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Rothenburg ob der Tauber – Staatsbesuch bei Asylantenfamilie

Rothenburg ob der Tauber – die Weihnachtsstadt

Rothenburger Reiterlesmarkt

Rothenburger Reiterlesmarkt

Unsere Stadt ganz im Westen Bayerns gilt als eine der besonders schönen Weihnachts-Städte in Deutschland. Der Weihnachtsmarkt, auch „Reiterlesmarkt“ genannt, ist nicht nur ein Anziehungspunkt  für Gäste aus aller Welt, sondern auch eine gute Möglichkeit, die Rothenburger selbst kennenzulernen, die bei einem Becher Glühwein gerne über Gott und die Welt ins Gespräch kommen. Wegen des Weihnachtsmuseums und der Weihnachtsgeschäfte von Käthe Wohlfahrt, die das ganze Jahr über geöffnet sind, ist Rothenburg wohl für viele Menschen die Weihnachts-Stadt schlechthin. Zu sehen und zu kaufen gibt es allerorten Nussknacker und Christbaumschmuck, Laternen und Bratwürste – alles schöne Dinge. Mir persönlich scheint es aber oft so zu sein, als ob der ganze Rummel um Advent und Weihnachten den Blick auf die ursprüngliche Botschaft verstellt!

 

Der Weihnachts-Altar von Friedrich Herlin

Zwölf-Boten-Altar 1466

Zwölf-Boten-Altar 1466

Ganz anders empfinde ich es, wenn ich vor dem gotischen Hochaltar in der St.-Jakobs-Kirche stehe – das ist die doppeltürmige gotische Basilika mitten in der Stadt Rothenburg ob der Tauber. Auf den sichtbaren Altarflügeln besitzt der Altar sechs farbige gotische Tafelbilder mit biblischen Weihnachtsmotiven. Gemalt hat diese Bilder der aus Rothenburg ob der Tauber stammende Maler Friedrich Herlin (14.30–ca. 1500), ein Schüler des berühmten Rogier van der Weyden. Eines dieser Bilder besitzt für mich an diesem Weihnachtsfest eine besondere Ausstrahlungskraft: Es ist das Bild von den Heiligen Drei Königen, wie sie kommen und das Jesuskind verehren. Man sieht es am rechten Altarflügel links oben.

Die Drei Weisen aus dem Morgenland

Die Heiligen Drei Könige

Die Heiligen Drei Könige

Auf goldenem Hintergrund zeichnet sich die Silhouette eines offenen Stalles ab. Maria, die Mutter Jesu, sitzt davor in einem nachtblauen Gewand wie auf einem Thron. Josef, der irdische Vater Jesu, blickt von hinten über ihre Schulter, die Hände erhebt er gerade zum Gebet. Auf ihrem Schoß hält Maria den Jesusknaben, der für sein Säuglingsalter schon sehr erwachsen aussieht. Er wendet sich ganz dem ältesten König zu und reicht ihm die kleine Hand. Dieser König hat sein goldenes Gefäß abgestellt, den edlen Hut vom Haupt genommen, ist in die Knie gegangen – und Jesus legt seine kleine Hand in die große Hand des Königs. Beide blicken sich tief in die Augen, der alte König und das Jesuskind. Eine anrührende Szene, in der für einen Moment die Zeit vollkommen still stehen zu scheint! Genau diesen kleinen Augenblick einer gegenseitigen tiefen Wahrnehmung hat Friedrich Herlin in seinem Bild festgehalten. Ein Blick, der gegenseitige Verbundenheit und Liebe aussendet, Achtung vor der Weisheit des alten Königs und Achtung vor der Würde des Jesuskindes. Dabei scheinen sich noch mehrere Blickwechsel unsichtbar in der Mitte zu kreuzen: Maria blickt zu dem König. Josef blickt zum Jesuskind. Das Jesuskind und der König blicken sich gegenseitig an.

