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Rothenburger Ausstellungen zur Reformation

Wer in diesen Tagen den Rothenburger Reiterlesmarkt besucht, wird vielleicht nicht nur an Christbaumschmuck und Glühwein in der berühmten Weihnachtsstadt interessiert sein, sondern auch an der Kultur in den alten Mauern. Im Jahr 2016/2017 gibt es einige hochkarätige Ausstellungen zum Thema Reformation. Diese zu sehen, lohnt sich, wenn man  Zeit mitbringt. Die kalte Jahreszeit ist Museumszeit und wenn es draußen vielleicht ungemütlich oder gar regnerisch sein sollte, kann man drinnen die Geschichte Rothenburgs in Renaissance und Reformation entdecken. Auch Rothenburg ob der Tauber hat sich in Kirchen und Museen auf das Reformationsjahr 2017 eingestimmt. Das freut mich als evangelischen Pfarrer natürlich besonders. Grund genug für mich, selbst einmal einen kleinen Entdeckungs-Streifzug durch die Rothenburger Kirchen und Museen zu machen:

Heilig-Geist-Kirche: Summarien des Veit Dietrich

Betritt man den Süden der Stadt durch das Spitaltor, so gelangt man gleich links zur Spitalkirche, die tagsüber immer geöffnet ist. Hier im Kirchenschiff stellt der frühere Dekan von Rothenburg und jetzige Leiter der Kapitelsbibliothek Dr. Dietrich Wünsch einen anschaulichen Fund aus der Reformationszeit vor: Die Rede ist von den „Summarien“ des Veit Dietrich (1506–1549). In dem in Leder gebundenen Druckwerk fasste Dietrich die Bücher des Alten und des Neuen Testamentes zusammen und ließ sie durch den Maler Virgil Solis mit 160 großflächigen und kolorierten Holzschnitten versehen.

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Eine Art Bilderbuch der Bibel mit eingängigen direkten Darstellungen ist daraus geworden. Der Reformation waren Bilder also durchaus wichtig. Das Buch stammt aus dem Jahr 1578 und wurde im Pfarrhaus der Spitalkirche gefunden. Veit Dietrich hat noch zahlreiche andere Bücher geschrieben, die der Verbreitung der reformatorischen Lehre in Schule, Gemeinde und häuslicher Andacht dienten. Veit Dietrich war Sekretär Martin Luthers und später Prediger an der Nürnberger Kirche St. Sebald. Ihm ist es auch zu verdanken, dass der Reformator Sloweniens Primus Trubar in Rothenburg wirkte. Die Ausstellung ist noch bis Ostern 2017 zu sehen. Eine halbe Stunde könnte man sich mindestens Zeit nehmen, um sich die 25 Tafeln genau anzusehen. Und man sollte bei Tageslicht in die Spitalkirche gehen, weil die Beleuchtung dann klarer ist.

Kriminalmuseum: Luther und die Hexen

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Zu Fuß geht es weiter. Nach der in roter Farbe gestrichenen Johanniskirche geht es gleich links zum Kriminalmuseum. Dort im Seitentrakt, in der sogenannten Johanniterscheune, ist eine hochkarätige Ausstellung  zum Thema „Luther und die Hexen“ zu sehen. Kaum habe ich im ersten Ausstellungsraum die Treppe bestiegen, überfällt mich via Lautsprecher eine eindringliche Hexenstimme, die mir allerlei krude Zaubersprüche ins Ohr wispert. Im ersten Stockwerk der Johanniterscheune erfahre ich, wie es eigentlich zum Vorwurf von Hexerei gekommen ist.

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Die Hexerei, so ist zu lesen, umfasste den Vorwurf von Schadenszauber (zum Beispiel ein Hagel-Unwetter, den Pakt mit dem Teufel, sexuellen Verkehr mit dem Teufel, die Teilnahme am Hexensabbat und schließlich den Flug durch die Lüfte, den bekannten Besenritt – irgendwie mussten die Hexen ja auch hinkommen zum Fest!) Es ist schon abenteuerlich, welche Vorwürfe die Angst den Menschen ins Gehirn diktiert hat.
Im Obergeschoss wird über das Leben Martin Luthers und die Reformation berichtet, das ist sehr gut gelungen! Dabei erfährt man, was Luther über Hexen dachte. Immer dann nämlich, wenn ihm seine labile Gesundheit einen Streich spielte, wenn er Schmerzen hatte, soll Luther besonders aggressiv gegen vermeintliche Hexen eingestellt gewesen sein. Allein im oberen Ausstellungsraum sind 44 Tafeln zum Thema. Ein notwendiger, bisher noch nicht üblicher, auf einen bestimmten Aspekt des Lebens Luthers und auf die Reformation fokussierter Blickwinkel. Ein gelungener Beitrag zum Reformationsjahr.

Was ich gut finde: Die Tafeln sind auch in englischer Sprache gehalten.

Das Museum hat im Winter nachmittags von 13–17 Uhr geöffnet. Um die Ausstellung anzusehen, benötigt man weit mehr als eine gute Stunde Zeit und dabei kann man trotzdem nicht alles sehen oder lesen – solch eine Fülle des Wissens ist hier zusammengetragen!

Reichsstadtmuseum: Medien der Reformation – Kampf der Konfessionen

Jetzt muss ich mich sputen, wenn ich noch rechtzeitig zum „Reichsstadtmuseum“ im Klosterhof 5 im ehemaligen Dominikanerinnenkloster gelangen will. Es hat jetzt 13–16 Uhr (bis März, dann 9.30–17.00 Uhr) geöffnet. Die Reformationsausstellung dort nennt sich „Medien der Reformation – Kampf der Konfessionen“.

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Im Kernbestand geht diese Ausstellung auf eine 58 Bände umfassende Sammlung reformatorischer Flugschriften zurück, die der Ansbacher Markgrafenkanzler Georg Vogler nach seinem Tod 1554 der Stadt Rothenburg hinterließ und die im Stadtarchiv aufbewahrt wird. Ein einzigartiger Schatz! In diesen nur etwa 20 Seiten umfassenden, aber massenhaft gedruckten Flugschriften wird ein dramatischer und zum Teil hasserfüllter Glaubenskampf um die Wahrheit geführt, dem die Shitstorms gegenwärtiger sozialer Medien um nichts nachstehen. Flugblätter waren noch kürzer als Flugschriften und haben sich als „Flyer“ bis heute gehalten , wenn auch mit weniger politischem Inhalt.

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Mit dem „Papstesel zu Rom“ und dem „Mönchskalb zu Freyberg“ beschrieben Melanchthon und Luther die Verkommenheit der römischen Kurie. Allein 1524 hat man 2400 Flugblätter und Schriften in schätzungsweise 2,4 Millionen Exemparen verbreitet. Die Reformation machte sich das neue Medium Buchdruck zunutze und druckte die neue Lehre in griffigen Sätzen und anschaulichen Holzschnitten für das allgemeine Volk, nicht nur für die Latein sprechenden Universitätsgelehrten.

Da längst nicht alle Menschen lesen konnten, wurde die Flugschriften-Propaganda wohl in Predigten, bei Tischreden oder Vorträgen am Markt, in den Gassen, auf den Kirchhöfen und bei anderen Gelegenheiten vorgelesen und diskutiert. So jedenfalls beschreibt es die Rothenburger Chronik von Thomas Zweiffel.

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Die Ausstellung im Reichsstadtmuseum stellt auf der linken Seite mit roter Farbe die katholische Fraktion dar, die Päpste des Zeitalters angefangen mit Papst Alexander I., dann die Zustände in Rom zur Zeit Luthers, die Rolle des Kaisers und die päpstliche Gefolgschaft. Auf der anderen Seite rechts in Grün die reformatorische Opposition, die Unterstützer Luthers, Flugschriften, die medienwirksame ikonografische Darstellung Luthers, Informationen über den aufkommenden Buchdruck, die Kommunikation im Mittelalter und Rothenburg zur Zeit der Reformation und des Bauernkrieges (1525). In der Mitte sind unter zwei Glaskästen ausgewählte Flugschriften zu sehen, die sehr sehenswert sind, weil so etwas selten gezeigt wird. Der Vergleich mit Facebook-Freunden auf dem in die Ausstellungswand eingelassenen Bildschirm hätte etwas mehr Aktualität vertragen: Eine Medienrevolution muss erst Regularien finden muss, z.B. die „Netiquette“ fürs Internet, bevor die verbalen Gewaltauswüchse ein ungehindertes Dasein führen. Einen aufschlussreichen und zugespitzten Blick in die Mediengeschichte leistet diese Ausstellung.

Weitere Ausstellungen zur Reformation

Drei große Ausstellungen in Rothenburg. Alle sehr besuchenswert. Neben der Broschüre zu „Rothenburg in  Renaissance und  Reformation“ erscheinen in  Kürze auch Kalaloge, mit deren Hilfe man zu Hause die Ausstellungsthemen weiter vertiefen kann:

Zu der Sonderausstellung im Mittelalterlichen Kriminalmuseum erscheint übrigens am 13. Februar 2017 im Verlag der Wissenschaftlichen Buchgesellschaft, Darmstadt, das gleichnamige Buch „Mit dem Schwert oder festem Glauben“. Luther und die Hexen, hg. von Markus Hirte, 224 Seiten.

Und zu der Sonderausstellung im Reichsstadtmuseum erscheint eine zweisprachige Begleitschrift: Hellmuth Möhring, Medien der Reformation – Kampf der Konfessionen / Media of the Reformation Age – A Confession Fight, Museumsheft Nr. 7, Rothenburg ob der Tauber 2017, 118 Seiten.

