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Alle Jahre wieder – Weltgästeführertag 2017 in Rothenburg o.d.T.

Alle Jahre wieder – Weltgästeführertag 2017 in Rothenburg o.d.T.

5 einmalige Sonderführungen zum WGFT (Weltgästeführertag) 2017.

Wie immer um den 21. Februar eines Jahres gibt es im gesamten Bundesgebiet zahlreiche Veranstaltungen. Die Mitglieder des Bundesverband der Deutschen Gästeführer (BVGD) haben sich zum 500. Jubiläum des Thesenanschlages ein entsprechendes Thema als bundesweites Motto gewählt. Weitere Informationen zum WGFT finden sich auf der Internetseite des BVGD. (http://www.bvgd.org/weltgaestefuehrertag/)

Reform – Zeit für Veränderung

Am Samstag 18. und  Sonntag 19. Februar  bieten wir vom Verein der Rothenburger Gästeführer zum 9. Mal in Folge einmalige Sonderführungen an. In diesem Jahr zu dem Thema „Reform – Zeit für Veränderung“. Die Teilnahme ist kostenlos und jeder ist ohne Anmeldung herzlich willkommen. Spenden für einen guten lokalen Zweck sind allerdings gerne gesehen.

 

Seit 2009 erfreut sich diese Veranstaltung einem ständig wachsenden Interesse. In 8 Jahren haben wir inzwischen 109 Führungen angeboten die von fast 5400 Personen besucht wurden. Dadurch waren wir in der Lage 8295,- Euro an Spenden für unterschiedliche Projekte zu sammeln.

St.-Jakobs-Kirche - ©Rothenburg Tourismus Service

St.-Jakobs-Kirche – ©Rothenburg Tourismus Service

Das Programm 2017

Ein Quiz als Auftaktveranstaltung

Am Sa. den 18.02. geht es um 13:00 Uhr mit einer Fragen-Rallye zum Thema los.

Uhrzeit: 13:00 Uhr

Treffpunkt: St.-Jakobs-Kirche

Rothenburger Gästeführer werden Sie in das diesjährige Programm einstimmen. Danach können Sie ihr Wissen in einer Rallye testen. Bis zum Beginn der ersten Führung des Tages können Sie alleine oder in Gruppen die Fragen beantworten. Natürlich gibt es auch etwas zu gewinnen.

Um 14:00 Uhr ist es dann soweit. Die Führungen beginnen. Anders als in den Jahren zuvor wird jede Führung nur einmal angeboten und dauert jeweils ca. eine Stunde.

©Rothenburg Tourismus Service

Foto: ©Rothenburg Tourismus Service

Reformation und Renaissance

Treffpunkt: Marktplatz am Sa. 18.2. um 14:00 Uhr

Gästeführer: Frau Antonia Nakamura und Frau Jutta Rohn

Kurzbeschreibung

Wie kommt es, dass Rothenburg so eng mit der Reformation verbunden ist? Rothenburg lag verkehrsgünstig an einem Knotenpunkt großer Handels- und Pilgerwege. Die damaligen Kommunikationskanäle und die Vervielfältigungsmöglichkeiten durch den Buchdruck erlaubten, dass sich Informationen schnell verbreiteten. Dabei verloren die innerstädtischen Klöster zusehends ihren Einfluss. Als Zeichen dieses neuen Bewusstseins entstanden in der Stadt große Bauten im Renaissancestil wie der neue Rathausvorbau.

 

©Rothenburg Tourismus Service

Foto: ©Rothenburg Tourismus Service

Der Weinbau ist wieder da

Treffpunkt: Hotel Glocke am Sa. 18.2. um 15:30 Uhr

Gästeführer: Herr Albert Thürauf

 

Kurzbeschreibung

Im 16. Jahrhundert wurde aus dem Bayerischen Weinland ein Bierland. In den 1970 er Jahren wurde im Taubertal wieder Wein angebaut. Die Thüraufs warben schon früh für den hochwertigen Anbau von Wein im Taubertal und setzten damit Maßstäbe. Ein historischer Streifzug zur Ampelographie früher und heute. Lassen Sie sich von Herrn Thürauf erklären was es damit auf sich hat.

 

Den Tag können Sie dann in einem der vielen schönen Lokalen in Rothenburg bei einem Schoppen Wein ausklingen lassen. Am kommenden Sonntag stehen dann drei weitere interessante Themenführungen auf dem Programm. Wir starten auch nicht ganz so zeitig, um jedem die Möglichkeit zu geben ganz nach persönlichem Gusto dem Kirchgang oder Sonntagsfrühstück zu frönen.

Foto: ©Rothenburg Tourismus Service

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Touristen statt Schornsteine

Treffpunkt: An der Eich am So. 19.2. um 11:30 Uhr

Gästeführer: Frau Hannelore Schultze

 

Kurzbeschreibung

Die Bahnverbindung kommt 1873. Das Postkutschen-Zeitalter ist vorbei. Rothenburg erkennt seine Chance in den „Fremden“, die da langsam zahlreicher werden – und reagiert: Hotels werden erweitert oder neu errichtet, Licht und fließendes Wasser kommen, Events werden gezielt kreiert, das „Stadtbild“ spielt jetzt eine große Rolle. „Die Gartenlaube“ berichtet oft über Rothenburg – weltweit. „Alles für die Touristen“. Dem trägt man mit vielen Maßnahmen Rechnung. Selbst auf einer Weltausstellung wird Rothenburgs Rathaus zum „Deutschen Haus“.

 

Der Wandel im Sport, Ernährung, Lebensstil

Treffpunkt: Im Rathaus (2. Stock) am So. 19.2. um 13:30 Uhr

Gästeführer: Frau Karin Bierstedt, Herr Baur, Herr Weber

 

Kurzbeschreibung

Unter dem Begriff „Sport“ werden verschiedene Bewegungs-, Spiel- und Wettkampfformen zusammengefasst, die meist im Zusammenhang mit körperlichen Aktivitäten des Menschen stehen. Am Beispiel des Patrizierfestes und des VTR 1861 wird die Entwicklung in Rothenburg aufgezeigt. Die Sportler kamen viel rum. Wie hat sich der Breitensport verändert. Das Körperbewusstsein und die Einstellung zur Ernährung haben sich angepasst. Vom Klappmesser zum Sit up – machen Sie mit.

 

Foto: ©Rothenburg Tourismus Service

Foto: ©Rothenburg Tourismus Service

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Die Veränderung in der St.-Jakobs-Kirche

Treffpunkt: St.-Jakobs-Kirche  am So. 19.2. um 14:30 Uhr

Gästeführer: Herr Peter Noack und Herr Dr. Oliver Gußmann

 

Kurzbeschreibung

Die gotische St.-Jakobs-Kirche wurde zu einer Zeit erbaut als man von Martin Luther noch nichts ahnte. Nachdem in Rothenburg o.d.T. die Reformation eingeführt worden war, veränderte sich der Innenraum: Altäre wurden im Raum verschoben, Heiligenfiguren versteckt, unbequeme Bilder übermalt, Kanzeln gebaut und Bänke in den Raum gestellt. In der Führung geht es um die Veränderungen, die der reformatorische Glaube mit sich brachte.

 

Das Ende der Rallye

Am Ende der fünften Führung des Wochenendes und zum Abschluss der Veranstaltung werden dann die Ergebnisse des Quiz bekannt gegeben. Es lohnt sich also bis ganz zum Schluss dabei zu bleiben. Denn auch dabei wird sich vermutlich noch einmal für viele Anwesende etwas verändern, und zwar in kurzer Zeit ihr Wissensstand über Rothenburg ob der Tauber.  Es ist ja schließlich die Zeit für Veränderungen.

 

Harald Ernst

Bin ich ein Rothenburger? JAIN! Meine Wurzeln liegen nur 15 km von Rothenburg entfernt. Brettheim, früher ein Teil des Stadtgebietes der Reichsstadt mit ca. 180 Dörfern, liegt heute in einem anderen Bundesland (BW). Das erklärt, weshalb ich mich als Rothenburger fühle, inzwischen auch in der Altstadt lebe, aber nicht wie ein Rothenburger klinge. Ich bin ein Hohenloher mit entsprechendem Dialekt (wenn ich will oder darf) und habe mich während meines Zivildienstes (1990/91) in der Jugendherberge in die Stadt verliebt. Außerdem habe ich mich durch die Gäste aus aller Welt inspirieren lassen und das Reisen für mich entdeckt. Menschen, Länder, Abenteuer lassen mich immer wieder meine Koffer packen. Doch genauso gerne kehre ich immer wieder zurück in diese besonders schöne Stadt. Aus Hobby wurde Beruf. Bereits 1993 kam ich zur Gästeführerei. Im Jahr 2000 habe ich mit einem Freund ein Reiseunternehmen gegründet und bin seit dem selbstständiger Stadtführer, Reiseleiter und Driverguide für Gäste aus aller Welt im In- und Ausland. Doch mein Schwerpunkt ist und bleibt Rothenburg ob der Tauber. Hier kenne ich mich am besten aus. Hier bin ich Zuhause.

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Der Liebling der Pilger und Touristen – die Jakobusstatue vor dem Eingang von St. Jakob

jakobusMeist stehen Heiligenfiguren auf hohen Säulen und Podesten, unerreichbar. Nicht so die bronzene Statue vor dem Eingang von St. Jakob! Sie ist der Liebling der Besucherinnen und Besucher aus aller Welt geworden: Viele posieren für ein Foto mit ihm. Manche scheint der Bronze-Jakobus zu umarmen oder sie legen selbst den Arm um ihn. Der Finger seiner linken Hand ist von den unzähligen Berührungen schon blank gerieben, so dass er jetzt einen goldenen Zeigefinger hat. Besonders Kecke lassen sich von dem goldenen Finger die verspannten Rückenmuskeln massieren. Alles macht er mit, der Heilige. Alles lässt er sich gefallen, ein Jakobus zum Knuddeln und Anfassen.

Finger des Jakobus

Der Künstler Ernst Steinacker

Dabei wollte man ihn anfangs gar nicht hier haben. Der Bildhauer Ernst Steinacker (1919–2008) schuf diese Jakobusfigur. Und er erzählte, er habe einen Traum gehabt, die Figur solle vor der St.-Jakobs-Kirche stehen und den Vorübergehenden den Weg zur Kirche weisen. Noch nicht alle waren davon überzeugt und so stellte man den Jakobus am 31. März 2001 erst einmal probeweise vor der Jakobskirche in Rothenburg ob der Tauber auf bis mit einer Spendensammelaktion die Figur vollends bezahlt war.

Der Künstler Steinacker übrigens lebte und arbeitete bis zu seinem Tod auf dem Schloss Spielberg, etwa eine Autostunde von Rothenburg entfernt. In der historischen Schlossanlage ist noch heute seine fränkische Kunst zu bewundern. Weitere Jakobusfiguren von Steinacker gibt es in Oettingen und Gunzenhausen. Man erkennt sie leicht, weil sie allesamt etwas lang geraten sind und – ein Franke würde sagen: weil sie „Glubschaugen“ haben.

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Rothenburg am Knotenpunkt von Jakobswegen

Unsere Stadt ist bekannt dafür, dass es eine große Zahl von Touristen aus dem In-und Ausland willkommen heißt. Weniger bekannt ist, dass die Stadt an einem Knotenpunkt von Jakobs-Pilgerwegen liegt. Etwa tausend Pilger im Jahr kommen von Nürnberg, Würzburg oder Bamberg und gehen nach dem Besuch Rothenburgs weiter nach Ulm, Rottenburg oder Speyer und schließlich vielleicht auch bis Santiago de Compostela. Viele von ihnen suchen nach Ruhe und nach dem Sinn des Lebens auf dem Pilgerweg. Weil unser Rothenburg eine kleine Stadt mit vielen Gästen ist, schaffen wir es natürlich nicht, allen Besucherinnen und Besuchern und auch nicht allen Pilgerinnen und Pilgern persönlich die Hand zu schütteln. Diese Aufgabe hat schon die bronzene Jakobusfigur von Steinacker übernommen.