Blicke kreuzen sich

Blicke kreuzen sich

Etwas zur linken Seite stehen die anderen beiden Könige, die auch von weither gekommen sind, um dem neugeborenen König ihre Ehre zu erweisen. Die Könige bringen etwas mit von ihrem Vermögen, sie teilen es: Gold, Weihrauch und Myrrhe, was wohl heißen mag, sie geben als Begrüßungsgeschenke Vermögen, Verehrung und Gesundheit. Seit Beda Venerabilis (um 700 n. Chr.) hat man die Drei Könige gerne so gemalt, dass sie nicht etwa aus dem Osten kommen, aus dem Orient, sondern aus den drei damals bekannten Kontinenten. Dahinter steht der Gedanke der Verbreitung des Glaubens über die ganze Welt: „Die Heiden werden zu deinem Lichte ziehen und die Könige zum Glanz, der über dir aufgeht …“ (Jesaja 60,3). Außerdem repräsentieren sie drei verschiedene Lebensalter. Und man hat ihnen Namen gegeben: Der junge König Caspar mit dunkler Hautfarbe kommt aus Afrika. Balthasar, im besten Mannesalter, im grünen Gewand und mit Turban, vertritt Asien. Der Älteste, der vor dem Kinde kniet, ist Melchior. Er steht für den Kontinent Europa.

König Balthasar mit Turban

König Balthasar mit Turban

Eigentlich ist erst am 6. Januar, „ihr Tag“. Der Tag der Weisen aus dem Morgenland am Epiphaniasfest: In der Bibel sind die Weisen Astrologen aus der Gegend des heutigen Iran und Irak, die aus Sternbildern politische Machtveränderungen herauslesen. Doch sie gehören untrennbar zur Weihnachtsgeschichte im Matthäusevangelium 2,1–12 hinzu und sie besitzen in diesem Jahr 2015 eine ungeahnte Aktualität: In einem zugigen Stall, in dem die schwangere Maria und Josef Asyl erhalten haben, wird das Flüchtlingskind Jesus geboren. Fern von der Heimat. Die Könige und Weisen der heutigen Zeit, die Ministerpräsidenten und Universitätspräsidenten, machen ihm ihre Aufwartung, ja, knien vor ihm, dem Heiland der Welt in der Flüchtlingsunterkunft. Einer der drei Könige der Gegenwart ist für mich Mark Zuckerberg, ein König des Kapitals zwar und Atheist, aber ein Philanthrop, wenn er nach amerikanischer Wohltätigkeitstradition sogar 99 Prozent seines Vermögens Bildungs- und Gesundheitsinitiativen zukommen lässt. Anlässlich der Geburt seiner Tochter – warum nicht? Mich überrascht freilich der Neid darüber, der sich in vielen Kommentaren in unseren Zeitungen niederschlägt.

Mark Zuckerberg

Mark Zuckerberg

 

Rothenburg ob der Tauber an Weihnachten

St.-Jakobs-Kirche im Schnee

St.-Jakobs-Kirche im Schnee

Das Christfest am 25. Dezember steht unmittelbar bevor. Viele Besucherinnen und Besucher verbinden Weihnachten mit einem Kurzurlaub in Rothenburg ob der Tauber, um einige Tage hier in unserer schönen alten Stadt zu verbringen. Die St.-Jakobs-Kirche lädt zu einem Besuch ein. (Im Dezember ist das möglich von 10–16.45 Uhr, danach von 10–12 und von 14–16 Uhr). Man kann in diesen Tagen dort das Weihnachtsevangelium hören oder bei einem Spaziergang den Krippenweg erleben. Der von Pfarrer Dersch geführte Krippenweg beginnt jeweils um 14 Uhr an St. Wolfgang (Klingentor) am 26.12.2015, 1.1., 3.1. und 6.1.2016. Zu den evangelischen und katholischen Gottesdiensten können alle kommen, egal, ob man glaubt oder nicht glaubt, und egal, welcher Konfession oder Religion man angehört. Auch wenn man nur Zaungast sein möchte. Die Kerzen am Heiligen Abend (24. Dezember um 15, 17 und 22 Uhr) werden in allen Kirchen durch das Friedenslicht von Bethlehem entzündet, das vom Heiligen Land bis zu uns gebracht worden ist und das man auch bei einem spontanen Besuch bei einem Nachbarn oder einer Verwandten weiterschenken und miteinander teilen kann. Vielleicht begegnen sich dann die Blicke  so respektvoll und so tief wie sie auf dem Dreikönigsbild von Friedrich Herlin ihren Ursprung haben.

Ein gesegnetes Christfest!

