Altstadt von Rothenburg ob der Tauber.

Darf es noch etwas mehr sein?

Wieviel Zeit man für die einzelnen Sehenswürdigkeiten benötigt habe ich bewusst offen gelassen, denn für manche darf es etwas mehr und plötzlich sind ein bis zwei Stunden wie im Fluge vergangen. Andere sind unter Umständen nach zwanzig bis dreißig Minuten schon wieder auf dem Sprung zur nächsten Attraktion. Eines ist jedoch sicher. Bei uns ist für jeden was dabei und ich bin mit meiner Reihe von touristischen Möglichkeiten immer noch nicht fertig. Mindestens einen Beitrag zu dem Thema wartet noch darauf, niedergeschrieben zu werden. Am besten gleich den Blog abonnieren, dann verpassen Sie meinen Beitrag auf keinen Fall. Die anderen Beiträge der Rothenburger Blogger übrigens auch nicht. Es gibt eben so viel Wissenswertes, und das nicht nur über Erlangen 😉 .(eine kleine Hommage an die Kenner und Liebhaber der NDW / Link: https://www.youtube.com/watch?v=G_k20C8hOEs)

Harald Ernst

Bin ich ein Rothenburger? JAIN! Meine Wurzeln liegen nur 15 km von Rothenburg entfernt. Brettheim, früher ein Teil des Stadtgebietes der Reichsstadt mit ca. 180 Dörfern, liegt heute in einem anderen Bundesland (BW). Das erklärt, weshalb ich mich als Rothenburger fühle, inzwischen auch in der Altstadt lebe, aber nicht wie ein Rothenburger klinge. Ich bin ein Hohenloher mit entsprechendem Dialekt (wenn ich will oder darf) und habe mich während meines Zivildienstes (1990/91) in der Jugendherberge in die Stadt verliebt. Außerdem habe ich mich durch die Gäste aus aller Welt inspirieren lassen und das Reisen für mich entdeckt. Menschen, Länder, Abenteuer lassen mich immer wieder meine Koffer packen. Doch genauso gerne kehre ich immer wieder zurück in diese besonders schöne Stadt. Aus Hobby wurde Beruf. Bereits 1993 kam ich zur Gästeführerei. Im Jahr 2000 habe ich mit einem Freund ein Reiseunternehmen gegründet und bin seit dem selbstständiger Stadtführer, Reiseleiter und Driverguide für Gäste aus aller Welt im In- und Ausland. Doch mein Schwerpunkt ist und bleibt Rothenburg ob der Tauber. Hier kenne ich mich am besten aus. Hier bin ich Zuhause.

Weitere Beiträge - Website

Gebete der Stille in der Franziskanerkirche in Rothenburg ob der Tauber

Die Franziskanerkirche in Rothenburg ob der Tauber

Franziskanerkirche in der Herngasse

Meine Lieblingskirche in Rothenburg ob der Tauber ist die Fanziskanerkirche. Ganz unscheinbar, wie eine franziskanische Kirche eben sein sollte, schmiegt sie sich an die Herrngasse. Ehrenamtliche Kirchenöffner halten sie dankenswerterweise vormittags und nachmittags für jeweils zwei Stunden offen. Flaneure, die vom geschäftigen Marktplatz kommen, bemerken erst im letzten Augenblick, dass die enge Pforte der Kirche offen steht und wagen einen neugierigen Schritt ins Innere. Die Stille der Kirche umhüllt die Eintretenden und neugierig blicken sie  umher: Schon viele Menschen sind über den rauen Sandstein im Inneren gelaufen, ihre Schuhe haben die Stufen abgewetzt und ausgewellt. Das verleiht der Kirche einen besonderen Charme.

Der Lettner der Franziskanerkirche

Hauptschiff der Franziskanerkirchee

Hauptschiff der Franziskanerkirche

Als eine der wenigen Kirchen besitzt diese (heute evangelische) Kirche noch einen Lettner, eine ungewöhnliche Trennwand, die quer durchs Kirchenschiff verläuft. Von dort oben lasen einst die Barfüßer-Mönche die Worte der Heiligen Schrift, schmetterten Bußrufe auf die versammelte Christenschar, präsentierten an Festtagen Reliquien oder zeigten die Rothenburger Passionsbilder des Malermönchs Martin Schwarz. (Diese befinden sich heute in einem der Säle des Reichsstadtmuseums). Unter der Lettnerwand sieht man fünf Spitzbögen. Fast alle Altartische sind leer und ohne Bilder. Acht Altäre soll diese Kirche einmal besessen haben, nur noch einer ist vorhanden.

Die Gebetsecke

Altar in der Franziskanerkirche

Altar in der Franziskanerkirche

Ganz rechts hinten brennen zwei Kerzen auf dem steinernen Altar. Davor ein grünes Seidentuch auf einem rauen Teppich, übersät von Zetteln. Ich komme näher. Auf den Zetteln kann man die Gebete lesen, die Besucher hier gelassen haben. In der Stille des Gotteshauses haben sie die richtigen Worte gefunden, um bei Gott abzuladen, was sie auf dem Herzen haben. Denn dazu wird man durch ein Schild ja auch aufgefordert:

„Hier ist ein Ort zum Schweigen und Beten.

Wenn Sie angeschlagen sind oder jubeln möchten,

wenn Sie eine Klagemauer suchen oder Mitbeter,

wenn Sie einfach nur wollen,

dass Ihr Gebet eine Zeit lang in Gottes Haus bleibt –

Schreiben Sie es auf,

nehmen Sie ein anderes Gebet mit

und machen es zu Ihrem Gebet.“

 

Wer weiß, wieviele schon hier ihren Hoffnungen und Wünschen Ausdruck verliehen haben? Wer weiß, wieviele Gebete dieser anonymen Tauschbörse schon mitgenommen und weitergebetet wurden?

Gebete in der Stille

Gebetsecke in der Franziskanerkirche

Gebetsecke in der Franziskanerkirche

Ich bücke mich und schaue mir einige Zettel an. Gebete in vielen Sprachen sind da zu sehen. Deshalb verstehe ich auch manche nicht – aber ich bin mir sicher, sie kommen dort an, wo sie ankommen sollen. Einige Beter sind einfach nur dankbar:

„Lieber Gott, wir danken Dir. Wir haben 12 tolle Tage verbracht in einer wunderschönen Gegend. Hilf uns, dass wir K. u. M. und unsere Familie viele viele Jahre genießen können bei bester Gesundheit!!“

Und manches sind  Stoßgebete:

„Herr, befreie mich von meinen Schmerzen. M.J.“

 

Besonders häufig finde ich Gebete für die Familie und für die Gesundheit von Verwandten oder Freunden:

„Ich hoffe, dass mein Gebet eine Zeit lang in Gottes Haus bleibt, und meine Familie und meine Nachbarin gesund wird und bleibt! Danke! C.E.“

Auch die Verletzlichkeit des Lebens klingt an:

„Gebe Gott, dass wir immer eine glückliche Familie bleiben und dass wir uns noch lange haben. Danke – lieber Gott.“

*

Ich zünde noch eine Gebetskerze am Leuchter an und bitte Gott, dass er all diese Gebete dieser Menschen höre. Dann gehe ich durch den Mittelgang wieder hinaus auf die Straße. Sonnenschein empfängt mich. Mein Gebet lasse ich hier. Die Ruhe der Kirche nehme ich im Herzen mit.

Oliver Gußmann

 

Hinweis: Die Franziskanerkirche in der Herrngasse ist in der Regel geöffnet von 10–12 und von 14–16 Uhr. Am Sonntag nur nachmittags. Im Sommer gibt es  in  der Franziskanerkirche viele Chorkonzerte, auf die ein Internet-Kalender hinweist. Am Samstag um 18 Uhr stimmt eine Andacht in den Abend ein. Die Kirche ist besuchenswert wegen der Riemenschneider-Altäre, wegen der modernen Glasfenstern zum Sonnengesang des Franz von Assisi und wegen  des Lettners.

Oliver Gußmann

In Rothenburg bin ich Touristen- und Pilgerpfarrer an St. Jakob. Das ist die große, an Kunstschätzen reiche evangelische Kirche mit den Doppeltürmen mitten in Rothenburg! Meine Aufgabe ist es, die Kirchen Rothenburgs Gästen und Touristen aus der ganzen Welt bekannt zu machen. Die zahlreichen Gotteshäuser des gotischen Rothenburgs erzählen mit Bildern und Symbolen vom Glauben, der Liebe und der Hoffnung unserer Vorfahren; sie berichten vom Sterben und Auferstehen, von Hingabe und Erlösung. Bei meiner Arbeit hilft mir ein Kirchenführer-Team. Außerdem traue ich Hochzeitspaare, mache Nachtkirchenführungen und vieles mehr. Gerne führe ich durch das jüdische Rothenburg oder biete für Kinder und Jugendliche kirchenpädagogische Führungen an. Für die Jakobuswege, von denen sich einige in Rothenburg kreuzen, bin ich der Ansprechpartner. Mir liegt eine gesunde Umwelt am Herzen. Darum fahre ich ein "Velomobil" - eine Mischung zwischen Seifenkiste und Rennauto. Wenn Sie so etwas in Rothenburg stehen sehen, bin ich sicher nicht weit entfernt! Mehr über meine Arbeit: www.rothenburgtauber-evangelisch.de/tourismus

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Rothenburg ob der Tauber – Staatsbesuch bei Asylantenfamilie

Rothenburg ob der Tauber – die Weihnachtsstadt

Rothenburger Reiterlesmarkt

Rothenburger Reiterlesmarkt

Unsere Stadt ganz im Westen Bayerns gilt als eine der besonders schönen Weihnachts-Städte in Deutschland. Der Weihnachtsmarkt, auch „Reiterlesmarkt“ genannt, ist nicht nur ein Anziehungspunkt  für Gäste aus aller Welt, sondern auch eine gute Möglichkeit, die Rothenburger selbst kennenzulernen, die bei einem Becher Glühwein gerne über Gott und die Welt ins Gespräch kommen. Wegen des Weihnachtsmuseums und der Weihnachtsgeschäfte von Käthe Wohlfahrt, die das ganze Jahr über geöffnet sind, ist Rothenburg wohl für viele Menschen die Weihnachts-Stadt schlechthin. Zu sehen und zu kaufen gibt es allerorten Nussknacker und Christbaumschmuck, Laternen und Bratwürste – alles schöne Dinge. Mir persönlich scheint es aber oft so zu sein, als ob der ganze Rummel um Advent und Weihnachten den Blick auf die ursprüngliche Botschaft verstellt!