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Ein Segen für die Pilgerinnen und Pilger

Wenn ich Pilgerinnen und Pilgern vor der St.-Jakobs-Kirche einen Wegsegen zuspreche, mache ich das häufig an dieser Jakobus-Figur.

Jakobus

Natürlich hat die Jakobusfigur auch eine Botschaft. Sie ist ihm geradezu auf den Leib geschrieben: „Lobet Gott“ steht da unter einem Dreieckszeichen. Das Dreieck mit Auge symbolisiert seit alters her den Dreieinigen Gott, der „nicht schläft noch schlummert“, sondern wacht und behütet, wie es in dem biblischen Pilgerpsalm 121 heißt.

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Mit dem linken, dem „Goldfinger“ zeigt Jakobus auf die Passanten. Die rechte Hand der Jakobus-Figur umschließt den Pilgerstab. Der Zeigefinger dieser Hand weist dabei nach oben in den Himmel. Mit dem rechten Finger zeigt er nach oben zu Gott. So als wolle er die Gäste, Wanderer und Touristen in der Stadt auffordern, doch Pilger zu werden und auf ihrer Reise Gott ein Danklied zu singen.

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Die Körpersprache des Jakobus

Noch ein paar andere Besonderheiten hat die Jakobsfigur: Die Figur ist mit leichtem Gepäck unterwegs. Gerade mal eine kleine Wasserflasche hat Jakobus mitgenommen, doch weder Tasche noch Rucksack. Auf dem Rücken, da wo man umgangssprachlich das „Kreuz“ hat, trägt er ein kleines Kreuz, das wie ein Lebensbaum gestaltet ist.

Statue

Und wer die Körperhaltung der Jakobusfigur mit dem eigenen Körper nachzuahmen versucht, bemerkt plötzlich, dass dieser Jakobus nicht einfach nur still dasteht, sondern selbst ein Pilger oder Tourist ist: das rechte Bein holt nach vorne aus, das linke Bein streckt sich nach hinten, so, als wolle er aufbrechen und unter die Leute gehen. Er ist eben kein Heiliger, unser Jakobus, sondern einer zum Anfassen!

Jakobus mit Schulklasse

Pfarrer Oliver Gussmann, Pilgerbeauftragter der Evangelischen Landeskirche in Bayern, Rothenburg ob der Tauber

Fotos: Willi Pfitzinger, Harald Ernst, Konrad Nieberle, Oliver Gußmann

Oliver Gußmann

In Rothenburg bin ich Touristen- und Pilgerpfarrer an St. Jakob. Das ist die große, an Kunstschätzen reiche evangelische Kirche mit den Doppeltürmen mitten in Rothenburg! Meine Aufgabe ist es, die Kirchen Rothenburgs Gästen und Touristen aus der ganzen Welt bekannt zu machen. Die zahlreichen Gotteshäuser des gotischen Rothenburgs erzählen mit Bildern und Symbolen vom Glauben, der Liebe und der Hoffnung unserer Vorfahren; sie berichten vom Sterben und Auferstehen, von Hingabe und Erlösung. Bei meiner Arbeit hilft mir ein Kirchenführer-Team. Außerdem traue ich Hochzeitspaare, mache Nachtkirchenführungen und vieles mehr. Gerne führe ich durch das jüdische Rothenburg oder biete für Kinder und Jugendliche kirchenpädagogische Führungen an. Für die Jakobuswege, von denen sich einige in Rothenburg kreuzen, bin ich der Ansprechpartner. Mir liegt eine gesunde Umwelt am Herzen. Darum fahre ich ein "Velomobil" - eine Mischung zwischen Seifenkiste und Rennauto. Wenn Sie so etwas in Rothenburg stehen sehen, bin ich sicher nicht weit entfernt! Mehr über meine Arbeit: www.rothenburgtauber-evangelisch.de/tourismus

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Rothenburg ob der Tauber – Staatsbesuch bei Asylantenfamilie

Rothenburg ob der Tauber – die Weihnachtsstadt

Rothenburger Reiterlesmarkt

Rothenburger Reiterlesmarkt

Unsere Stadt ganz im Westen Bayerns gilt als eine der besonders schönen Weihnachts-Städte in Deutschland. Der Weihnachtsmarkt, auch „Reiterlesmarkt“ genannt, ist nicht nur ein Anziehungspunkt  für Gäste aus aller Welt, sondern auch eine gute Möglichkeit, die Rothenburger selbst kennenzulernen, die bei einem Becher Glühwein gerne über Gott und die Welt ins Gespräch kommen. Wegen des Weihnachtsmuseums und der Weihnachtsgeschäfte von Käthe Wohlfahrt, die das ganze Jahr über geöffnet sind, ist Rothenburg wohl für viele Menschen die Weihnachts-Stadt schlechthin. Zu sehen und zu kaufen gibt es allerorten Nussknacker und Christbaumschmuck, Laternen und Bratwürste – alles schöne Dinge. Mir persönlich scheint es aber oft so zu sein, als ob der ganze Rummel um Advent und Weihnachten den Blick auf die ursprüngliche Botschaft verstellt!

 

Der Weihnachts-Altar von Friedrich Herlin

Zwölf-Boten-Altar 1466

Zwölf-Boten-Altar 1466

Ganz anders empfinde ich es, wenn ich vor dem gotischen Hochaltar in der St.-Jakobs-Kirche stehe – das ist die doppeltürmige gotische Basilika mitten in der Stadt Rothenburg ob der Tauber. Auf den sichtbaren Altarflügeln besitzt der Altar sechs farbige gotische Tafelbilder mit biblischen Weihnachtsmotiven. Gemalt hat diese Bilder der aus Rothenburg ob der Tauber stammende Maler Friedrich Herlin (14.30–ca. 1500), ein Schüler des berühmten Rogier van der Weyden. Eines dieser Bilder besitzt für mich an diesem Weihnachtsfest eine besondere Ausstrahlungskraft: Es ist das Bild von den Heiligen Drei Königen, wie sie kommen und das Jesuskind verehren. Man sieht es am rechten Altarflügel links oben.

Die Drei Weisen aus dem Morgenland

Die Heiligen Drei Könige

Die Heiligen Drei Könige

Auf goldenem Hintergrund zeichnet sich die Silhouette eines offenen Stalles ab. Maria, die Mutter Jesu, sitzt davor in einem nachtblauen Gewand wie auf einem Thron. Josef, der irdische Vater Jesu, blickt von hinten über ihre Schulter, die Hände erhebt er gerade zum Gebet. Auf ihrem Schoß hält Maria den Jesusknaben, der für sein Säuglingsalter schon sehr erwachsen aussieht. Er wendet sich ganz dem ältesten König zu und reicht ihm die kleine Hand. Dieser König hat sein goldenes Gefäß abgestellt, den edlen Hut vom Haupt genommen, ist in die Knie gegangen – und Jesus legt seine kleine Hand in die große Hand des Königs. Beide blicken sich tief in die Augen, der alte König und das Jesuskind. Eine anrührende Szene, in der für einen Moment die Zeit vollkommen still stehen zu scheint! Genau diesen kleinen Augenblick einer gegenseitigen tiefen Wahrnehmung hat Friedrich Herlin in seinem Bild festgehalten. Ein Blick, der gegenseitige Verbundenheit und Liebe aussendet, Achtung vor der Weisheit des alten Königs und Achtung vor der Würde des Jesuskindes. Dabei scheinen sich noch mehrere Blickwechsel unsichtbar in der Mitte zu kreuzen: Maria blickt zu dem König. Josef blickt zum Jesuskind. Das Jesuskind und der König blicken sich gegenseitig an.

Blicke kreuzen sich

Blicke kreuzen sich

Etwas zur linken Seite stehen die anderen beiden Könige, die auch von weither gekommen sind, um dem neugeborenen König ihre Ehre zu erweisen. Die Könige bringen etwas mit von ihrem Vermögen, sie teilen es: Gold, Weihrauch und Myrrhe, was wohl heißen mag, sie geben als Begrüßungsgeschenke Vermögen, Verehrung und Gesundheit. Seit Beda Venerabilis (um 700 n. Chr.) hat man die Drei Könige gerne so gemalt, dass sie nicht etwa aus dem Osten kommen, aus dem Orient, sondern aus den drei damals bekannten Kontinenten. Dahinter steht der Gedanke der Verbreitung des Glaubens über die ganze Welt: „Die Heiden werden zu deinem Lichte ziehen und die Könige zum Glanz, der über dir aufgeht …“ (Jesaja 60,3). Außerdem repräsentieren sie drei verschiedene Lebensalter. Und man hat ihnen Namen gegeben: Der junge König Caspar mit dunkler Hautfarbe kommt aus Afrika. Balthasar, im besten Mannesalter, im grünen Gewand und mit Turban, vertritt Asien. Der Älteste, der vor dem Kinde kniet, ist Melchior. Er steht für den Kontinent Europa.

König Balthasar mit Turban

König Balthasar mit Turban

Eigentlich ist erst am 6. Januar, „ihr Tag“. Der Tag der Weisen aus dem Morgenland am Epiphaniasfest: In der Bibel sind die Weisen Astrologen aus der Gegend des heutigen Iran und Irak, die aus Sternbildern politische Machtveränderungen herauslesen. Doch sie gehören untrennbar zur Weihnachtsgeschichte im Matthäusevangelium 2,1–12 hinzu und sie besitzen in diesem Jahr 2015 eine ungeahnte Aktualität: In einem zugigen Stall, in dem die schwangere Maria und Josef Asyl erhalten haben, wird das Flüchtlingskind Jesus geboren. Fern von der Heimat. Die Könige und Weisen der heutigen Zeit, die Ministerpräsidenten und Universitätspräsidenten, machen ihm ihre Aufwartung, ja, knien vor ihm, dem Heiland der Welt in der Flüchtlingsunterkunft. Einer der drei Könige der Gegenwart ist für mich Mark Zuckerberg, ein König des Kapitals zwar und Atheist, aber ein Philanthrop, wenn er nach amerikanischer Wohltätigkeitstradition sogar 99 Prozent seines Vermögens Bildungs- und Gesundheitsinitiativen zukommen lässt. Anlässlich der Geburt seiner Tochter – warum nicht? Mich überrascht freilich der Neid darüber, der sich in vielen Kommentaren in unseren Zeitungen niederschlägt.

Mark Zuckerberg

Mark Zuckerberg

 

Rothenburg ob der Tauber an Weihnachten

St.-Jakobs-Kirche im Schnee

St.-Jakobs-Kirche im Schnee

Das Christfest am 25. Dezember steht unmittelbar bevor. Viele Besucherinnen und Besucher verbinden Weihnachten mit einem Kurzurlaub in Rothenburg ob der Tauber, um einige Tage hier in unserer schönen alten Stadt zu verbringen. Die St.-Jakobs-Kirche lädt zu einem Besuch ein. (Im Dezember ist das möglich von 10–16.45 Uhr, danach von 10–12 und von 14–16 Uhr). Man kann in diesen Tagen dort das Weihnachtsevangelium hören oder bei einem Spaziergang den Krippenweg erleben. Der von Pfarrer Dersch geführte Krippenweg beginnt jeweils um 14 Uhr an St. Wolfgang (Klingentor) am 26.12.2015, 1.1., 3.1. und 6.1.2016. Zu den evangelischen und katholischen Gottesdiensten können alle kommen, egal, ob man glaubt oder nicht glaubt, und egal, welcher Konfession oder Religion man angehört. Auch wenn man nur Zaungast sein möchte. Die Kerzen am Heiligen Abend (24. Dezember um 15, 17 und 22 Uhr) werden in allen Kirchen durch das Friedenslicht von Bethlehem entzündet, das vom Heiligen Land bis zu uns gebracht worden ist und das man auch bei einem spontanen Besuch bei einem Nachbarn oder einer Verwandten weiterschenken und miteinander teilen kann. Vielleicht begegnen sich dann die Blicke  so respektvoll und so tief wie sie auf dem Dreikönigsbild von Friedrich Herlin ihren Ursprung haben.

