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Glasfenster zum Sonnengesang des Franz von Assisi in der Franziskanerkirche von Rothenburg ob der Tauber

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Franziskanerkirche in der Herngasse

Franziskanerkirche in der Herngasse

Unter allen Kirchen in Rothenburg ob der Tauber hat es mir die Franziskanerkirche besonders angetan. Sie liegt zwischen Marktplatz und Burgtor unscheinbar am Rande der Herrngasse, abseits von allem Trubel. Früher einmal lag in einem Garten am Rand der südwestlichen Stadtmauer das Kloster der Franziskanermönche. Nur ihre Kirche ist noch da. Eine der ältesten Kirchen der mittelalterlichen Stadt. Über siebenhundert Jahre alt. Vormittags atmet die Kirche Stille und Ruhe. Wenn ich über die alten Steinplatten den Mittelgang entlang gehe, muss ich oft daran denken, wieviele Leute schon vor mir darüber gelaufen sind oder hier gekniet haben. An einem Leuchter darf ich eine Kerze entzünden und dabei fest an jemanden denken. Gebete liegen aus, mit denen ich meine Gedanken in Gebetsworte fassen kann, Gedanken, die ich vielleicht niemandem außer Gott anvertrauen würde.

Hauptschiff der Franziskanerkirchee

Hauptschiff der Franziskanerkirchee

Die Franziskanerkirche von Rothenburg – ein Ort der Stille

An fast jedem zweiten Nachmittag im Juni und Juli um 16 Uhr singen in dieser Kirche Jugendliche Chormusik aus den USA. Sie verstehen es, die Zuhörer durch ihre Stimmen zu begeistern. Gegen Abend – längst ist schon die schmale Tür ins ehrwürdige Schloss gefallen – da betritt noch einmal die untergehende Sonne durch das Westfenster die Kirche und malt mit ihren hellen Fingern eine stille Botschaft an die Wände. Oder beleuchtet wie ein kleiner Scheinwerfer die Marienfigur, als wollte sie mich auffordern, ihr zuzuhören.

Der Engel am Fuß des Lettnerkreuzes

Der Engel am Fuß des Lettnerkreuzes

Dann geht die Sonne weiter und taucht den Engel am Lettner in ein mystisches Licht. Die Sonne kommt abends von Westen und grüßt die Sonne in den Glasfenstern genau gegenüber. Im Ostchor der Kirche steht ein Altar des berühmten Bildschnitzers Tilman Riemenschneider: Franz von Assisi ist da zu sehen, wie er die Hände zum Himmel emporhebt; und auf seinem Gesicht scheint sich die Vision zu spiegeln, bei der er den Himmel offen sieht.

Riemenschneiders Franz von Assisi

Riemenschneiders Franz von Assisi

Franz von Assisi kennen wir durch seinen Lobgesang der Schöpfung, den Sonnengesang. Populär geworden ist dieser Hymnus durch das Lied „Laudato si, o mi Signore, laudato si“.

Moderne Glasfenster in der Franziskanerkirche

In den letzten beiden Jahrzehnten hat nun der Glaskünstler Professor Johannes Schreiter einen Zyklus von elf modernen Glasfenstern zum Sonnengesang umgesetzt. Die letzten Fenster wurden erst vor wenigen Monaten eingesetzt und enthüllt. Diese Fenster erschließen sich mir nicht sofort, sie sind sozusagen slowview für die Augen. Manchmal sitze ich nur da und schaue zu ihnen hinauf. Und plötzlich entdecke ich wieder etwas, was ich zuvor noch nie gesehen habe!

In allen Fenstern sind auffallende Quadrate zu sehen: Jedes unregelmäßige Viereck steht für die Gemeinschaft der Heiligen, die mit weißen Gewändern bekleidet sind und Gott ein Loblied singen. Individualität, Kantigkeiten und Verletztheiten werden dabei nicht ausgeblendet, kein Viereck gleicht nämlich dem anderen. Die vielen Vierecke ergeben einen singenden Chor, der sein Lied empor zu Gott schickt.

Über dem Bereich des irdischen Wolkenhimmels, im Maßwerk der Fenster ganz oben, ist nur goldgelbes Licht. Dort beginnt der göttliche Himmel. Dort kehrt Ruhe ein: Der goldene Dreipass oder das goldene Herz scheint wie Gott Licht und Wärme auszustrahlen, obwohl auch dieser Bereich von den dunklen Wolken Notiz nimmt. Denn Gott ist kein Leid der Menschen fremd.

Am besten, man sieht die Fenster im Original, weil kein Foto den Gesamteindruck richtig wiedergeben kann, und keine Erklärung das trifft, was jemand anderes sich im Schauen denkt.

Der für mich beste Zugang zu den Fenstern ist, den Text des Sonnengesangs zu lesen und dann das Entsprechende in den Fenstern wiederzufinden.

Die neuen Glasfenster

Die neuen Fenster an der Nordwand

Die neuen Fenster an der Nordwand

Die vier Glasfenster auf der Nordseite (der linken Seite) sind neu:

Im ersten Fenster links verläuft eine weiße Farbbahn von oben nach unten. Im weißen Licht sind orange, blaue und ockerfarbene Elemente enthalten. Diese Farben deuten die Vielfalt und die Buntheit der Blüten an: “Gelobt seist Du, mein Herr, durch unsere Mutter Erde, die uns versorgt und ernährt und vielerlei Früchte hervorbringt und bunte Blumen und Kräuter.”

