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Trauer, Entsetzen und Jubel in Rom und Rothenburg

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Ein heißer Sommertag in der Ewigen Stadt, dem Haupt bzw. Nabel der Welt (caput mundi) vor 800 Jahren. Der Stadt und dem Erdkreis (urbi et orbi) stocken der Atem. Das geistliche Oberhaupt der Christenheit, der Papst (Pontifex) Innozenz III., verstirbt am 16. Juli 1216 im Alter von nur 56 Jahren in Perugia.

Der Juristenpapst: Innozenz III. (1198-1216)

Der Juristenpapst: Innozenz III. (1198-1216)

Dann überschlagen sich die Ereignisse: Der Leichnam von Innozenz III. (1198-1216) wird in der Kathedrale von Perugia aufgebahrt. Doch in der Nacht vom 16. zum 17. Juli 1216 rauben Unbekannte dem Aufgebahrten die kostbaren Totengewänder. Sie lassen den Leichnam fast nackt in der schon süßlich nach Verwesung riechenden Kirche zurück. „Wie kurz und eitel ist die trügerische Herrlichkeit dieser Welt?“ (quam brevis sit et vana huius seculi fallax gloria) fragt der Augenzeuge Bischof Jacques de Vitry seinerzeit.

Doch war es wirklich Raub, gar Leichenschändung? Fühlten sich die „Entwender“ möglicherweise gar im Recht? Schließlich war allgemein anerkannt, dass Kirchenmänner nicht heiraten und ebenso wenig etwas vererben dürfen. Das sogenannte Spolienrecht (ius spolii) gab dem kirchlichen Oberen deshalb das Recht, den beweglichen Nachlass eines verstorbenen Klerikers einzuziehen. Doch gehörten auch die Totengewänder dazu und hätten sie nicht der päpstlichen Schatzkammer zufallen müssen?

Dass gerade der bedeutendste Juristenpapst des Mittelalters, Papst Innozenz III. kurz nach seinem Ableben Opfer einer „Straftat“ oder zumindest einer missbräuchlichen Interpretation des Sponsalienrechts wird, scheint eine dunkle Ironie der Geschichte.

Päpstliche Gerichtsentscheidung Innozenz III. (1206)

Päpstliche Gerichtsentscheidung Innozenz III. (1206)

Dabei begann alles so hoffnungsvoll. Bereits am Todestag Papst Coelestins III. (8. Januar 1198) wählte das Konklave (cum clave mit dem Schlüssel = abgeschlossener Raum, in dem der Papst von den Kardinälen gewählt wird) den noch nicht einmal 40 Jahre alten Lothar von Segni zum Papst. Er war noch so jung, dass er nicht einmal die für eine Papstwahl erforderliche Priesterweihe erhalten hatte, was man kurz darauf nachholte. Walther von der Vogelweide spöttelte gar über das junge Alter des neuen Papstes (Owê, der bâbest ist ze junc. Hilf, hêrre, dîner cristenheit).

Als Papst Innozenz III. machte sich der junge Kirchenrechtler daran, die Missstände in seiner Kirche entschieden zu bekämpfen. Pflichtvergessene Kleriker wurden diszipliniert; Völlerei, Ämterkauf, Korruption u.v.m. streng geahndet.

Der Klerus sollte wieder ein Vorbild für den einfachen Gläubigen sein! Dies war dringend nötig. Seit Jahren liefen der römischen Kirche die Gläubigen fort. Nur allzu oft wurde in den Kirchen und Klöstern „Wasser gepredigt und Wein getrunken“. Alternative Glaubensgemeinschaften wie etwa Katharer (von griechisch καθαρός, katharós „rein“, daraus abgeleitet „Ketzer“) oder Waldenser, avancierten mit ihren Lehren (Häresien) zu einem Sammelbecken für unzufriedene Gläubige. Um gegen Kleriker besser gerichtlich vorgehen zu können, entwickelte der Jurist Innozenz III. das Inquisitionsverfahren weiter. Mehrmals die Woche leitete er selbst Gerichtverhandlungen in Rom und sorgte dafür, dass seine Urteile und Entscheidungen im ganzen Abendland verbreitet wurden.

Doch beließ es Innozenz III. nicht dabei, den Ketzerbewegungen durch Klerusdisziplinierung den Nährboden zu entziehen. Er ordnete die Häresie als Kapitalverbrechen ein und ging entschieden gegen die Ketzer vor. Ein blutiger Ketzerkreuzzug wütete ab 1209 in Südfrankreich und kostete viele Menschen das Leben. Auf dem 4. Laterankonzil im Jahre 1215 wurden unter seinem Pontifikat erneut alle Ketzer exkommuniziert.

Ketzerverbrennung 1210 (Luyken, Tanz der Märtyrer)

Ketzerverbrennung 1210 (J. Luyken, Tanz der Märtyrer, 1700)

Doch wer war nun genau ein Ketzer? Für den einfachen Bischof oder Priester war es im Hochmittelalter alles andere als einfach, das zu erkennen! Könntet Ihr es? Ein paar Beispiele:

War derjenige ein gläubiger Katholik, der glaubte:

– nur durch sexuelle Enthaltsamkeit den Weg zum Heil zu finden?

– beim Abendmahl verwandele sich das gereichte Brot und Wein tatsächlich und real in Leib und Blut Jesu Christi (transsubstantiatio = Wesensverwandlung)?

– nur bei Gott im Himmel sei das Gute zu finden; die irdische Welt sei grundsätzlich schlecht?

– dass die Dämonen zunächst gut erschaffen wurden, später aus sich selbst heraus böse wurden?