Ein gesegnetes Christfest!

Oliver Gußmann, Touristenpfarrer an St. Jakob

 

Oliver Gußmann

In Rothenburg bin ich Touristen- und Pilgerpfarrer an St. Jakob. Das ist die große, an Kunstschätzen reiche evangelische Kirche mit den Doppeltürmen mitten in Rothenburg! Meine Aufgabe ist es, die Kirchen Rothenburgs Gästen und Touristen aus der ganzen Welt bekannt zu machen. Die zahlreichen Gotteshäuser des gotischen Rothenburgs erzählen mit Bildern und Symbolen vom Glauben, der Liebe und der Hoffnung unserer Vorfahren; sie berichten vom Sterben und Auferstehen, von Hingabe und Erlösung. Bei meiner Arbeit hilft mir ein Kirchenführer-Team. Außerdem traue ich Hochzeitspaare, mache Nachtkirchenführungen und vieles mehr. Gerne führe ich durch das jüdische Rothenburg oder biete für Kinder und Jugendliche kirchenpädagogische Führungen an. Für die Jakobuswege, von denen sich einige in Rothenburg kreuzen, bin ich der Ansprechpartner. Mir liegt eine gesunde Umwelt am Herzen. Darum fahre ich ein "Velomobil" - eine Mischung zwischen Seifenkiste und Rennauto. Wenn Sie so etwas in Rothenburg stehen sehen, bin ich sicher nicht weit entfernt! Mehr über meine Arbeit: www.rothenburgtauber-evangelisch.de/tourismus

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Rothenburger Sehenswürdigkeiten für Fortgeschrittene – Die Altstadt auf den zweiten Blick

Die Fortsetzung von Rothenburg auf die Schnelle.

Nachdem ich mich in einem meiner letzten Beiträge darauf konzentriert habe, was während eines kurzen Aufenthaltes in der mittelalterlichen Altstadt in 3-4 Stunden zu schaffen ist, möchte ich nun tiefer einsteigen und hier etwas zeitintensivere Sehenswürdigkeiten vorstellen. Von dem Motto „In der Kürze liegt die Würze“ hin zu „Eile mit Weile“.

Bietet diese fränkische Kleinstadt genug für einen Tagesausflug oder gar eine mehrtägige Städtereise?

Die Antwort ist eindeutig „JA“, denn für die folgenden Sehenswürdigkeiten sollten Sie jeweils 1-2 Stunden, oder im Falle der Museen bei großem Interesse sogar mehr einplanen.

Ob Regen oder Sonnenschein, diese Attraktionen können Sie bei jedem Wetter besuchen. Allerdings gilt es die Öffnungszeiten bzw. Führungszeiten zu beachten. Diese finden Sie auf den jeweiligen Internetseiten, die ich im Text verlinkt habe.

Die größte Sehenswürdigkeit – Nicht nur was für Kirchgänger!

St.-Jakobs-Kirche und Rathausturm - ©Rothenburg Tourismus Service

St.-Jakobs-Kirche und Rathausturm – ©Rothenburg Tourismus Service

Die St.-Jakobs-Kirche befindet sich mitten in der Altstadt, in direkter Nachbarschaft zum Marktplatz mit dem Rathaus und dessen markantem schlanken weißen Turm. Die mächtigen Kirchtürme, mit den elegant durchbrochenen Turmspitzen, sind nicht zu übersehen und prägen nun schon seit über 600 Jahren das Erscheinungsbild des Fränkischen Jerusalems, wie Rothenburg ob der Tauber auch genannt wurde.  Im Mittelalter war diese Kirche, mit der darin befindlichen Heiligblut-Reliquie, von großer Bedeutung für unzählige Pilger. Heute ziehen eher der Bau selbst und der für die Reliquie geschaffene Heilig-Blut-Altar von Tilman Riemenschneider die Besucher an.

Heilig-Blut-Altar in der St.-Jakobs-Kirche

Heilig-Blut-Altar in der St.-Jakobs-Kirche

Diese komplett im gotischen Baustil errichtete Kathedrale ist für mich auch immer wieder sehr beeindruckend und nicht allein der Ausmaße wegen eine der Sehenswürdigkeiten der Stadt, vielleicht auch die Größte. Alleine die blanken Zahlen flößen mir tiefen Respekt ein.

Bauzeit: Baubeginn 1311 / Weihe 1485 = 174 Jahre

Höhe der Türme: 58,20 (Nordturm) / 55,80 (Südturm) Meter – Länge: 80,75 Meter – Breite: 22 Meter

Zahlende Besucher pro Jahr: ca. 140.000 (Stand 2014)

Ja, Sie haben richtig gelesen. „Zahlende Besucher“. Die Besichtigung kostet Eintritt. Dieser Umstand, übrigens seit 1906, ist für viele erst einmal irritierend und leider häufig auch Grund genug, sich die Sankt Jakobs Kirche nicht genauer anzusehen. Allerdings sind die Unterhaltskosten enorm hoch und die Zahl der Gemeindemitglieder sowie die finanziellen Mittel im Vergleich dazu recht überschaubar. Daher diese ungewöhnliche Entscheidung der Kirchengemeinde eine Besichtigungsgebühr zu verlangen. Doch Sie bekommen auch jede Menge für Ihr Geld. Nicht nur jede Menge Kultur, sondern auch noch während der Saison täglich zwei Kirchenführungen.

Herlin Altar in der St. Jakobs Kriche ©Rothenburg-Tourismus-Service

Herlin Altar in der St. Jakobs Kriche ©Rothenburg-Tourismus-Service

Um 11:00 und 14:30 werden die verschiedenen Sehenswürdigkeiten während der ca. einstündigen Führung kompetent erklärt. Das ist absolut empfehlenswert, denn sonst entgehen einem leicht die vielen Details und Hintergründe. Es gibt einfach viel zu erzählen und auch Anekdoten zu schreiben. So hat einer meiner Kollegen seine Erlebnisse als Kirchenführer in einem Buch mit dem Titel „Wo geht es denn hier zum Romy Schneider Altar“ veröffentlicht. Kaum zu glauben, aber wahr. Da hat mal jemand Tilman Riemenschneider mit der Schauspielerin verwechselt. Außerhalb der Führungszeiten können Sie sich einen Audioguide an der Kasse leihen und sich intensiv mit St. Jakob beschäftigen. Für die ganz Eiligen gibt es einen kostenlosen Kurzführer, doch wird Ihnen dann wahrscheinlich eine der ältesten Darstellungen nördlich der Alpen im Hauptalter ebenso entgehen wie der versteckte zwölfte Jünger im Heilig-Blut-Altar.

Etwas mehr Zeit sollten Sie einplanen wenn Sie beim Mittelalterlichen Kriminalmuseum vorbeischauen wollen.

„Rothenburger Folterkammer“ – Ganz weit vorn in Deutschland!

Innenhof des Mittelalterlichen Kriminalmuseums in Rothenburg

Innenhof des Mittelalterlichen Kriminalmuseums in Rothenburg

Da sind Sie in 30 Minuten nicht durch. Wie auch, wo es doch um einen umfassenden Einblick in die Entwicklung unseres Rechts- und Justizsystems geht. Mindestens eine Stunde empfehle ich als Besuchszeit, wenn Sie sich nur einen Überblick verschaffen wollen. Sie können aber auch viele Stunden in der Ausstellung zubringen. Schließlich handelt es sich um eines der bedeutendsten Rechtskundemuseen in ganz Europa. Manche nennen diese Sammlung mit ca. 50.000 Exponaten auch einfach nur kurz „Foltermuseum“.

Zeichnung der Nürnberger Folterkellerausstellung aus dem 19. Jh. - im Hintergrund die Eiserne Jungfrau

Zeichnung der Nürnberger Folterkellerausstellung aus dem 19. Jh. – im Hintergrund die Eiserne Jungfrau

Vielleicht, weil die Ausstellung der Folterinstrumente und die damit verbundene Vorstellung besonders einprägsam ist. So sehr, dass es ein unvergessliches Erlebnis wird, von dem viele noch Jahrzehnte später erzählen, wenn sie mal wieder nach Rothenburg kommen. Oder weil das Mittelalterliche Kriminalmuseum seinen Anfang als private Sammlung mit dem Namen „Rothenburger Folterkammer“ nahm. Damals befand sich die Ausstellung allerdings noch im heutigen Burghotel. Erst seit 1977 befindet es sich im ehemaligen Johanniterkloster in der Burggasse 3.

Ehemaliges Johanniterkloster - Garten und Außenanlagen - Copyright: Markus Hirte

Ehemaliges Johanniterkloster – Garten und Außenanlagen – Copyright: Markus Hirte

Zugegeben, dieses Thema und die Ausstellungsstücke sind keine leichte Kost, trotzdem ist es das meistbesuchte Museum in Rothenburg. Aber es gibt ja zum Glück genügend Alternativen für Gäste, die es lieber etwas romantischer mögen.

Es weihnachtet sehr – auch bei 30 Grad im Schatten!

Copyright:  Deutsches Weihnachtsmuseum Rothenburg ob der Tauber

Copyright: Deutsches Weihnachtsmuseum Rothenburg ob der Tauber

Eine dieser Alternativen befindet sich nur zwei Ecken weiter. In der Gunst des Publikums ist auch dieses Museum ganz weit oben und das ganz zu Recht. Wenn auch noch relativ neu in der Liste der Sehenswürdigkeiten der mittelalterlichen Stadt, so ist es doch seit seiner Eröffnung im Jahre 2000 zu einer festen Größe unter den Attraktionen geworden. Nicht nur während der Adventszeit, sondern das ganze Jahr hindurch ist Weihnachten ein Thema in Rothenburg ob der Tauber. Dafür hat die Firma Käthe Wohlfahrt mit ihren weltberühmten Weihnachtsläden gesorgt. In einem dieser Weihnachtsläden und zwar dem größten, dem Weihnachtsdorf in der Herrngasse, befindet sich im Obergeschoss das Deutsche Weihnachtsmuseum.

 Der Museumseingang - Copyright: : Deutsches Weihnachtsmuseum

Der Museumseingang – Copyright: : Deutsches Weihnachtsmuseum

Der Eingang zum Museum befindet sich innerhalb des Weihnachtsdorfes und ist sehr leicht zu finden, wenn man denn will. Allerdings vermute ich, dass einige die nach dem Museum fragen gar nicht ins Museum wollen, sondern es eher um den Laden geht. „Ich möchte unbedingt noch ins Weihnachtsmuseum.“ hört sich einfach besser an als „Ich möchte unbedingt noch in den Weihnachtsladen“.