 

Der Weihnachts-Altar von Friedrich Herlin

Zwölf-Boten-Altar 1466

Zwölf-Boten-Altar 1466

Ganz anders empfinde ich es, wenn ich vor dem gotischen Hochaltar in der St.-Jakobs-Kirche stehe – das ist die doppeltürmige gotische Basilika mitten in der Stadt Rothenburg ob der Tauber. Auf den sichtbaren Altarflügeln besitzt der Altar sechs farbige gotische Tafelbilder mit biblischen Weihnachtsmotiven. Gemalt hat diese Bilder der aus Rothenburg ob der Tauber stammende Maler Friedrich Herlin (14.30–ca. 1500), ein Schüler des berühmten Rogier van der Weyden. Eines dieser Bilder besitzt für mich an diesem Weihnachtsfest eine besondere Ausstrahlungskraft: Es ist das Bild von den Heiligen Drei Königen, wie sie kommen und das Jesuskind verehren. Man sieht es am rechten Altarflügel links oben.

Die Drei Weisen aus dem Morgenland

Die Heiligen Drei Könige

Die Heiligen Drei Könige

Auf goldenem Hintergrund zeichnet sich die Silhouette eines offenen Stalles ab. Maria, die Mutter Jesu, sitzt davor in einem nachtblauen Gewand wie auf einem Thron. Josef, der irdische Vater Jesu, blickt von hinten über ihre Schulter, die Hände erhebt er gerade zum Gebet. Auf ihrem Schoß hält Maria den Jesusknaben, der für sein Säuglingsalter schon sehr erwachsen aussieht. Er wendet sich ganz dem ältesten König zu und reicht ihm die kleine Hand. Dieser König hat sein goldenes Gefäß abgestellt, den edlen Hut vom Haupt genommen, ist in die Knie gegangen – und Jesus legt seine kleine Hand in die große Hand des Königs. Beide blicken sich tief in die Augen, der alte König und das Jesuskind. Eine anrührende Szene, in der für einen Moment die Zeit vollkommen still stehen zu scheint! Genau diesen kleinen Augenblick einer gegenseitigen tiefen Wahrnehmung hat Friedrich Herlin in seinem Bild festgehalten. Ein Blick, der gegenseitige Verbundenheit und Liebe aussendet, Achtung vor der Weisheit des alten Königs und Achtung vor der Würde des Jesuskindes. Dabei scheinen sich noch mehrere Blickwechsel unsichtbar in der Mitte zu kreuzen: Maria blickt zu dem König. Josef blickt zum Jesuskind. Das Jesuskind und der König blicken sich gegenseitig an.

Blicke kreuzen sich

Blicke kreuzen sich

Etwas zur linken Seite stehen die anderen beiden Könige, die auch von weither gekommen sind, um dem neugeborenen König ihre Ehre zu erweisen. Die Könige bringen etwas mit von ihrem Vermögen, sie teilen es: Gold, Weihrauch und Myrrhe, was wohl heißen mag, sie geben als Begrüßungsgeschenke Vermögen, Verehrung und Gesundheit. Seit Beda Venerabilis (um 700 n. Chr.) hat man die Drei Könige gerne so gemalt, dass sie nicht etwa aus dem Osten kommen, aus dem Orient, sondern aus den drei damals bekannten Kontinenten. Dahinter steht der Gedanke der Verbreitung des Glaubens über die ganze Welt: „Die Heiden werden zu deinem Lichte ziehen und die Könige zum Glanz, der über dir aufgeht …“ (Jesaja 60,3). Außerdem repräsentieren sie drei verschiedene Lebensalter. Und man hat ihnen Namen gegeben: Der junge König Caspar mit dunkler Hautfarbe kommt aus Afrika. Balthasar, im besten Mannesalter, im grünen Gewand und mit Turban, vertritt Asien. Der Älteste, der vor dem Kinde kniet, ist Melchior. Er steht für den Kontinent Europa.

König Balthasar mit Turban

König Balthasar mit Turban

Eigentlich ist erst am 6. Januar, „ihr Tag“. Der Tag der Weisen aus dem Morgenland am Epiphaniasfest: In der Bibel sind die Weisen Astrologen aus der Gegend des heutigen Iran und Irak, die aus Sternbildern politische Machtveränderungen herauslesen. Doch sie gehören untrennbar zur Weihnachtsgeschichte im Matthäusevangelium 2,1–12 hinzu und sie besitzen in diesem Jahr 2015 eine ungeahnte Aktualität: In einem zugigen Stall, in dem die schwangere Maria und Josef Asyl erhalten haben, wird das Flüchtlingskind Jesus geboren. Fern von der Heimat. Die Könige und Weisen der heutigen Zeit, die Ministerpräsidenten und Universitätspräsidenten, machen ihm ihre Aufwartung, ja, knien vor ihm, dem Heiland der Welt in der Flüchtlingsunterkunft. Einer der drei Könige der Gegenwart ist für mich Mark Zuckerberg, ein König des Kapitals zwar und Atheist, aber ein Philanthrop, wenn er nach amerikanischer Wohltätigkeitstradition sogar 99 Prozent seines Vermögens Bildungs- und Gesundheitsinitiativen zukommen lässt. Anlässlich der Geburt seiner Tochter – warum nicht? Mich überrascht freilich der Neid darüber, der sich in vielen Kommentaren in unseren Zeitungen niederschlägt.

Mark Zuckerberg

Mark Zuckerberg

 

Rothenburg ob der Tauber an Weihnachten

St.-Jakobs-Kirche im Schnee

St.-Jakobs-Kirche im Schnee

Das Christfest am 25. Dezember steht unmittelbar bevor. Viele Besucherinnen und Besucher verbinden Weihnachten mit einem Kurzurlaub in Rothenburg ob der Tauber, um einige Tage hier in unserer schönen alten Stadt zu verbringen. Die St.-Jakobs-Kirche lädt zu einem Besuch ein. (Im Dezember ist das möglich von 10–16.45 Uhr, danach von 10–12 und von 14–16 Uhr). Man kann in diesen Tagen dort das Weihnachtsevangelium hören oder bei einem Spaziergang den Krippenweg erleben. Der von Pfarrer Dersch geführte Krippenweg beginnt jeweils um 14 Uhr an St. Wolfgang (Klingentor) am 26.12.2015, 1.1., 3.1. und 6.1.2016. Zu den evangelischen und katholischen Gottesdiensten können alle kommen, egal, ob man glaubt oder nicht glaubt, und egal, welcher Konfession oder Religion man angehört. Auch wenn man nur Zaungast sein möchte. Die Kerzen am Heiligen Abend (24. Dezember um 15, 17 und 22 Uhr) werden in allen Kirchen durch das Friedenslicht von Bethlehem entzündet, das vom Heiligen Land bis zu uns gebracht worden ist und das man auch bei einem spontanen Besuch bei einem Nachbarn oder einer Verwandten weiterschenken und miteinander teilen kann. Vielleicht begegnen sich dann die Blicke  so respektvoll und so tief wie sie auf dem Dreikönigsbild von Friedrich Herlin ihren Ursprung haben.

Ein gesegnetes Christfest!

Oliver Gußmann, Touristenpfarrer an St. Jakob

 

Oliver Gußmann

In Rothenburg bin ich Touristen- und Pilgerpfarrer an St. Jakob. Das ist die große, an Kunstschätzen reiche evangelische Kirche mit den Doppeltürmen mitten in Rothenburg! Meine Aufgabe ist es, die Kirchen Rothenburgs Gästen und Touristen aus der ganzen Welt bekannt zu machen. Die zahlreichen Gotteshäuser des gotischen Rothenburgs erzählen mit Bildern und Symbolen vom Glauben, der Liebe und der Hoffnung unserer Vorfahren; sie berichten vom Sterben und Auferstehen, von Hingabe und Erlösung. Bei meiner Arbeit hilft mir ein Kirchenführer-Team. Außerdem traue ich Hochzeitspaare, mache Nachtkirchenführungen und vieles mehr. Gerne führe ich durch das jüdische Rothenburg oder biete für Kinder und Jugendliche kirchenpädagogische Führungen an. Für die Jakobuswege, von denen sich einige in Rothenburg kreuzen, bin ich der Ansprechpartner. Mir liegt eine gesunde Umwelt am Herzen. Darum fahre ich ein "Velomobil" - eine Mischung zwischen Seifenkiste und Rennauto. Wenn Sie so etwas in Rothenburg stehen sehen, bin ich sicher nicht weit entfernt! Mehr über meine Arbeit: www.rothenburgtauber-evangelisch.de/tourismus

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The Last Witch Hunter – Hexenjagd 2.0?