Und  noch weitere Ausstellungen gibt es in Rothenburg: Im Wildbad Rothenburg im Süden der Stadt informiert eine Ausstellung über die Protestanten weltweit.

Und ab 6. Mai bis 25. Juni 2017 wird in  der Franziskanerkirche für etwa sieben Wochen die Wanderausstellung des Frankenbundes “Lebensbilder der Reformation in Franken” gezeigt. Dabei geht es um Menschen im Kontext der Reformation an fränkischen Orten. Man darf gespannt sein.

Wer es zeitlich nicht schafft, während des Reiterlesmarktes diese Geschichtsausstellungen zu besuchen, kann das gerne bei einem weiteren Besuch in Rothenburg ob der Tauber tun:

Die Hexen-Ausstellung im Kriminalmuseum ist noch bis Ende Dezember 2018 (!) zu sehen, die Medien-Ausstellung im Reichsstadtmuseum noch bis Ende September 2017.

Oliver Gußmann

In Rothenburg bin ich Touristen- und Pilgerpfarrer an St. Jakob. Das ist die große, an Kunstschätzen reiche evangelische Kirche mit den Doppeltürmen mitten in Rothenburg! Meine Aufgabe ist es, die Kirchen Rothenburgs Gästen und Touristen aus der ganzen Welt bekannt zu machen. Die zahlreichen Gotteshäuser des gotischen Rothenburgs erzählen mit Bildern und Symbolen vom Glauben, der Liebe und der Hoffnung unserer Vorfahren; sie berichten vom Sterben und Auferstehen, von Hingabe und Erlösung. Bei meiner Arbeit hilft mir ein Kirchenführer-Team. Außerdem traue ich Hochzeitspaare, mache Nachtkirchenführungen und vieles mehr. Gerne führe ich durch das jüdische Rothenburg oder biete für Kinder und Jugendliche kirchenpädagogische Führungen an. Für die Jakobuswege, von denen sich einige in Rothenburg kreuzen, bin ich der Ansprechpartner. Mir liegt eine gesunde Umwelt am Herzen. Darum fahre ich ein "Velomobil" - eine Mischung zwischen Seifenkiste und Rennauto. Wenn Sie so etwas in Rothenburg stehen sehen, bin ich sicher nicht weit entfernt! Mehr über meine Arbeit: www.rothenburgtauber-evangelisch.de/tourismus

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Trauer, Entsetzen und Jubel in Rom und Rothenburg

Ein heißer Sommertag in der Ewigen Stadt, dem Haupt bzw. Nabel der Welt (caput mundi) vor 800 Jahren. Der Stadt und dem Erdkreis (urbi et orbi) stocken der Atem. Das geistliche Oberhaupt der Christenheit, der Papst (Pontifex) Innozenz III., verstirbt am 16. Juli 1216 im Alter von nur 56 Jahren in Perugia.

Der Juristenpapst: Innozenz III. (1198-1216)

Der Juristenpapst: Innozenz III. (1198-1216)

Dann überschlagen sich die Ereignisse: Der Leichnam von Innozenz III. (1198-1216) wird in der Kathedrale von Perugia aufgebahrt. Doch in der Nacht vom 16. zum 17. Juli 1216 rauben Unbekannte dem Aufgebahrten die kostbaren Totengewänder. Sie lassen den Leichnam fast nackt in der schon süßlich nach Verwesung riechenden Kirche zurück. „Wie kurz und eitel ist die trügerische Herrlichkeit dieser Welt?“ (quam brevis sit et vana huius seculi fallax gloria) fragt der Augenzeuge Bischof Jacques de Vitry seinerzeit.

Doch war es wirklich Raub, gar Leichenschändung? Fühlten sich die „Entwender“ möglicherweise gar im Recht? Schließlich war allgemein anerkannt, dass Kirchenmänner nicht heiraten und ebenso wenig etwas vererben dürfen. Das sogenannte Spolienrecht (ius spolii) gab dem kirchlichen Oberen deshalb das Recht, den beweglichen Nachlass eines verstorbenen Klerikers einzuziehen. Doch gehörten auch die Totengewänder dazu und hätten sie nicht der päpstlichen Schatzkammer zufallen müssen?

Dass gerade der bedeutendste Juristenpapst des Mittelalters, Papst Innozenz III. kurz nach seinem Ableben Opfer einer „Straftat“ oder zumindest einer missbräuchlichen Interpretation des Sponsalienrechts wird, scheint eine dunkle Ironie der Geschichte.

Päpstliche Gerichtsentscheidung Innozenz III. (1206)

Päpstliche Gerichtsentscheidung Innozenz III. (1206)

Dabei begann alles so hoffnungsvoll. Bereits am Todestag Papst Coelestins III. (8. Januar 1198) wählte das Konklave (cum clave mit dem Schlüssel = abgeschlossener Raum, in dem der Papst von den Kardinälen gewählt wird) den noch nicht einmal 40 Jahre alten Lothar von Segni zum Papst. Er war noch so jung, dass er nicht einmal die für eine Papstwahl erforderliche Priesterweihe erhalten hatte, was man kurz darauf nachholte. Walther von der Vogelweide spöttelte gar über das junge Alter des neuen Papstes (Owê, der bâbest ist ze junc. Hilf, hêrre, dîner cristenheit).

Als Papst Innozenz III. machte sich der junge Kirchenrechtler daran, die Missstände in seiner Kirche entschieden zu bekämpfen. Pflichtvergessene Kleriker wurden diszipliniert; Völlerei, Ämterkauf, Korruption u.v.m. streng geahndet.

Der Klerus sollte wieder ein Vorbild für den einfachen Gläubigen sein! Dies war dringend nötig. Seit Jahren liefen der römischen Kirche die Gläubigen fort. Nur allzu oft wurde in den Kirchen und Klöstern „Wasser gepredigt und Wein getrunken“. Alternative Glaubensgemeinschaften wie etwa Katharer (von griechisch καθαρός, katharós „rein“, daraus abgeleitet „Ketzer“) oder Waldenser, avancierten mit ihren Lehren (Häresien) zu einem Sammelbecken für unzufriedene Gläubige. Um gegen Kleriker besser gerichtlich vorgehen zu können, entwickelte der Jurist Innozenz III. das Inquisitionsverfahren weiter. Mehrmals die Woche leitete er selbst Gerichtverhandlungen in Rom und sorgte dafür, dass seine Urteile und Entscheidungen im ganzen Abendland verbreitet wurden.

Doch beließ es Innozenz III. nicht dabei, den Ketzerbewegungen durch Klerusdisziplinierung den Nährboden zu entziehen. Er ordnete die Häresie als Kapitalverbrechen ein und ging entschieden gegen die Ketzer vor. Ein blutiger Ketzerkreuzzug wütete ab 1209 in Südfrankreich und kostete viele Menschen das Leben. Auf dem 4. Laterankonzil im Jahre 1215 wurden unter seinem Pontifikat erneut alle Ketzer exkommuniziert.

Ketzerverbrennung 1210 (Luyken, Tanz der Märtyrer)

Ketzerverbrennung 1210 (J. Luyken, Tanz der Märtyrer, 1700)

Doch wer war nun genau ein Ketzer? Für den einfachen Bischof oder Priester war es im Hochmittelalter alles andere als einfach, das zu erkennen! Könntet Ihr es? Ein paar Beispiele:

War derjenige ein gläubiger Katholik, der glaubte:

– nur durch sexuelle Enthaltsamkeit den Weg zum Heil zu finden?

– beim Abendmahl verwandele sich das gereichte Brot und Wein tatsächlich und real in Leib und Blut Jesu Christi (transsubstantiatio = Wesensverwandlung)?

– nur bei Gott im Himmel sei das Gute zu finden; die irdische Welt sei grundsätzlich schlecht?

– dass die Dämonen zunächst gut erschaffen wurden, später aus sich selbst heraus böse wurden?

(Die Auflösung findet ihr am Ende des Blogs!)

Um den Priestern eine Handreichung zu geben, formulierte man auf dem 4. Laterankonzil das Glaubensbekenntnis weiter aus (Wir glauben an den einen Gott, den Vater, den Allmächtigen …). Wer damit nicht einig ging, geriet in den Dunstkreis der Häresie, ob nun in Rom, Südfrankreich oder Rothenburg ob der Tauber. Auch die von Innozenz III. initiierten Reformen, seine Urteile und Anweisungen beeinflussten die Bewohner des fränkischen Jerusalems. So überwölbte das Kirchenrecht die mittelalterliche Welt wie eine Glaskuppel, unter der auch die Rothenburger des 13. Jahrhunderts lebten und starben.

Gesamtansicht Rothenburgs von Westen (Kupferstich, H. Meichsner, 1615)

Gesamtansicht Rothenburgs von Westen (Kupferstich, H. Meichsner, 1615)

Zwar dürfte der Kleiderraub in der Kathedrale von Perugia vor fast genau 800 Jahren nicht bereits am nächsten Morgen Stadtgespräch in Rothenburg gewesen sein, so viele Jahre vor Erfindung des Buchdrucks, der Zeitungen, n-tv-Newsticker und Twitter-Dienst. Doch wird auch in Rothenburg der Jubel umso größer gewesen sein, als keine zwei Tage nach dem Tod Innozenz III. mit Honorius III. ein neuer Papst der Christenheit vorstand und der Stuhl (sedes) Petri damit nur für kurze Zeit vakant blieb (Sedisvakanz).

