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Rothenburg ob der Tauber 1631: Ein Sackpfeifer und die Totengräber

Ecke Hafengasse - Obere Schmiedgasse

Ecke Hafengasse – Obere Schmiedgasse

1955: Die Stadt Rothenburg ob der Tauber erwirbt Anfang Oktober aus einem Privatbesitz ein handgeschriebenes Buch, besser gesagt, eine bis dahin wohl unbekannte Chronik. Diese unscheinbare Chronik liegt bis heute gut verwahrt im Archiv der Stadt Rothenburg ob der Tauber. Der Titel: Chronica des Heiligen Römischen Reichs Stadt Rothenburg ob der Tauber. In dieser Chronik geht es um die Geschichte der Stadt Rothenburg, niedergeschrieben durch Georg Heinrich Schaffert in den Jahren 1771-1772 und 1773.

Chronik des Georg Heinrich Schaffert

Chronik des Georg Heinrich Schaffert

Neben vielen Berichten und Geschichten finden sich auch sehr interessante Seiten über das für die Stadt heute noch denkwürdige Jahr 1631, im Dreißigjährigen Krieg. Hier berichtet der Chronist Schaffert über die Begebenheit um die Belagerung und Erstürmung der stolzen protestantischen Stadt Rothenburg durch den katholischen Feldherrn Tilly, sowie deren Ausgang und Rettung; die aber auch unzählige Menschen aus allen Herren Ländern der Welt durch die Erzählung des historischen Festspiels „Der Meistertrunk“ kennen. Interessant wird es dann noch im Anschluß daran. So ist eine weitere kleine zeitgenössische und heutzutage mit dem gebührenden Abstand zu den damaligen Umständen betrachtet, schon fast eine humoristisch anmutende Gruselgeschichte festgehalten.

Da sie aber wohl nie im Urtext öffentlich gemacht wurde, möchte ich unseren Lesern diese kleine Geschichte im Original aufgezeichneten Wortlaut wiedergegeben.

"Sackpfeifer" der Gruppe Mummenschanz"

„Sackpfeifer“ der Gruppe Mummenschanz“

Ein Sackpfeifer und die Totengräber

Beim Abmarsch der Kaiserlichen Armee geschah folgendes:

3. Regimenter Kayserlicher Soldaten und ein großer Haufe Kroaten zur Besatzung der Stadt zurückgelassen, die bey ihrem 10. wöchigen Aufenthalt allhier, der Bürgerschaft Geld und Geschmeide Flügel gemacht, auch noch über dies die ungarische hitzig (*1) Kopfkrankheit mit in die Stadt gebracht, daß von allen Häusern und Gassen der Stadt die Toden herbeygetragen, und durch den Todenkarren dessen Räder mit Lumpen bebunden gewesen, geführt wurden, und der (*2) Judenkirchhof weil mann auf den (*3) Gottesacker nicht kommen können, nicht groß und weit genug war, dieselben zu begraben.“ Während des Sterbens nun begab sich folgende Geschichte: Ein gewisser (*4) Sackpfeifer der wenig Tage vergehen lies ohne sich einen dichten Rausch zu trinken war eines Tages bey dem Hirschenwirth, wo er sich recht sehr im Brandtenwein übernahm, und als er nun bey Nachtzeit nacher Haus gehen wolte, und kaum etliche Schritte vom Wirtshaus war, stürtzte er vom Brandwein übermeistert, zu Boden, und lag als vor Tod auf der Gassen : Indeme kamen die Todengräber mit ihrem Karren und sahen den betrunckenen Sackpfeifer liegen, giengen hin, rüttelten und schüttelten denselben, als er sich nun nicht regete, hielten sie ihn vor Todt, luden ihn dahero auf ihren Karren, und führten ihn auf den Juden-Kirchhof, daselbst stürtzten sie ihn in eine große Grube zu andern vielen Toden, und fuhren wieder ihres Weges um noch mehrere zu hollen; Indessen thät der Sackpfeifer einen Schlaf aus ehe sie wieder zurück kamen, und erwachte endlich; aber wie bestürtzt war er nicht, als er nichts unter noch neben sich spührte und fand, dann lauter Tode und erstarrte Menschen, und aus dem Loch von ihnen nicht entfliehen konte, ob er schon es versuchte; ein heftiger Schauer vertrieb ihme in dieser Finsterniß allen Rausch, er rufte und schrie, aber da war keine Antwort, in solcher Angst und weilen er glaubte im Reiche der Toden zu seyn, ergrief er seine Sackpfeifen, und stimte darauf das Lied an: Es ist gewißlich an der Zeit ff. unterdessen kamen die Todengräber wieder zurück, und bey anhörung dieses gepfeifes erschracken sie heftig und meinten es wäre ein Gespenst, traueten dahero anfangs nicht hin zur Grube, endlich nahmen sie sich doch das Herz, weil es allerweits anfieng starcke zu Tagen, und giengen hin, und fragten wer darinnen, worauf sich der Sackpfeifer zu erkennen geben, und von ihnen aus der Gruben gezogen worden. Er hat auch ob er schon bey den Toden gelegen, doch diese Krankheit nicht bekommen. Diese Krankheit dauerte weit in das 1632. Jahr da sie sich erst geendet.