Oliver Gußmann, Touristenpfarrer an St. Jakob

 

Oliver Gußmann

In Rothenburg bin ich Touristen- und Pilgerpfarrer an St. Jakob. Das ist die große, an Kunstschätzen reiche evangelische Kirche mit den Doppeltürmen mitten in Rothenburg! Meine Aufgabe ist es, die Kirchen Rothenburgs Gästen und Touristen aus der ganzen Welt bekannt zu machen. Die zahlreichen Gotteshäuser des gotischen Rothenburgs erzählen mit Bildern und Symbolen vom Glauben, der Liebe und der Hoffnung unserer Vorfahren; sie berichten vom Sterben und Auferstehen, von Hingabe und Erlösung. Bei meiner Arbeit hilft mir ein Kirchenführer-Team. Außerdem traue ich Hochzeitspaare, mache Nachtkirchenführungen und vieles mehr. Gerne führe ich durch das jüdische Rothenburg oder biete für Kinder und Jugendliche kirchenpädagogische Führungen an. Für die Jakobuswege, von denen sich einige in Rothenburg kreuzen, bin ich der Ansprechpartner. Mir liegt eine gesunde Umwelt am Herzen. Darum fahre ich ein "Velomobil" - eine Mischung zwischen Seifenkiste und Rennauto. Wenn Sie so etwas in Rothenburg stehen sehen, bin ich sicher nicht weit entfernt! Mehr über meine Arbeit: www.rothenburgtauber-evangelisch.de/tourismus

Weitere Beiträge

Weihnachten … mit Kirchgang!

 

St. Jakob im 15. Jahrhundert

St. Jakob im 15. Jahrhundert

Die St.-Jakobs-Kirche, an der ich als Touristenseelsorger arbeite, besitzt einen sehr schönen Hochaltar mit farbigen, großflächigen Tafelbildern aus dem 15. Jahrhundert. Immer wieder bleiben die Besucherinnen und Besucher der St.-Jakobs-Kirche mit einem „Oh!“ oder „Ah!“ vor diesen Bildern stehen. Allein sechs Bilder drehen sich um die Geburt Christi und ihrer adventlichen Vorgeschichte, die auf den ehrwürdigen Texten am Anfang des Lukasevangeliums beruhen.

Friedrich Herlin: Geburt Christi

Friedrich Herlin: Geburt Christi

Jesu Geburt im Strahlenkranz

Kerze JosephAuf goldenem Hintergrund gemalt hat diese Bilder der gar nicht so unbekannte, aus Rothenburg ob der Tauber stammende Maler Friedrich Herlin (1430–ca. 1500). Natürlich hat er auch die Weihnachtsszene gemalt: Zu sehen ist der nach vorne offene Stall aus Stein und Holz mit einem dominanten und senkrechten Balken, der mit seinen Verwundungen an das spätere Leiden Christi erinnert. Der Himmel im Hintergrund ist nicht blau, sondern ganz in Gold getaucht. Maria trägt ein helles weißes Gewand und einen nachtblauen Mantel und sie schickt sich gerade an, vor ihrem Kind auf die Knie zu gehen und betend die Hände zu falten. Das Jesuskind liegt nicht, wie wir es gewohnt sind in der Futterkrippe, sondern nackt auf dem Erdboden auf einem vielzackigen strahlenden goldenen Stern. Der Maler will damit wohl sagen, dass Jesus ganz irdisch geworden ist und dass von ihm der Glanz Gottes ausgeht. Maria und Jesus blicken sich zum ersten Mal in die Augen und der Strahlenkranz des Jesuskindes scheint sich in dem Strahlenkranz hinter dem Kopf seiner Mutter Maria zu spiegeln. Zwei Engel knien auf dem Boden und kümmern sich auch um das Kind. Joseph in einem roten Gewand stützt sich mit der linken Hand auf einen Gehstock. In der Rechten hält er eine brennende Kerze zur Erinnerung für den Betrachter oder die Betrachterin, dass soeben Christus, das Licht der Welt geboren ist.