Markus Hirte / Charlotte Kätzel

(Antwort auf die Fragen: nein, ja, nein, ja)

Markus Hirte

Ich heiße Dr. Markus Hirte. Geboren wurde ich 1977 in Weimar. Ich habe Rechtswissenschaft studiert und wurde an der Friedrich-Schiller-Universität Jena zum Dr. iur. promoviert. Meinen Abschluss zum Magister Legum bestritt ich an der Fernuniversität Hagen. Ein Studienaufenthalt führte mich auch an die Cambridge University nach England. Knapp sieben Jahre arbeitete ich als Rechtsanwalt in Stuttgart, Berlin und London. Mein Herz schlug jedoch immer schon vor allem auch für die Strafrechtsgeschichte, meine Publikationsliste wurde länger und länger. Seit 2013 bin ich nun geschäftsführender Direktor des Mittelalterlichen Kriminalmuseums in Rothenburg und kann mich noch intensiver der Historie widmen. Meine Forschungs- und Interessenschwerpunkte: ältere und neuere Strafrechtsgeschichte, insbesondere mittelalterliches Kirchenstrafrecht, Inquisitionsverfahren, Hexenverfolgungen und die Entwicklung der Todesstrafe. http://www.kriminalmuseum.rothenburg.de/

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Luther und die Hexen: einfach magisch

Geschichte wird geschrieben…

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Hier sollen die 95 Thesen angenagelt worden sein: Das Tor der Schlosskirche zu Wittenberg.

1517. Eine junge Universitätsstadt im heutigen Sachsen-Anhalt. Eine aufgeregte Menge auf dem Schlossplatz. Ein nicht mehr ganz junger Doktor der Theologie nähert sich entschlossen dem großen Tor der Schlosskirche. Die Menge hält den Atem an. Lautes Hämmern. Dann bricht lauter Jubel aus.

Martin Luther hat soeben mit dem Anschlag der 95 Thesen an der Wittenberger Schlosskirche den unaufhaltsamen Beginn der Reformation initiiert.

Ob es tatsächlich einen solchen Thesenanschlag gegeben hat? Aus heutiger Sicht ist dies mehr als zweifelhaft. Trotzdem gilt das Bild des Thesenanschlags bis heute als das Symbol der Reformation.

Am 31. Oktober 2017 wird sich der Beginn der Reformation zum 500. Mal jähren. In Erwartung des großen Jubiläums begann schon 2008 die sogenannte Lutherdekade mit den verschiedensten Veranstaltungen und Feiern.

 

Die Reformation schlägt Wellen… bis nach Rothenburg

Auch Rothenburg hat eine bewegte reformatorische Vergangenheit. Schon in den 1520ern, wenige Jahre nach dem Thesenanschlag Martin Luthers, gab es erste Reformationsversuche in Rothenburg, die mit dem Bauernkrieg aber (zum Teil blutig) niedergeschlagen wurden.

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Johannes Hornburg wurde 1539 erstmals Bürgermeister von Rothenburg.

1544 gelang es dann dem Ratsherren Johannes Hornburg mit Hilfe anderer Ratsmitglieder, die Reformation in Rothenburg zu initiieren und durchzuführen. Hornburg hatte in Wittenberg studiert und dort auch Luther persönlich kennengelernt und dessen Vorlesungen gehört.

Rothenburg kann also als Stadt mit langer evangelisch-lutherischer Geschichte betrachtet werden. Daher ist es nicht verwunderlich, dass auch Rothenburg verschiedene Beiträge zur Lutherdekade bietet.

So erinnert das Mittelalterliche Kriminalmuseum Rothenburg an den Reformator und das Jubiläum der Reformation mit einer Sonderausstellung.

 

 

Martin Luthers Leben und Wirken aus rechtshistorischer Sicht

„Mit dem Schwert oder festem Glauben – Luther und die Hexen“, so der Titel der großen, dreijährigen Sonderausstellung des Kriminalmuseums zur Lutherdekade. Entsprechend der Ausrichtung des Museums fällt ein besonderer Fokus auf das Gebiet der Rechtsgeschichte: das düstere Kapitel des Hexenwahns wird aufgeschlagen. Bei der Hexenthematik handelt es sich um einen Aspekt, der mit Leben und Wirken Luthers untrennbar verknüpft ist. Martin Luther lebte zu einer Zeit wachsender Hexenangst. Für Luther bestand wie für die meisten seiner Zeitgenossen kein Zweifel an der Existenz von Hexen und deren (schändlichem) Einfluss auf Land und Leute. Daher ist es nicht verwunderlich, dass sich Luther auch zu diesem Thema äußerte. Jedoch war sein Umgang mit den Hexen von Widersprüchen geprägt. Forderte er an einem Tag noch die strikte Verfolgung und Bestrafung, rief er am anderen schon dazu auf, mit Hexen und deren Taten milde umzugehen, sie im christlichen Sinne hinzunehmen. Wollte er einmal „Der Erste sein, der Feuer an sie legt“, riet er beim anderen Mal zu Milde bei einem Einzelfall.

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Als Francisco de Goya 1799 seine Linda Maestra schuf, hatte der Hexenwahn bereits ein Ende gefunden.

Luther zeigte sich die Hexenfrage betreffend also auffällig doppelgesichtig. Um diesen Charakterzug Martin Luthers und auch viele andere seiner Aussagen und Taten nachvollziehen zu können, ist es unerlässlich, seine bewegte Biographie zu betrachten. Zugleich sollte man sich auch die Welt vor Augen halten, in der Martin Luther lebte, und die Schauplatz schwerwiegender Erschütterungen war.

Deswegen wird in der Ausstellung nicht nur Luthers Leben geschildert, sondern auch ein Blick auf das damalige Zeitgeschehen geworfen. Es werden die Bedingungen beleuchtet, unter denen die Menschen gelebt haben. Faktoren wie (Religions-)kriege, Epidemien wie die Pest und sogar eine „kleine Eiszeit“ helfen zu erklären, wie der Hexenaberglaube derart gewaltige Ausmaße annehmen konnte.

 

Rothenburg: das Hexenparadies?

Die Sonderausstellung widmet sich auch der Reformation und Hexenverfolgung in Franken und Rothenburg. Tatsächlich gab es in Rothenburg insgesamt nur drei Hexereiprozesse, von denen auch nur zwei zu einer Todesstrafe führten. Diese Anzahl ist erstaunlich gering verglichen mit den hohen Zahlen an Hexenprozessen und Hinrichtungen in nur wenig entfernten Städten wie Würzburg oder Bamberg. Diese erlangten mit der Verbrennung tausender Menschen traurige Berühmtheit als Hochburgen der Hexenverfolgung.

Womit lässt sich dies erklären? Die Antwort gibt es ab dem 1. Mai 2016 im Kriminalmuseum, wo es heißen wird: „Mit dem Schwert oder festem Glauben – Martin Luther und die Hexen.“

 

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Martin Luther lebte in einer bewegten Zeit.

 

Markus Hirte / Charlotte Kätzel

Markus Hirte

Ich heiße Dr. Markus Hirte. Geboren wurde ich 1977 in Weimar. Ich habe Rechtswissenschaft studiert und wurde an der Friedrich-Schiller-Universität Jena zum Dr. iur. promoviert. Meinen Abschluss zum Magister Legum bestritt ich an der Fernuniversität Hagen. Ein Studienaufenthalt führte mich auch an die Cambridge University nach England. Knapp sieben Jahre arbeitete ich als Rechtsanwalt in Stuttgart, Berlin und London. Mein Herz schlug jedoch immer schon vor allem auch für die Strafrechtsgeschichte, meine Publikationsliste wurde länger und länger. Seit 2013 bin ich nun geschäftsführender Direktor des Mittelalterlichen Kriminalmuseums in Rothenburg und kann mich noch intensiver der Historie widmen. Meine Forschungs- und Interessenschwerpunkte: ältere und neuere Strafrechtsgeschichte, insbesondere mittelalterliches Kirchenstrafrecht, Inquisitionsverfahren, Hexenverfolgungen und die Entwicklung der Todesstrafe. http://www.kriminalmuseum.rothenburg.de/

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The Last Witch Hunter – Hexenjagd 2.0?

New York, Sommer 2015, in einem noblen upper-eastside-Loft: „Deine Unsterblichkeit hat Dich – Kaulder – zum größten Krieger von Axt und Kreuz gemacht … in einem Krieg zwischen unserer Welt … und der Nächsten. Die mächtigsten Hexen, die es je auf Erden gegeben hat, sind hier, um uns zu vernichten!“

 

 

Spannender Trailer! Aber worum geht es konkret im jüngsten Hollywood-Blockbuster The Last Witch Hunter mit Vin Diesel, Elijah Wood, Michael Caine und Rose Leslie?

Vin Diesel alias Kaulder bekämpft als letzter Hexenjäger seiner Art gemeinsam mit einem geheimen kirchlichen Orden namens „Axt und Kreuz“ das Böse. Gemeinsam halten sie seit langer Zeit einen geheimen Frieden mit dem Hexenrat aufrecht. Mittlerweile steht dem über 800 Jahre alten Kaulder schon sein 36. „Dolan“ (ein spezialisierter Priester) zur Seite. Als „Die Waffe“ vernichtet Kaulder seit  Jahrhunderten im Auftrag der Kirche böse Hexen. Den Fluch der Unsterblichkeit hat er der sinisteren Hexenkönigin zu verdanken, die er im Mittelalter einst getötet hatte. Doch eine – Menschen und den Hexenrat verachtende – Gruppe von Hexen schickt sich an, die Hexenkönigin wieder auferstehen zu lassen und überdies mit einer neuartigen Pest die Menschheit endgültig auszulöschen. Gemeinsam stellen sich die gute Hexe Chloe und Kaulder dem Kampf.

 

 

Hollywoods Hexenjäger

Das mediale Interesse am Hexenthema scheint ungebrochen, ob nun in Fernsehserien (Sabrina, Buffy, Charmed, Witches of East End) oder Kinostreifen (Hänsel und Gretel: Hexenjäger, DE/US 2013; Brother`s Grimm, CZ/US 2005 oder eben The Last Witch Hunter, US 2015). Aber Hollywood wäre nicht Hollywood, wenn nicht jeder neue Hexenfilm weitere Überraschungen bereit hielte.