(Die Auflösung findet ihr am Ende des Blogs!)

Um den Priestern eine Handreichung zu geben, formulierte man auf dem 4. Laterankonzil das Glaubensbekenntnis weiter aus (Wir glauben an den einen Gott, den Vater, den Allmächtigen …). Wer damit nicht einig ging, geriet in den Dunstkreis der Häresie, ob nun in Rom, Südfrankreich oder Rothenburg ob der Tauber. Auch die von Innozenz III. initiierten Reformen, seine Urteile und Anweisungen beeinflussten die Bewohner des fränkischen Jerusalems. So überwölbte das Kirchenrecht die mittelalterliche Welt wie eine Glaskuppel, unter der auch die Rothenburger des 13. Jahrhunderts lebten und starben.

Gesamtansicht Rothenburgs von Westen (Kupferstich, H. Meichsner, 1615)

Gesamtansicht Rothenburgs von Westen (Kupferstich, H. Meichsner, 1615)

Zwar dürfte der Kleiderraub in der Kathedrale von Perugia vor fast genau 800 Jahren nicht bereits am nächsten Morgen Stadtgespräch in Rothenburg gewesen sein, so viele Jahre vor Erfindung des Buchdrucks, der Zeitungen, n-tv-Newsticker und Twitter-Dienst. Doch wird auch in Rothenburg der Jubel umso größer gewesen sein, als keine zwei Tage nach dem Tod Innozenz III. mit Honorius III. ein neuer Papst der Christenheit vorstand und der Stuhl (sedes) Petri damit nur für kurze Zeit vakant blieb (Sedisvakanz).

Markus Hirte / Charlotte Kätzel

(Antwort auf die Fragen: nein, ja, nein, ja)

Markus Hirte

Ich heiße Dr. Markus Hirte. Geboren wurde ich 1977 in Weimar. Ich habe Rechtswissenschaft studiert und wurde an der Friedrich-Schiller-Universität Jena zum Dr. iur. promoviert. Meinen Abschluss zum Magister Legum bestritt ich an der Fernuniversität Hagen. Ein Studienaufenthalt führte mich auch an die Cambridge University nach England. Knapp sieben Jahre arbeitete ich als Rechtsanwalt in Stuttgart, Berlin und London. Mein Herz schlug jedoch immer schon vor allem auch für die Strafrechtsgeschichte, meine Publikationsliste wurde länger und länger. Seit 2013 bin ich nun geschäftsführender Direktor des Mittelalterlichen Kriminalmuseums in Rothenburg und kann mich noch intensiver der Historie widmen. Meine Forschungs- und Interessenschwerpunkte: ältere und neuere Strafrechtsgeschichte, insbesondere mittelalterliches Kirchenstrafrecht, Inquisitionsverfahren, Hexenverfolgungen und die Entwicklung der Todesstrafe. http://www.kriminalmuseum.rothenburg.de/

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1 Kommentar

  1. Hubert Popp sagt:

    Ja , ein heiliger Bösewicht vom Allergröbsten dieser Innozenz III.! Nicht nur , daß er gegen Andersgläubige lebensvernichtend vorging , auch die Jüdischen Mitbürger kamen bei ihm nicht ganz gut weg ! Doch wohl seine größte Unverschämtheit war sein Dogma zur Eucharistie , damit versenkte er das Priestertum in den Bereich der Schamanen ! In der Tat , Papst Innozenz III. hat damals im Jahre Anno 1215 verfügt , daß durch ein Hineinflüstern und Hineinwünschen Jesu in dieses Brot eine Wesensverwandlung stattfindet , eine wunderschöne Transsubstanstiation also , die aber optisch für den Gläubigen nicht sichtbar ist , sonst wäre es ja auch kein Geheimnis mehr …. und deshalb dürfen ja auch nur akademische , männliche unlaische Menschen diese Wandlung vollziehen !……. Und hier bewahrheitet sich wieder die Feststellung ::: Die Theologie ist eine Wissenschaft , deren Kunst darin besteht , einfache Geschehnisse dem einfachen Menschen so darzustellen , daß sie diesem als Geheimnis erscheinen !.. Grotesk und Komödienhaft ist aber auch der Versuch des Kirchenlehrers und Judenhassers Thomas von Aquin (..Anno 1224 bis 1274 ) die Schein und sein Lehre des Aristoteles ( Anno 384 v, Chr. ), in diese Hostienwandlung hinein zu wünschen mit schamanischer Gültigkeit bis in die heutige Zeit !………..Mittlerweile wissen .wir Katholiken ja , daß diese “ Gott- Verzehrung “ , eine Übernahme aus den Riten griechischer Geheim – Religionen wie Mithra , Attis, , Dionysos , , Demeter , Herakles usw. stammt ! Also Summa , Summarum Philosophika :::: wir können wohl ein brotliches Erinnerungs – Mahl halten , doch Gott essen und trinken zu können ist nicht nur nicht möglich , sondern völlig überflüssig ! Unser lieber Apostel Paulus , geboren in Tarsos , einer Hochburg der Mithras – Religion , und nicht Jesus , der sich ja bestens mit diesen griechischen Verzehrungs – Geheimnissen auskannte , hat uns diesen angeblich höheren Sinn der Gottesverzehrung geschenkt ! Doch werden wir dadurch nicht göttlicher als wir es ohnehin schon von Geburt an sind ! Lassen wir also ab von diesem gottesfernen und heidnischen Flüster-Ritus , denn der Verdacht läßt sich hier nicht vermeiden , daß sich hier Geheimnis und Kannibalismus miteinander verschmelzen !

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