New York, Sommer 2015, in einem noblen upper-eastside-Loft: „Deine Unsterblichkeit hat Dich – Kaulder – zum größten Krieger von Axt und Kreuz gemacht … in einem Krieg zwischen unserer Welt … und der Nächsten. Die mächtigsten Hexen, die es je auf Erden gegeben hat, sind hier, um uns zu vernichten!“

 

 

Spannender Trailer! Aber worum geht es konkret im jüngsten Hollywood-Blockbuster The Last Witch Hunter mit Vin Diesel, Elijah Wood, Michael Caine und Rose Leslie?

Vin Diesel alias Kaulder bekämpft als letzter Hexenjäger seiner Art gemeinsam mit einem geheimen kirchlichen Orden namens „Axt und Kreuz“ das Böse. Gemeinsam halten sie seit langer Zeit einen geheimen Frieden mit dem Hexenrat aufrecht. Mittlerweile steht dem über 800 Jahre alten Kaulder schon sein 36. „Dolan“ (ein spezialisierter Priester) zur Seite. Als „Die Waffe“ vernichtet Kaulder seit  Jahrhunderten im Auftrag der Kirche böse Hexen. Den Fluch der Unsterblichkeit hat er der sinisteren Hexenkönigin zu verdanken, die er im Mittelalter einst getötet hatte. Doch eine – Menschen und den Hexenrat verachtende – Gruppe von Hexen schickt sich an, die Hexenkönigin wieder auferstehen zu lassen und überdies mit einer neuartigen Pest die Menschheit endgültig auszulöschen. Gemeinsam stellen sich die gute Hexe Chloe und Kaulder dem Kampf.

 

 

Hollywoods Hexenjäger

Das mediale Interesse am Hexenthema scheint ungebrochen, ob nun in Fernsehserien (Sabrina, Buffy, Charmed, Witches of East End) oder Kinostreifen (Hänsel und Gretel: Hexenjäger, DE/US 2013; Brother`s Grimm, CZ/US 2005 oder eben The Last Witch Hunter, US 2015). Aber Hollywood wäre nicht Hollywood, wenn nicht jeder neue Hexenfilm weitere Überraschungen bereit hielte.

Das fängt bereits bei der Location von The Last Witch Hunter an. Der Showdown zwischen Gut und Böse findet nicht auf historischem Boden statt, etwa einer mittelalterlichen Stadt à la Rothenburg o.d.T. Nein,getreu dem Selbstverständnis der kalifornischen Filme-Schmiede wird der apokalyptische Endkampf in Nordamerika ausgetragen, genauer gesagt in New York City am Central Park (oder eher Pittsburgh, das als Orts-Double im Film herhalten durfte). Und auch inhaltlich treffen wir auf viele bekannte, aber auch interessante neue Aspekte: Hexenjagd 2.0?

 

Fakt und Fiktion – historisch (un-)korrekt?!

Der anspruchsvolle Cineast mag sich fragen, was weiß The Last Witch Hunter wirklich über die früheren „Hexen“? Welche Hexenvorstellungen ängstigten schon unsere Vorfahren? Was ist Hollywood-Erfindung des 21. Jahrhunderts?

Hier ein paar rechtshistorische Einblicke:

Wetterzauber: Gleich zu Beginn des Filmes überführt Kaulder eine junge Hexe, die – versehentlich – einen starken Wetterzauber wirkt. FAKT! Das Verüben von Wetterzaubern war einer der Hauptvorwürfe in den frühneuzeitlichen Hexenprozessen.

Darstellung einer wetterbrauenden Hexe; Ausschnitt aus dem Tengler Laienspiegel (1512)

 

Hexen im Mittelalter? Im Film bekämpfte der Hexenjäger bereits im 13. Jahrhundert Hexen. FIKTION! Auch hier perpetuiert Hollywood die Mär vom finsteren Mittelalter mit Hexen(-verfolgungen). Der Hexenglaube, der Grundlage der Hexenverfolgungen war, formierte sich erst im 15. Jahrhundert. Die großen Hexenverfolgungen fanden sogar erst im 16./17. Jahrhundert statt.

Gute und böse Hexen: Im Film tauchen attraktive Hexen, wie Chloe, auf, die Gutes bewirken und helfen. Andere wiederum sind geradezu monströs (die Hexenkönigin) und haben das Potential zum apokalyptischen Erstschlag. FIKTION! Die filmische Gleichsetzung von Attraktivität mit Güte und Hässlichkeit mit Bosheit ist den gängigen Strukturen Hollywoods geschuldet. In der Vorstellung unserer Vorfahren in der Frühen Neuzeit waren Hexen als Bräute des Teufels grundsätzlich und abgrundtief böse, weshalb man sie auch vernichten wollte.

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Die Linda Maestra von Goya (1799): alte, hässliche und junge, attraktive Hexe machen gemeinsame Sache.

Hexen beiderlei Geschlechts? Im Film wird Hexerei von Männern ebenso verübt wie von Frauen. FAKT! Bis in die Mitte des 15. Jh. war das Hexereidelikt „geschlechtsneutral“. Erst in der Folgezeit wird es mehr und mehr auf Frauen ausgerichtet. Paradigmatisch steht dafür der Hexenhammer, das unheilvollste Buch der Literaturgeschichte.  Auch in den Hexenverfolgungen der Frühen Neuzeit gab es – je nach Region und Zeit – viele (in Skandinavien sogar überwiegend) männliche Opfer. Prozentual dürfte der Anteil der weiblichen Opfer insgesamt bei ca. 75 % gelegen haben.

Hexenhammer

Der berühmte, schicksalhafte Hexenhammer (Malleus Maleficarum, 1486) von Heinrich Kramer trieb die Feminiserung des Hexereiverbrechens an.

Pestfliegen:  Im Film plant die Hexenkönigin die Vernichtung der Menschheit mit einer neuen Pest, die durch Fliegen übertragen wird; sozusagen die Pest 2.0. FIKTION! Die im Film den Matrix-Wächtern in Sachen Formationsflug in Nichts nachstehenden Pestfliegen sind eher biblische Anleihen. Zwar wurden die Hexen in den Hexenprozessen beschuldigt, Krankheiten und Epidemien verursacht zu haben. Die Pestepidemien des Mittelalters und der frühen Neuzeit wurden jedoch in Wahrheit hauptsächlich von Flöhen und deren warmblütigen Wirtstieren übertragen.

Geborene Hexen: Im Film gibt es geborene Hexen und Hexer. Deren Kräfte sind zunächst einmal neutral und können sowohl für das Gute als auch das Schlechte eingesetzt werden. EHER FIKTION! In der Vorstellungswelt unserer Vorfahren erlangte die Hexe die Zauberkräfte als Gegenleistung des Teufels dafür, dass die Hexe sich von Gott abwandte und dem Teufel verschrieb. Dieser Teufelspakt war also konstitutiv für die Zaubermöglichkeit und allein der Abschluss des Teufelspaktes war ab 1572 in Kursachsen mit dem Feuertod bedroht.

Kursächsische Konsititution

In den Kusächsischen Konstitutionen von 1572 wurde der Teufelspakt als maßgeblich für das Hexereiverbrechen angesehen.

 

Vin Diesels Hexenjagd in New York – Tradition und Wandel der Hexenbilder

Es zeigt sich, dass The Last Witch Hunter in Sachen Hexenbild teilweise die ausgetretenen Pfade verlässt. Man sollte sich aber bewusst sein: Vin Diesel moderiert keine Geschichtsreportage. Er rettet die Welt in einem Fantasy-Action-Film, dessen Hexenbild erheblich von den historischen Hexenbildern abweicht. Wie so oft bei der Aufbereitung historischer Stoffe durch Hollywood gilt: Fakt oder Fiktion? Egal – Hauptsache, die Spannung stimmt.

 

Markus Hirte / Charlotte Kätzel

Markus Hirte

Ich heiße Dr. Markus Hirte. Geboren wurde ich 1977 in Weimar. Ich habe Rechtswissenschaft studiert und wurde an der Friedrich-Schiller-Universität Jena zum Dr. iur. promoviert. Meinen Abschluss zum Magister Legum bestritt ich an der Fernuniversität Hagen. Ein Studienaufenthalt führte mich auch an die Cambridge University nach England. Knapp sieben Jahre arbeitete ich als Rechtsanwalt in Stuttgart, Berlin und London. Mein Herz schlug jedoch immer schon vor allem auch für die Strafrechtsgeschichte, meine Publikationsliste wurde länger und länger. Seit 2013 bin ich nun geschäftsführender Direktor des Mittelalterlichen Kriminalmuseums in Rothenburg und kann mich noch intensiver der Historie widmen. Meine Forschungs- und Interessenschwerpunkte: ältere und neuere Strafrechtsgeschichte, insbesondere mittelalterliches Kirchenstrafrecht, Inquisitionsverfahren, Hexenverfolgungen und die Entwicklung der Todesstrafe. http://www.kriminalmuseum.rothenburg.de/

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Der „Eisenhut“: Das wirklich Kostbare

Begeben wir uns in Gedanken in das „Erste Haus“ in einer beliebigen Stadt in Deutschland. Werden wir in diesem Hotelzimmer, auf den Fluren dieses Hauses, im Frühstücksraum oder in der Halle erkennen können, in welcher Stadt wir sind? Auch die sogenannten großen Hotels in unseren Städten sind so austauschbar geworden, wie die Filialgeschäfte in ihren Fußgängerzonen. Viele Vier-Sterne-Hotels sind in Ihrer Anmutung einem IKEA-Einrichtungshaus bedrohlich nahe.