Christi Geburt als mystische Geburt in der Seele

Für den Maler Friedrich Herlin ist die Geburt Christi ein mystisches Ereignis: Jesus ist nicht nur als Mensch zur „Zeitenwende“ geboren worden, sondern geboren werden will er auch tief drin in dem Menschen, der gerade das Bild betrachtet. Vielleicht hat der Maler die Christusvisionen der europäischen Heiligem Birgitta von Schweden (1303–1373) gekannt, die im hohen Alter von 69 Jahren mit ihrer Familie das Heilige Land besucht hat und dann ihre Traumvisionen von der Geburt Christi niedergeschrieben hat. Das Bild Herlins, gemalt nach ihren Texten, strahlt für mich Glanz und Ruhe aus und gibt einen Moment wieder, in dem alles heil und gut ist. Das, wonach sich die Welt auch heute sehnt.

Gerade in den Weihnachtstagen bleiben die Menschen meinem Gefühl nach länger vor den Altarflügeln des Zwölfboten-Altares mit der Weihnachtsgeschichte stehen. Länger als sonst.

St. Jakob im Schnee

St. Jakob im Schnee von Südwesten

Rothenburg ob der Tauber an Weihnachten

Das Christfest steht unmittelbar bevor. Und viele Besucherinnen und Besucher, die das Fest nicht zu Hause feiern wollen, kommen auf einen Kurzurlaub nach Rothenburg, um einige Tage hier zu verbringen. Die St.-Jakobs-Kirche lädt zu einem Besuch ein. Man kann in diesen Tagen dort das Weihnachtsevangelium hören. Alle Menschen sind eingeladen, den evangelischen Gottesdienst  zu besuchen, unabhängig von Konfession oder Religion. Die Kerzen in den Gottesdiensten werden an dem Friedenslicht von Bethlehem entzündet, das in einer Staffellauf vom Heiligen Land bis zu uns gebracht worden ist und das man auch jemandem weiterschenken kann. In diesem Jahr setzt das Motto “Friede sei mit dir – Shalom – Salam“ einen Schwerpunkt auf den interreligiösen Dialog. Oder, wenn gerade kein Gottesdienst ist, kann man zum Ansehen der Bilder und Altäre  die berühmte Kirche auch besuchen. Im Dezember ist das möglich von 10–16.45 Uhr. Wer will, kann sich die Bilder auch durch einen Audioguide erklären lassen.

Die Weihnachtsbilder der Kirche laden alle ein, sich ihre Gedanken zu machen. Auch ich stehe gerne davor und entdecke heute noch manches mir noch nicht bekannte Detail…

In den Tagen nach Weihnachten kann man bei einer Städtereise nach Rothenburg sich auf den Krippenweg führen lassen oder das Weihnachtsmuseum bei Käthe Wohlfahrt in der Herrngasse besuchen.

Gesegnetes Christfest!

Oliver Gußmann, Pfarrer an St. Jakob

 

 

Oliver Gußmann

In Rothenburg bin ich Touristen- und Pilgerpfarrer an St. Jakob. Das ist die große, an Kunstschätzen reiche evangelische Kirche mit den Doppeltürmen mitten in Rothenburg! Meine Aufgabe ist es, die Kirchen Rothenburgs Gästen und Touristen aus der ganzen Welt bekannt zu machen. Die zahlreichen Gotteshäuser des gotischen Rothenburgs erzählen mit Bildern und Symbolen vom Glauben, der Liebe und der Hoffnung unserer Vorfahren; sie berichten vom Sterben und Auferstehen, von Hingabe und Erlösung. Bei meiner Arbeit hilft mir ein Kirchenführer-Team. Außerdem traue ich Hochzeitspaare, mache Nachtkirchenführungen und vieles mehr. Gerne führe ich durch das jüdische Rothenburg oder biete für Kinder und Jugendliche kirchenpädagogische Führungen an. Für die Jakobuswege, von denen sich einige in Rothenburg kreuzen, bin ich der Ansprechpartner. Mir liegt eine gesunde Umwelt am Herzen. Darum fahre ich ein "Velomobil" - eine Mischung zwischen Seifenkiste und Rennauto. Wenn Sie so etwas in Rothenburg stehen sehen, bin ich sicher nicht weit entfernt! Mehr über meine Arbeit: www.rothenburgtauber-evangelisch.de/tourismus

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Weihnachten … ohne Kirchgang?