Das fängt bereits bei der Location von The Last Witch Hunter an. Der Showdown zwischen Gut und Böse findet nicht auf historischem Boden statt, etwa einer mittelalterlichen Stadt à la Rothenburg o.d.T. Nein,getreu dem Selbstverständnis der kalifornischen Filme-Schmiede wird der apokalyptische Endkampf in Nordamerika ausgetragen, genauer gesagt in New York City am Central Park (oder eher Pittsburgh, das als Orts-Double im Film herhalten durfte). Und auch inhaltlich treffen wir auf viele bekannte, aber auch interessante neue Aspekte: Hexenjagd 2.0?

 

Fakt und Fiktion – historisch (un-)korrekt?!

Der anspruchsvolle Cineast mag sich fragen, was weiß The Last Witch Hunter wirklich über die früheren „Hexen“? Welche Hexenvorstellungen ängstigten schon unsere Vorfahren? Was ist Hollywood-Erfindung des 21. Jahrhunderts?

Hier ein paar rechtshistorische Einblicke:

Wetterzauber: Gleich zu Beginn des Filmes überführt Kaulder eine junge Hexe, die – versehentlich – einen starken Wetterzauber wirkt. FAKT! Das Verüben von Wetterzaubern war einer der Hauptvorwürfe in den frühneuzeitlichen Hexenprozessen.

Darstellung einer wetterbrauenden Hexe; Ausschnitt aus dem Tengler Laienspiegel (1512)

 

Hexen im Mittelalter? Im Film bekämpfte der Hexenjäger bereits im 13. Jahrhundert Hexen. FIKTION! Auch hier perpetuiert Hollywood die Mär vom finsteren Mittelalter mit Hexen(-verfolgungen). Der Hexenglaube, der Grundlage der Hexenverfolgungen war, formierte sich erst im 15. Jahrhundert. Die großen Hexenverfolgungen fanden sogar erst im 16./17. Jahrhundert statt.

Gute und böse Hexen: Im Film tauchen attraktive Hexen, wie Chloe, auf, die Gutes bewirken und helfen. Andere wiederum sind geradezu monströs (die Hexenkönigin) und haben das Potential zum apokalyptischen Erstschlag. FIKTION! Die filmische Gleichsetzung von Attraktivität mit Güte und Hässlichkeit mit Bosheit ist den gängigen Strukturen Hollywoods geschuldet. In der Vorstellung unserer Vorfahren in der Frühen Neuzeit waren Hexen als Bräute des Teufels grundsätzlich und abgrundtief böse, weshalb man sie auch vernichten wollte.

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Die Linda Maestra von Goya (1799): alte, hässliche und junge, attraktive Hexe machen gemeinsame Sache.

Hexen beiderlei Geschlechts? Im Film wird Hexerei von Männern ebenso verübt wie von Frauen. FAKT! Bis in die Mitte des 15. Jh. war das Hexereidelikt „geschlechtsneutral“. Erst in der Folgezeit wird es mehr und mehr auf Frauen ausgerichtet. Paradigmatisch steht dafür der Hexenhammer, das unheilvollste Buch der Literaturgeschichte.  Auch in den Hexenverfolgungen der Frühen Neuzeit gab es – je nach Region und Zeit – viele (in Skandinavien sogar überwiegend) männliche Opfer. Prozentual dürfte der Anteil der weiblichen Opfer insgesamt bei ca. 75 % gelegen haben.

Hexenhammer

Der berühmte, schicksalhafte Hexenhammer (Malleus Maleficarum, 1486) von Heinrich Kramer trieb die Feminiserung des Hexereiverbrechens an.

Pestfliegen:  Im Film plant die Hexenkönigin die Vernichtung der Menschheit mit einer neuen Pest, die durch Fliegen übertragen wird; sozusagen die Pest 2.0. FIKTION! Die im Film den Matrix-Wächtern in Sachen Formationsflug in Nichts nachstehenden Pestfliegen sind eher biblische Anleihen. Zwar wurden die Hexen in den Hexenprozessen beschuldigt, Krankheiten und Epidemien verursacht zu haben. Die Pestepidemien des Mittelalters und der frühen Neuzeit wurden jedoch in Wahrheit hauptsächlich von Flöhen und deren warmblütigen Wirtstieren übertragen.

Geborene Hexen: Im Film gibt es geborene Hexen und Hexer. Deren Kräfte sind zunächst einmal neutral und können sowohl für das Gute als auch das Schlechte eingesetzt werden. EHER FIKTION! In der Vorstellungswelt unserer Vorfahren erlangte die Hexe die Zauberkräfte als Gegenleistung des Teufels dafür, dass die Hexe sich von Gott abwandte und dem Teufel verschrieb. Dieser Teufelspakt war also konstitutiv für die Zaubermöglichkeit und allein der Abschluss des Teufelspaktes war ab 1572 in Kursachsen mit dem Feuertod bedroht.

Kursächsische Konsititution

In den Kusächsischen Konstitutionen von 1572 wurde der Teufelspakt als maßgeblich für das Hexereiverbrechen angesehen.

 

Vin Diesels Hexenjagd in New York – Tradition und Wandel der Hexenbilder

Es zeigt sich, dass The Last Witch Hunter in Sachen Hexenbild teilweise die ausgetretenen Pfade verlässt. Man sollte sich aber bewusst sein: Vin Diesel moderiert keine Geschichtsreportage. Er rettet die Welt in einem Fantasy-Action-Film, dessen Hexenbild erheblich von den historischen Hexenbildern abweicht. Wie so oft bei der Aufbereitung historischer Stoffe durch Hollywood gilt: Fakt oder Fiktion? Egal – Hauptsache, die Spannung stimmt.

 

Markus Hirte / Charlotte Kätzel

Markus Hirte

Ich heiße Dr. Markus Hirte. Geboren wurde ich 1977 in Weimar. Ich habe Rechtswissenschaft studiert und wurde an der Friedrich-Schiller-Universität Jena zum Dr. iur. promoviert. Meinen Abschluss zum Magister Legum bestritt ich an der Fernuniversität Hagen. Ein Studienaufenthalt führte mich auch an die Cambridge University nach England. Knapp sieben Jahre arbeitete ich als Rechtsanwalt in Stuttgart, Berlin und London. Mein Herz schlug jedoch immer schon vor allem auch für die Strafrechtsgeschichte, meine Publikationsliste wurde länger und länger. Seit 2013 bin ich nun geschäftsführender Direktor des Mittelalterlichen Kriminalmuseums in Rothenburg und kann mich noch intensiver der Historie widmen. Meine Forschungs- und Interessenschwerpunkte: ältere und neuere Strafrechtsgeschichte, insbesondere mittelalterliches Kirchenstrafrecht, Inquisitionsverfahren, Hexenverfolgungen und die Entwicklung der Todesstrafe. http://www.kriminalmuseum.rothenburg.de/

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Weihnachten … ohne Kirchgang?

Seit dem 3. Jh. feiern Menschen im christlichen Abendland das Weihnachtsfest. In der ersten Zeit freilich noch unter anderem Namen. Der Begriff Weihnachten ist nämlich deutlich jünger. Als „Ze wîhe naht“ oder „wihenaht“ (mittelhochdeutsch) finden wir ihn erstmals quellenmäßig belegt im 11. Jh.

Kriminalmuseum - Weihnachtskarte 2014 (Im Hintergrund eine Kopie der Predigtensammlung Speculum ecclesiae (um 1170) mit einer der ersten Nennungen des Begriffs wihenaht; siehe vorletzte Zeile letzte Wort)

Kriminalmuseum – Weihnachtskarte 2014 (im Hintergrund eine Kopie der Predigtensammlung Speculum ecclesiae (um 1170) mit einer der ersten Nennungen des Begriffs wihenaht; siehe vorletzte Zeile, letzte Wort)

Auch Art und Weise des Feierns änderte sich über die Jahrhunderte, wie man sehr schön im Deutschen Weihnachtsmuseum in Rothenburg erfahren kann.

Weihnachten heute

Wie sieht Weihnachten im 21. Jahrhundert aus? Heute dürften Weihnachtsmann, geschmückter Christbaum, viele Geschenke und ein stattliches Festessen am treffendsten das Weihnachtsfest symbolisieren.

Weihnachtlicher Festschmaus

Weihnachtlicher Festschmaus

Trotz zunehmender Kommerzialisierung und „Vercocacolasierung“ des Weihnachtsfestes zeigen die gut gefüllten Kirchen um die Weihnachtszeit gleichwohl: Der eigentliche Hintergrund des Festes ist vielen noch präsent. Abseits der großen christlichen Feiertage sind die Kirchen heutzutage häufig weniger stark frequentiert. In einigen Regionen müssen gar Gemeinden „zusammengelegt“ werden oder finden Gottesdienste nur noch im mehrwöchigen Turnus statt.

Vor 1000 Jahren

Springen wir tausend Jahre in der Zeit zurück, dürfte dies für unsere Vorfahren unvorstellbar gewesen sein. Selbst kleinste Dörfer oder aus heutiger Sicht überschaubare Städte wie Rothenburg  investierten Unsummen, um vorhandene Kirchen zu verschönern (sehen Sie etwa die Rothenburger Passion im Reichsstadtmuseum) oder um sich gar erst ein eigenes repräsentatives Gotteshaus zu bauen.

St. Jakob in Rothenburg o.d.T.

St. Jakob in Rothenburg o.d.T.