Die Reise nach Rothenburg ob der Tauber hingegen ist stets auch eine Zeitreise in die Vergangenheit. Und diese Zeitreise wird von einem ganz besonderen Hotel in unvergleichbarer Weise unterstützt. Der „Eisenhut“ ist das Erste Haus in dieser Stadt. Als Einheimischer betrachtet man das Haus mit Hochachtung und Ehrfurcht. Es gibt alte Rothenburger, die davon erzählen, dass ihre Eltern oder Großeltern aus Respekt vor dem Eingangsbereich und den hochnoblen Gästen des Eisenhuts in der Herrngasse stets die Straßenseite gewechselt haben. Solchen Respekt kennen wir heute nicht mehr, Schwellenangst ist uns fremd und auch Erste Häuser werden demokratisiert. Und so wird die Halle des „Eisenhuts“ von Rothenburgbesuchern ebenso begutachtet wie die im „Adlon“ in Berlin oder im „Bayerischen Hof“ in München.

Hinter dieser Fassade wartet ehrwürdige Behaglichkeit.

Hinter dieser Fassade wartet ehrwürdige Behaglichkeit.

Das Kostbare an diesem Hotel ist das, was nicht verändert wurde. Und doch wird es am ehesten in den 1990er Jahren wohl manche modernistisch orientierte Besucher gegeben haben, die den Mangel an Veränderung beklagt haben werden. Die vielen Winkel und Ecken und die unterschiedlich breiten Flure verbreiten ein nostalgisches Grundgefühl. Ganz persönliche Erinnerungen an die selbst erlebte Zeit, die heute als die „gute alte“ gilt, werden wach. Mit jedem Schritt erwacht noch mehr Lust am Überlieferten, Geschichtsträchtigen und Geheimnisvollen. In diesen dicken Mauern entsteht das wohlig-warme Gefühl von Beschütztsein. Bei diesem Ausflug in die Vergangenheit kann man sich in diesem Hotel, das vier Patrizierhäuser in sich vereint, schon auch einmal verlaufen. Auf dem Weg zu meinem Zimmer Nr. 349 im dritten Stock mit Blick auf die Herrngasse, nehme ich den Aufzug. Wenn ich hinuntergehe am liebsten die Treppe. Denn die verwinkelten Treppenhäuser mit ihren antiken Möbeln und dem dickflorigen Teppichboden mit dem Blumenmuster lassen einen an Alfred Hitchcock denken – der „Mord im Orient Express“ hätte doch auch ein „Mord im Eisenhut“ sein können. Na ja, wenigstens ein „Franken-Tatort“ könnte 2016 ja noch draus werden.

Eine besondere Begrüßung ist das handgeschriebene Willkommens-Kärtchen mit Unterschrift der Hoteldirektorin

Eine besondere Begrüßung ist das handgeschriebene Willkommens-Kärtchen mit Unterschrift der Hoteldirektorin (Foto: privat)

Wenn ich alleine reise, gönne ich mir gerne den kleinen Luxus eines „Doppelzimmer zur Einzelnutzung“. Und das Zimmer 349, wie auch die anderen Zimmer, die ich bisher kennenlernte, halten, was das Hotel mit seiner großen Geschichte verspricht. Da ist das Dreier-Sofa, das an die gehobene Adenauer-Bürgerlichkeit der 1960er Jahre erinnert und hochwertig neu aufgepolstert wurde. Es ist viel Platz in diesem Zimmer und die Badewanne erlaubt auch einem 1,95 Meter-Mann, sich plantschend hineinzulegen und nicht nur ein Sitzbad einzunehmen.

Zimmer Nr. 349

Zimmer Nr. 349 (Foto: privat)

Ich hoffe, dass die Hoteliers hier nicht davon träumen, mit viel Geld den sterilen Chic eines Hilton oder Hyatt zu installieren. Ich bitte darum, dass die vielen elektronischen Geräte und „smarten Technologien“ aus den neuzeitlichen Hotelzimmern der Metropolen den Eisenhutgästen noch lange erspart bleiben. Es ist einfach gut so, wie es ist. Und dass beim Hinuntergehen die Holztreppe unter dem Teppichboden knarzt, gehört dazu, wie die Patina auf den Büffelleder-Sesseln im Treppenhaus.

Der historischer Treppenaufgang im Eisenhut gefällt vielen Gästen besser als ein moderner Aufzug

Der historischer Treppenaufgang im Eisenhut gefällt vielen Gästen besser als ein moderner Aufzug (Foto: privat)

Unten gehe ich ins Restaurant. Meine Verabredung wartet schon auf mich. Wir wählen zuerst die Weine – ich entscheide mich für den fränkischen Weißburgunder. Der Kellner serviert den Wein in einer Karaffe, lässt mich probieren. „Ich mag Weißburgunder“, antworte ich dem erwartungsvollen Blick des Servicemitarbeiters und füge hinzu „Weißburgunder trinke ich sonst immer im Speisewagen der Bahn. Dieser hier schmeckt auch gut“. Darauf der Kellner freundlich grinsend: „Das ehrt uns aber, dass wir da mithalten können“. Gast und Kellner lachen. Das „Eis“ war gebrochen, ohne dass es deshalb zur Verbrüderung kommt. Es bleibt die gehobene Restaurantkultur, die Korrektheit im Service. Und doch ist das hier nie steif, das ist die ungezwungene Vornehmheit der Moderne. Die Kellnerinnen und Kellner im Eisenhut bleiben bei ihrer Arbeit vornehm zurückhaltend. Der klassischen Eleganz eines vornehmen Restaurants entspricht auch das Anrichten meines Tellergerichts – Rehmedaillons mit verschiedenen Gemüsen. „So wunderschön können Gemüse sein!“, entfährt es mir beim ersten Anblick. Die zwei großen Stücke vom Rehrücken sind perfekt gebraten, der Kellner reicht nach einigen Minuten zusätzliche Soße. Wildfleisch in Deutschland stammt meist aus Neuseeland – dort werden riesige Herden in großen Gehegen gehalten, geschlachtet und in alle Welt verkauft. Doch dieses Reh wurde vom Jäger Bernhard Moll in den Wäldern um Rothenburg geschossen und vom Küchenchef Christian Weinhold gekonnt zubereitet.

Das Reh wurde in den Wäldern um Rothenburg geschossen

Das Reh wurde in den Wäldern um Rothenburg geschossen (Foto: privat)

Ich finde die 32 Euro für dieses Gericht angemessen, die 9,50 Euro für das Dessert aus warmen Schokoladenkuchen mit Kirschenkompott geradezu günstig. Wir bestellen zum Abschluss zwei doppelte Espressi, mit denen auf einer kleinen Etagere vier Pralinen geliefert werden.

Ich hätte mich reinlegen können - warmer Schokoladenkuchen und Kirschenkompott

Ich hätte mich reinlegen können – warmer Schokoladenkuchen und Kirschenkompott (Foto: privat)

Etwas später erwarte ich noch einen Besucher zu einer Besprechung. Wir setzen uns auf die Sonnenterasse und bestellen je einen Cappuccino. Bei dieser kleinen Zeche bleibt es trotz einer langen Unterredung. Das Warmgetränk soll hier nicht gewürdigt werden; dass es liebenswürdigen Service schon bei einer Bestellung mit einem Gesamtwert von 5,80 Euro und für Gäste gibt, die sich zwei Stunden an einem Getränke „festhalten“, aber sehr wohl.

Der Aufenthalt im Eisenhut ist das ideale Umfeld für ein ungetrübtes Rothenburg-Erlebnis. Eisenhut bedeutet Rothenburg „Ton in Ton“ zu erleben – da passt dann einfach alles zusammen. Dieses Haus erfüllt die teils sehr hohe Erwartungshaltung, die viele Gäste an dieses altehrwürdige Hotel richten. Neben der Anerkennung durch die Gäste gibt es auch eine offizielle: Der Eisenhut wurde als „Sightsleeping-Hotel“ durch die Bayern Tourismus Marketing GmbH anerkannt.

Bei der Abreise blicke ich aus dem Taxifenster zurück zum Eingangsportal. Jetzt ist es nicht der Glanz der Hotelsterne oder Auszeichnungen, der wirkt. Es ist der leicht wehmütige Blick auf die Dinge, die wirklich kostbar sind.

 

Fritz Gempel

Mein Name ist Fritz Gempel, ich wurde 1963 in Ansbach geboren und entdeckte Rothenburg früh als Lieblingsstadt in meiner fränkischen Heimat. Seit 20 Jahren bin ich selbständig als Unternehmensberater und Fachbuchautor tätig; die meisten meiner Kunden haben mit Lebensmitteln zu tun. Rothenburg sehe ich nicht nur als kulturelle, sondern auch als kulinarische Destination.

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Rothenburger Sehenswürdigkeiten für Fortgeschrittene – Die Altstadt auf den zweiten Blick

Die Fortsetzung von Rothenburg auf die Schnelle.