Seit dem 3. Jh. feiern Menschen im christlichen Abendland das Weihnachtsfest. In der ersten Zeit freilich noch unter anderem Namen. Der Begriff Weihnachten ist nämlich deutlich jünger. Als „Ze wîhe naht“ oder „wihenaht“ (mittelhochdeutsch) finden wir ihn erstmals quellenmäßig belegt im 11. Jh.

Kriminalmuseum - Weihnachtskarte 2014 (Im Hintergrund eine Kopie der Predigtensammlung Speculum ecclesiae (um 1170) mit einer der ersten Nennungen des Begriffs wihenaht; siehe vorletzte Zeile letzte Wort)

Kriminalmuseum – Weihnachtskarte 2014 (im Hintergrund eine Kopie der Predigtensammlung Speculum ecclesiae (um 1170) mit einer der ersten Nennungen des Begriffs wihenaht; siehe vorletzte Zeile, letzte Wort)

Auch Art und Weise des Feierns änderte sich über die Jahrhunderte, wie man sehr schön im Deutschen Weihnachtsmuseum in Rothenburg erfahren kann.

Weihnachten heute

Wie sieht Weihnachten im 21. Jahrhundert aus? Heute dürften Weihnachtsmann, geschmückter Christbaum, viele Geschenke und ein stattliches Festessen am treffendsten das Weihnachtsfest symbolisieren.

Weihnachtlicher Festschmaus

Weihnachtlicher Festschmaus

Trotz zunehmender Kommerzialisierung und „Vercocacolasierung“ des Weihnachtsfestes zeigen die gut gefüllten Kirchen um die Weihnachtszeit gleichwohl: Der eigentliche Hintergrund des Festes ist vielen noch präsent. Abseits der großen christlichen Feiertage sind die Kirchen heutzutage häufig weniger stark frequentiert. In einigen Regionen müssen gar Gemeinden „zusammengelegt“ werden oder finden Gottesdienste nur noch im mehrwöchigen Turnus statt.

Vor 1000 Jahren

Springen wir tausend Jahre in der Zeit zurück, dürfte dies für unsere Vorfahren unvorstellbar gewesen sein. Selbst kleinste Dörfer oder aus heutiger Sicht überschaubare Städte wie Rothenburg  investierten Unsummen, um vorhandene Kirchen zu verschönern (sehen Sie etwa die Rothenburger Passion im Reichsstadtmuseum) oder um sich gar erst ein eigenes repräsentatives Gotteshaus zu bauen.

St. Jakob in Rothenburg o.d.T.

St. Jakob in Rothenburg o.d.T.

All dies um vor Ort den Gottesdienst zu besuchen, die Heilige Messe zu feiern und das Abendmahl zu empfangen. Und das nicht nur zu den großen Feiertagen, sondern regelmäßig! Zwar gab es immer wieder Einzelne, die den Gottesdienst schwänzten und dafür beim nächsten Mal mit einem schweren hölzernen Rosenkranz um den Hals vor dem Kirchenportal den Spott der redlichen Kirchgänger ertragen mussten.

Replik eines hölzernen Rosenkranzes, ausgestellt im Mittelalterlichen Kriminalmuseum in Rothenburg o.d.T.

Replik eines hölzernen Rosenkranzes, ausgestellt im Mittelalterlichen Kriminalmuseum in Rothenburg o.d.T.

Den Meisten waren jedoch regelmäßiger Kirchgang und Empfang des Abendmahls sehr wichtig. Immer wenn ein Gut in einer Gemeinschaft hoch geschätzt wird, eignet sich dessen Entzug als Sanktion. In freiheitsorientierten Gesellschaften ist Freiheitsentzug eine wirksame Sanktion, in pekuniär orientierten Gruppen eine Geldstrafe, in ehrorientierten Gemeinschaften eine Ehrenstrafe u.s.w.

Das Interdikt

Wundert es da, dass es im Mittelalter auch eine Sanktionsform gab, die das Verbot des Feierns von Gottesdiensten zum Inhalt hatte? Die Kirchenstrafe der Exkommunikation dürfte jeder schon einmal gehört haben! Aber das Interdikt? Als Lokalinterdikt untersagte diese Strafe sämtliche gottesdienstliche Handlungen in einer Kirche, an einem Ort oder gar in einer ganzen Region.