All dies um vor Ort den Gottesdienst zu besuchen, die Heilige Messe zu feiern und das Abendmahl zu empfangen. Und das nicht nur zu den großen Feiertagen, sondern regelmäßig! Zwar gab es immer wieder Einzelne, die den Gottesdienst schwänzten und dafür beim nächsten Mal mit einem schweren hölzernen Rosenkranz um den Hals vor dem Kirchenportal den Spott der redlichen Kirchgänger ertragen mussten.

Replik eines hölzernen Rosenkranzes, ausgestellt im Mittelalterlichen Kriminalmuseum in Rothenburg o.d.T.

Replik eines hölzernen Rosenkranzes, ausgestellt im Mittelalterlichen Kriminalmuseum in Rothenburg o.d.T.

Den Meisten waren jedoch regelmäßiger Kirchgang und Empfang des Abendmahls sehr wichtig. Immer wenn ein Gut in einer Gemeinschaft hoch geschätzt wird, eignet sich dessen Entzug als Sanktion. In freiheitsorientierten Gesellschaften ist Freiheitsentzug eine wirksame Sanktion, in pekuniär orientierten Gruppen eine Geldstrafe, in ehrorientierten Gemeinschaften eine Ehrenstrafe u.s.w.

Das Interdikt

Wundert es da, dass es im Mittelalter auch eine Sanktionsform gab, die das Verbot des Feierns von Gottesdiensten zum Inhalt hatte? Die Kirchenstrafe der Exkommunikation dürfte jeder schon einmal gehört haben! Aber das Interdikt? Als Lokalinterdikt untersagte diese Strafe sämtliche gottesdienstliche Handlungen in einer Kirche, an einem Ort oder gar in einer ganzen Region.

Die Kirchenstrafe des Interdikts bildete sich – wie der Begriff Weihnachten – um das 11. Jh. heraus. Sie erschien nötig, um Kirchenvermögen und Klerus gegen Übergriffe der weltlichen Herrscher, Feudalherren und der Bevölkerung wirksamer zu schützen. Bemerkenswert an dieser Strafe ist, dass neben den Schuldigen bewusst auch Unschuldige mitbestraft wurden. Ungerecht, oder?

Früher Druck eines Kirchenrechtsbuchs (Liber Extra, 1506) mit päpstlichen Bestimmungen zum Interdikt (lib. 4 tit.1 cap.1), Bestand des Mittelalterlichen Kriminalmuseums in Rothenburg o.d.T.

Früher Druck eines Kirchenrechtsbuchs (Liber Extra, 1506) mit päpstlichen Bestimmungen zum Interdikt (lib. 4 tit.1 cap.11), Bestand des Mittelalterlichen Kriminalmuseums in Rothenburg o.d.T.

Ziel des Lokalinterdikts war jedoch neben der Bestrafung der Täter, den Bewohnern des betreffenden Gebietes die Schwere einer Straftat bewusst zu machen. Zudem konnten die Schuldigen besser isoliert und gruppendynamische Prozesse (interne Disziplinierung) genutzt werden. So nahm die betroffene Bevölkerung nicht selten viel auf sich, um die Aufhebung eines Lokalinterdikts zu erreichen.

Keine Gottesdienste in Kastilien wegen Rothenburg?

Auch in der großen Politik war das Interdikt oft Thema. Bei einem anderen Lauf der Geschichte hätten es möglicherweise große Teile Spaniens (Kastilien) „einem Rothenburger“ zu verdanken gehabt, dass die kastilischen Kirchen hätten geschlossen bleiben müssen. Wie das?

Nun, am 23. April 1188 schlossen der Deutsche Kaiser Friedrich I und König Alfons VIII. von Kastilien und Toledo einen Vertrag über die Ehe ihrer Sprößlinge, Kaisersohn Herzog Konrad von Rothenburg und Königstochter Berengaria. Die Barone und Fürsten Kastiliens mussten beeiden, dass sie dieses Abkommen auch im Fall des Todes von König Alfons VIII. einhalten würden.

Bei Zuwiderhandeln waren der kastilische Erzbischof und die Bischöfe gehalten, mit Interdikt und Exkommunikation vorzugehen. Jedoch lebte König Alfons noch bis 1214 und zum Vollzug der Ehe zwischen Konrad und Berengaria kam es auch nicht.

Stauferstele im Burggarten von Rothenburg o.d.T., (c) M.Hirte

Stauferstele im Burggarten von Rothenburg o.d.T., (c) M.Hirte

So konnten die kastilischen Kirchen Weihnachten 1188 geöffnet bleiben und die Bevölkerung dort eine gesegnete wîhe naht feiern ebenso wie ihre Glaubensbrüder und -schwestern in Rothenburg ob der Tauber.

In diesem Sinne wünschen das Mittelalterliche Kriminalmuseum in Rothenburg und ich Ihnen/Dir ein frohes und gesegnetes Weihnachten und einen guten Rutsch in das Jahr 2015!

Markus Hirte

Ich heiße Dr. Markus Hirte. Geboren wurde ich 1977 in Weimar. Ich habe Rechtswissenschaft studiert und wurde an der Friedrich-Schiller-Universität Jena zum Dr. iur. promoviert. Meinen Abschluss zum Magister Legum bestritt ich an der Fernuniversität Hagen. Ein Studienaufenthalt führte mich auch an die Cambridge University nach England. Knapp sieben Jahre arbeitete ich als Rechtsanwalt in Stuttgart, Berlin und London. Mein Herz schlug jedoch immer schon vor allem auch für die Strafrechtsgeschichte, meine Publikationsliste wurde länger und länger. Seit 2013 bin ich nun geschäftsführender Direktor des Mittelalterlichen Kriminalmuseums in Rothenburg und kann mich noch intensiver der Historie widmen. Meine Forschungs- und Interessenschwerpunkte: ältere und neuere Strafrechtsgeschichte, insbesondere mittelalterliches Kirchenstrafrecht, Inquisitionsverfahren, Hexenverfolgungen und die Entwicklung der Todesstrafe. http://www.kriminalmuseum.rothenburg.de/

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Rothenburgs rätselhafte Jungfrau

„Es war im Jahr 1883 …

… Meine Frau Emilia und ich hatten uns vorgenommen, uns mit der Hochzeitsreise den Traum eines jeden Engländers zu erfüllen. Wir wollten das romantische Deutschland bereisen und gedachten nun, dem idyllischen hessischen Städtchen Frankfurt am Main einen Besuch abzustatten …“

Romantische Flitterwochen gönnt der Autor Bram Stoker in seiner Gruselgeschichte „The Squaw“ dem frisch gebackenen Ehepaar George und Emilia Price aus Wales freilich nicht. Bereits auf der nächsten Station ihrer Hochzeitsreise, in Nürnberg, überschlagen sich die Ereignisse. Die Besichtigung der Nürnberger Kaiserburg und der dortigen Folterkeller-Ausstellung mündet in einem grauenvoll-blutigen Fiasko. In dessen Zentrum: eine Eiserne Jungfrau!

 

Eiserne Jungfrau von Nürnberg im Kriminalmuseum in Rothenburg o.d.T.

Eiserne Jungfrau von Nürnberg im Kriminalmuseum in Rothenburg o.d.T.

 

Der Mythos

Wenige Rechtsaltertümer bewegen die Phantasie der Menschen bis heute so wie die Eiserne Jungfrau. An der Innenseite mit vielen Spitzen versehen, sollen sie im finsteren Mittelalter ihre grauenvolle Wirkung beim Schließen des hölzern/metallenen Mantels entfaltet haben. Mit dem Ende des 18. Jhs. mehren sich Berichte über Eiserne Jungfrauen. Literatur und Zeitungen nehmen sich ihrer an. Museen zeigen ab Mitte des 19. Jhs. erst kürzlich wiederentdeckte Eiserne Jungfrauen in großen Ausstellungen. Eine Legende entsteht…

Zeichnung der Nürnberger Folterkellerausstellung aus dem 19. Jh. - im Hintergrund die Eiserne Jungfrau

Zeichnung der Nürnberger Folterkellerausstellung aus dem 19. Jh. – im Hintergrund eine Eiserne Jungfrau

Doch waren unsere Vorfahren im Mittelalter und der Frühen Neuzeit tatsächlich so grausam? Haben Sie wirklich eine solch perfide Folter- und Hinrichtungsmaschine ersonnen? Eine große Holzfigur, die Angeklagte oder zum Tode Verurteilte in sich aufnahm und beim Schließen der Türen mit metallenen Dornen durchbohrte? Was meinen Sie?

Vier metallene Spitzen, die ursprünglich an der Innenseite der Eisernen Jungfrau angebracht waren

Vier metallene Spitzen, die ursprünglich an der Innenseite der Eisernen Jungfrau angebracht waren

 

Die Wirklichkeit

Lassen Sie uns einen Blick in die Geschichte werfen. Wäre die Eiserne Jungfrau ein Folterinstrument gewesen, müsste es dafür schriftliche Belege geben. Die Folter war seinerzeit ein „Beweisgewinnungsverfahren“ mit dem Ziel eines Geständnisses. Von Gesetzes wegen musste jede Tortur protokolliert werden. Und so finden wir in Archiven unzählige überlieferte Folterprotokolle … allerdings … bislang noch kein einziges, das eine Tortur mit der Eisernen Jungfrau belegt.

Schriftliches Folterprotokoll, ausgestellt im Mittelalterlichen Kriminalmuseum in Rothenburg o.d.T.

Schriftliches Folterprotokoll, ausgestellt im Mittelalterlichen Kriminalmuseum in Rothenburg o.d.T.