Nachdem ich mich in einem meiner letzten Beiträge darauf konzentriert habe, was während eines kurzen Aufenthaltes in der mittelalterlichen Altstadt in 3-4 Stunden zu schaffen ist, möchte ich nun tiefer einsteigen und hier etwas zeitintensivere Sehenswürdigkeiten vorstellen. Von dem Motto „In der Kürze liegt die Würze“ hin zu „Eile mit Weile“.

Bietet diese fränkische Kleinstadt genug für einen Tagesausflug oder gar eine mehrtägige Städtereise?

Die Antwort ist eindeutig „JA“, denn für die folgenden Sehenswürdigkeiten sollten Sie jeweils 1-2 Stunden, oder im Falle der Museen bei großem Interesse sogar mehr einplanen.

Ob Regen oder Sonnenschein, diese Attraktionen können Sie bei jedem Wetter besuchen. Allerdings gilt es die Öffnungszeiten bzw. Führungszeiten zu beachten. Diese finden Sie auf den jeweiligen Internetseiten, die ich im Text verlinkt habe.

Die größte Sehenswürdigkeit – Nicht nur was für Kirchgänger!

St.-Jakobs-Kirche und Rathausturm - ©Rothenburg Tourismus Service

St.-Jakobs-Kirche und Rathausturm – ©Rothenburg Tourismus Service

Die St.-Jakobs-Kirche befindet sich mitten in der Altstadt, in direkter Nachbarschaft zum Marktplatz mit dem Rathaus und dessen markantem schlanken weißen Turm. Die mächtigen Kirchtürme, mit den elegant durchbrochenen Turmspitzen, sind nicht zu übersehen und prägen nun schon seit über 600 Jahren das Erscheinungsbild des Fränkischen Jerusalems, wie Rothenburg ob der Tauber auch genannt wurde.  Im Mittelalter war diese Kirche, mit der darin befindlichen Heiligblut-Reliquie, von großer Bedeutung für unzählige Pilger. Heute ziehen eher der Bau selbst und der für die Reliquie geschaffene Heilig-Blut-Altar von Tilman Riemenschneider die Besucher an.

Heilig-Blut-Altar in der St.-Jakobs-Kirche

Heilig-Blut-Altar in der St.-Jakobs-Kirche

Diese komplett im gotischen Baustil errichtete Kathedrale ist für mich auch immer wieder sehr beeindruckend und nicht allein der Ausmaße wegen eine der Sehenswürdigkeiten der Stadt, vielleicht auch die Größte. Alleine die blanken Zahlen flößen mir tiefen Respekt ein.

Bauzeit: Baubeginn 1311 / Weihe 1485 = 174 Jahre

Höhe der Türme: 58,20 (Nordturm) / 55,80 (Südturm) Meter – Länge: 80,75 Meter – Breite: 22 Meter

Zahlende Besucher pro Jahr: ca. 140.000 (Stand 2014)

Ja, Sie haben richtig gelesen. „Zahlende Besucher“. Die Besichtigung kostet Eintritt. Dieser Umstand, übrigens seit 1906, ist für viele erst einmal irritierend und leider häufig auch Grund genug, sich die Sankt Jakobs Kirche nicht genauer anzusehen. Allerdings sind die Unterhaltskosten enorm hoch und die Zahl der Gemeindemitglieder sowie die finanziellen Mittel im Vergleich dazu recht überschaubar. Daher diese ungewöhnliche Entscheidung der Kirchengemeinde eine Besichtigungsgebühr zu verlangen. Doch Sie bekommen auch jede Menge für Ihr Geld. Nicht nur jede Menge Kultur, sondern auch noch während der Saison täglich zwei Kirchenführungen.

Herlin Altar in der St. Jakobs Kriche ©Rothenburg-Tourismus-Service

Herlin Altar in der St. Jakobs Kriche ©Rothenburg-Tourismus-Service

Um 11:00 und 14:30 werden die verschiedenen Sehenswürdigkeiten während der ca. einstündigen Führung kompetent erklärt. Das ist absolut empfehlenswert, denn sonst entgehen einem leicht die vielen Details und Hintergründe. Es gibt einfach viel zu erzählen und auch Anekdoten zu schreiben. So hat einer meiner Kollegen seine Erlebnisse als Kirchenführer in einem Buch mit dem Titel „Wo geht es denn hier zum Romy Schneider Altar“ veröffentlicht. Kaum zu glauben, aber wahr. Da hat mal jemand Tilman Riemenschneider mit der Schauspielerin verwechselt. Außerhalb der Führungszeiten können Sie sich einen Audioguide an der Kasse leihen und sich intensiv mit St. Jakob beschäftigen. Für die ganz Eiligen gibt es einen kostenlosen Kurzführer, doch wird Ihnen dann wahrscheinlich eine der ältesten Darstellungen nördlich der Alpen im Hauptalter ebenso entgehen wie der versteckte zwölfte Jünger im Heilig-Blut-Altar.

Etwas mehr Zeit sollten Sie einplanen wenn Sie beim Mittelalterlichen Kriminalmuseum vorbeischauen wollen.

„Rothenburger Folterkammer“ – Ganz weit vorn in Deutschland!

Innenhof des Mittelalterlichen Kriminalmuseums in Rothenburg

Innenhof des Mittelalterlichen Kriminalmuseums in Rothenburg

Da sind Sie in 30 Minuten nicht durch. Wie auch, wo es doch um einen umfassenden Einblick in die Entwicklung unseres Rechts- und Justizsystems geht. Mindestens eine Stunde empfehle ich als Besuchszeit, wenn Sie sich nur einen Überblick verschaffen wollen. Sie können aber auch viele Stunden in der Ausstellung zubringen. Schließlich handelt es sich um eines der bedeutendsten Rechtskundemuseen in ganz Europa. Manche nennen diese Sammlung mit ca. 50.000 Exponaten auch einfach nur kurz „Foltermuseum“.

Zeichnung der Nürnberger Folterkellerausstellung aus dem 19. Jh. - im Hintergrund die Eiserne Jungfrau

Zeichnung der Nürnberger Folterkellerausstellung aus dem 19. Jh. – im Hintergrund die Eiserne Jungfrau

Vielleicht, weil die Ausstellung der Folterinstrumente und die damit verbundene Vorstellung besonders einprägsam ist. So sehr, dass es ein unvergessliches Erlebnis wird, von dem viele noch Jahrzehnte später erzählen, wenn sie mal wieder nach Rothenburg kommen. Oder weil das Mittelalterliche Kriminalmuseum seinen Anfang als private Sammlung mit dem Namen „Rothenburger Folterkammer“ nahm. Damals befand sich die Ausstellung allerdings noch im heutigen Burghotel. Erst seit 1977 befindet es sich im ehemaligen Johanniterkloster in der Burggasse 3.

Ehemaliges Johanniterkloster - Garten und Außenanlagen - Copyright: Markus Hirte

Ehemaliges Johanniterkloster – Garten und Außenanlagen – Copyright: Markus Hirte

Zugegeben, dieses Thema und die Ausstellungsstücke sind keine leichte Kost, trotzdem ist es das meistbesuchte Museum in Rothenburg. Aber es gibt ja zum Glück genügend Alternativen für Gäste, die es lieber etwas romantischer mögen.

Es weihnachtet sehr – auch bei 30 Grad im Schatten!

Copyright:  Deutsches Weihnachtsmuseum Rothenburg ob der Tauber

Copyright: Deutsches Weihnachtsmuseum Rothenburg ob der Tauber

Eine dieser Alternativen befindet sich nur zwei Ecken weiter. In der Gunst des Publikums ist auch dieses Museum ganz weit oben und das ganz zu Recht. Wenn auch noch relativ neu in der Liste der Sehenswürdigkeiten der mittelalterlichen Stadt, so ist es doch seit seiner Eröffnung im Jahre 2000 zu einer festen Größe unter den Attraktionen geworden. Nicht nur während der Adventszeit, sondern das ganze Jahr hindurch ist Weihnachten ein Thema in Rothenburg ob der Tauber. Dafür hat die Firma Käthe Wohlfahrt mit ihren weltberühmten Weihnachtsläden gesorgt. In einem dieser Weihnachtsläden und zwar dem größten, dem Weihnachtsdorf in der Herrngasse, befindet sich im Obergeschoss das Deutsche Weihnachtsmuseum.

 Der Museumseingang - Copyright: : Deutsches Weihnachtsmuseum

Der Museumseingang – Copyright: : Deutsches Weihnachtsmuseum

Der Eingang zum Museum befindet sich innerhalb des Weihnachtsdorfes und ist sehr leicht zu finden, wenn man denn will. Allerdings vermute ich, dass einige die nach dem Museum fragen gar nicht ins Museum wollen, sondern es eher um den Laden geht. „Ich möchte unbedingt noch ins Weihnachtsmuseum.“ hört sich einfach besser an als „Ich möchte unbedingt noch in den Weihnachtsladen“.

Das halte ich jedoch für einen Fehler, denn um das „Fest der Liebe“, das Christkind, den Weihnachtsmann, Sankt Nikolaus, den Weihnachtsbaum samt des gesamten Schmucks und Brauchtums gibt es so viel Wissenswertes. Schon allein die Frage seit wann wir Weihnachten Ende Dezember feiern und warum, können wahrscheinlich die wenigsten beantworten. Diese und noch viele andere Fragen werden im Museum beantwortet. Übrigens ist ein Besuch im Deutschen Weihnachtsmuseum bei 30 Grad im Schatten gar keine so schlechte Idee wie es sich vielleicht anhört. Denn erstens gibt es natürlich eine Klimaanlage und zweitens ist es bei weitem nicht so voll wie während der Adventszeit. Es ist also zu jeder Jahreszeit einen Besuch wert.