Das halte ich jedoch für einen Fehler, denn um das „Fest der Liebe“, das Christkind, den Weihnachtsmann, Sankt Nikolaus, den Weihnachtsbaum samt des gesamten Schmucks und Brauchtums gibt es so viel Wissenswertes. Schon allein die Frage seit wann wir Weihnachten Ende Dezember feiern und warum, können wahrscheinlich die wenigsten beantworten. Diese und noch viele andere Fragen werden im Museum beantwortet. Übrigens ist ein Besuch im Deutschen Weihnachtsmuseum bei 30 Grad im Schatten gar keine so schlechte Idee wie es sich vielleicht anhört. Denn erstens gibt es natürlich eine Klimaanlage und zweitens ist es bei weitem nicht so voll wie während der Adventszeit. Es ist also zu jeder Jahreszeit einen Besuch wert.

Weihnachtsmann - Copyright: Deutsches Weihnachtsmuseum

Weihnachtsmann – Copyright: Deutsches Weihnachtsmuseum

Übrigens hat das Museum den Antrag gestellt, die Weihnachtlichen Gabenbringer als immaterielles Kulturerbe in Deutschland in das Verzeichnis der UNESCO aufzunehmen. Bei Interesse können Sie den Antrag auf der Internetseite www.weihnachtsmuseum.de unterstützen.

 

Wenn Sie jetzt denken, „Das ist ja alles an einem Tag gar nicht zu schaffen“ haben Sie absolut Recht. Aber auch dafür ist gesorgt und gibt es in Rothenburg natürlich jede Menge ausgezeichnete Hotels, Pensionen, Ferienwohnungen, eine Jugendherberge und ein Online-Buchungssystem der Stadt. Übrigens liegen nicht nur sehr viele dieser Unterkünfte in bzw. um die Altstadt, sondern haben auch ausgezeichnete Bewertungen auf den verschiedenen Buchungsportalen.

Nun hat unsere romantische mittelalterliche Altstadt nicht annähernd eine solche Bar- und Nachtclubdichte wie Ibiza oder Ballermann zu bieten, trotzdem ist natürlich auch am Abend etwas in der Stadt geboten.

Ein Grund etwas länger zu bleiben!

Eine der Institutionen in unserer schönen Stadt ist der Rothenburger NachtwächterRothenburger Nachtwächter, Portrait An (fast) jedem Abend findet ein öffentlicher Rundgang statt, bei dem sich jeder anschließen darf. Natürlich wird dafür ein kleiner Obolus (6,- Euro) fällig, denn auch Nachtwächter leben nicht von Luft und Liebe alleine. Am besten findet man sich bis um 21:30 (auf Englisch um 20:00) Uhr am Marktplatz ein, denn dort beginnt der Rundgang. Auf unterhaltsame und gleichzeitig informative Art wird sowohl die Stadtgeschichte, als auch dieser unehrbare Beruf vorgestellt. Wie in der (nicht so) guten alten Zeit geht der Nachtwächter seine Runde bei jedem Wind & Wetter. Dann allerdings mit weit weniger Gästen als an schönen Abenden. Da sind es nicht selten 100 Gäste oder mehr die dem nächtlichen Rufer lauschen. Das funktioniert übrigens erstaunlich gut, denn der Lärm und Verkehr ist dann fast gänzlich verschwunden. Ein gemütlicher Spaziergang durch die stimmungsvoll beleuchteten Gassen der Altstadt sind für mich die schönsten Stunden, die man in Rothenburg verbringen kann. So ist es auch nicht verwunderlich, dass diese Aktivität bei Tripadvisor direkt nach Altstadt und Stadtmauer an dritter Stelle kommt (Stand: Sep. 2015).

Nachtwächter - ©Rothenburg Tourismus Service, W. Pfitzinger, Exkl

Nachtwächter – ©Rothenburg Tourismus Service, W. Pfitzinger, Exkl

Das Ganze noch garniert mit einem Gläschen Frankenwein in einer unserer gemütlichen Weinstuben krönt den Besuch und schon fühlt man sich wie Gott in FRANKEN.

Klein kann ganz schön groß sein!

„Der Schein trügt!“ zumindest im Falle von Rothenburg ob der Tauber. Unsere im Vergleich zu anderen Städten, so kleine Stadt mit gerademal ca. 11.000 Einwohnern hat viel mehr zu bieten als die Meisten denken. Es ist auch bei weitem nicht so überlaufen wie angenommen wird. Vor allem nicht abseits des Marktplatzes wie zum Beispiel entlang des Turmweges, an den Orten der Stille und am Abend. Was mich an dieser Stadt so begeistert ist, die enorme Dichte und Vielfalt von großen und kleinen Sehenswürdigkeiten auf einer relativ geringen Fläche. Klein kann manchmal ganz schön groß sein.

Vielleicht sehen wir uns ja mal auf einem meiner abendlichen Gänge durch die Stadt als Nachtwächter. Allerdings bin ich zumeist mit kleinen privaten Gruppen unterwegs, das ist romantischer. Kommen Sie doch mal vorbei, wenn Ihnen der Sinn danach steht.

Rothenburger Nachtwächter - H.Ernst Copyright: H.Ernst

Rothenburger Nachtwächter – H.Ernst
Copyright: H.Ernst

Harald Ernst

Bin ich ein Rothenburger? JAIN! Meine Wurzeln liegen nur 15 km von Rothenburg entfernt. Brettheim, früher ein Teil des Stadtgebietes der Reichsstadt mit ca. 180 Dörfern, liegt heute in einem anderen Bundesland (BW). Das erklärt, weshalb ich mich als Rothenburger fühle, inzwischen auch in der Altstadt lebe, aber nicht wie ein Rothenburger klinge. Ich bin ein Hohenloher mit entsprechendem Dialekt (wenn ich will oder darf) und habe mich während meines Zivildienstes (1990/91) in der Jugendherberge in die Stadt verliebt. Außerdem habe ich mich durch die Gäste aus aller Welt inspirieren lassen und das Reisen für mich entdeckt. Menschen, Länder, Abenteuer lassen mich immer wieder meine Koffer packen. Doch genauso gerne kehre ich immer wieder zurück in diese besonders schöne Stadt. Aus Hobby wurde Beruf. Bereits 1993 kam ich zur Gästeführerei. Im Jahr 2000 habe ich mit einem Freund ein Reiseunternehmen gegründet und bin seit dem selbstständiger Stadtführer, Reiseleiter und Driverguide für Gäste aus aller Welt im In- und Ausland. Doch mein Schwerpunkt ist und bleibt Rothenburg ob der Tauber. Hier kenne ich mich am besten aus. Hier bin ich Zuhause.

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St. Jakob im 15. Jahrhundert

St. Jakob im 15. Jahrhundert

Die St.-Jakobs-Kirche, an der ich als Touristenseelsorger arbeite, besitzt einen sehr schönen Hochaltar mit farbigen, großflächigen Tafelbildern aus dem 15. Jahrhundert. Immer wieder bleiben die Besucherinnen und Besucher der St.-Jakobs-Kirche mit einem „Oh!“ oder „Ah!“ vor diesen Bildern stehen. Allein sechs Bilder drehen sich um die Geburt Christi und ihrer adventlichen Vorgeschichte, die auf den ehrwürdigen Texten am Anfang des Lukasevangeliums beruhen.

Friedrich Herlin: Geburt Christi

Friedrich Herlin: Geburt Christi

Jesu Geburt im Strahlenkranz

Kerze JosephAuf goldenem Hintergrund gemalt hat diese Bilder der gar nicht so unbekannte, aus Rothenburg ob der Tauber stammende Maler Friedrich Herlin (1430–ca. 1500). Natürlich hat er auch die Weihnachtsszene gemalt: Zu sehen ist der nach vorne offene Stall aus Stein und Holz mit einem dominanten und senkrechten Balken, der mit seinen Verwundungen an das spätere Leiden Christi erinnert. Der Himmel im Hintergrund ist nicht blau, sondern ganz in Gold getaucht. Maria trägt ein helles weißes Gewand und einen nachtblauen Mantel und sie schickt sich gerade an, vor ihrem Kind auf die Knie zu gehen und betend die Hände zu falten. Das Jesuskind liegt nicht, wie wir es gewohnt sind in der Futterkrippe, sondern nackt auf dem Erdboden auf einem vielzackigen strahlenden goldenen Stern. Der Maler will damit wohl sagen, dass Jesus ganz irdisch geworden ist und dass von ihm der Glanz Gottes ausgeht. Maria und Jesus blicken sich zum ersten Mal in die Augen und der Strahlenkranz des Jesuskindes scheint sich in dem Strahlenkranz hinter dem Kopf seiner Mutter Maria zu spiegeln. Zwei Engel knien auf dem Boden und kümmern sich auch um das Kind. Joseph in einem roten Gewand stützt sich mit der linken Hand auf einen Gehstock. In der Rechten hält er eine brennende Kerze zur Erinnerung für den Betrachter oder die Betrachterin, dass soeben Christus, das Licht der Welt geboren ist.

Christi Geburt als mystische Geburt in der Seele

Für den Maler Friedrich Herlin ist die Geburt Christi ein mystisches Ereignis: Jesus ist nicht nur als Mensch zur „Zeitenwende“ geboren worden, sondern geboren werden will er auch tief drin in dem Menschen, der gerade das Bild betrachtet. Vielleicht hat der Maler die Christusvisionen der europäischen Heiligem Birgitta von Schweden (1303–1373) gekannt, die im hohen Alter von 69 Jahren mit ihrer Familie das Heilige Land besucht hat und dann ihre Traumvisionen von der Geburt Christi niedergeschrieben hat. Das Bild Herlins, gemalt nach ihren Texten, strahlt für mich Glanz und Ruhe aus und gibt einen Moment wieder, in dem alles heil und gut ist. Das, wonach sich die Welt auch heute sehnt.

Gerade in den Weihnachtstagen bleiben die Menschen meinem Gefühl nach länger vor den Altarflügeln des Zwölfboten-Altares mit der Weihnachtsgeschichte stehen. Länger als sonst.

St. Jakob im Schnee

St. Jakob im Schnee von Südwesten

Rothenburg ob der Tauber an Weihnachten

Das Christfest steht unmittelbar bevor. Und viele Besucherinnen und Besucher, die das Fest nicht zu Hause feiern wollen, kommen auf einen Kurzurlaub nach Rothenburg, um einige Tage hier zu verbringen. Die St.-Jakobs-Kirche lädt zu einem Besuch ein. Man kann in diesen Tagen dort das Weihnachtsevangelium hören. Alle Menschen sind eingeladen, den evangelischen Gottesdienst  zu besuchen, unabhängig von Konfession oder Religion. Die Kerzen in den Gottesdiensten werden an dem Friedenslicht von Bethlehem entzündet, das in einer Staffellauf vom Heiligen Land bis zu uns gebracht worden ist und das man auch jemandem weiterschenken kann. In diesem Jahr setzt das Motto “Friede sei mit dir – Shalom – Salam“ einen Schwerpunkt auf den interreligiösen Dialog. Oder, wenn gerade kein Gottesdienst ist, kann man zum Ansehen der Bilder und Altäre  die berühmte Kirche auch besuchen. Im Dezember ist das möglich von 10–16.45 Uhr. Wer will, kann sich die Bilder auch durch einen Audioguide erklären lassen.

Die Weihnachtsbilder der Kirche laden alle ein, sich ihre Gedanken zu machen. Auch ich stehe gerne davor und entdecke heute noch manches mir noch nicht bekannte Detail…

In den Tagen nach Weihnachten kann man bei einer Städtereise nach Rothenburg sich auf den Krippenweg führen lassen oder das Weihnachtsmuseum bei Käthe Wohlfahrt in der Herrngasse besuchen.

Gesegnetes Christfest!