War die Eiserne Jungfrau dann doch eher ein Hinrichtungsgegenstand? Das Strafrecht der frühen Neuzeit sah ja einen ganzen Kanon äußerst grausamer und schmerzhafter Hinrichtungsarten vor. Allerdings müsste es auch dafür schriftliche Belege geben, etwa ein Todesurteil. Darüber hinaus wurden besonders grausame Vollstreckungen seinerzeit oft in Bildern und Flugschriften abgebildet. Gleichwohl ist bislang weder eine Todesurteil noch eine zeitgenössische bildliche Darstellung ausfindig gemacht worden.

Todesurteil mit gebrochenem Stab, ausgestellt im Mittelalterlichen Kriminalmuseum in Rothenburg o.d.T.

Todesurteil mit gebrochenem Stab, ausgestellt im Mittelalterlichen Kriminalmuseum in Rothenburg o.d.T.

 

Die Eiserne Jungfrau im Kriminalmuseum

So lässt sich eine Klärung wohl nur herbeiführen über das Exponat selbst. Wo kam es ursprünglich her? Wie alt ist es? Finden sich Anzeichen für eine entsprechende Verwendung? Die Geschichte der Eisernen Jungfrau von Nürnberg lässt sich bis in die Mitte des 19. Jh. nach Nürnberg zurückverfolgen. Dort taucht sie erstmals auf als Hauptexponat einer großen Folterausstellung. Ihre Geschichte davor liegt im Dunkel.

Das Kriminalmuseum hatte kurz nach dem Erwerb der Eisernen Jungfrau in den 1960er Jahren diese untersuchen lassen und Erstaunliches aufgedeckt. Danach ist der Mantel auf das 15./16. Jh. zu datieren (vermutlich aus Böhmen) und wurde als Ehrenstrafvollzugsgerät verwendet, als Schandmantel. Die metallenen Dornen hingegen waren nachträglich angebrachte französische Tüllenbajonette aus den Befreiungskriegen (1813-1815). So spricht derzeit alles dafür, dass die Eiserne Jungfrau von Nürnberg gar kein Folter- oder Hinrichtungsgegenstand war, sondern „nur“ ein Schandmantel. Dieser wurde im 19. Jh. mit metallenen Spitzen bestückt und das Exponat damit verfälscht, um ein schauderhaftes Exponat für zahlende Gäste vorweisen zu können.

Tragbarer Schandmantel in Form einer Trinkertonne, Abbildung aus dem 19. Jh.

Tragbarer Schandmantel in Form einer Trinkertonne, Abbildung aus dem 19. Jh.

Spannende Sonderschau zu „Mythos und Wirklichkeit“

Anlässlich des Rothenburger Märchenzaubers 2014 widmet sich das Kriminalmuseum der weltbekannten Jungfrau mit einem neugestalteten Teilbereich seiner Präsenzausstellung. Neben der tatsächlichen Geschichte beleuchten wir auch den „Mythos Eiserne Jungfrau“ und zeigen beispielsweise interessante Merchandising-Artikel des 19. und frühen 20. Jhs. wie Klapppostkarten oder Stifthalter in Form der Eisernen Jungfrau. Zwei bedruckte Großwände vermitteln einen Eindruck des früheren Standorts des Exponats – die Nürnberger Folterkammer-Ausstellung. Parallel dazu können Sie über eine aufwendige Audioinstallation mit parametrischem Ultraschall-Lautsprecher einem Hörspiel-Ausschnitt aus Bram Stokers Bestseller zur „Iron Maiden“ lauschen. Für ausländische Gäste halten QR-Codes die Kurzgeschichte auf Englisch vor.

Eine Neuauflage des vom Gruselfaktor getragenen Hypes vergangener Jahrhunderte ist nicht geplant. Vielmehr liegt der Fokus auf der nicht weniger spannenden historischen Realität des Exponats. So sind längst noch nicht alle Rätsel um die Eiserne Jungfrau gelöst. Seit 1965 etwa fehlt jede Spur der Schwester der Eisernen Jungfrau von Nürnberg, der Feistritzer Jungfrau. Diese Fährte wieder aufzunehmen, könnte einiges detektivischen Spürsinns bedürfen und vielleicht noch so manche Überraschung bergen…

 

Markus Hirte

Ich heiße Dr. Markus Hirte. Geboren wurde ich 1977 in Weimar. Ich habe Rechtswissenschaft studiert und wurde an der Friedrich-Schiller-Universität Jena zum Dr. iur. promoviert. Meinen Abschluss zum Magister Legum bestritt ich an der Fernuniversität Hagen. Ein Studienaufenthalt führte mich auch an die Cambridge University nach England. Knapp sieben Jahre arbeitete ich als Rechtsanwalt in Stuttgart, Berlin und London. Mein Herz schlug jedoch immer schon vor allem auch für die Strafrechtsgeschichte, meine Publikationsliste wurde länger und länger. Seit 2013 bin ich nun geschäftsführender Direktor des Mittelalterlichen Kriminalmuseums in Rothenburg und kann mich noch intensiver der Historie widmen. Meine Forschungs- und Interessenschwerpunkte: ältere und neuere Strafrechtsgeschichte, insbesondere mittelalterliches Kirchenstrafrecht, Inquisitionsverfahren, Hexenverfolgungen und die Entwicklung der Todesstrafe. http://www.kriminalmuseum.rothenburg.de/

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SHAME ON YOU!

(oder … was haben eine Facebook-Party und frühneuzeitliche Ehrenstrafen gemeinsam?)

Thomas F. staunte nicht schlecht, als er mit seiner Frau von einem Kurzurlaub zurück kam und ihre 16-jährige Tochter zerknirscht die Tür öffnete. Was war passiert? Waren trotz „sturmfrei“ nur wenige Freunde zur Geburtstagsparty des Sprößlings gekommen?

Beim Betreten des Wohnzimmers verschlug es den Eltern die Sprache. Zwar hatte die Tochter versucht, das Gröbste zu beseitigen. Doch die Kratzer auf Möbeln und Parkett, die Wein-, Bier und Cola-Flecken auf Boden und Wänden sowie zwei zerbrochene Glasscheiben zeugten noch vom gestrigen „rauschenden Fest“. Besonders bitter traf den Vater jedoch die Plünderung des sorgsam gehüteten und über Jahre aufgebauten erlesenen Weinkellers.

 

 

Wie konnte es dazu kommen? Nun; die von der Tochter auf Facebook angekündigte Party war auf weit mehr Interesse gestoßen als vermutet. Viele Freunde brachten noch Bekannte mit, die die junge Gastgeberin kaum oder gar nicht kannte. Mit steigendem Alkoholpegel liefen einige der „Bekannten der Bekannten“ zu Höchstform auf und entdeckten in sich den Kurt Cobain oder James Hetfield. Zwar wurde die Wohnung nicht so zerlegt wie im Metallica-Videoclip zu „Whiskey in the Jar“. Doch aus dem Ruder lief die Party dennoch und war weder durch verzweifeltes Bitten einzufangen noch durch Rügen wie „Schämt Euch was„.

 

Shame-Shirt des Kriminalmuseums, Collection 2014

Shame-Shirt des Kriminalmuseums, Collection 2014

Sanktion durch Scham und Tragik der Allmende

Wäre die Geburtstagsparty in geordneteren Bahnen verlaufen, wenn nur gute Freunde gekommen wären? Wieso plündert man nicht den Weinkeller eines guten Bekannten oder Nachbarn, dessen Hausschlüssel man für den Notfall bekommen hat? Das Stichwort heißt hier Sanktion durch Scham. Mein Ruf wäre unter Freunden oder den Nachbarn ruiniert. Ich könnte mir neue Freunde suchen oder hätte einen schweren Stand in meiner Straße.

In einer anonymen Gesellschaft, in der mich keiner kennt, funktioniert dies kaum noch. Hier kann ich auf meinen alleinigen Vorteil bedacht sein oder andere ausnutzen. Es kann mit egal sein, was „Hunz oder Kunz“ von mir halten. Im erweiterten Kontext und vor allem mit Bezug auf knappe Ressourcen kennt man dieses Phänomen auch als Tragik der Allmende. Wir alle wissen, dass die Menschheit derzeit zu viele Ressourcen der Erde verbrauchen. Aber oft ist es günstiger oder vorteilhafter, so fortzufahren und überhaupt … die anderen machen es ja auch so. Überall dort, wo der Nutzen beim Einzelnen anfällt, die Kosten oder der Schaden jedoch bei der Allgemeinheit (d.h. einer unüberschaubaren Gruppe), stoßen wir auf die Allmende-Tragik. In kleineren Gruppen hingegen kann die Sanktion durch Scham gegensteuern.

Ehrenstrafen

Dies erklärt auch, weshalb im Mittelalter und in der Frühen Neuzeit Ehrenstrafen so wirkungsvolle und weit verbreitete Sanktionen waren. Die Gesellschaften waren vergleichsweise klein, selbst so bedeutende Reichsstädte wie Rothenburg ob der Tauber hatten weit weniger als 10.000 Einwohner. Man kannte sich und war – mangels anonymer sozialer Sicherungssysteme – aufeinander angewiesen. Wurde man von seinen Mitmenschen gemieden und war der Ruf ruiniert … dann lebte es sich nicht etwa ungeniert. Vielmehr konnte ein ruinierte Ruf schnell den wirtschaftlichen und sozialen Ruin nach sich ziehen. Der Handwerker bekam keine Aufträge mehr, dem Wirt blieben die Gäste aus. Nicht selten war es dann besser, für eine Zeitlang sein Glück in der Ferne zu suchen, oder mit einer Charmeoffensive die Gunst seiner Mitbürger zurückzugewinnen.

Vor diesem Hintergrund erscheinen die vielen, heute noch erhaltenen Ehrenstrafvollzugsgeräte, wie sie etwa im Mittelalterlichen Kriminalmuseum in Rothenburg o.d.T. zu finden sind, nicht mehr nur schlicht „skurril“ oder „albern“.