Weihnachtsmann - Copyright: Deutsches Weihnachtsmuseum

Weihnachtsmann – Copyright: Deutsches Weihnachtsmuseum

Übrigens hat das Museum den Antrag gestellt, die Weihnachtlichen Gabenbringer als immaterielles Kulturerbe in Deutschland in das Verzeichnis der UNESCO aufzunehmen. Bei Interesse können Sie den Antrag auf der Internetseite www.weihnachtsmuseum.de unterstützen.

 

Wenn Sie jetzt denken, „Das ist ja alles an einem Tag gar nicht zu schaffen“ haben Sie absolut Recht. Aber auch dafür ist gesorgt und gibt es in Rothenburg natürlich jede Menge ausgezeichnete Hotels, Pensionen, Ferienwohnungen, eine Jugendherberge und ein Online-Buchungssystem der Stadt. Übrigens liegen nicht nur sehr viele dieser Unterkünfte in bzw. um die Altstadt, sondern haben auch ausgezeichnete Bewertungen auf den verschiedenen Buchungsportalen.

Nun hat unsere romantische mittelalterliche Altstadt nicht annähernd eine solche Bar- und Nachtclubdichte wie Ibiza oder Ballermann zu bieten, trotzdem ist natürlich auch am Abend etwas in der Stadt geboten.

Ein Grund etwas länger zu bleiben!

Eine der Institutionen in unserer schönen Stadt ist der Rothenburger NachtwächterRothenburger Nachtwächter, Portrait An (fast) jedem Abend findet ein öffentlicher Rundgang statt, bei dem sich jeder anschließen darf. Natürlich wird dafür ein kleiner Obolus (6,- Euro) fällig, denn auch Nachtwächter leben nicht von Luft und Liebe alleine. Am besten findet man sich bis um 21:30 (auf Englisch um 20:00) Uhr am Marktplatz ein, denn dort beginnt der Rundgang. Auf unterhaltsame und gleichzeitig informative Art wird sowohl die Stadtgeschichte, als auch dieser unehrbare Beruf vorgestellt. Wie in der (nicht so) guten alten Zeit geht der Nachtwächter seine Runde bei jedem Wind & Wetter. Dann allerdings mit weit weniger Gästen als an schönen Abenden. Da sind es nicht selten 100 Gäste oder mehr die dem nächtlichen Rufer lauschen. Das funktioniert übrigens erstaunlich gut, denn der Lärm und Verkehr ist dann fast gänzlich verschwunden. Ein gemütlicher Spaziergang durch die stimmungsvoll beleuchteten Gassen der Altstadt sind für mich die schönsten Stunden, die man in Rothenburg verbringen kann. So ist es auch nicht verwunderlich, dass diese Aktivität bei Tripadvisor direkt nach Altstadt und Stadtmauer an dritter Stelle kommt (Stand: Sep. 2015).

Nachtwächter - ©Rothenburg Tourismus Service, W. Pfitzinger, Exkl

Nachtwächter – ©Rothenburg Tourismus Service, W. Pfitzinger, Exkl

Das Ganze noch garniert mit einem Gläschen Frankenwein in einer unserer gemütlichen Weinstuben krönt den Besuch und schon fühlt man sich wie Gott in FRANKEN.

Klein kann ganz schön groß sein!

„Der Schein trügt!“ zumindest im Falle von Rothenburg ob der Tauber. Unsere im Vergleich zu anderen Städten, so kleine Stadt mit gerademal ca. 11.000 Einwohnern hat viel mehr zu bieten als die Meisten denken. Es ist auch bei weitem nicht so überlaufen wie angenommen wird. Vor allem nicht abseits des Marktplatzes wie zum Beispiel entlang des Turmweges, an den Orten der Stille und am Abend. Was mich an dieser Stadt so begeistert ist, die enorme Dichte und Vielfalt von großen und kleinen Sehenswürdigkeiten auf einer relativ geringen Fläche. Klein kann manchmal ganz schön groß sein.

Vielleicht sehen wir uns ja mal auf einem meiner abendlichen Gänge durch die Stadt als Nachtwächter. Allerdings bin ich zumeist mit kleinen privaten Gruppen unterwegs, das ist romantischer. Kommen Sie doch mal vorbei, wenn Ihnen der Sinn danach steht.

Rothenburger Nachtwächter - H.Ernst Copyright: H.Ernst

Rothenburger Nachtwächter – H.Ernst
Copyright: H.Ernst

Harald Ernst

Bin ich ein Rothenburger? JAIN! Meine Wurzeln liegen nur 15 km von Rothenburg entfernt. Brettheim, früher ein Teil des Stadtgebietes der Reichsstadt mit ca. 180 Dörfern, liegt heute in einem anderen Bundesland (BW). Das erklärt, weshalb ich mich als Rothenburger fühle, inzwischen auch in der Altstadt lebe, aber nicht wie ein Rothenburger klinge. Ich bin ein Hohenloher mit entsprechendem Dialekt (wenn ich will oder darf) und habe mich während meines Zivildienstes (1990/91) in der Jugendherberge in die Stadt verliebt. Außerdem habe ich mich durch die Gäste aus aller Welt inspirieren lassen und das Reisen für mich entdeckt. Menschen, Länder, Abenteuer lassen mich immer wieder meine Koffer packen. Doch genauso gerne kehre ich immer wieder zurück in diese besonders schöne Stadt. Aus Hobby wurde Beruf. Bereits 1993 kam ich zur Gästeführerei. Im Jahr 2000 habe ich mit einem Freund ein Reiseunternehmen gegründet und bin seit dem selbstständiger Stadtführer, Reiseleiter und Driverguide für Gäste aus aller Welt im In- und Ausland. Doch mein Schwerpunkt ist und bleibt Rothenburg ob der Tauber. Hier kenne ich mich am besten aus. Hier bin ich Zuhause.

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Glasfenster zum Sonnengesang des Franz von Assisi in der Franziskanerkirche von Rothenburg ob der Tauber

Franziskanerkirche in der Herngasse

Franziskanerkirche in der Herngasse

Unter allen Kirchen in Rothenburg ob der Tauber hat es mir die Franziskanerkirche besonders angetan. Sie liegt zwischen Marktplatz und Burgtor unscheinbar am Rande der Herrngasse, abseits von allem Trubel. Früher einmal lag in einem Garten am Rand der südwestlichen Stadtmauer das Kloster der Franziskanermönche. Nur ihre Kirche ist noch da. Eine der ältesten Kirchen der mittelalterlichen Stadt. Über siebenhundert Jahre alt. Vormittags atmet die Kirche Stille und Ruhe. Wenn ich über die alten Steinplatten den Mittelgang entlang gehe, muss ich oft daran denken, wieviele Leute schon vor mir darüber gelaufen sind oder hier gekniet haben. An einem Leuchter darf ich eine Kerze entzünden und dabei fest an jemanden denken. Gebete liegen aus, mit denen ich meine Gedanken in Gebetsworte fassen kann, Gedanken, die ich vielleicht niemandem außer Gott anvertrauen würde.

Hauptschiff der Franziskanerkirchee

Hauptschiff der Franziskanerkirchee

Die Franziskanerkirche von Rothenburg – ein Ort der Stille

An fast jedem zweiten Nachmittag im Juni und Juli um 16 Uhr singen in dieser Kirche Jugendliche Chormusik aus den USA. Sie verstehen es, die Zuhörer durch ihre Stimmen zu begeistern. Gegen Abend – längst ist schon die schmale Tür ins ehrwürdige Schloss gefallen – da betritt noch einmal die untergehende Sonne durch das Westfenster die Kirche und malt mit ihren hellen Fingern eine stille Botschaft an die Wände. Oder beleuchtet wie ein kleiner Scheinwerfer die Marienfigur, als wollte sie mich auffordern, ihr zuzuhören.

Der Engel am Fuß des Lettnerkreuzes

Der Engel am Fuß des Lettnerkreuzes

Dann geht die Sonne weiter und taucht den Engel am Lettner in ein mystisches Licht. Die Sonne kommt abends von Westen und grüßt die Sonne in den Glasfenstern genau gegenüber. Im Ostchor der Kirche steht ein Altar des berühmten Bildschnitzers Tilman Riemenschneider: Franz von Assisi ist da zu sehen, wie er die Hände zum Himmel emporhebt; und auf seinem Gesicht scheint sich die Vision zu spiegeln, bei der er den Himmel offen sieht.

Riemenschneiders Franz von Assisi

Riemenschneiders Franz von Assisi

Franz von Assisi kennen wir durch seinen Lobgesang der Schöpfung, den Sonnengesang. Populär geworden ist dieser Hymnus durch das Lied „Laudato si, o mi Signore, laudato si“.

Moderne Glasfenster in der Franziskanerkirche

In den letzten beiden Jahrzehnten hat nun der Glaskünstler Professor Johannes Schreiter einen Zyklus von elf modernen Glasfenstern zum Sonnengesang umgesetzt. Die letzten Fenster wurden erst vor wenigen Monaten eingesetzt und enthüllt. Diese Fenster erschließen sich mir nicht sofort, sie sind sozusagen slowview für die Augen. Manchmal sitze ich nur da und schaue zu ihnen hinauf. Und plötzlich entdecke ich wieder etwas, was ich zuvor noch nie gesehen habe!