Die Kirchenstrafe des Interdikts bildete sich – wie der Begriff Weihnachten – um das 11. Jh. heraus. Sie erschien nötig, um Kirchenvermögen und Klerus gegen Übergriffe der weltlichen Herrscher, Feudalherren und der Bevölkerung wirksamer zu schützen. Bemerkenswert an dieser Strafe ist, dass neben den Schuldigen bewusst auch Unschuldige mitbestraft wurden. Ungerecht, oder?

Früher Druck eines Kirchenrechtsbuchs (Liber Extra, 1506) mit päpstlichen Bestimmungen zum Interdikt (lib. 4 tit.1 cap.1), Bestand des Mittelalterlichen Kriminalmuseums in Rothenburg o.d.T.

Früher Druck eines Kirchenrechtsbuchs (Liber Extra, 1506) mit päpstlichen Bestimmungen zum Interdikt (lib. 4 tit.1 cap.11), Bestand des Mittelalterlichen Kriminalmuseums in Rothenburg o.d.T.

Ziel des Lokalinterdikts war jedoch neben der Bestrafung der Täter, den Bewohnern des betreffenden Gebietes die Schwere einer Straftat bewusst zu machen. Zudem konnten die Schuldigen besser isoliert und gruppendynamische Prozesse (interne Disziplinierung) genutzt werden. So nahm die betroffene Bevölkerung nicht selten viel auf sich, um die Aufhebung eines Lokalinterdikts zu erreichen.

Keine Gottesdienste in Kastilien wegen Rothenburg?

Auch in der großen Politik war das Interdikt oft Thema. Bei einem anderen Lauf der Geschichte hätten es möglicherweise große Teile Spaniens (Kastilien) „einem Rothenburger“ zu verdanken gehabt, dass die kastilischen Kirchen hätten geschlossen bleiben müssen. Wie das?

Nun, am 23. April 1188 schlossen der Deutsche Kaiser Friedrich I und König Alfons VIII. von Kastilien und Toledo einen Vertrag über die Ehe ihrer Sprößlinge, Kaisersohn Herzog Konrad von Rothenburg und Königstochter Berengaria. Die Barone und Fürsten Kastiliens mussten beeiden, dass sie dieses Abkommen auch im Fall des Todes von König Alfons VIII. einhalten würden.

Bei Zuwiderhandeln waren der kastilische Erzbischof und die Bischöfe gehalten, mit Interdikt und Exkommunikation vorzugehen. Jedoch lebte König Alfons noch bis 1214 und zum Vollzug der Ehe zwischen Konrad und Berengaria kam es auch nicht.

Stauferstele im Burggarten von Rothenburg o.d.T., (c) M.Hirte

Stauferstele im Burggarten von Rothenburg o.d.T., (c) M.Hirte

So konnten die kastilischen Kirchen Weihnachten 1188 geöffnet bleiben und die Bevölkerung dort eine gesegnete wîhe naht feiern ebenso wie ihre Glaubensbrüder und -schwestern in Rothenburg ob der Tauber.

In diesem Sinne wünschen das Mittelalterliche Kriminalmuseum in Rothenburg und ich Ihnen/Dir ein frohes und gesegnetes Weihnachten und einen guten Rutsch in das Jahr 2015!

Markus Hirte

Ich heiße Dr. Markus Hirte. Geboren wurde ich 1977 in Weimar. Ich habe Rechtswissenschaft studiert und wurde an der Friedrich-Schiller-Universität Jena zum Dr. iur. promoviert. Meinen Abschluss zum Magister Legum bestritt ich an der Fernuniversität Hagen. Ein Studienaufenthalt führte mich auch an die Cambridge University nach England. Knapp sieben Jahre arbeitete ich als Rechtsanwalt in Stuttgart, Berlin und London. Mein Herz schlug jedoch immer schon vor allem auch für die Strafrechtsgeschichte, meine Publikationsliste wurde länger und länger. Seit 2013 bin ich nun geschäftsführender Direktor des Mittelalterlichen Kriminalmuseums in Rothenburg und kann mich noch intensiver der Historie widmen. Meine Forschungs- und Interessenschwerpunkte: ältere und neuere Strafrechtsgeschichte, insbesondere mittelalterliches Kirchenstrafrecht, Inquisitionsverfahren, Hexenverfolgungen und die Entwicklung der Todesstrafe. http://www.kriminalmuseum.rothenburg.de/

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