Hier enden die Berichte über das Jahr 1631. Quelle: Archiv der Stadt Rothenburg ob der Tauber 2015.

Worterklärung ~: 

(*1) ungarische hitzig Kopfkrankheit = eine eingeschleppte Art von Sumpffieber;

(*2) Judenkirchhof = der heutige Schrannenplatz in Rothenburg;

 (*3) Gottesacker = Rothenburger Friedhof;

(*4) Sackpfeifer = Dudelsackpfeifer

Kupferstich aus dem Jahr 1762 in der Chronik des Georg Heinrich Schaffert

Kupferstich aus dem Jahr 1762 in der Chronik des Georg Heinrich Schaffert

In wenigen Tagen werden im romantischen Rothenburg ob der Tauber die alljährlich stattfindenden Reichsstadttage abgehalten. Hier kann man erleben, wie sich die kleine, mittelalterliche Stadt Rothenburg ob der Tauber verwandelt und man an allen Ecken der Stadt die verschiedensten Epochen entdecken kann. Dabei ergibt sich vielleicht auch die Möglichkeit, Euch diese „Geschichte“ von der Gruppe Mummenschanz vortragen zu lassen.

Die Gruppe Mummenschanz

Die Gruppe Mummenschanz

Benjamin Babel

Mein Name ist Benjamin Babel. Ich wurde 1962 in Rothenburg ob der Tauber geboren. Nach der Schulzeit und der Ausbildung führten mich meine Wege als Journalist in alle Welt. Doch das Herz schlägt nun mal in der Heimat und so blieb ich mit meinem Rothenburg auch in der Ferne stets verbunden. Seit 2011 lebe ich wieder in Rothenburg ob der Tauber, direkt am Marktplatz. Vielleicht hat mich der ein oder andere Besucher übrigens schon einmal in den Medien gesehen.

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Erleben Sie die historischen Reichsstadt-Festtage zu ihrem 40. Jubiläum in Rothenburg ob der Tauber
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Historische Stadtfeste gibt es wie Sand am Meer. Jedes Jahr kommen Neue dazu. Meist sind sie eher von schlichter Natur und nach wenigen Jahren schon wieder Geschichte. Anders die “Reichsstadt-Festtage“ der weltberühmten Stadt Rothenburg ob der Tauber: Vierzig Jahre erleben Touristen und Freunde des Mittelalters aus Nah und Fern, wie sich – seit 1974 immer Anfang September – die kleine, romantische Stadt Rothenburg ob der Tauber verwandelt und man an allen Ecken der Stadt die verschiedensten Epochen entdecken kann. Die Reichsstadt-Festtage finden in diesem Jahr vom 05. bis 07. September statt und warten wieder mit einem umfangreichen Programm auf.

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Rothenburg ob der Tauber war von 1274 bis 1802 eine der weithin bekanntesten Städte des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation. Der Grundstein für die selbstständige und freie Entwicklung des Rothenburger Gemeinwesens wurde nach den Wirren der letzten Stauferzeit und insbesondere nach der Verpfändung der Stadt an die Hohenlohe durch kaiserliche Sanktion gelegt. Im ersten Regierungsjahr des Königs Rudolf von Habsburg wurde Rothenburg zur „Freien Reichsstadt“ erhoben. Mit der Ernennung zur freien Reichsstadt waren erhebliche Privilegien verbunden. Rothenburg wurde zu einem bedeutenden Machtzentrum durch den gewonnenen politischen Einfluss. Der Handel florierte. Mit 6000 Einwohnern war Rothenburg in wenigen Jahren eine der größten Städte im Reich geworden. Die Entwicklungen der Stadt von 1274 bis 1802 u.a. beeinflusst durch den Dreißigjährigen Krieg und 1803 die Übergabe Rothenburgs an das Bayerische Königreich durch einen Beschluss Napoleons, werden seit 1974 mit den jährlich stattfindenden “Reichsstadt-Festtagen“ gefeiert.

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Mein Name ist Benjamin Babel. Ich wurde 1962 in Rothenburg ob der Tauber geboren. Nach der Schulzeit und der Ausbildung führten mich meine Wege als Journalist in alle Welt. Doch das Herz schlägt nun mal in der Heimat und so blieb ich mit meinem Rothenburg auch in der Ferne stets verbunden. Seit 2011 lebe ich wieder in Rothenburg ob der Tauber, direkt am Marktplatz. Vielleicht hat mich der ein oder andere Besucher übrigens schon einmal in den Medien gesehen.

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