Oliver Gußmann, Pfarrer an St. Jakob

 

 

Oliver Gußmann

In Rothenburg bin ich Touristen- und Pilgerpfarrer an St. Jakob. Das ist die große, an Kunstschätzen reiche evangelische Kirche mit den Doppeltürmen mitten in Rothenburg! Meine Aufgabe ist es, die Kirchen Rothenburgs Gästen und Touristen aus der ganzen Welt bekannt zu machen. Die zahlreichen Gotteshäuser des gotischen Rothenburgs erzählen mit Bildern und Symbolen vom Glauben, der Liebe und der Hoffnung unserer Vorfahren; sie berichten vom Sterben und Auferstehen, von Hingabe und Erlösung. Bei meiner Arbeit hilft mir ein Kirchenführer-Team. Außerdem traue ich Hochzeitspaare, mache Nachtkirchenführungen und vieles mehr. Gerne führe ich durch das jüdische Rothenburg oder biete für Kinder und Jugendliche kirchenpädagogische Führungen an. Für die Jakobuswege, von denen sich einige in Rothenburg kreuzen, bin ich der Ansprechpartner. Mir liegt eine gesunde Umwelt am Herzen. Darum fahre ich ein "Velomobil" - eine Mischung zwischen Seifenkiste und Rennauto. Wenn Sie so etwas in Rothenburg stehen sehen, bin ich sicher nicht weit entfernt! Mehr über meine Arbeit: www.rothenburgtauber-evangelisch.de/tourismus

Weitere Beiträge

Rothenburg auf die Schnelle – Die größten Sehenswürdigkeiten

Top 1-4 in 3-4 Stunden

Ankunft um 11:00 – Abfahrt um 14:30

Ausfahrt Rothenburg ob der Tauber an der A 7. Mal eben einen Kaffee am Marktplatz, etwas die Beine vertreten und dann geht es wieder weiter.

Schwer zu sagen wie lange die durchschnittliche Aufenthaltsdauer unserer Gäste ist. Eines ist sicher. Vielen bleibt nicht viel Zeit. Immer wieder erlebe ich wie Gruppen die übliche Stadtführungsdauer von 90 – 120 Minuten kürzen um wenigsten noch etwas Freizeit zu haben bevor die Reise weiter geht. „Hop on – Hop off“ durch Europa. Doch was sollte man sehen um Rothenburg gesehen zu haben? In einer kleinen Serie von Blogbeiträgen möchte ich die verschiedenen Sehenswürdigkeiten meiner Stadt vorstellen. Stück für Stück immer tiefer in das Herz dieser Perle des Mittelalters, oder in die Zeitmaschine Mittelalter, so wie ich die Altstadt von Rothenburg bezeichne.

Eine Begegnung der besonderen Art!

Vor ca. 2 Wochen war es mal wieder soweit. Eine Begegnung der besonderen Art.

Für eine große Reisegruppe mit über 100 Gästen aus Südostasien waren 3 x 2-stündige Stadtführungen bestellt. Ein Besuch des mittelalterlichen Kleinods an der Romantischen Straße incl. Mittagessen und das auf dem Weg von Füssen / Schloss Neuschwanstein nach Frankfurt a. M. Solch eine Reiseplanung ist üblich, wenn auch ambitioniert. Oder anders gesagt, für Viehtransporte durch Europa herrschen strengere Vorschriften. Vor allem wer schon einmal mit Gästen aus Südostasien zu tun hatte, die Uhren gehen dort etwas anders, wird sich nicht wundern wenn ich sagen, dass die Gruppe ca. 1 Stunde zu spät kam. Zum Ausgleich dafür wollten Sie aber wieder früher los, denn es war Freitagnachmittag und entsprechend viel Verkehr auf deutschen Autobahnen. Oh Wunder 😉 wer hatte das gedacht. So kam der Zeitplan etwas durcheinander und es musste etwas schneller gehen.

Auf dem Programm stand ein Besuch der St. Jakobskirche mit Besichtigung des Heiligblutaltares und was im Reiseprogramm steht wird auch gemacht. Das Reiserecht kennt da keine Gnade. Durch Streichung der 20-minütigen Freizeit für die Gäste, blieben für die Führung durch Rothenburg incl. Fußweg zum Busparkplatz und Toilettenpause 40 Minuten. Das ist schon ein recht sportliches Vorhaben wenn man alleine in der Stadt unterwegs ist, aber mit 35 Asiaten im Schlepptau eine echte Herausforderung. Erschwerend kam hinzu, dass nur die Hälfte Englisch verstand und alles noch auf Chinesisch übersetzt werden musste. Da heißt es ruhig zu bleiben und nur nicht stressen lassen.

Aber die Gäste waren in Rothenburg ob der Tauber!

Was muss man gesehen haben?

Wenn ich Menschen, die Rothenburg nicht kennen, die Empfehlung ausspreche, die Stadt einmal zu besuchen, dann kommt verständlicherweise die Frage was es dort zu sehen gibt. „Na die Stadt“ sage ich dann, auf was meist „Wie die Stadt?“ als irritierte Erwiderung folgt. Aber tatsächlich ist die Altstadt von Rothenburg bei Tripadvisor.de mit 1285 Topbewertungen die unangefochtene Nummer 1 von 37 Sehenswürdigkeiten in der Stadt. Auf Rang 2 kommt mit weniger als der Hälfte von Bewertungen die Stadtmauer. (Stand Nov. 2014) Die meisten anderen Sehenswürdigkeiten bringen es aktuell auf weniger als 100 Bewertungen. Wobei streng genommen würde ich die Stadtmauer als Teil der Altstadt sehen. Aber ich möchte hier nicht päpstlicher als der Papst sein und spreche deshalb die dringende Empfehlung aus. Nicht nur anschauen, sondern

Stadtmauer Stadtmauer_2

„Rauf auf die Mauer“!

Sich die Mauer nur anzuschauen ist keine Leistung, denn man kann unmöglich die Altstadt besuchen ohne die Mauer zu sehen. Schließlich geht diese auf einer Länge von ca. 3,5 Kilometer einmal komplett um die Stadt herum. Auf 60-70 % ist ein begehbarer Wehrgang, mit Zugängen an und zwischen den Stadttoren. Also ca. alle 200-300 Meter kommt man rauf oder runter. Der Aufstieg auf die Stadtmauer ist jederzeit kostenfrei möglich, erfolgt allerdings auf eigene Verantwortung. Die Mauer ist schließlich nicht für Touristen gebaut worden und auch nicht vom TÜV abgenommen. Seit diesem Jahr gibt es auch sehr gelungene Erklärungen entlang der Mauer. Der Turmweg ist im Frühjahr 2014 eröffnet worden und war bereits einmal Thema für einen Beitrag von mir. Siehe „Lohnende Umwege oder der neue Rothenburger Turmweg“

Stadtmauer am Dominikanerinnenkloster - Rothenburg o.d.T. - Foto: H. Ernst

Stadtmauer am Dominikanerinnenkloster – Rothenburg o.d.T. – Foto: H. Ernst

Alle Wege führen nach Rom!

So wie das Straßensystem im römischen Imperium auf das Zentrum ausgelegt war, funktionieren viele mittelalterliche Städte. Die Gassen von den Toren führen ins Zentrum.

In Rothenburg liegt zentral im Herzen der Altstadt der wunderschöne Marktplatz mit unserem beeindruckenden Rathaus. Übrigens ist dies an 4. Stelle der Sehenswürdigkeiten bei Tripadvisor. So viele Menschen können nicht irren. Wobei ich mich gerade frage, wie viele von denen, die das Rothenburger Rathaus als eine Topsehenswürdigkeit bewertet haben, wirklich in seiner gesamten Pracht und Vielfalt erfahren haben? Nicht nur, dass unser Rathaus schon alleine durch seine Größe für eine Stadt mit weniger als 11.000 Einwohnern sehr beeindruckend ist. Nein, es fügen sich auch noch drei bedeutende Baustiele zu einem Gesamtkunstwerk zusammen. Gotik – Renaissance – Barock.

Dieses Gebäude ist vielversprechend und hält noch mehr. So etwas findet man nicht so leicht.

Ein Gebäude das mehr hält als es verspricht!

Gerade wenn die Zeit knapp ist gibt es eine ausgezeichnete Möglichkeit die gesamte Altstadt zu sehen.

Rauf auf den Rathausturm!

Ein echtes Erlebnis, das mit einem fantastischen Blick über die Stadt, das Taubertal und weite Teile des Umlandes belohnt wird. Zugegeben, die ca. 220 Stufen setzen eine gewisse Fitness voraus und nicht nur das. Im oberen Teil geht es recht steil und eng zu, denn auch dieser Turm wurde ursprünglich nicht für Touristen gebaut. Sehr wohl aber als Aussichtsturm. Aus diesem Grund war er auch ständig von zwei Türmern besetzt. Die waren sicherlich sehr beweglich, denn es galt ja nicht nur auf den Turm zu kommen, sondern auch noch auf die umlaufende Plattform zu kommen und dazu sind schon leichte Gymnastische Übungen notwendig. Damit möchte ich sagen, dass der Rathausturm, so lohnend die Aussicht ist, nichts für Menschen mit Gehbehinderung oder Höhenangst ist. Für alle anderen schon. Allerdings gilt es zuvor den Zugang zum Turm zu finden. Dieser ist nicht wie man annehmen könnte direkt unter dem Turm, sondern im Dachstuhl des weißen gotischen Teils des Rathauses. Dort regelt ein Drehkreuz die Zahl der Turmbesteiger. Bevor dies vor ein paar Jahren angebracht wurde kam es regelmäßig zu Verstopfung. Es strebten ständig Menschen nach oben, ohne eine extra eingerichtete Ampelanlage zu beachten und behinderten damit den Abstieg der gehenden Gäste. Dann ging nichts mehr. In der Enge der Turmtreppe müssen sich verrückte Szenen abgespielt haben. Zum Glück sind diese Zeiten vorbei.

Stellt sich nur noch die Frage wie man bis zu diesem Drehkreuz kommt. Das ist relativ einfach. Über die wunderschöne Wendeltreppe des Renaissanceteils des Rathauses. Also einfach direkt vom Marktplatz den angesetzten Treppenturm betreten und dann bis ganz nach oben. Dann durch die einzige Tür und schon sieht man das Drehkreuz und hoffentlich sonst niemanden. Denn je mehr dort stehen umso länger ist die Wartezeit. 30 Minuten sollte man für die ganze Aktion mindestens einplanen. Also für die 100 Asiaten wäre das nichts gewesen.

Übrigens gibt es da noch zwei sinnvolle Dinge zu beachten bevor man den Gang nach oben antritt. Erstens empfehle ich mit einem Blick auf die Informationstafel am Beginn der Wendeltreppe zu prüfen, ob der Turm überhaupt geöffnet ist. Denn sonst ist nach der Hälfte des Weges Schluss und das wäre ärgerlich. Aber noch ärgerlicher und damit sind wir bei Zweitens, auf jeden Fall prüfen ob das Geld in der Tasche auch für den Eintritt reicht. Es ist nicht teuer, aber wird man kurz vor dem Ziel vom Türmer in seiner Turmstube wieder nach unten geschickt ohne auf die Aussichtsplattform zu kommen. Also ich würde mich über so etwas richtig ärgern.

Rathausturm Rothenburg o.d.T. ©Harald Ernst

Rathausturm Rothenburg o.d.T. ©Harald Ernst

Ein besonderer Anblick!

Nun noch zu etwas was Rothenburg-Kenner und Blogleser von den übrigen Besuchern unterscheidet. Ein Geheimtipp. Der Blick durch das Zentrum der Wendeltreppe ist wirklich etwas Besonderes. Es fasziniert mich immer wieder, mit welcher Genauigkeit die Steinmetze früher schon arbeiten konnten. Solch eine Demonstration der Kunstfertigkeit ist die Wendeltreppe des Rathauses. Wie das Innere eines perfekt geformten Schneckenhauses windet sich die Treppe Stufe für Stufe nach oben. Der Blick reicht bis hinauf zu der reich verzierten Decke des Treppenturms und zeigt dort das Zeichen der Macht. Wer Augen wie ein Adler hat kann es vielleicht schon von ganz unten erkennen, ansonsten empfehle ich einen Blick zur Decke wenn man oben angekommen ist.