Im zweiten Fenster fallen drei Feuerflammen auf, die aus kerzenförmigen, U-förmigen Winkeln nach oben strahlen. Es ist ein kleiner Chor mit Feuer und Flamme. Von oben kommt ihm ein goldenes Tuch entgegen, wobei Gold für den Bereich Gottes steht und die olivgrüne Farbe für den irdischen Bereich.

Das dritte Fenster enthält eine große weiße U-Form, die wie ein Becken nach oben hin geöffnet ist. Der olivfarbene Farbton geht in ein Grauschwarz über, das unten zerrissen und zerborsten erscheint. Alle unsere Not, Zerwürfnisse und  Spaltungen werden von dieser großen weißen Hand aufgefangen.

Das vierte Fenster scheint so etwas wie den Grundaufbau der Fenster zu zeigen: Ganz viele weiße Quadrate sind da zu sehen. Manche sind mit Goldfarbe gefüllt, vielleicht sind es die im Himmel Erlösten. Ganz oben ist eine einzelne Feuerzunge zu sehen: das Lob eines einzelnen Beters, der für alle anderen seine Stimme erhebt und singt, während alle in Stille lauschen.

Ostchorfenster Franziskanerkirche

Ostchorfenster Franziskanerkirche

Die fünf älteren Mittelfenster im Ostchor (nicht alle sind in hier in diesem Blog abgebildet) entsprechen den Elementen der Schöpfung: Bruder Feuer, Bruder Wind, Schwester Sonne und Bruder Tod, Schwester Wasser, Mutter Erde.

Und dann sind da noch auf der rechten Seite zwei kleine Fenster: ein Blitz, der vom Himmel fährt und damit das von Gott geschaffene Klima andeutet, und im letzten Fenster die stimmgabelförmige Hand Gottes, die aus dem Himmel kommt und uns begleitet.

Johannes Schreiter

Der Künstler Professor Johannes Schreiter (geb. 1930) aus Langen bei Darmstadt hat diese Fenster entworfen. Ausgeführt wurden die Glasarbeiten von der Firma Derix, Taunusstein.

Die erdigen Farbtöne der Fenster nehmen die Schlichtheit des Kirchenraumes auf – rote oder blaue Fenster hätten den Raum in ein ganz unnatürliches Licht getaucht. Die Bildformen sind klar und strahlen Ruhe aus.

Johannes Schreiter hat seinen neuen Fenstern den Werktitel “S.D.G. 3/2010/F” gegeben. Vielleicht liege ich richtig, wenn ich diese Buchstaben-Zahlen-Kombination so deute: „Soli Deo Gloria (allein  Gott sei die Ehre gegeben). Im März 2010 wurden diese Fenster für die Franziskanerkirche entworfen.“

Am besten ist es, wie gesagt, die Fenster mit eigenen Augen anzusehen. Viel Freude daran!

Was man sonst noch wissen könnte…

Die Franziskanerkirche (erbaut 1256–1309 als Kirche zur glückseligen Jungfrau Maria) lädt täglich zum Besuch ein von 10–12 und von 14–16 Uhr. Von Januar bis März ist die Kirche nur zu Gottesdiensten geöffnet. Sie wird von der evangelisch-lutherischen Kirchengemeinde St. Jakob betreut. Samstag abends um 18 Uhr gibt es in der Franziskanerkirche Andachten und Orgelkonzerte. Die Kirche gehört zu dem neuen System von Radwegekirchen, die es auch entlang der Radwege in Franken gibt. Rothenburg ist übrigens ein Knotenpunkt schöner Radwege.

Sehenswert in der Kirche sind die modernen Glasfenster (1995–2015), der Franziskusaltar von Tilman Riemenschneider (1490) und der Lettner (ca. 1309).

Westgiebel Franziskanerkirche

Westgiebel Franziskanerkirche

Oliver Gußmann

In Rothenburg bin ich Touristen- und Pilgerpfarrer an St. Jakob. Das ist die große, an Kunstschätzen reiche evangelische Kirche mit den Doppeltürmen mitten in Rothenburg! Meine Aufgabe ist es, die Kirchen Rothenburgs Gästen und Touristen aus der ganzen Welt bekannt zu machen. Die zahlreichen Gotteshäuser des gotischen Rothenburgs erzählen mit Bildern und Symbolen vom Glauben, der Liebe und der Hoffnung unserer Vorfahren; sie berichten vom Sterben und Auferstehen, von Hingabe und Erlösung. Bei meiner Arbeit hilft mir ein Kirchenführer-Team. Außerdem traue ich Hochzeitspaare, mache Nachtkirchenführungen und vieles mehr. Gerne führe ich durch das jüdische Rothenburg oder biete für Kinder und Jugendliche kirchenpädagogische Führungen an. Für die Jakobuswege, von denen sich einige in Rothenburg kreuzen, bin ich der Ansprechpartner. Mir liegt eine gesunde Umwelt am Herzen. Darum fahre ich ein "Velomobil" - eine Mischung zwischen Seifenkiste und Rennauto. Wenn Sie so etwas in Rothenburg stehen sehen, bin ich sicher nicht weit entfernt! Mehr über meine Arbeit: www.rothenburgtauber-evangelisch.de/tourismus

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