In allen Fenstern sind auffallende Quadrate zu sehen: Jedes unregelmäßige Viereck steht für die Gemeinschaft der Heiligen, die mit weißen Gewändern bekleidet sind und Gott ein Loblied singen. Individualität, Kantigkeiten und Verletztheiten werden dabei nicht ausgeblendet, kein Viereck gleicht nämlich dem anderen. Die vielen Vierecke ergeben einen singenden Chor, der sein Lied empor zu Gott schickt.

Über dem Bereich des irdischen Wolkenhimmels, im Maßwerk der Fenster ganz oben, ist nur goldgelbes Licht. Dort beginnt der göttliche Himmel. Dort kehrt Ruhe ein: Der goldene Dreipass oder das goldene Herz scheint wie Gott Licht und Wärme auszustrahlen, obwohl auch dieser Bereich von den dunklen Wolken Notiz nimmt. Denn Gott ist kein Leid der Menschen fremd.

Am besten, man sieht die Fenster im Original, weil kein Foto den Gesamteindruck richtig wiedergeben kann, und keine Erklärung das trifft, was jemand anderes sich im Schauen denkt.

Der für mich beste Zugang zu den Fenstern ist, den Text des Sonnengesangs zu lesen und dann das Entsprechende in den Fenstern wiederzufinden.

Die neuen Glasfenster

Die neuen Fenster an der Nordwand

Die neuen Fenster an der Nordwand

Die vier Glasfenster auf der Nordseite (der linken Seite) sind neu:

Im ersten Fenster links verläuft eine weiße Farbbahn von oben nach unten. Im weißen Licht sind orange, blaue und ockerfarbene Elemente enthalten. Diese Farben deuten die Vielfalt und die Buntheit der Blüten an: “Gelobt seist Du, mein Herr, durch unsere Mutter Erde, die uns versorgt und ernährt und vielerlei Früchte hervorbringt und bunte Blumen und Kräuter.”

Im zweiten Fenster fallen drei Feuerflammen auf, die aus kerzenförmigen, U-förmigen Winkeln nach oben strahlen. Es ist ein kleiner Chor mit Feuer und Flamme. Von oben kommt ihm ein goldenes Tuch entgegen, wobei Gold für den Bereich Gottes steht und die olivgrüne Farbe für den irdischen Bereich.

Das dritte Fenster enthält eine große weiße U-Form, die wie ein Becken nach oben hin geöffnet ist. Der olivfarbene Farbton geht in ein Grauschwarz über, das unten zerrissen und zerborsten erscheint. Alle unsere Not, Zerwürfnisse und  Spaltungen werden von dieser großen weißen Hand aufgefangen.

Das vierte Fenster scheint so etwas wie den Grundaufbau der Fenster zu zeigen: Ganz viele weiße Quadrate sind da zu sehen. Manche sind mit Goldfarbe gefüllt, vielleicht sind es die im Himmel Erlösten. Ganz oben ist eine einzelne Feuerzunge zu sehen: das Lob eines einzelnen Beters, der für alle anderen seine Stimme erhebt und singt, während alle in Stille lauschen.

Ostchorfenster Franziskanerkirche

Ostchorfenster Franziskanerkirche

Die fünf älteren Mittelfenster im Ostchor (nicht alle sind in hier in diesem Blog abgebildet) entsprechen den Elementen der Schöpfung: Bruder Feuer, Bruder Wind, Schwester Sonne und Bruder Tod, Schwester Wasser, Mutter Erde.

Und dann sind da noch auf der rechten Seite zwei kleine Fenster: ein Blitz, der vom Himmel fährt und damit das von Gott geschaffene Klima andeutet, und im letzten Fenster die stimmgabelförmige Hand Gottes, die aus dem Himmel kommt und uns begleitet.

Johannes Schreiter

Der Künstler Professor Johannes Schreiter (geb. 1930) aus Langen bei Darmstadt hat diese Fenster entworfen. Ausgeführt wurden die Glasarbeiten von der Firma Derix, Taunusstein.

Die erdigen Farbtöne der Fenster nehmen die Schlichtheit des Kirchenraumes auf – rote oder blaue Fenster hätten den Raum in ein ganz unnatürliches Licht getaucht. Die Bildformen sind klar und strahlen Ruhe aus.

Johannes Schreiter hat seinen neuen Fenstern den Werktitel “S.D.G. 3/2010/F” gegeben. Vielleicht liege ich richtig, wenn ich diese Buchstaben-Zahlen-Kombination so deute: „Soli Deo Gloria (allein  Gott sei die Ehre gegeben). Im März 2010 wurden diese Fenster für die Franziskanerkirche entworfen.“

Am besten ist es, wie gesagt, die Fenster mit eigenen Augen anzusehen. Viel Freude daran!

Was man sonst noch wissen könnte…

Die Franziskanerkirche (erbaut 1256–1309 als Kirche zur glückseligen Jungfrau Maria) lädt täglich zum Besuch ein von 10–12 und von 14–16 Uhr. Von Januar bis März ist die Kirche nur zu Gottesdiensten geöffnet. Sie wird von der evangelisch-lutherischen Kirchengemeinde St. Jakob betreut. Samstag abends um 18 Uhr gibt es in der Franziskanerkirche Andachten und Orgelkonzerte. Die Kirche gehört zu dem neuen System von Radwegekirchen, die es auch entlang der Radwege in Franken gibt. Rothenburg ist übrigens ein Knotenpunkt schöner Radwege.

Sehenswert in der Kirche sind die modernen Glasfenster (1995–2015), der Franziskusaltar von Tilman Riemenschneider (1490) und der Lettner (ca. 1309).

Westgiebel Franziskanerkirche

Westgiebel Franziskanerkirche

Oliver Gußmann

In Rothenburg bin ich Touristen- und Pilgerpfarrer an St. Jakob. Das ist die große, an Kunstschätzen reiche evangelische Kirche mit den Doppeltürmen mitten in Rothenburg! Meine Aufgabe ist es, die Kirchen Rothenburgs Gästen und Touristen aus der ganzen Welt bekannt zu machen. Die zahlreichen Gotteshäuser des gotischen Rothenburgs erzählen mit Bildern und Symbolen vom Glauben, der Liebe und der Hoffnung unserer Vorfahren; sie berichten vom Sterben und Auferstehen, von Hingabe und Erlösung. Bei meiner Arbeit hilft mir ein Kirchenführer-Team. Außerdem traue ich Hochzeitspaare, mache Nachtkirchenführungen und vieles mehr. Gerne führe ich durch das jüdische Rothenburg oder biete für Kinder und Jugendliche kirchenpädagogische Führungen an. Für die Jakobuswege, von denen sich einige in Rothenburg kreuzen, bin ich der Ansprechpartner. Mir liegt eine gesunde Umwelt am Herzen. Darum fahre ich ein "Velomobil" - eine Mischung zwischen Seifenkiste und Rennauto. Wenn Sie so etwas in Rothenburg stehen sehen, bin ich sicher nicht weit entfernt! Mehr über meine Arbeit: www.rothenburgtauber-evangelisch.de/tourismus

Weitere Beiträge

Orte der Stille und „Stille Örtchen“ in Rothenburg ob der Tauber

Was braucht der Mensch zum glücklich sein?

Diese Frage kann wohl nur jeder für sich selbst beantworten. Ich für meinen Teil mag sowohl das Laute als auch das Leise. Den Trubel ebenso wie die Stille. Alles zu seiner Zeit. Aber eins sollte auf jeden Fall immer in der Nähe sein und zwar ein stilles Örtchen. Was hilft mir die schönste Stadt, wenn ich sie nicht genießen kann, weil ich mit etwas ganz anderem beschäftigt bin. Oder wie ich vor Führungen zu sagen pflege: Wenn es unten drückt, kann man oben schlecht zuhören. Deshalb möchte ich mich in diesem Beitrag mit zwei wichtigen Orten in Rothenburg beschäftigen. Orte der Stille und „Stille Örtchen“.

Oasen der Ruhe

Am verlängerten Pfingstwochenende war in Rothenburg mal wieder richtig was los. Das Festspiel „Der Meistertrunk“  zog Gäste aus nah und fern in unser wunderschönes mittelalterliches Städtchen. 55.000 Besucher sollen es gewesen sein. Wirklich beeindruckend und das bei nicht optimalem Ausflugs- und Feierwetter. Da war für alle was dabei. Für ALLE, die es gerne haben wenn was los ist. Aber hat Rothenburg ob der Tauber, eines der touristischen Schwergewichte in Deutschland, auch an solchen Tagen was für Menschen zu bieten, die Ruhe und Romantik suchen? Die Antwort lautet ganz eindeutig: JA!

Obwohl es sich viele nicht vorstellen können, die nur kurz in der Stadt sind oder extra zu solchen Großveranstaltungen kommen, gibt es jede Menge Oasen der Ruhe. Um diese zu finden bedarf es noch nicht einmal weiter Wege, oder besonderer Anstrengungen. Häufig genügen ein aufmerksamer Blick und ein paar Schritte in ein schmales Gässchen. Es gibt so viele davon, in und um die Altstadt verteilt, dass ich hier gar nicht alle erwähnen kann. Aber meine derzeitigen Favoriten möchte ich nun kurz vorstellen und lade herzlich dazu ein, diese zu besuchen.