Wendeltreppe Rathaus Rothenburg o.d.T. - Foto: H. Ernst

Wendeltreppe Rathaus Rothenburg o.d.T. – Foto: H. Ernst

Das Rathaus hat noch mehr zu bieten, aber wer Rothenburg nur mal auf die Schnelle besuchen möchte, hat eben nicht für alles Zeit.

Zum Abschluss!

Den Abschluss oder den Anfang, ganz wie man will, bildet der Burggarten. Auch hier gibt es einiges zu entdecken, mal ganz davon abgesehen, dass sich fantastische Ausblicke ins Taubertal und auf die Stadt bieten. Dieser Teil der Altstadt ist dann auch aktuell auf Platz 3 der Gästegunst bei Tripadvisor und damit ist ein erster Eindruck gelungen.

Anbieten würde sich natürlich auch noch etwas die besondere Atmosphäre innerhalb des Mauerrings auf sich wirken zu lassen. Dafür gibt es reichlich Gelegenheit in einem der Cafés am Marktplatz oder entlang der Hauptgassen. Eine Stimmung die weder hektisch noch ruhig zu nennen ist. Entspannt würde ich sagen, begegnen und bewegen sich die Menschen aus aller Welt an diesem so besonderen Ort. Irgendwie gehen die Uhren in Rothenburg ob der Tauber anders. Als würden die alten Gemäuer beruhigend auf die Menschen wirken und sich alles in einer anderen Geschwindigkeit innerhalb einer Zeitblase bewegt.

Wer etwas mehr Zeit als 2 Stunden zwischen Neuschwanstein und Frankfurt am Main mitbringt, sollte sich nicht wundern, wenn er etwas angerührt von diesem Hauch der Geschichte, für einen Moment zur Ruhe kommt und die Seele baumeln lassen kann.

Vielleicht sehen wir uns ja mal oder kommen bei einem Cappuccino im Cafe am Markt bzw. einer Feuerzangenbowle während des Weihnachtsmarktes ins Gespräch. Ich würde mich freuen zu hören, was Ihnen beim Anblick dieser schönen Häuser und Gassen so in den Sinn kommt.

Harald Ernst

Bin ich ein Rothenburger? JAIN! Meine Wurzeln liegen nur 15 km von Rothenburg entfernt. Brettheim, früher ein Teil des Stadtgebietes der Reichsstadt mit ca. 180 Dörfern, liegt heute in einem anderen Bundesland (BW). Das erklärt, weshalb ich mich als Rothenburger fühle, inzwischen auch in der Altstadt lebe, aber nicht wie ein Rothenburger klinge. Ich bin ein Hohenloher mit entsprechendem Dialekt (wenn ich will oder darf) und habe mich während meines Zivildienstes (1990/91) in der Jugendherberge in die Stadt verliebt. Außerdem habe ich mich durch die Gäste aus aller Welt inspirieren lassen und das Reisen für mich entdeckt. Menschen, Länder, Abenteuer lassen mich immer wieder meine Koffer packen. Doch genauso gerne kehre ich immer wieder zurück in diese besonders schöne Stadt. Aus Hobby wurde Beruf. Bereits 1993 kam ich zur Gästeführerei. Im Jahr 2000 habe ich mit einem Freund ein Reiseunternehmen gegründet und bin seit dem selbstständiger Stadtführer, Reiseleiter und Driverguide für Gäste aus aller Welt im In- und Ausland. Doch mein Schwerpunkt ist und bleibt Rothenburg ob der Tauber. Hier kenne ich mich am besten aus. Hier bin ich Zuhause.

Weitere Beiträge - Website

Das Geheimnis der Heilig-Blut-Reliquie in St. Jakob Rothenburg ob der Tauber

Am Heilig-Blut-Altar

Schwer keucht ein Besucher als er die 32 Stufen zum Westflügel der St.-Jakobs-Kirche erklommen hat. Schnaufend lässt er sich auf einen der Stühle dort nieder. Endlich ist er in der Heilig-Blut-Kapelle angelangt. Sein Atem wird ruhiger. Er sieht sich um in dem gotischen Gewölbe. Die hohen Fenster tauchen den hohen Raum in ein mildes Licht Vor ihm erhebt sich der mächtige und zugleich zierliche Holzaltar von Tilman Riemenschneider. Vor gut einem halben Jahrtausend hat der Meister der Hochgotik die Figuren für eine noch viel ältere Heilig-Blut-Reliquie angefertigt. Zwei Lindenholz-Engel umfassen den Schaft eines goldenen Schmuckkreuzes.

Heilig-Blut-Kapelle

 Netzgewölbe in der Heilig-Blut-Kapelle

Was die Heilig-Blut-Reliquie bedeutet

Im Mittelpunkt des Kreuzes wölbt sich eine geheimnisvolle Kristallkugel. Das Sonnenlicht bricht sich im Kristall. Nur schemenhaft lässt sich erahnen, dass sich etwas darin verbirgt. 1672 soll ein neugieriger Mesner von St. Jakob zu dem Kreuz emporgestiegen sein und die Kapsel des Bergkristalls geöffnet haben. Er fand darin Baumwolle und einen Zettel mit einem Hinweis auf die Messweinreliquie. Das „Heilige Blut“ hat überhaupt nichts mit dem Heiligen Gral oder mit Kreuzrittergeschichten zu tun, auch wenn man das in manchen Rothenburger Stadtführern noch so lesen kann. Man bezeichnet mit „Blut Christi“ in der katholischen Kirche den Messwein nach der sogenannten „Wandlung“ bei der Eucharistie. Im Mittelalter soll ein Priester um das Jahr 1270 bei der Einsetzung des Abendmahls vom Messwein verschüttet haben. Aus Ehrfurcht vor dem Heiligen Blut Christi hat man die verschütteten Tropfen hier aufbewahrt und ihnen alsbald Wundertätigkeit zugeschrieben. Viele Menschen hörten davon und machten sich auf den Weg nach Rothenburg, um hier zu beten und gesund zu werden. Sie brachten ihre Sorgen und Nöte mit und ihre Wunden: Augenleiden, eiternde Kriegsverletzungen, Blutungen, schlecht heilende Wunden. Ein Gebet an diesem Altar versprach nicht nur das Heil der Seele, sondern eben auch körperliches Heil.

Das Reliquienkreuz im Heilig-Blut-Altar

Das Reliquienkreuz im Heilig-Blut-Altar

Der einzige Heilig-Blut-Altar in einer evangelischen Kirche

Und es waren dermaßen viele Menschen, die kamen, dass man im Jahr 1453 die Klingengasse mit dem erweiterten Westchor von St. Jakob überbaute und mit zwei Treppen den Aufstieg zur und den Abstieg von der Heilig-Blut-Kapelle ermöglichte. So ist der Heilig-Blut-Altar wohl der einzige Riemenschneider-Altar, der hoch über einer Straße steht. Überhaupt besitzt dieser Altar viele Besonderheiten: Neben dem Marienaltar in der Herrgottskirche von Creglingen und dem Heilig-Kreuz-Altar von Detwang, auch ganz in der Nähe Rothenburgs, ist er einer der wenigen Riemenschneideraltäre, die noch zwei Altarflügel besitzen und vollständig sind. Die Evangelischen haben es eigentlich nicht so mit wundertätigen Reliquien und mit der Verehrung von Reliquien. Trotzdem ist der Heilig-Blut-Altar wohl der einzige Reliquien-Altar, der sich in einem protestantischen Kirchenraum befindet. Ein schönes ökumenisches Zeichen, wie ich meine.

Heilig-Blut-Altar in der St.-Jakobs-Kirche

Heilig-Blut-Altar in der St.-Jakobs-Kirche

Judas – eine tragische Gestalt

Im Mittelpunkt der Abendmahlsszene, die Riemenschneider und seine Werkstatt geschnitzt haben, befindet sich nicht etwa Jesus, sondern sein Verräter Judas. In anderen Abendmahlsbildern wird dieser Jünger ausgegrenzt, als hässlicher Mensch dargestellt und an den Rand gedrängt. Hier nicht! Er steht in der Mitte. Er ist einer von uns, oder, besser, wir Menschen sind oft wie er. Trotz dass Judas Jesus verraten hat, reicht Jesus ihm das Abendmahl. Seinen Leib und sein Leben. Freundschaft bis jenseits der Grenze von Verrat und Trug, und bis jenseits von Endlichkeit und Tod. „Liebe Deine Feinde“ ist hier als Bild zu sehen.
Unser Besucher verweilt noch eine geraume Zeit fasziniert vor dem Altar. Schießt noch einige Fotos und geht die Treppe beschwingt wieder hinunter.

Jesus reicht Judas das heilige Brot

Jesus reicht Judas das heilige Brot

Oliver Gußmann

In Rothenburg bin ich Touristen- und Pilgerpfarrer an St. Jakob. Das ist die große, an Kunstschätzen reiche evangelische Kirche mit den Doppeltürmen mitten in Rothenburg! Meine Aufgabe ist es, die Kirchen Rothenburgs Gästen und Touristen aus der ganzen Welt bekannt zu machen. Die zahlreichen Gotteshäuser des gotischen Rothenburgs erzählen mit Bildern und Symbolen vom Glauben, der Liebe und der Hoffnung unserer Vorfahren; sie berichten vom Sterben und Auferstehen, von Hingabe und Erlösung. Bei meiner Arbeit hilft mir ein Kirchenführer-Team. Außerdem traue ich Hochzeitspaare, mache Nachtkirchenführungen und vieles mehr. Gerne führe ich durch das jüdische Rothenburg oder biete für Kinder und Jugendliche kirchenpädagogische Führungen an. Für die Jakobuswege, von denen sich einige in Rothenburg kreuzen, bin ich der Ansprechpartner. Mir liegt eine gesunde Umwelt am Herzen. Darum fahre ich ein "Velomobil" - eine Mischung zwischen Seifenkiste und Rennauto. Wenn Sie so etwas in Rothenburg stehen sehen, bin ich sicher nicht weit entfernt! Mehr über meine Arbeit: www.rothenburgtauber-evangelisch.de/tourismus

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Auf dem Jakobsweg durch Rothenburg ob der Tauber

Weg aufwärts

Brunhilde S. war ganz allein unterwegs. Ein kleiner Rucksack. Ein blaues Sweatshirt. Ein lächelndes Gesicht. Sie war eine ganz besondere Pilgerin, denn sie versuchte ihren Weg zu gehen, ohne einen Cent in der Tasche zu haben. „Verrückt“, dachte ich. Und: „Für mich käme das nicht in Frage, von den Wohltaten anderer abhängig zu sein.“ Brunhilde war für einen Tag in Rothenburg. Bei einer Tasse Kaffee erzählte sie mir aus ihrem Leben, in dem sie es nicht immer leicht hatte. Nun, als sie familiär ganz ungebunden war und nicht mehr ganz gesund, begab sie sich auf den Jakobsweg, um ihrem Leben Tiefe zu geben. Und um Abstand zu bekommen von einem bürgerlich gesicherten Leben. Das Tempo bestimmte sie selbst. Und sie hatte die Freiheit, das Experiment jederzeit abzubrechen und zurückzukehren. Beeindruckend, was alles sie zu erzählen hatte.