 

Schandmaske (c) Mittelalterliches Kriminalmuseum

Schandmaske (c) Mittelalterliches Kriminalmuseum

Ihnen kam eine gewichtige Bedeutung im Rechtsleben der Menschen zu. Dabei dienten die vielen bizarren Überzeichnungen in den Masken, etwa überdimensionale Zungen, Ohren, Augen, Schweinerüssel oder Hahnenkämme neben der puren Belustigung auch der Überhöhung und Darstellung der Übertretung, ob derer eine Person zum Tragen der Maske verurteilt wurde: etwa übles Nachreden (Zunge), Verletzung der Privatsphäre anderer (Ohren, Nase), unmoralischer oder unhygienischer Lebenswandel (Schweinerüssel) oder Übertretung der Kleiderordnung (Hahnenkamm). Darüber hinaus kamen Trinkertonnen für notorische Wirtshaushocker ebenso zum Einsatz wie Halsgeigen für Frauen oder Doppelhalsgeigen für streitende Ehepaare. Für die Obrigkeiten waren die Ehrenstrafen attraktiv, da die Strafe letztlich durch die Gemeinschaft – durch alle Mitbürger – vollzogen wurde und sich so kaum der Volkszorn gegen den Stadt-, oder Landesherren wenden konnte, wie etwa gelegentlich bei der Vollstreckung von Leibes- oder Lebensstrafen.

 

Abbildung zu Ehrenstrafen aus einer Wochenschrift des 19.Jh. (c) Mittelalterliches Kriminalmuseum

Abbildung zu Ehrenstrafen aus einer Wochenschrift des 19.Jh. (c) Mittelalterliches Kriminalmuseum

So schlimm das Tragen einer Schandmaske oder Trinkertonne für die Verurteilten auch war. Die Ehrbeeinträchtigung war nur zeitweiliger Natur. Irgendwann übertrieb es ein anderer mit dem Lästern oder Zechen. Dann wurde der Nächste „auf der Sau durchs Dorf getrieben“ und die Untaten früherer Übeltäter gerieten langsam in Vergessenheit.

 

Markus Hirte

Ich heiße Dr. Markus Hirte. Geboren wurde ich 1977 in Weimar. Ich habe Rechtswissenschaft studiert und wurde an der Friedrich-Schiller-Universität Jena zum Dr. iur. promoviert. Meinen Abschluss zum Magister Legum bestritt ich an der Fernuniversität Hagen. Ein Studienaufenthalt führte mich auch an die Cambridge University nach England. Knapp sieben Jahre arbeitete ich als Rechtsanwalt in Stuttgart, Berlin und London. Mein Herz schlug jedoch immer schon vor allem auch für die Strafrechtsgeschichte, meine Publikationsliste wurde länger und länger. Seit 2013 bin ich nun geschäftsführender Direktor des Mittelalterlichen Kriminalmuseums in Rothenburg und kann mich noch intensiver der Historie widmen. Meine Forschungs- und Interessenschwerpunkte: ältere und neuere Strafrechtsgeschichte, insbesondere mittelalterliches Kirchenstrafrecht, Inquisitionsverfahren, Hexenverfolgungen und die Entwicklung der Todesstrafe. http://www.kriminalmuseum.rothenburg.de/

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Ist’s rechte Liebe … mit Vertrag?

„Wenn rechte Liebe ist, da spricht sie: ich frage nicht, was du hast oder wie Du bist, denn ich will dich!“ Karten mit diesem Aphorismus Martin Luthers oder anderen Liebessprüchen haben am nahenden Valentinstag traditionell Hochkonjunktur, wie auch Candle-Light-Dinner oder romantische Kurzurlaube. Vielleicht entscheidet sich das eine oder andere Paar sogar zu einem romantischen Kurzurlaub im mittelalterlichen Rothenburg zur Romanze an Valentin? Ich wage gar die Prognose, dass der eine oder andere Heiratsantrag auf den Valentinstag fallen wird.

©Respondek_Romanze-an-Valen

Romanze an Valentin, ©Respondek

Hand aufs Herz … für wen war oder wäre die von Luther beschriebene rechte Liebe heutzutage nicht DER Grund für eine Verlobung oder Hochzeit? In der Vergangenheit hingegen stand die Liebe nicht immer im Vordergrund. So entschieden in Mittelalter und Früher Neuzeit oft viel pragmatischere Beweggründe die – obendrein meist von den Eltern für ihre Zöglinge vorgenommene – Partnerwahl, nämlich wirtschaftliche, ständische oder ggf. auch politische. Und wo es um derart unromantische Aspekte ging, war auch das Recht nie fern. So wundert es nicht, dass das Recht der Verlobung und Ehe sehr alt ist. Bereits das älteste überlieferte Gesetzeswerk – der Kodex Hammurabi (ca. 1800 v.Chr.) – enthielt Regelungen zur Ehe.    

 

Verlobung und Ehe heute und gestern

„Drum prüfe wer sich ewig bindet, dass sich zuvor nichts bessres findet.“, raunte mir einmal ein Freund während eines Kneipenabends etwas frustriert zu. Er hatte gerade Kunde von der anderweitigen Verlobung seiner Traumfrau vernommen. Ein paar Bier später nahm seine Hoffnung wieder zu. Er verstieg sich in gängige Verschwörungstheorien, wonach Verlobung und Valentinstag nichts weiter seien als ein verkappter Großangriff von Fleurop, Swarovski, Rosamunde Pilcher & Co. auf die Geldbörsen der Verliebten. Schließlich zitierte er die humoristische Lebensweisheit: „Verlobung … das bedeutet doch eh nur Sicherstellen und Weitersuchen“. Bei allem Mitgefühl konnte ich mir dann doch ein Schmunzeln ob dieser geballten Offenbarung verletzen Männerstolzes nicht verkneifen.

Gleichwohl liegen die beiden zitierten Sätze in einem Punkt recht nah bei der Wahrheit. Das Verlöbnis ist heute rechtlich weitgehend unverbindlich, wenn wir einmal absehen von den filmreifen Szenen einer „Braut, die sich nicht traut“. Hier könnte der überraschend am Altar Verlassene seine Kosten für die Hochzeitstorte usw. ersetzt verlangen (sollte ihm noch danach sein).

In der Vergangenheit war das Verlöbnis deutlich verbindlicher. Bei den frühen Römern zum Beispiel war die Verlobung ein Vertrag, auf dessen Grundlage man eine Eheschließung einklagen konnte und ein schriftlicher Ehevertrag zwischen wohlhabenden Ehegatten üblich. Zum Ausgang der römischen Republik verlor die Verlobung einiges an rechtlicher Verbindlichkeit und im frühen Mittelalter dürfte ein schriftlicher Ehevertrag eher selten gewesen sein. Im kirchlichen Recht des Mittelalters hingegen konnte man sich wieder mehr auf die Verlobung verlassen und eine anschließende Hochzeit notfalls einklagen. Seit dem hohen und späten Mittelalter nahm auch der Abschluss von Eheverträgen wieder zu, besonders bei wirtschaftlich bessergestellten Partnern.

 

Ehevertrag, ausgestellt im Mittelalterlichen Kriminalmuseum

Ehevertrag von 1551, ausgestellt im Mittelalterlichen Kriminalmuseum

Die ehemalige freie Reichsstadt Rothenburg ob der Tauber nimmt da keine Sonderrolle ein. Dies zeigen überlieferte Eheverträge, etwa der in Deutschlands bedeutendstem Rechtskundemuseum – dem Mittelalterlichen Kriminalmuseum in Rothenburg – ausgestellte Ehevertrag vom 1. Oktober 1750 zwischen Gustav David Bezold und Catharina Sabina Pürckhauer (vgl. nächstes Bild). Gustav und Catharina entstammten alten Rothenburger Patrizierfamilien, die in der Stadtgeschichte eine bedeutende Rolle spielten. Die Urkunde ist mit acht Siegeln und Unterschriften versehen, und zwar des Brautpaares, der Trauzeugen und Verwandten. Solche Eheverträge regelten die güterrechtlichen Verhältnisse der zukünftigen Ehepartner, etwa das Heiratsgut (Mitgift) und die Verwendung der Erträgnisse daraus, das Taschengeld für die Frau etc.

Ehevertrag Bezold/Pürckhauer, ausgestellt im Kriminalmuseum

Ehevertrag Bezold/Pürckhauer (1750), ausgestellt im Kriminalmuseum

Entgegen deren heute landläufig eher schlechten Leumunds waren Eheverträge seinerzeit wenig anrüchig und dürften deshalb kaum ein Indiz gewesen sein gegen die von Luther zitierte „rechte Liebe“.  

Kurioses zum Recht der Verlobung aus den 1990ern

 Wer sich nach diesem kurzen Abstecher in die Geschichte nun beglückwünscht zu seiner späten Geburt, dem möchte ich ein amüsantes Kuriosum mit auf den Weg geben, welches zeigt, dass sich Gesetze zwar dem Zeitgeist anpassen, wenn auch nicht immer mit der zu erwartenden Geschwindigkeit.

Bis 1998 enthielt unser bürgerliches Gesetzbuch (BGB) einen § 1300 (a.F.), der das sogenannte Kranzgeld regelte. Danach konnte eine Frau von ihrem ehemaligen Verlobten eine finanzielle Entschädigung einfordern, wenn sie ihm auf Grund eines Eheversprechens die Beiwohnung gestattete (also ihre Jungfräulichkeit verlor) und er anschließend das Verlöbnis löste. Da ist es doch ein Lichtblick, dass das Recht den Gerichten Möglichkeiten an die Hand gibt, Norm und Realität in Einklang zu bringen; im vorliegenden Fall die Nichtanwendung einer Norm als verfassungswidrig aufgrund gewandelter Moralvorstellungen.