Warum in die Ferne schweifen, wenn …

Häufig eine meiner ersten Stationen auf meinen Führungen und ein Gässchen das nun wirklich jeder ganz leicht finden kann, führt direkt auf den Marktplatz von Rothenburg. Zentraler geht es nicht. Trotzdem sucht man vergeblich nach der Gasse im Straßenverzeichnis der Stadt, denn dieses so malerische Gässchen hat keinen Namen. Parallel zur Hafengasse führt diese Gasse neben dem Restaurant „Ratsstube“ in Richtung Kapellenplatz. Etwa auf halber Strecke lädt seit 2014 ein kleines Bänkchen zum Verweilen ein. Manchmal, aber wirklich nur manchmal, huscht ein Rothenburger durch das Gässchen ohne Namen, oder findet ein Gast den ganz besonderen Blick auf Marktplatz, Rathaus und Rathausturm. Dieses so genannte „Junge Schar Bängler“  hat übrigens seine ganz eigene Geschichte, wie mir der Spender B. Babel an Ort und Stelle berichtete.

Harmonie hinter Mauern

Keine 3 Minuten geht man vom Marktplatz, vorbei an Sankt Jakob, zum ehemaligen Dominikanerinnenkloster. Es gilt nur den Beschilderungen für unser Reichsstadtmuseum  zu folgen, denn dieses ist heute in dem ehemaligen Kloster untergebracht. Direkt an das Museum angeschlossen liegt der Klostergarten, welcher hinter Mauern versteckt von April bis November tagsüber durch ein großes Tor in der Klostergasse oder eine Tür vom Klosterhof aus betreten werden kann. An keinem anderen Ort in der Stadt, außer vielleicht im Burggarten, findet sich eine schönere Harmonie von Kultur und Natur einerseits sowie Gästen und Rothenburgern andererseits. Immer wieder finden Einheimische den Weg in den Klostergarten und genießen die Stille auf einer der vielen Bänke. Selbst die gelegentlichen Gruppen, die von Gästeführern durch dieses Kleinod geführt werden, stören nicht die Ruhe. Ganz im Gegenteil. Ich selbst lausche gelegentlich den Erklärungen meiner Kolleginnen und Kollegen zum klösterlichen Leben und dem angelegten Heilkräutergarten.  Ganz besonders zu empfehlen ist ein Besuch im Juni, wenn die vielen Rosen im Klosterhof und Klostergarten blühen.

Der kleine Unterschied

Jeder Gast der Stadt kommt auf den Marktplatz. Die allermeisten finden auch noch das bekannte „Weihnachtsdorf“ der Firma Käthe Wohlfahrt  in der Herrngasse. Schon weitaus weniger schaffen es bis an das Ende der Herrngasse, ganz im Westen der Stadt und durch das Burgtor in den Burggarten. Wer dann noch weiter in dieser Richtung geht, findet auf der linken Seite, hinter einem orangenen Gartenhaus versteckt, eine weitere Insel der Ruhe und gehört damit zur absoluten Crème de la Crème der Besucher Rothenburgs. Nach meiner Schätzung finden gerade mal 1-2 Prozent das Barockgärtchen mit einem der schönsten Blicke von der Stadt auf die Stadt. Hier kann man im Sommer stundenlang ungestört sitzen und sich auf der Mauer mit Blick über das Taubertal auf die südliche Altstadt in seinen Träumen ganz verlieren. Gerade diese Lage der historischen Stadt, angeschmiegt an das Tal der Tauber, macht für mich den kleinen, aber feinen Unterschied zu anderen wunderschönen historischen Städten entlang der Romantischen Straße aus.

 

Der Stadtbote (H. Ernst) im Burggarten (copyright: H. Ernst / E. Schmitz)

Der Stadtbote (H. Ernst) im Burggarten (copyright: H. Ernst / E. Schmitz)

Der perfekte Übergang

Viel schöner als an dieser Stelle im Burggarten geht es für mich nicht in Rothenburg. Aber irgendwann heißt es Abschied nehmen von dieser Oase der Ruhe. Da die meisten unserer Gäste mit Bus oder Pkw anreisen geht es für viele von hier aus über die  Schmiedgasse zum Großparkplatz P1. Dieser Weg führt nochmals ein einem wunderbaren Plätzchen in der Altstadt vorbei. Dies ist nicht nur ein wunderbarer Übergang von der Städtereise zurück in den Alltag, sondern auch von dem einen Thema zum Anderen.

Das Maß ist voll

Die Gasse „An der Eich“ liegt direkt südlich vom ehemaligen Johanniterkloster, in dem inzwischen das Mittelalterliche Kriminalmuseum untergebracht ist und der Kirche St. Johannis. Vor allem das Museum zieht sehr viele Besucher an. Übrigens ganz zu Recht, denn es ist das Größte seiner Art in ganz Deutschland. Die Gasse ist sehr zentral und leicht zu finden. Von Süden auf der „unteren Schmiedgasse“ kommend, eine der touristischen Hauptachsen in Rothenburg, biegt man direkt vor der Kirche mit ihrem vorgelagerten Brunnen links ab. Oder vom Marktplatz auf der „oberen Schmiedgasse“ kommend nach dem Brunnen rechts. Sofort wird der Trubel weniger und der Blick kann über das Taubertal schweifen. Im Sommer ist das Plätschern vom Brunnen zu hören. Aber nicht nur das. Erst 2014 wurde eine Freifläche unterhalb des Brunnens umgestaltet und in eine dieser Oase geschaffen. Bänke laden die Großen zum Ausruhen und ein kleiner Wasserlauf die Kleinen zum Spielen ein. Ganz in der Nähe gibt es eine Quelle, die sehr viel Wasser spendet. Diese Quelle liegt heute unzugänglich im Keller eines Hauses im Alten Stadtgraben Nr. 10. Vielleicht ist diese wasserreiche Quelle der Grund weshalb früher in der Gasse „An der Eich“ die Bier- und Weinfässer geeicht wurden. Zumindest trägt diese Gasse deshalb ihren Namen. Hier wurde also schon früher viel Wasser gelassen. Ein Platz mit Tradition für ein Hundeklo. Wir Menschen müssen allerdings noch etwas weiter gehen.

Ein stilles Örtchen für Hunde. An der Eich.

Ein stilles Örtchen für Hunde. An der Eich.

„Stille Örtchen“ in Rothenburg ob der Tauber

Eine gute Nachricht gleich zu Anfang. Die öffentlichen Toiletten in Rothenburg sind kostenlos. Ein toller Service der Stadt, wie ich finde. Allerdings sind die Bedürfnisanstalten nicht immer leicht zu finden. Zum Glück haben wir Informationtafeln mit Stadtplänen und entsprechenden Hinweisen, wo man sich erleichtern kann.

Stadtplan mit öffentlichen Toiletten

Stadtplan mit öffentlichen Toiletten

Innerhalb der Stadtmauer gibt es die Gelegenheit zum Wasserlassen nur am Grünen Markt, zwischen Rathaus und St. Jakob, sowie am Schrannenplatz (Nördliche Altstadt). Dazu kommen natürlich Toilettenhäuschen an allen großen Parkplätzen. Die allerdings manchmal leider etwas überlastet sind. Vor allem wenn mehrere Busse gleichzeitig ankommen. Dies kann immer mal wieder am P1 vorkommen. Dagegen ist das Stille Örtchen im Burggarten immer eine gute Adresse.

Wenn es mal schnell gehen muss, sind auch die meisten Restaurants, auf freundliche Nachfrage bereit, einem den Weg zu den hauseigenen  Einrichtungen zu weisen. In einem solchen Fall fände ich es dann ganz nett die Dankbarkeit durch einen geringen Geldbetrag auszudrücken.

Die Krönung

ist es natürlich, wenn jemand beides direkt vor der Haustür hat. Einen Ort der Stille mitten in der Altstadt von Rothenburg und ein Stilles Örtchen. Zu diesen Glücklichen zähle ich. Nicht nur, dass alle beschrieben Oasen der Ruhe von meiner Wohnung in maximal 5 Minuten zu Fuß zu erreichen sind. Es geht noch besser. Der Hinterhof vom Kirchplatz 2 ist, seit sich meine Freundin darum kümmert, unser kleines persönliches Paradies der Stille. Was für ein Glückspilz ich doch bin!

Mein Hinterhof und privater Ort der Stille

Mein Hinterhof und privater Ort der Stille

Harald Ernst

Bin ich ein Rothenburger? JAIN! Meine Wurzeln liegen nur 15 km von Rothenburg entfernt. Brettheim, früher ein Teil des Stadtgebietes der Reichsstadt mit ca. 180 Dörfern, liegt heute in einem anderen Bundesland (BW). Das erklärt, weshalb ich mich als Rothenburger fühle, inzwischen auch in der Altstadt lebe, aber nicht wie ein Rothenburger klinge. Ich bin ein Hohenloher mit entsprechendem Dialekt (wenn ich will oder darf) und habe mich während meines Zivildienstes (1990/91) in der Jugendherberge in die Stadt verliebt. Außerdem habe ich mich durch die Gäste aus aller Welt inspirieren lassen und das Reisen für mich entdeckt. Menschen, Länder, Abenteuer lassen mich immer wieder meine Koffer packen. Doch genauso gerne kehre ich immer wieder zurück in diese besonders schöne Stadt. Aus Hobby wurde Beruf. Bereits 1993 kam ich zur Gästeführerei. Im Jahr 2000 habe ich mit einem Freund ein Reiseunternehmen gegründet und bin seit dem selbstständiger Stadtführer, Reiseleiter und Driverguide für Gäste aus aller Welt im In- und Ausland. Doch mein Schwerpunkt ist und bleibt Rothenburg ob der Tauber. Hier kenne ich mich am besten aus. Hier bin ich Zuhause.

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