Begleitung von Pilgern

Als Pilgerpfarrer an der St.-Jakobs-Kirche in Rothenburg ob der Tauber komme ich oft mit Pilgern auf dem Jakobsweg ins Gespräch. Viele kommen allein, manche zu zweit, manche auch in Gruppen. Wer möchte, ruft mich vorher an, und lässt sich für den Weg segnen. Oder man bekommt eine kleine Kirchenführung, denn die Kirche weiß einiges von dem Jakobus-Jünger zu erzählen.

Jakobus im Herlinaltar

Seit einem Jahr führen wir in unserer Kirche eine Strichliste über die Anzahl der Pilger, die sich bei uns einen Pilgerstempel in ihren Pilgerausweis oder ihr Tagebuch geben lassen. Es sind etwa tausend Pilger, die durch Rothenburg ziehen, vielleicht sind es auch ein paar mehr.

Jakobsfrühling

Rothenburg am Knotenpunkt von Jakobswegen

Der persönliche Jakobsweg beginnt immer vor der eigenen Haustür. Ich nehme mir eine Auszeit. Packe den Rucksack. Nur das Nötigste. Ziehe gut eingelaufene Wanderschuhe an. Und los geht’s. Pilgern ist nicht nur einfach ein Wandern. Pilgern ist „Beten mit den Füßen“ wie einer mal sagte. Viele verschiedene mehr oder weniger historische Wege führen schließlich zum Ziel aller Jakobs-Pilgerwege, zur Kathedrale von Santiago de Compostela im äußersten Westen Spaniens. Dort, so sagen manche, befände sich das Grab des Jakobus des Älteren, einem Jünger und Schüler Jesu. Rothenburg hat das Glück, an einem Knotenpunkt der Wege zu liegen, die netzartig ganz Europa überziehen. Ein Weg führt von Würzburg hierher, ein anderer von Bamberg über Uffenheim nach Rothenburg, und der bekannteste, der „Fränkische Camino“, kommt von Nürnberg über Heilsbronn. Übernachten kann man in Rothenburg in verschiedenen pilgerfreundlichen Gasthäusern, zum Beispiel in der Gipsmühle an der Evangelischen Tagungsstätte Wildbad. Nur das Plätschern der Tauber wiegt einen dort in den Schlaf. Am nächsten Tag kann man sich entscheiden, ob man die Stadt noch einen Tag genießt, oder ob man weitergeht zum nächsten Knotenpunkt, also Richtung Ulm (und dann durch die Schweiz) oder Richtung Tübingen/Rottenburg oder Richtung Speyer, wenn man dann über den Rhein durch das Elsass weitergehen will.

Jakobsweg nach Süwesten

Auf dem Drahtesel nach Santiago – auch das geht

Im  letzten Mai juckte es mich selber in den Beinen und mit einem Freund nahmen wir mit den Fahrrädern Kurs nach Santiago durch Frankreich über Cluny,  Narbonne, Toulouse, bei Hendaye/Irún über die französisch-spanische Grenze und dann über Pamplona und Burgos bis nach Santiago. Zwischendurch auch einmal mit der Bahn, weil es eben nicht anders ging. Noch heute zehre ich von den Erlebnissen und Begegnungen, die ich hatte.

Jakobsweg mit Fahrrad

Warum auf einen Pilgerweg?

Warum tun sich die Leute bloß solche Strapazen mit Regen, Hitze und Blasen an den Füßen an? – Es gibt die unterschiedlichsten Beweggründe, die einen aufbrechen lassen. Ich bin einem Familienvater begegnet, der sich etappenweise mit Frau und Kindern auf den Weg macht und immer wieder mal nach Hause zurückkehrt. Letzten November flatterte mir eine Postkarte aus Santiago ins Haus: Von einer frischgebackenen Abiturientin, die erst einmal die Lernstrapazen hinter sich gelassen hatte und im Juni in Rothenburg Rast gemacht hatte. Ich habe mit einem früher Krebskranken gesprochen, der aus Dankbarkeit über das wieder gewonnene Leben den Weg auf sich nahm. Und ich bin dem Finanzmanager einer Universität begegnet, der nach einem Burnout einfach ausgestiegen ist und nach einem Arbeitsleben rund um die Uhr nun entdeckt, was Freiheit von Terminen bedeuten kann.

Wer nach Südwesten geht, hat morgens immer seinen Schatten vor sich auf dem Weg. Für mich ist das Pilgern eine Begegnung und eine Auseinandersetzung mit sich selbst. Mit Schattenseiten eben und Sinnfragen. Und eine Auseinandersetzung mit Gott. Und ein Nachdenken über zwischenmenschliche Beziehungen. Der Weg bringt Menschen ins Gespräch, die sich vielleicht nie begegnet wären. Der Weg macht alle gleich. Und er ist ein Abenteuer voller Überraschungen, die in einem durchgeplanten Alltag so selten geworden sind.

Wer Lust auf Pilgern hat, kann am Ostermontag-Nachmittag ab 14 Uhr auch einmal einen Osterpilgerweg mit einer Gruppe mitgehen. Treffpunkt an der St.-Jakobs-Kirche. Infos unter Tel. 09861-700625.

Jakobusfigur vor St. Jakob

Oliver Gußmann

In Rothenburg bin ich Touristen- und Pilgerpfarrer an St. Jakob. Das ist die große, an Kunstschätzen reiche evangelische Kirche mit den Doppeltürmen mitten in Rothenburg! Meine Aufgabe ist es, die Kirchen Rothenburgs Gästen und Touristen aus der ganzen Welt bekannt zu machen. Die zahlreichen Gotteshäuser des gotischen Rothenburgs erzählen mit Bildern und Symbolen vom Glauben, der Liebe und der Hoffnung unserer Vorfahren; sie berichten vom Sterben und Auferstehen, von Hingabe und Erlösung. Bei meiner Arbeit hilft mir ein Kirchenführer-Team. Außerdem traue ich Hochzeitspaare, mache Nachtkirchenführungen und vieles mehr. Gerne führe ich durch das jüdische Rothenburg oder biete für Kinder und Jugendliche kirchenpädagogische Führungen an. Für die Jakobuswege, von denen sich einige in Rothenburg kreuzen, bin ich der Ansprechpartner. Mir liegt eine gesunde Umwelt am Herzen. Darum fahre ich ein "Velomobil" - eine Mischung zwischen Seifenkiste und Rennauto. Wenn Sie so etwas in Rothenburg stehen sehen, bin ich sicher nicht weit entfernt! Mehr über meine Arbeit: www.rothenburgtauber-evangelisch.de/tourismus

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Der Rothenburger Krippenweg

Wohin in Rothenburg ob der Tauber zwischen den Jahren?

Seit zwei Jahren führt mein Kollege Pfarrer Herbert Dersch auf einen weihnachtlichen Krippenweg durch Rothenburg. Nun, am Sonntag nach Weihnachten fand ich endlich einmal die Zeit, mitzugehen. Zahlreiche Einheimische und Gäste freuten sich über dieses Angebot “Zwischen den Jahren”, bei dem man das Christfest bei einem Wochenendtrip ins fränkische Rothenburg ob der Tauber noch einmal nachklingen lassen konnte.

Eine Krippe aus Keramik

Der Krippenweg startete in der gotischen “Schäferkirche” im Norden Rothenburgs (Klingentor) und endete mit einer Einladung zum Kaffee in der evangelischen Tagungsstätte Wildbad ganz im Süden Rothenburgs. Kenntnisreich erläuterte Pfarrer Dersch an den verschiedenen Stationen die Entstehungsgeschichte der dort aufgestellten Krippe und erzählte allerlei Wissenswertes über die Geschichte des Christfestes.

In der Schäferkirche, die man auch Wolfgangskirche nennt, befindet sich am linken Seitenaltar eine von Rothenburger Berufsschülern liebevoll gestaltete Krippe mit Keramikfiguren. Hier war zu erfahren, dass die Schäfer zu Jesu Zeiten einen sehr schlecht bezahlten Job hatten. Vor Gericht galt ihr Wort nichts. Die Weihnachtsbotschaft galt zu erst ihnen, den kleinen Leuten.

Ein Stückchen weiter, in der Klingengasse, zeigt Krippenbauer Niphut den Vorübergehenden zwei Krippen in den Erdgeschossfenstern seines Wohnhauses. Der Stall einer Krippe ist der Scheune eines benachbarten Dorfes nachempfunden. Das Schwierigste beim Anfertigen einer Krippe, so hatte der Krippenbauer verraten, sei die Anfertigung des Jesuskindes gewesen.

 

 

Drei Krippen in St. Jakob

Unser Weg führte uns bald darauf zur St.-Jakobs-Kirche: Drei Krippen besitzt allein diese mittelelaterliche Hauptkirche von Rothenburg:

Hinckeldey-Krippe

Marta Hinckeldey-Wittke (1890–1978) war eine Rothenburger Künstlerin, die auf sehr einfühlsame Weise die Stille Nacht in Form einer neapolitanischen Krippe gestaltete. Die 22 Figuren sind aus Ton. Eine zweite Krippe gibt es in gemalter Form auf einem Altarbild von Friedrich Herlin (1466). Die dritte Krippe ist die Skulptur des “Weihnachtsbootes” in St. Jakob, ein Geschenk aus Tansania. Es zeigt die heilige Familie in einem Einbaum aus schwarzem Ebenholz.

Unsere nächste Station war eine schöne elsässische Krippe im Lichthof des Rathauses von Rothenburg. LichthofkrippeBesonders fielen mir hier die prächtigen Gewänder der Figuren auf. Hier war zu erfahren, dass zum ersten Mal in Aalen von Christbäumen im Jahr 1184 die Rede ist. Bereits 1550 waren Christbäume so beliebt, dass man das Fällen von Tannen verbot. Ab Anfang des 18. Jahrhunderts ist der Christbaum auch in Privathäusern zu finden.

Die Tansania-Krippe der Franziskanerkirche

Ein paar Schritte weiter, in der Franziskanerkirche, befindet sich eine besonders schöne tansanianische Ebenholzkrippe. Diese Krippe ist mein persönlicher Favorit.

Obwohl Krippen erst im 16. Jahrhundert entstanden, feierte schon 1223 Franz von Assisi eine Art Krippenspiel mit lebenden Tieren und Menschen. Mit seiner Weinachtspredigt ereichte Franziskus dabei die Herzen aller Menschen.FK

WohlfahrtAuf der Nordseite der Franziskanerkirche befindet sich heute ein privater Innenhof, dort, wo früher einmal die Franziskanermönche im Kloster wohnten. Der Eigentümer des Familienunternehmens Käthe Wohlfahrt erlaubt es den Besuchern Rothenburgs dort die große Krippe aus italienischer Hand zu bewundern. Hier erzählte unser Krippenwegführer von den “Magoi”, den Magiern, die dem Stern nach Bethlehem folgten. Obwohl in den Bibeltexten die exakte Zahl nicht angegeben ist, vermutet man, dass es drei Sterndeuter waren, weil sie dem Jesuskiund drei Geschenke überreichen: Gold für einen König, Weihrauch dem Gottessohn und Myrrhe als Symbolgeschenk für den am Kreuz leidenenden Messias. Ab dem 6. Jahundert hielt man die drei Sterndeuter auch für Könige und nannte sie Capar, Melchior und Balthasar. Ihre Gebeine sollen nach vielerlei Umwegen als Reliquien nach Köln in den Dom gebracht worden sein.

Zuhörer

Was war der Stern von Bethlehem?