Markus Hirte

Ich heiße Dr. Markus Hirte. Geboren wurde ich 1977 in Weimar. Ich habe Rechtswissenschaft studiert und wurde an der Friedrich-Schiller-Universität Jena zum Dr. iur. promoviert. Meinen Abschluss zum Magister Legum bestritt ich an der Fernuniversität Hagen. Ein Studienaufenthalt führte mich auch an die Cambridge University nach England. Knapp sieben Jahre arbeitete ich als Rechtsanwalt in Stuttgart, Berlin und London. Mein Herz schlug jedoch immer schon vor allem auch für die Strafrechtsgeschichte, meine Publikationsliste wurde länger und länger. Seit 2013 bin ich nun geschäftsführender Direktor des Mittelalterlichen Kriminalmuseums in Rothenburg und kann mich noch intensiver der Historie widmen. Meine Forschungs- und Interessenschwerpunkte: ältere und neuere Strafrechtsgeschichte, insbesondere mittelalterliches Kirchenstrafrecht, Inquisitionsverfahren, Hexenverfolgungen und die Entwicklung der Todesstrafe. http://www.kriminalmuseum.rothenburg.de/

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Die Heilige Lanze

Was haben die Beschreibung der Kreuzigung Jesu im Johannesevangelium (Joh. 19,34), die Schlacht auf dem Lechfeld (955 n.Chr.), Richard Wagners Parsifal und der Hollywoodfilm „Constantine“ (Keanu Reeves/Rachel Weisz, 2005) mit der Stadt Rothenburg ob der Tauber und dem dortigen Mittelalterlichen Kriminalmuseum gemeinsam? Nun …. in allen spielt ein geheimnisvolles Relikt eine Rolle, die sogenannte Heilige Lanze.

Replik der Heiligen Lanze im Mittelalterlichen Kriminalmuseum

Replik der Heiligen Lanze im Mittelalterlichen Kriminalmuseum

Das Mittelalterliche Kriminalmuseum im romantischen Rothenburg

Als ich 1990 das erste Mal das romantische Rothenburg besuchte, durfte ein Besuch des bekannten Mittelalterlichen Kriminalmuseums nicht fehlen. Im Museum staunte ich nicht schlecht. Erwartet hatte ich einige Foltergeräte, Daumenschrauben und Richtschwerter, wie in den vielen Foltermuseen und Gruselkabinetten, die sich der mittelalterlichen Strafrechtspflege anzunehmen versuchen. Während meines mehrstündigen Rundganges entdeckte ich im Kriminalmuseum jedoch weit mehr. Kupferstiche von Hans Baldung Grien und Albrecht Dürer, wertvolle Gesetzesbücher und Urkunden und … am Ende des Rundganges, gar originalgetreue Repliken der Reichsinsignien, die heute im Original in der Wiener Hofburg aufbewahrt werden.

Repliken der Reichsinsignien im Mittelalterlichen Kriminalmuseum; Photo: Sabine Ketzler

Repliken der Reichsinsignien im Mittelalterlichen Kriminalmuseum; Photo: Sabine Ketzler

Ich bestaunte die kunstvollen Goldschmiedearbeiten und sinnierte einen Moment … warum stellt ein Kriminalmuseum Kopien der Reichsinsignien aus? Dann erinnerte ich mich an die Stadtführung vom Vormittag. Die Stadtführerin verwies häufiger auf den Status Rothenburgs als freie Reichsstadt, über der nur der deutsche König und Kaiser stand. Und hatte ich im Museum nicht viele prächtige  Strafgesetzbücher gesehen, die den Namen von Kaisern trugen, etwa die „Carolina“ Kaiser Karls V. von 1532? So fernliegend waren die Reichsinsignien in Rothenburg und im Mittelalterlichen Kriminalmuseum, Deutschlands bedeutendstem Rechtskundemuseum, also nicht.

Verwundert betrachtete ich die Heilige Lanze – ich hatte sie mir anders vorgestellt. Sollte dies nicht  die Lanze sein, mit der ein römischer Soldat den Tod Jesu geprüft hatte (Joh. 19,34)? Die vor mir liegende Replik einer Lanze sah jedoch ganz anders aus als die römischen Lanzen aus dem Geschichtsbuch oder den Asterix-Heften. Diese hier war eine Flügellanze, ca. 50 cm lang, mit einer breiten und mit einer lateinischen Inschrift verzierten Goldmanschette. Und auch einen in das Lanzenblatt eingearbeiteten Nagel hatte ich nicht erwartet. Die freundliche Museumsaufsicht musste meine Verwunderung bemerkt haben, denn sie kam auf mich zu. Von ihr erfuhr ich, dass die Heilige Lanze keine römische Lanze war, sondern eine langobardische Flügellanze aus dem 8. Jahrhundert. Die goldene Manschette wurde angebracht, da die Lanze in der Mitte zerbrochen war, und der eingelassene Nagel galt im Mittelalter als einer der heiligen Nägel, mit denen Jesus gekreuzigt worden war. Auch die lateinische Inschrift „LANCEA ET CLAVUS DOMINI“ wurde mir übersetzt: „Lanze und Nagel des Herrn“.  

 

Lateinische Inschrift auf der Replik der Heiligen Lanze

Lateinische Inschrift auf der Replik der Heiligen Lanze

Die Heilige Lanze als wichtigstes Herrschaftszeichen im Heiligen Römischen Reich

Mein Interesse war geweckt und ist bis heute nicht erloschen. Denn die Heilige Lanze ist viel mehr als ein beeindruckendes Relikt. Sie war das älteste und lange Zeit auch das wichtigste Herrschaftszeichen im Heiligen Römischen Reich deutscher Nation, das in seiner Blütezeit fast das gesamte Gebiet des heutigen Mittel- und Teile Südeuropas umfasste. Als eine der Reichsinsignien war die Heilige Lanze für die Deutschen Könige und Kaiser des Heiligen Römischen Reiches von unschätzbarem Wert. Der Träger der Heiligen Lanze galt im Mittelalter als unbesiegbar und viele Schlachten sollen nur aufgrund der Anwesenheit der Lanze entschieden worden sein, so etwa die Schlacht auf dem Lechfeld am 10. August 955 zwischen dem ostfränkischen König und späteren Kaiser Otto dem Großen und den Ungarn. Die siegbringenden Kräfte der Lanze sind jedoch eher dem Bereich der Legenden zuzuordnen, denn oft genug verloren ihre Träger auch Schlachten und Kriege. Dennoch versuchte jeder Herrscher des Reiches in den Besitz der Lanze zu kommen. Im späten Mittelalter wurde die Lanze als bedeutendstes Herrschaftszeichen abgelöst von einem anderen prachtvollen Gegenstand, der oktagonalen Reichskrone, die ebenfalls als Replik im ganzjährig geöffneten Mittelalterlichen Kriminalmuseum (www.facebook.com/kriminalmuseum www.kriminalmuseum.rothenburg.de) in Rothenburg ob der Tauber in der Burggasse 3-5 zu sehen ist.

Replik der Reichskrone im Mittelalterlichen Kriminalmuseum; Photo: Sabine Ketzler

Replik der Reichskrone im Mittelalterlichen Kriminalmuseum; Photo: Sabine Ketzler

Faszination Heilige Lanze

Die Heilige Lanze und die ihr zugeschriebenen Eigenschaften bewegten die Menschen über die Jahrhunderte hinweg. Es entstanden Legenden, gewaltige Musikwerke und Hollywoodfilme, die sich um die Heilige Lanze rankten. So nahm sich etwa Richard Wagner in seiner Oper Parsifal des Lanzenthemas an und lässt Amfortas, den Sohn des Königs Titurel, mit der Heiligen Lanze bewaffnet in den Kampf gegen Klingsor ziehen. Selbst heute noch bewegt die Heilige Lanze die Phantasie der Menschen. In dem Hollywood-Mystery-Thriller Constantine ist die Heilige Lanze ein Gegenstand, mit dessen Hilfe der Sohn des Teufels, Mammon, einen Weg auf die Erde findet könnte, um eine Schreckensherrschaft zu errichten. Die Protagonisten im Film sind natürlich erfolgreich, die Welt wird gerettet und eine Reise in das mittelalterliche Rothenburg und Kriminalmuseum muss kein apokalyptisches Endzeitsetting passieren, sondern kann als erholsame Erlebnistour über die Romantische Straße oder das Liebliche Taubertal beginnen. 

Markus Hirte

Ich heiße Dr. Markus Hirte. Geboren wurde ich 1977 in Weimar. Ich habe Rechtswissenschaft studiert und wurde an der Friedrich-Schiller-Universität Jena zum Dr. iur. promoviert. Meinen Abschluss zum Magister Legum bestritt ich an der Fernuniversität Hagen. Ein Studienaufenthalt führte mich auch an die Cambridge University nach England. Knapp sieben Jahre arbeitete ich als Rechtsanwalt in Stuttgart, Berlin und London. Mein Herz schlug jedoch immer schon vor allem auch für die Strafrechtsgeschichte, meine Publikationsliste wurde länger und länger. Seit 2013 bin ich nun geschäftsführender Direktor des Mittelalterlichen Kriminalmuseums in Rothenburg und kann mich noch intensiver der Historie widmen. Meine Forschungs- und Interessenschwerpunkte: ältere und neuere Strafrechtsgeschichte, insbesondere mittelalterliches Kirchenstrafrecht, Inquisitionsverfahren, Hexenverfolgungen und die Entwicklung der Todesstrafe. http://www.kriminalmuseum.rothenburg.de/

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