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Gebete der Stille in der Franziskanerkirche in Rothenburg ob der Tauber

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Die Franziskanerkirche in Rothenburg ob der Tauber

Franziskanerkirche in der Herngasse

Meine Lieblingskirche in Rothenburg ob der Tauber ist die Fanziskanerkirche. Ganz unscheinbar, wie eine franziskanische Kirche eben sein sollte, schmiegt sie sich an die Herrngasse. Ehrenamtliche Kirchenöffner halten sie dankenswerterweise vormittags und nachmittags für jeweils zwei Stunden offen. Flaneure, die vom geschäftigen Marktplatz kommen, bemerken erst im letzten Augenblick, dass die enge Pforte der Kirche offen steht und wagen einen neugierigen Schritt ins Innere. Die Stille der Kirche umhüllt die Eintretenden und neugierig blicken sie  umher: Schon viele Menschen sind über den rauen Sandstein im Inneren gelaufen, ihre Schuhe haben die Stufen abgewetzt und ausgewellt. Das verleiht der Kirche einen besonderen Charme.

Der Lettner der Franziskanerkirche

Hauptschiff der Franziskanerkirchee

Hauptschiff der Franziskanerkirche

Als eine der wenigen Kirchen besitzt diese (heute evangelische) Kirche noch einen Lettner, eine ungewöhnliche Trennwand, die quer durchs Kirchenschiff verläuft. Von dort oben lasen einst die Barfüßer-Mönche die Worte der Heiligen Schrift, schmetterten Bußrufe auf die versammelte Christenschar, präsentierten an Festtagen Reliquien oder zeigten die Rothenburger Passionsbilder des Malermönchs Martin Schwarz. (Diese befinden sich heute in einem der Säle des Reichsstadtmuseums). Unter der Lettnerwand sieht man fünf Spitzbögen. Fast alle Altartische sind leer und ohne Bilder. Acht Altäre soll diese Kirche einmal besessen haben, nur noch einer ist vorhanden.

Die Gebetsecke

Altar in der Franziskanerkirche

Altar in der Franziskanerkirche

Ganz rechts hinten brennen zwei Kerzen auf dem steinernen Altar. Davor ein grünes Seidentuch auf einem rauen Teppich, übersät von Zetteln. Ich komme näher. Auf den Zetteln kann man die Gebete lesen, die Besucher hier gelassen haben. In der Stille des Gotteshauses haben sie die richtigen Worte gefunden, um bei Gott abzuladen, was sie auf dem Herzen haben. Denn dazu wird man durch ein Schild ja auch aufgefordert:

„Hier ist ein Ort zum Schweigen und Beten.

Wenn Sie angeschlagen sind oder jubeln möchten,

wenn Sie eine Klagemauer suchen oder Mitbeter,

wenn Sie einfach nur wollen,

dass Ihr Gebet eine Zeit lang in Gottes Haus bleibt –

Schreiben Sie es auf,

nehmen Sie ein anderes Gebet mit

und machen es zu Ihrem Gebet.“

 

Wer weiß, wieviele schon hier ihren Hoffnungen und Wünschen Ausdruck verliehen haben? Wer weiß, wieviele Gebete dieser anonymen Tauschbörse schon mitgenommen und weitergebetet wurden?

Gebete in der Stille

Gebetsecke in der Franziskanerkirche

Gebetsecke in der Franziskanerkirche

Ich bücke mich und schaue mir einige Zettel an. Gebete in vielen Sprachen sind da zu sehen. Deshalb verstehe ich auch manche nicht – aber ich bin mir sicher, sie kommen dort an, wo sie ankommen sollen. Einige Beter sind einfach nur dankbar:

„Lieber Gott, wir danken Dir. Wir haben 12 tolle Tage verbracht in einer wunderschönen Gegend. Hilf uns, dass wir K. u. M. und unsere Familie viele viele Jahre genießen können bei bester Gesundheit!!“

Und manches sind  Stoßgebete:

„Herr, befreie mich von meinen Schmerzen. M.J.“

 

Besonders häufig finde ich Gebete für die Familie und für die Gesundheit von Verwandten oder Freunden:

„Ich hoffe, dass mein Gebet eine Zeit lang in Gottes Haus bleibt, und meine Familie und meine Nachbarin gesund wird und bleibt! Danke! C.E.“

Auch die Verletzlichkeit des Lebens klingt an:

„Gebe Gott, dass wir immer eine glückliche Familie bleiben und dass wir uns noch lange haben. Danke – lieber Gott.“

*

Ich zünde noch eine Gebetskerze am Leuchter an und bitte Gott, dass er all diese Gebete dieser Menschen höre. Dann gehe ich durch den Mittelgang wieder hinaus auf die Straße. Sonnenschein empfängt mich. Mein Gebet lasse ich hier. Die Ruhe der Kirche nehme ich im Herzen mit.

Oliver Gußmann

 

Hinweis: Die Franziskanerkirche in der Herrngasse ist in der Regel geöffnet von 10–12 und von 14–16 Uhr. Am Sonntag nur nachmittags. Im Sommer gibt es  in  der Franziskanerkirche viele Chorkonzerte, auf die ein Internet-Kalender hinweist. Am Samstag um 18 Uhr stimmt eine Andacht in den Abend ein. Die Kirche ist besuchenswert wegen der Riemenschneider-Altäre, wegen der modernen Glasfenstern zum Sonnengesang des Franz von Assisi und wegen  des Lettners.

Oliver Gußmann

In Rothenburg bin ich Touristen- und Pilgerpfarrer an St. Jakob. Das ist die große, an Kunstschätzen reiche evangelische Kirche mit den Doppeltürmen mitten in Rothenburg! Meine Aufgabe ist es, die Kirchen Rothenburgs Gästen und Touristen aus der ganzen Welt bekannt zu machen. Die zahlreichen Gotteshäuser des gotischen Rothenburgs erzählen mit Bildern und Symbolen vom Glauben, der Liebe und der Hoffnung unserer Vorfahren; sie berichten vom Sterben und Auferstehen, von Hingabe und Erlösung. Bei meiner Arbeit hilft mir ein Kirchenführer-Team. Außerdem traue ich Hochzeitspaare, mache Nachtkirchenführungen und vieles mehr. Gerne führe ich durch das jüdische Rothenburg oder biete für Kinder und Jugendliche kirchenpädagogische Führungen an. Für die Jakobuswege, von denen sich einige in Rothenburg kreuzen, bin ich der Ansprechpartner. Mir liegt eine gesunde Umwelt am Herzen. Darum fahre ich ein "Velomobil" - eine Mischung zwischen Seifenkiste und Rennauto. Wenn Sie so etwas in Rothenburg stehen sehen, bin ich sicher nicht weit entfernt! Mehr über meine Arbeit: www.rothenburgtauber-evangelisch.de/tourismus

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1 Kommentar

  1. […] und der Sonne zuzusehen, wie sie die Wände mit Licht bemalt. Doch davon habe ich schon in einem anderen Blogbeitrag geschrieben. Leider ist die Kirche bis kurz vor Ostern wegen Renovierungsarbeiten geschlossen, aber […]

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