Was ich nicht wusste ist, dass erstmals der Maler Giotto 1304 eine Geburtsdarstellung zum ersten Mal mit einem schönen Schweifstern gemalt hatte. Genau weiß man bis heute nicht, welche Art von Stern in der Weihnachtsgeschichte gemeint ist. Sollte es eine Konjunktion aus mehreren dicht am Himmel zusammenstehenden Sternen gewesen sein? Der Juppiter galt als Königsstern, der Saturn als Stern der Juden. Oder war der Schweifstern ein sogenanntes “Zodiakallicht”? Jedenfalls ist schon im 4. Buch Mose 24,17 davon die Rede, dass ein messianischer Stern aus dem Stamm Juda aufgehen werde.

JohannisNun ging es die Burggasse entlang zur Krippe der Johanniskirche. Die Krippenfiguren dort sind aus Draht gefertigt, so dass man die Köpfe und Glieder bewegen könnte. Vorsichtshalber hat man die Krippe in einen Glaskasten gestellt, damit niemand in Versuchung gerät, das einmal auszuprobieren.

Hier erfuhren wir einiges über das Datum des Christfestes: Im Jahr 325 n.Chr. legte man das Geburtsdatum Jesu auf den 25. Dezember gelegt, weil nach dem alten Kalender ab diesem Tag die Tage wieder länger wurden und man Jesu Kommen als die Geburt des Lichtes der Welt feierte. Vorher gab es das nichtchristliche Fest des unbesiegbaren Sonnengottes. Im Nationalsozialismus war man übrigens fälschlicherweise der Auffassung, das Christentum habe alte germanische Bräuche verdrängt. So wurde bei den Nazis aus dem Christbaum kurzerhand die “Jultanne” und Frau Holle brachte die Geschenke.

Die farbige Krippe der evangelischen Heilig-Geist-Gemeinde ist ebenfalls eine Hinckeldey-Krippe wie die von St. Jakob. Sie wurde vor einigen Jahren von einem Ruhestands-Pfarrer gestiftet.

HeiGei

Gastfreundliches Wildbad Rothenburg

Im Wildbad Rothenburg steht eine säulenartige Krippendarstellung aus Tansania, aber nicht in schwarz, sondern in hellem Braun gehalten. Hier erzählte Herbert Dersch, der auch der Leiter der Evangelischen Tagungsstätte Wildbad ist, vom gespaltenen Charakter des Herodes, dem judäischen König von Roms Gnaden, und von der Flucht des Jesuskindes nach Ägypten. Er erinnerte auch an die gegenwärtige Flüchtlingsproblematik vor den Grenzen Europas. “Keiner verlässt seine Hemat gern”, meinte er und hat recht damit. Die Führung rundete er ab mit einem witzigen Neujahrswunsch aus der Ukraine:

„Gott schicke den Tyrannen Läuse,

den Einsamen Hunde,

den Kindern Schmetterlinge,

den Frauen Nerze,

den Männern Wildschweine,

uns allen aber einen Adler, der uns auf seinen Fittichen davon trägt.“

Herbert Dersch

Anschließend genossen wir die Gastfreundlichkeit des Wildbades, denn alle waren wir zu Kaffee, Tee, Kuchen und Gesprächen eingeladen. Kann man einen Sonntagnachmittag zwischen den Jahren auf schönere Weise verbringen?

Wildbadkrippe

Anmerkung: Wer eine Krippenführung selbst miterleben möchte: Am 1. und 6. Januar 2014 wird noch einmal der Krippenweg stattfinden. Beginn ist um 14 Uhr an der Wolfgangskirche.

Oliver Gußmann

In Rothenburg bin ich Touristen- und Pilgerpfarrer an St. Jakob. Das ist die große, an Kunstschätzen reiche evangelische Kirche mit den Doppeltürmen mitten in Rothenburg! Meine Aufgabe ist es, die Kirchen Rothenburgs Gästen und Touristen aus der ganzen Welt bekannt zu machen. Die zahlreichen Gotteshäuser des gotischen Rothenburgs erzählen mit Bildern und Symbolen vom Glauben, der Liebe und der Hoffnung unserer Vorfahren; sie berichten vom Sterben und Auferstehen, von Hingabe und Erlösung. Bei meiner Arbeit hilft mir ein Kirchenführer-Team. Außerdem traue ich Hochzeitspaare, mache Nachtkirchenführungen und vieles mehr. Gerne führe ich durch das jüdische Rothenburg oder biete für Kinder und Jugendliche kirchenpädagogische Führungen an. Für die Jakobuswege, von denen sich einige in Rothenburg kreuzen, bin ich der Ansprechpartner. Mir liegt eine gesunde Umwelt am Herzen. Darum fahre ich ein "Velomobil" - eine Mischung zwischen Seifenkiste und Rennauto. Wenn Sie so etwas in Rothenburg stehen sehen, bin ich sicher nicht weit entfernt! Mehr über meine Arbeit: www.rothenburgtauber-evangelisch.de/tourismus

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Musikalische Adventsführung in der St.-Jakobs-Kirche Rothenburg.

Mystisches Dunkel am Rand des Weihnachtsmarktes

St. Jakob im Dunkel

St. Jakob im Dunkel

Die feierlichste Zeit, die ich im Advent erlebe, ist die während einer musikalischen Abendführung für Gäste und Touristen durch die mittelalterliche St.-Jakobs-Kirche. Wer freitags den Weihnachtsmarkt in Rothenburg ob der Tauber an der Romantischen Straße besucht, kann so den Tag in St. Jakob ab 17 Uhr noch besinnlich ausklingen lassen. Und so war es auch am letzten Freitag, als über 60 Besucherinnen und Besucher in die Kirche kamen. Das Lied Maria durch ein’ Dornwald ging war uns dabei Leitgedanke. Es ist ein Marienlied, das auch evangelische Christen schätzen. Die Strophen des Liedes nehmen den Gedanken auf, dass die schwangere Maria durch einen abgestorbenen, dornigen Wald geht. Das Lied wiederspiegelt mit den Dornen so manche der Sorgen und Nöte, in denen sich vielleicht manche befinden und dabei die Hoffnung hegen, an Weihnachten, dem Fest des Friedens möge doch alles anders werden. Im Lied geschieht das Unbegreifliche: Alle Dornen, an denen Jesus und Maria während der Liedstrophen vorübergehen, verwandeln sich, auch nach langen Jahren, und tragen Rosen. Die Welt blüht auf. Weihnachten kann kommen. Hier sind die ersten drei Strophen:

Maria durch ’nen Dornenwald ging

1. Maria durch ’nen Dornenwald ging

Kyrieleison.

Maria durch ’nen Dornenwald ging,

Der hat in sieben Jahren kein Laub getragen!

Jesus und Maria!

 

2. Was trug Maria unter ihrem Herzen?

Kyrieleison.

Ein kleines Kindlein ohne Schmerzen,

Das trug Maria unter ihrem Herzen!

Jesus und Maria!

 

3. Da haben die Dornen Rosen getragen,

Kyrieleison.

Als das Kindlein durch den Wald getragen! –

Da haben die Dornen Rosen getragen!

Jesus und Maria!

 

In der Bibel kommt er häufig vor, der Gedanke, dass Gott aus Totem Neues entstehen lässt, zum Beispiel das Symbol der Dornenkrone Christi, die sich in der Auferweckung in eine Siegeskrone verwandelt.

Bei der Vorbereitung auf die Führung wurde mir plötzlich bewusst, wo überall in unserer Kirche Rosen zusehen sind, manchmal mit, manchmal ohne Dornen: Eine Madonna ist mit Rosenkrone zu sehen oder Rosen in einer Vase im Zimmer der Maria.

Eine Kirche  im Kerzenschein

Adventsführung in  St. Jakob

Adventsführung in St. Jakob

Man muss selbst dabei gewesen sein, um die Stimmung einer solchen Abendführung zu erleben: Der weite Raum der St.-Jakobs-Kirche wurde auch am Freitagabend durch rund 350 Teelichter in ein stimmungsvolles Licht getaucht. Vielleicht konnten wir auf diese Weise wieder etwas von der Stimmung herbeiholen, die früher in einer Kirche herrschte, als es noch kein elektrisches Licht gab, und wie früher die Menschen den Kirchenraum empfanden. St. Jakob hat ja besonders schöne Pfeilerfiguren: Im flackernden Kerzenlicht scheinen sie sich zu bewegen als ob sie lebendig seien. Vier oder fünf Bilder ließen wir bei der Führung aus dem Halbdunkel mit einer besonderen Beleuchtung hervortreten, zum Beispiel dieses vom Besuch der Maria, der Mutter Jesu, bei Elisabeth:

Maria und Elisabeth

Nach einem langen Weg, begleitet von Joseph, kommt Maria bei ihrer Verwandten, Elisabeth an. Diese freut sich so sehr, dass sie ihr aus dem Haus entgegenläuft. Beide Frauen begrüßen einander. Wer es genauer nachlesen möchte, findet den Bibeltext im Lukasevangelium 1,39-45.

Orgelklänge aus dem Dunkel

Während der Führung erzählen wir die Botschaft der Altarbilder und verweben sie mit Poesie und Musik. Juliane Dehner war an diesem Tag Leserin. Ihre Stimme strahlt eine große Freude aus, wenn sie den Bibeltext, einen poetischen Text liest oder das Lied von Maria im Dornwald singt. Danach spielte unser Kirchenmusikdirektor Ulrich Knörr eine freie Improvisation auf der Orgel. Immer wieder einmal ließ er das Motiv des Liedes aufklingen. Während der Führung lassen wir alle uns ansprechen vom Kirchenraum, von der Klangvielfalt der Rieger-Orgel, von den Farben der Bilder und wir nehmen auch die Stimmung der Menschen auf.

 

Hauptschiff von St. Jakob

Hauptschiff von St. Jakob

An den kommenden Freitagen wird es wieder um 17 Uhr eine musikalische Führung zu Adventsliedern geben. Jede und jeder darf einer solchen Führung teilnehmen, egal was man glaubt und was einen bewegt. Man kann im Schutz des dunklen Kirchenschiffes sitzen bleiben oder umhergehen, früher wieder die Kirche verlassen oder länger bleiben. Manchmal ergeben sich noch Gespräche bevor wir die Kerzen wieder löschen.

Übrigens dürfen sich die musikalischen Nachführungen zu den hundert besonderen Zielen christlicher Reisen zählen. Christian Antz und Karin Bergemann haben darüber ein Buch veröffentlicht: 100 spirituelle Tankstellen. Reisen zu christlichen Zielen, Herder Verlag, Freiburg 2013.

 

Oliver Gußmann

In Rothenburg bin ich Touristen- und Pilgerpfarrer an St. Jakob. Das ist die große, an Kunstschätzen reiche evangelische Kirche mit den Doppeltürmen mitten in Rothenburg! Meine Aufgabe ist es, die Kirchen Rothenburgs Gästen und Touristen aus der ganzen Welt bekannt zu machen. Die zahlreichen Gotteshäuser des gotischen Rothenburgs erzählen mit Bildern und Symbolen vom Glauben, der Liebe und der Hoffnung unserer Vorfahren; sie berichten vom Sterben und Auferstehen, von Hingabe und Erlösung. Bei meiner Arbeit hilft mir ein Kirchenführer-Team. Außerdem traue ich Hochzeitspaare, mache Nachtkirchenführungen und vieles mehr. Gerne führe ich durch das jüdische Rothenburg oder biete für Kinder und Jugendliche kirchenpädagogische Führungen an. Für die Jakobuswege, von denen sich einige in Rothenburg kreuzen, bin ich der Ansprechpartner. Mir liegt eine gesunde Umwelt am Herzen. Darum fahre ich ein "Velomobil" - eine Mischung zwischen Seifenkiste und Rennauto. Wenn Sie so etwas in Rothenburg stehen sehen, bin ich sicher nicht weit entfernt! Mehr über meine Arbeit: www.rothenburgtauber-evangelisch.de/tourismus

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